Rolf Henniges zum Verschwinden der Honda Africa Twin

MOTORRAD-Redakteur Rolf Henniges zum
Verschwinden der Honda Africa Twin.

Eine schrille, bunte Zweizylinder-Enduro setzte 1988 neue Maßstäbe. Mit einem Motor, der unzerstörbar erschien, einer in diesem Segment bis dato unerreichten Fahrstabilität und vielfältigem Einsatzgebiet. Egal, ob Kiesgrube, Kasachstan oder Kneipe, die Africa Twin machte überall eine gute Figur. Zuerst mit 650 cm3 Hubraum, ab 1990 mit 750 cm3. 72091 Exemplare setzte Honda in Europa ab, 20823 davon allein in Deutschland. Im kommenden Jahr wird die Produktion der Twin eingestellt. Warum?Honda rechtfertigt diesen Schritt mit sinkenden Absatzzahlen. Tatsäch-lich sind starke Verkaufseinbrüche zu verzeichnen. Und zwar jeweils zu den Zeitpunkten, an denen BMW seine dickschiffigen GS präsentierte, nämlich 1993 und 1999. Was also ist, wenn es nur eine bestimmte Anzahl von Freaks gibt, die sich für diese Art enduresken Mix interessieren? Die in den Achtzigern mit der XT 600 die Welt eroberten, dann auf die Africa Twin umstiegen und schließlich von BMW mit seinen GS abgeworben wurden? Weil Honda sich im Tiefschlaf wälzte und sich auf den Lorbeeren ausruhte.Kann alles sein. Fakt ist, dass der Ruf der Fans einem verzweifelten Schrei gleicht. Und immer neue Gerüchte nährt. Es werde eine Neue kommen, so heißt es an den Lagerfeuern der Twin-Freunde. Dicker Tank, lange Federwege, 800 cm3, 80 PS, Einspritzung. Ein Wunschtraum, den KTM mit der 950 Adventure längst in die Wirklichkeit umgesetzt, den Honda aber schlicht ignoriert hat. Man habe doch die modellgepflegten Transalp und Varadero, verlautbart es aus Offenbach, die würden alles abdecken. Liebe Honda-Verantwortlichen, tun sie eben nicht. Ihr habt euch von BMW und KTM die Butter vom Fern-reisebrot nehmen lassen. Denn die oben genannten Tugenden, das stets präsente Gefühl, man könne mit dem Untersatz jederzeit nach Kapstadt aufbrechen, hätten mit einem von den Fans schon lang geforderten effizienten Modell-Update gestärkt werden müssen. Die Marktlücke ist unverändert da. KTMs Adventure muss ihre Zuverlässigkeit erst beweisen, die GS ist ein schwerer Brocken, die Transalp zu schlapp, die Varadero ein plastilines Sofa. Die Erfolgsgeschichte der Twin hätte weiter geschrieben werden können. Es ist eine Frechheit, ein Motorrad zehn Jahre nahezu unverändert anzubieten und es dann mit der Rechtfertigung sinkender Absatzzahlen ersatzlos zu streichen.

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