Kawasaki ZZR 1400 "Verliebt in meinen Führerschein"

In den Neunzigern gab es mal eine Werbung: Deine Mutter sagt: Du bist verrückt. Deine Frau sagt: Komm heil zurück. Dein Boss sagt: Das muss zu schaffen sein. Nun, da ging es um Zigaretten, Abenteuer und Freiheit. Ich bin Nichtraucher. Und
verliebt in meine Freiheit. Vor allem in meinen Führerschein. Deshalb ist für mich bei diesem Abenteuer die oberste Prämisse: Maximal 20 km/h schneller als erlaubt – nur außerhalb von Baustellen, versteht sich. 20 km/h drüber entsprechen 30 Euro Strafe, null Punkte, das ist zu verkraften. Ansonsten gilt: Wenn alles frei ist, dann
alles, was die Mühle hergibt.
Und das ist verdammt viel. Mit 190 vom Werk angegebenen PS ist die ZZR 1400 das stärkste Serienmotorrad der Welt. Bei 299 km/h wird der enorme Vortrieb elektronisch begrenzt. Ein Navigationssystem habe ich nicht. Aber mir die Route per Internet-Routenplaner ausgedruckt. Der sagt: 372 Kilometer Start-Ziel-Entfernung, davon 366 auf Schnellstraßen. Fahrzeit: 3.30 Stunden, Benzinkosten: 22,29 Euro. Die Basis dieser Berechnungen dürfte ein 1979er-Opel B-Kadett gewesen sein.
5.15 Uhr. Morgendämmerung. Rein
ins Leder, Visier-Check, Handschuhe zu, durchatmen, Gang rein. 5.45 Uhr, Esso-Station, Tank randvoll pressen, ein belegtes Brötchen, dazu ein halber Liter eiskalter Durstlöscher. 5.58 Uhr, Redaktionsgebäude: GPS einschalten, los geht’s.
Bis zur Stadtgrenze sind’s acht Kilometer. Die Ausfallstraße muss theoretisch mit 80 genommen werden. Bis Heilbronn ist die
A 81 abgesehen von drei kurzen Teilstücken auf 120 km/h begrenzt. Und um diese Zeit nur sehr wenig befahren. Auf dem ersten freien Stück schnellt der Tacho kurz auf 270 km/h. Und ruft die Worte eines Kollegen wach: »Wenn du mit 300 auf eine 120er-Zone aufläufst, bist du da durch,
bevor du die Schilder realisiert hast und bremsen kannst.« Ganz so ist es nicht.
Hinter Heilbronn wird’s eng. 120 km/h, mehr Verkehr, eine auf 80 begrenzte Baustelle. Aufholbar, klar. »Die A 5 ist völlig unbegrenzt«, hat mir ein Freund gesteckt. Das ist auch der Grund, warum ich im weiteren Verlauf nicht die A 61, sondern die
A 3 gewählt habe. Falls ich auf Letzterer
einen Schnitt von 190 km/h realisiere, kann ich vor dem Eintreffen der anderen beiden noch genüsslich frühstücken. Irgendwas stimmt jedoch nicht. Erstens: Blasendruck. Es war nur ein halber Liter. Aber der will raus. Zweitens: Zwar ist die A 5 »offen«, durch Berufsverkehr zwischen Heidelberg und Darmstadt jedoch völlig verstopft. Es kommt noch schlimmer: Stau. Langsam taste ich mich durch, erst auf der A 67
lassen sich wieder Meter gut machen.
7.29 Uhr, 195 Kilometer sind zurückgelegt, ich erreiche die A 3. Ebenfalls stark frequentiert vom Berufsverkehr. Da nützen 190 Pferde wenig. Angasen, bremsen, angasen. Dynamisches Parken auf der
linken Spur. Deutsche Realität. 7.39 Uhr, viertel voller Tank, Blase mit Überdruck. Ich stoppe bei der Raste Bad Camberg. Auf den hinter mir liegenden 234 Kilometern hat die 1400er exakt 16,84 Liter abgefackelt. Nachfüllen, rauspressen, zahlen. Toll, vor mir lediglich ein Kunde, ein schwarzer Mann aus Ghana. Seine Kreditkarte kommt ebenfalls aus Westafrika. Sechs Versuche, Abbruch, verzweifelte Geldscheinsuche. Fünf Minuten verpuffen. Die entsprechen 12,5 Kilometer Wegstrecke bei einem Schnitt von 150 km/h. Oje, diese Zeit ist nur noch reinzuholen, wenn die A 3 frei ist.
Ist sie auch. Und kurvig. Hier kommt die ZZR ihrer Bestimmung nach: stabil wie hingedübelt, unglaublich spurtstark, sehr effektiv abzubremsen. Mein Tempo pendelt zwischen 230 und 280 km/h. Neben mir
die ICE-Trasse. Der Zug kann auf diesem Teilstück angeblich schneller als 300 km/h
fahren. Aber eben nur auf diesem, hähä... Wenn jetzt nichts dazwischen kommt, bin ich als Erster in Köln. Doch der Himmel zeigt kein Verständnis für meine Test-
fahrt. Aus bleifarbenen Wolken beginnt es zu nieseln. Dann erste dickere Tropfen.
Ich drossele das Tempo geringfügig, hoffe darauf, dass es nicht richtig schüttet.
Und habe Glück. Die Fahrbahn wird nur leicht feucht, der Regen stoppt. Bei Bonn geht’s auf die A 560, anschließend auf die A 59 und weiter auf der A 559. Es
ist 8.29 Uhr, ich gleite als Fragment der Berufspendlerschlange gen Köln. Mehr als 120 km/h sind nicht drin. Sehe meine Chancen zerbröseln, habe aber noch Hoffnung. Wieder Stop-and-go, gelangweilte Mienen hinter getönten Scheiben. Egal, wenn alles klappt, ist Corinnas Zugzeit doch irgendwie zu knacken. Um 8.45 Uhr rollt der Vorderreifen über Kölns Stadtgrenze. Jetzt nur noch den Schildern Richtung Messe folgen...
Die Storys des Lebens sind mitunter krude. Mir nix, dir nix lande ich in einem Schilderwald. Umgehung hier, Umfahrung dort. Und ohne Ortskenntnis... Köln Messe, Eingang Ost, Durchfahrt verboten. Ich muss hier aber durch, irre umher, frage den Erstbesten. Der erklärt mir den Weg zum Tanzbrunnen. Das Ziel ist nur 300 Meter Luftlinie entfernt. Laufen? Mit den Stahlschuhen? Im Lederdress? Um die Blöcke? Hilflos wieder umherirren? Nein, fahren! Rechts, links, wieder links. Wäre der Weg nicht verirrleitet, hätte ich das
Ziel um 8.49 Uhr, nach exakt 2.51 Stunden erreicht. Mit fragen, irren und umleiten komme ich auf 3.03 Stunden. Hoffentlich hatte der Zug Verspätung.

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