Mit preisgünstigen Enduros: Honda XL 125, Kawasaki KMX 125, Yamaha TW 200 Lustfahrt-Gesellschaft

Midlife-Krise, Finanz-Krise, Öl-Krise - dann vergiß deinen 100-PS-Wetzhobel, ab aufs Klein-Gas und rauf auf den Berg. Das hilft. Garantiert und ohne Nebenwirkungen.

Die klitzekleinen Verkaufsanzeigen sind kaum auszumachen. Zwischen hyperstarken Superbikes und zweirädrigen Wohnmobilen jenseits der 20 000-Mark-Grenze gehen die Enduros für rund 6000 Mark fast unter. Federleicht und robust, aber nur gerademal 15 PS stark, passen die kleinen Strolche eben nicht in die Leistungs-lüsterne Welt. Aber: Sie bewegen sich doch. Die von Grauhändler Könemann, Telefon 05193/50082, importierte Honda XL, eine minimalistische 125er Ur-Enduro im Klassik-Look, das vom gleichen Importeur entliehene, Ballon-bereifte Yamaha-Unikum TW 200 und Kawasakis grüner KMX-Geländeflitzer im sportlichen Crosser-Dreß, eine willkürlich getroffene Auswahl an Möglichkeiten zur kleinen Flucht aus dem Alltagstrott.
Eine steinig-steile Wandertour durch die rauhen italienischen Alpen wird schon zeigen, wo der Bartel den Lambrusco holt. Irgendwo zwischen Trient und Mailand nehmen wir Reißaus vor der sommerlichen Blechlawine, die sich wie ein dicker, heißer Brei durch die übervölkerten Täler wälzt. Weg, nix wie weg hier. Kleine, verwundene Schlaglochpisten vertreiben die eiligen Touristen und schaffen Platz fürs lustige Treiben. Schneller als 100 km/h geht sowieso nur lang liegend, und Kurven, so scheint`s, mögen alle drei über alles. Schmale Reifchen, kaum Gewicht: Honda und Kawasaki definieren die Sache mit dem Handling völlig neu. Schwuppdiwupp, ist die Kehrtwende vollbracht. Na ja, die Honda kann ihr spindeldürres Rahmengerüst beim flotten Serpentinen-Tänzchen nicht kaschieren, schunkelt, schaukelt, eiert. Egal, die Flexibilität ist berechenbar, man hat´s im Griff. Richtig stabil dagegen die KMX 125 mit reichlich Federweg, einem steifen Doppelschleifenrahmen mit aufwendigem Federsystem und allem Pipapo. Irgendwie richtig Erwachsen. So wie die Yamaha TW 200, die auf ihren 130 und 180 Millimeter breiten Latschen etwas behäbig, aber überaus souverän durch`s Asphalt-Geschlängel schwingt. Wenn es sein muß, auch mit Passagier. Und noch einen Joker zieht der 16 PS starke TW 200-Viertakter aus dem Ärmel: 75 Kubikzentimeter Hubraum-Vorteil, der dem Yamaha-Antrieb fast so etwas wie Durchzugskraft verleiht, während die auf 15 PS gedrosselten 125er Zwerge nur gehorchen, wenn die Drehzahl-Peitsche knallt. Und das ohne Gnade, weil der luftgekühlte Honda- Zweiventiler einfachster Bauart vornehmlich am, notfalls auch im roten Bereich verwertbaren Schub liefert. Hochmodern dagegen die wassergekühlte Zweitakt-Rätsche von Kawasaki, die dank moderner Auslaßsteuerung eine erkennbare Durchzugskraft mit nachfolgendem verheißungsvollem Anreißen darbietet, die Drehzahlspitze aber nur mit gequälter Zähigkeit erreicht. Also wirbelt der Schaltfuß pausenlos durch die Gangstufen, und nach ein, zwei Stunden hat sich die endlose Treterei auf den Schalthebel automatisiert. So wie früher auf der Kreidler RS, der Hercules Ultra oder RD 50 oder oder oder.
