Modelle des Jahres: Kawasaki W 650 So einfach und doch genial

Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, Hubraum 676 cm3, Leistung 37 kW (50 PS) bei 7000/min, Gewicht 215 kg, Sitzhöhe 800 mm, Höchstgeschwindigkeit 166 km/h, Beschleunigung 0-100 km/h 5,4 sek, Verbrauch Landstraße 4,8 l

Test in MOTORRAD 9/1999, Vergleichstest 12/1999

Plus
Gelungener Klassik-Look
Problemloses Handling

Minus
Pendeln bei hohen Tempi
Schlappe Bremsen

Ein japanisches Motorrad, das auf Triumph Bonneville macht. Mit Königswelle, Kickstarter, Tankkissen und allem Drum und Dran. Das hätte auch ganz schön in die Hose gehen können. Passierte aber nicht. Weil der Retro-Gedanke bei der W 650 konsequent durchgezogen wurde. Mutig und stilsicher. Dieses Motorrad sieht nicht nur klassisch aus, es fühlt sich auch so an. Schmale Reifen, breiter Lenker, britisch korrekte Sitzposition. Ein unkompliziertes Fahrwerk, das bei höherem Tempo um Contenance am Gasgriff bittet. Und im Zentrum des Geschehens dieser gediegene Zweizylinder, der so wunderschön aus dem Keller wummert. Wer im Sattel der »neuen Alten« Platz nimmt, begibt sich in eine andere Welt, lernt Motorrad fahren in seiner reinsten Form kennen.Damit wir uns richtig verstehen: Die W 650 ist nicht gerade der Traum meiner schlaflosen Nächte. Nach acht Jahren Yamaha XS 650, von denen vier für die Suche des richtigen Zündzeitpunkts draufgingen, war ich mit dem Thema englisch angehauchte Zweizylinder mehr oder weniger durch. Mochten die Kollegen noch so schwärmen und auf die sengensreiche Erfindung der Digitalzündung verweisen. Ich wollte nicht.Aber letzten Monat war es so weit: Der Dauertest-Fuhrpark wie leergefegt. Nur SIE stand noch da. Und ich musste in die Alpen. Und wieder zurück. Und mittendrin ist’s passiert. In der verwegensten Serpentine diesseits des Äquators. Ich hatte nicht mal Zeit, jenes Husarenstück des Straßenbaus gebührend zu bewundern, so schnell war die Kawasaki damit fertig. Trällerte drum rum, als wär’s nichts. Als später eine Horde Supersportler an mir vorbeistresste, kapierte ich den Rest der Geschichte: So eine W 650 macht das Leben leichter. Nicht nur wegen dieser fast schon vergessenen Handlichkeit, sondern auch wegen der Möglichkeit, den Fängen der Kult- und Leistungsgesellschaft zu entkommen. Es gibt kein Raster. Man muss gar nichts: weder spektakulär um die Ecken dreschen noch den Easy Rider mimen. Erlaubt ist, was gefällt.Klar, eine Honda CB 500 oder Suzuki GS 500 E bieten ähnliche Möglichkeiten, nur – erstens guckt da kein Schwein, und zweitens sind deren Charaktere ziemlich austauschbar. Mit der W 650 hat Kawasaki aus einem prinzipiell stinknormalen Einsteigermotorrad ein echtes Ereignis gemacht. Monika Schulz

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