Motorrad-Erscheinungsbild Design

Ob die Sache gefällt oder nicht, ist eine Sache. Über gutes oder schlechtes Design zu befinden eine ganz andere. Eben keine des Geschmacks, sondern eines ästhetischen Urteilsvermögens und objektivierbarer Kriterien.

Matthias, Roman, Christopher, Stephan, Alexander und Igor studieren Transportation Design an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule in Pforzheim. Gerade entwerfen sie als Semesterarbeit ein „Motorrad für die Jugend von morgen“. Und als gleichsam logische Ergänzung dazu haben sie die Motorräder für die Jugend von gestern aus Sicht des angehenden Designers beurteilt. Wie verhält es sich mit den Proportionen, ist eine klare Formensprache erkennbar, wie stringent ist diese bis in Details verfolgt, ist die Technik in die Gestaltung einbezogen? Und so weiter. Anhand solcher Aspekte haben die Jungdesigner je eine Maschine beschrieben, und schließlich hat jeder der Studierenden jedes Motorrad benotet. Der Punkteschnitt bildet die Grundlage der Platzierung.


Igor Vichnevski – Honda CB 1000 R
„Dynamik und Aggressivität resultieren aus der konsequenten Linienführung. Alle Linien sind so nach vorn gerichtet, dass sie kurz vor dem Vorderrad zusammenlaufen würden. Zu dieser Vorwärtsorientierung kommt eine geschlossene Form, in die sich der Motor über Farbakzente und die seitliche Blende als gestalterisches Element integriert. Auch der Auspuff erscheint weniger als rein funktionales, sondern vielmehr ästhetisches Teil. Gestalterische Ausrutscher sind das Diodenlicht vorne (übertrieben) und die Kennzeichenhalterung (improvisiert).“

En gros sehr gut, aber diese Farbe passt absolut nicht zur aggressiven Anmutung, und einzelne Details stören.


Roman Kadler – Yamaha FZ1
„Sehr gelungene Proportionen. Die FZ1 wirkt versammelt und wie auf den Menschen zugeschnitten. Der leichte Eindruck wird von der Farbverteilung unterstrichen – Tank und Heck in Weiß, das Dunkle um den Motor konzentriert, der nicht allein farblich gut in den Rahmen und das kompakte Erscheinungsbild integriert ist. Problematisch finde ich, dass die Formen von der Seite betrachtet im Rundlichen verharren, während Heck und Scheinwerfer deutlich schärfer und kantiger geschnitten sind. Diese beiden formalen Ansätze finden hier nicht wirklich zusammen.“

Ein guter Ansatz, den allerdings eine mutigere Entscheidung für eine eindeutigere Formensprache noch verbessern würde


Igor Vichnevski – Kawasaki Z 1000
„Das Grün ist extrem präsent, und es passt zum Schwarz von Motor und Rahmen. In der Farbharmonie liegt eine der Stärken der Maschine, etwa, wie der fast gleiche metallische Ton von Auspuff und Gabel hinten und vorne verklammert. Gut auch, dass man die Blinker in den Korpus integriert hat. Wie überhaupt der Ansatz mit dem Motiv des Umschließens in die richtige Richtung geht. Jedoch lässt sich keine wirkliche gestalterische Linie erkennen, und einiges wie der Auspuff oder die zweifarbigen Felgen wirkt übertrieben wie Effekthascherei.“

Fehlende Stringenz in der Führung der Linien und der Hang zur Übertreibung stehen neben einigen doch guten Ansätzen


Matthias Graf – Suzuki B-King
„Massiv. Einiges ist sehr schön gemacht, wie zum Beispiel das schlichte und schlank gehaltene Heck oder die in Tankverbreiterung integrierten Blinker, der Scheinwerfer, die Schwinge. Das alles aber spielt nicht wirklich zusammen. Es hätte dem Design außerdem gutgetan, wenn man versucht hätte, die Kraft der Maschine nicht allein oder nicht so vordergründig über optische Masse und schieres Volumen zu symbolisieren. Dazu kommt eine Unehrlichkeit der Form, die wie im Fall der Auspuffrohre ja keine Funktion hat. Das bleibt pures Ornament.“

Weniger wäre in diesem Fall definitiv mehr. Ohne das optisch ins Extreme getriebene wäre die B-King auch ein ehrlicheres Motorrad


Stephan Jubt Rasmussen – BMW K 1200 R
„Formal wirkt die BMW eher geschlossen, schwer, was der Maschine eine deutliche Präsenz verleiht. Rein optisch konzentriert sie extrem viel Gewicht zum Vorderreifen hin, fängt das aber durch das lang nach hinten ragende Heck wieder auf. Zugleich ist dies eine Form, die der Ergonomie genügt. Aufregend ist das Design der K 1200 R in dem Sinne, dass das Auge fast nirgends Ruhe findet. Es fehlt eine deutliche Ausrichtung der Linien, zu viele Elemente drängen sich in den Vordergrund, zum Teil stört eine prätentiöse Materialästhetik.“

Die reine Optik kann mich nicht überzeugen. Ergonomie und Zielgruppe sind ihr zu deutlich anzusehen


Christopher Lai – Ducati Monster S4 RS
„Die schlichte Form der Monster kommt ziemlich oldschool rüber. Man sieht dem Design die Jahre an, was nicht heißen soll, dass es von gestern ist. Eher: zeitlos. Auffällig ist das Bekenntnis zur eher rundlichen Form, der Verzicht auf vordergründig Aggressives. Auch in diesem Sinne wirkt die Optik der Ducati freundlich einladend. Mich jedoch stört, dass oben und unten auseinanderfallen. Den Techniker mag das schraubenreiche Äußere des Motors freuen, er mag die Notwendigkeit der kantig-großen Kühler nachvollziehen. Ich meine aber, man hätte auch die technischen Elemente ins Design einbeziehen sollen.“

Der funktionsästhetisch bestimmte untere Bereich stört das Gesamtbild


Alexander Makush – Triumph Speed Triple
„Kompakt und kurz, beinahe bullig ist die Speed Triple, die klassische mit frei model­lierten Elementen kombiniert. Ein bisschen Retro, dabei mit edler, wertiger Material­anmutung. Mit Ausnahme des Lampenschirms gibt sich die Maschine optisch eher zurückhaltend. Soll heißen: Nur wenige einzelne Teile sollen Akzente setzen, in der ästhetischen Wirkung rangiert das Gesamtbild weit vor den schön durchgestalteten Details. Profitieren würde das Design, wenn das Finish der Ober­flächen – Chrom, mattes Schwarz, Seidenglanz, Goldtöne – besser harmonierte.“

In ihrer Schlichtheit bestechende Optik mit sorgfältig gestalteten Details, doch der Feinschliff im bewussten Stilbruch fehlt


Matthias Graf – KTM 990 Super Duke
„Die KTM verkörpert das, was sie sein will: sportlich-aggressiv. Diese Wirkung erzielt sie nicht mit Hilfe willkürlich verteilter Details, sondern über eine gut durchdachte und durchgängige Formensprache. Sie hat, was besonders in Weiß gut rüberkommt, schön Spannung auf den freien Flächen, und der Verlauf der Kanten unterstützt die klare Gestaltungslinie, die sich konsequent bis ins Kleine durchzieht. Schade finde ich, dass Funktionsträger wie Motor, Schwinge, Auspuff farblich nicht besser aufeinander abgestimmt sind.“

Sehr gelungenes Gesamtpaket, das allein in der Materialästhetik der Details ein paar Schwächen aufweist

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