Und plötzlich finden sich die drei ehrenwerten, partiell ergrauten, stellenweise gar haarlosen Testfahrer mit bewegter Moped-Vergangenheit in millimeterscharfen Windschatten-Duellen und haarsträubenden Ausbremsmanövern wieder. Breites Grinsen, wenn´s gelingt, wüstes Fluchen, wenn die Kiste schlingernd die Ideallinie verläßt. Was bei der Yamaha mit der unterdimensionierten Trommelbremse schneller passiert, als einem lieb ist. Das können die gleich konstruierten Honda-Trommelbremsen schon besser - und vor allem ausdauernder. Aber wenn gar nix mehr hilft, wird die nächste Haarnadelkurve eben mit blockiertem Hinterrad angezirkelt.
Hätte man jetzt die Hände frei, könnte man vor Begeisterung applaudieren. Bergauf oder bergab, Schwung heißt das Geheimnis bei der fröhlichen Hatz mit den Kleinen. Wer mit der Gashand zuckt, hat schon verloren, und wer bremst, ist sowieso Letzter - und das ist heute das schlimmste. Wer jetzt noch glaubt, daß die Schwaben mit vierzig vernünftig werden, der hat den tollkühnen Ausritt nicht miterlebt.
Wir biegen ab, verlassen den griffigen Asphalt und schrauben uns im gemächlichen Wandertempo hinein in die schroffe Bergwelt der Alpen. Erster, zweiter Gang, enge Serpentinen auf losem Geröll, schier überhängende Kletterpassagen. Wenig Power - wenig Streß. Entspanntes Trialwandern statt hektischer Bolzerei, und die kleinen Strolche machen auf diesem Terrain noch mehr Spaß. Allen voran die TW 200: Einem Haflinger gleich, rumpelt die Yamaha durchs Outback. Nur dem, der`s auf Waschbrett-Pisten allzu eilig hat, tritt die TW 200 mit ihren kurzen Federwegen gehörig in den Steiß. Dafür beißen sich die grobstolligen Niederdruckreifen sicher in Sand und loses Geröll, tragen auch Enduro-Neulinge ohne Probleme durch Dick und Dünn. Ein weiteres Plus beim Kraxeln: Nur 790 Millimeter Sitzhöhe trennen den Reiter vom rettenden Untergrund.
Eine ganz andere Kategorie ist die KMX 125. Der fetzige Zweitakter und das relativ stabile Fahrwerk verleitet geradezu zur Bolzerei. Ellenlange Federwege und jede Menge Bodenfreiheit verkraften so manch heimtückische Querrille. Und wenn´s doch mal schief läuft, purzelt die KMX dank ihres ausladenden Stahlrohr-Schutzbügels ohne gravierende Schäden ins Gemüse.
Passend zum flotten Geländeritt der kurze Tank und die sportliche, aber auch hohe Sitzposition. Man kann natürlich auch Wandern mit der Kawasaki, klar. Aber ziehen Sie sich zum Wandern die Sprinter-Schuhe mit den Spikes über?
Und die Honda? Die kann eigentlich alles ein bißchen, aber nichts richtig. Doch sie hat Biß. Der antiquierte Viertakter startet nicht nur erstaunlich zuverlässig, sondern schuftet und strampelt tapfer durchs Geröll. Gabel und Federbein-Duo geben sich alle Mühe, um die XL im flotten Wanderschritt in der Spur zu halten, quittieren jedoch bereits beim Ansatz von sportlichem Tempo ihren Dienst.
Jedesmal ein nettes Erlebnis: die Tankstelle. Im flotten, sagen wir mal fast Vollgas-Landstraßenbetrieb genügen im Fall der TW 200 gerademal 3,0 Liter Kraftstoff. Selbst beim beschwerlichen Kraxeln über Stock und Stein schnüffelt die Honda bescheidene 4,3 Liter durch den kleinen Keihin-Schiebervergaser. Nur die Kawasaki wird ihrem Zweitakt-Ruf als Säufer gerecht und genehmigt sich im Vergleich zu den Viertaktern über zwei Liter mehr - plus einen guten Liter feinstes, aber auch teures Zweitaktöl pro 1000 Kilometer.
Für die beiden Viertakt-Treiber bleibt die Ausfahrt in jedem Fall nicht nur ein großes, sondern auch billiges Vergnügen. Das einzige, was man bei der fröhlichen Ausfahrt mit den Winzlingen mitbringen muß: etwas mehr Zeit zum Motorrad fahren. Aber die wollten wir uns doch schon lange mal nehmen - oder?

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