Sporttourer der Mittelklasse Fünf kleine Underdogs

Sporttourer der Mittelklasse. Gibt es das überhaupt? Eigentlich nicht, und so ist es kein Wunder, dass einige der hier versammelten Kandidaten in einem ganz anderen Dunstkreis das Licht der Motorradwelt erblickten. Beispiel Yamaha YZF 600 und Kawaski ZZ-R 600: Beide wurde als reinrassige Sportler geboren, rückten im Laufe ihrer Dienstzeit dann aber in die tourensportliche Ecke. Beispiel TDM: Sie war nie zu definieren, hält seit ihrem Erscheinen eine Sonderstellung irgendwo im Orbit zwischen allen Klassen. Beispiel Suzuki SV 650: als Jüngste im Quintett zwar noch taufrisch, haben ihre Schöpfer wohl nicht ans Touren, sondern nur an den einfachen, schnell und unproblematisch konsumierbaren Spaß am Motorrad gedacht. Ein herer Gedanke, aber mit Reisen hat das erstmal nichts zu tun. Und die GSX 750 F? Ist im Grunde ein Lückenbüßer, ein zufälliges Produkt der Evolution. Sie kam, weil die Bausteine vorhanden waren und es keine besondere Mühe machte, sie neu sortiert wieder zusammenzusetzen.Keine Chance also im Quintett mit den Großen, die teilweise sehr zielgerichtet als Sporttourer konzipiert wurden? Abwarten. Zunächst gilt es, sich unter seinesgleichen durchzusetzten. Mit unterschiedlichen Konzepten - und unterschiedlichen Motoren. Lediglich die Thundercat und die ZZ-R 600 setzen auf 600 Kubikzentimeter große Reihenvierzylinder. Suzuki packt bei der GSX 750 F nochmal 150 Kubik drauf und leistet sich eine extravagante Luft-Ölkühlung. Und TDM sowie SV verzichten gar auf zwei Zylinder und ordnen die beiden verbliebenen auch noch völlig unterschiedlich an. Die SV in V-Form, im rechten Winkel zueinander, während die TDM-Kolben brav nebeneinander und gleichzeitig auf- und abmarschieren.Überhaupt TDM: An ihr ist eigentlich alles anders. Das hochbeinige Fahrwerk scheint auf den Schotterpfaden dieser Welt geboren, genau wie der breite, hohe Lenker. Beides zusammen garantiert ein entspanntes Sitzarrangement, das keiner der Mitbewerber zu bieten hat. Jedenfalls nicht, wenn es darum geht, im Hochalpinen herumzukraxeln. Das Stilfser Joch zum Beispiel nimmt keine so elegant wie die TDM, so spielerisch. Auch, weil der Motor mitmacht. Er entfaltet seine Leistung gleichmäßig und unspektakulär, zieht aus den Kehren heraus sauber von unten durch, kurz: macht das Fahren zur Entspannungsübung.Dazu trägt nicht unwesentlich das komfortable Fahrwerk bei. Die langen Federwege erlauben eine kommode Abstimmung, das schmale 110/80-Vorderrad dirigiert die TDM zielgenau, ohne dass Kurskorrekturen zu Schweissausbrüchen führen, und selbst der Beifahrer läßt es sich in der zweiten Reihe gutgehen. Alles bestens also? Nicht ganz. Denn die Leichtigkeit des Seins hat ihre Grenzen. So erntet die TDM in den Punkten Fahrstabilität durchweg nur mittelmäßige Noten, während die Thundercat aus gleichem Hause sich weitaus besser schlägt. Gleiches gilt für das Kapitel Bremsen, wo die TDM nur Durchschnittliches zu bieten hat, während die YZF 600 mit Stoppern der Extraklasse ausgerüstet ist. Ein Prädikat, das nahezu uneingeschränkt auch für den Motor gilt. Mit einem für die Hubraumklasse beachtenswerten Durchzug gesegnet, lässt sich die Thundercat selbst von engen Ecken nicht schrecken. Und so treibt der 600er-Pilot sein Bike bedingt durch die tieferen Lenkerstummel und höher angebrachten Fußrasten zwar nicht so entspannt, dafür aber mit dem besseren Feedback dem Gipfel entgegen. Unentschieden also in der Bergwertung, aber das Duell auf den schnelleren Pisten unten im Tal und auf der Autobahn entscheidet die YZF dank des stabileren Fahrwerks, des potenteren Motors und des besseren Windschutzes für sich. Solange man allein unterwegs ist, denn mit dem Beifahrerplätzchen mag sich auf Dauer niemand anfreunden. Trotzdem: Die Sporttourerwertung geht an die Thundercat, die TDM landet auf Platz zwei.Dort hätte sich auch die Suzuki SV 650 S platzieren können. Ein Motorrad mit vielen Talenten - und mit einem V2, der die Herzen der Fahrer im Sturm erobert. Durchzugsstark, drehfreudig, einfach Klasse. Dieser Bursche hat immer und überall die richtige Antwort parat. Gas auf und ab die Post. Und wenn es sein muss, auch anders herum, denn die Bremsen stehen dem Motor an Leistungsfähigkeit in nichts nach. So gerüstet tobt die SV wieselflink von einem Eck zum anderen. Solange der Belag eben ist. Für knapp zwölf Scheine bekommt man bei Suzuki viel, aber eben nicht alles. Hochwertige Federelemente - wie zum Beispiel die der Thunderace - stehen nicht mit auf dem Lieferschein. Schon im Solobetrieb stößt die weich abgestimmte Gabel an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und das Federbein zieht spätestens mit voller Besatzung nach. Und Nachjustieren ist nicht. Ein weiterer Schwachpunkt der SV: ihr zu kleiner Tank. 16 Liter sind selbst für einen Westentaschentourer ein Witz. Da hilft es auch nicht weiter, dass die Suzuki mit dem geringsten Verbrauch glänzen kann. Knapp daneben ist auch vorbei. Ein Sachverhalt, über den sich die beiden Vierzylinderkandidaten ZZ-R 600 und GSX 750 F nicht unbedingt ärgern müssen. Besonders bei der Suzuki GSX 750 F ist der Abstand zur Tabellenspitze zu groß, während sich die Kawa besser platziert, aber in zentralen Punkten abfällt. Beispiel Antrieb: Der ZZ-R-Motor passt wirklich nur zu einem reinrassigen Sportler, der unter 8000 Umdrehungen generell nicht bewegt wird. Doch nach dem Wandel zum Sporttourer macht das Triebwerk, das seine Leistung fast ausschließlich im oberen Drittel der Drehzahlskala mobilisiert, keinen Sinn. Wenn dazu noch die Fußrasten bei durchaus touristischem Tempo aufsetzen und die Verstellmöglichkeiten von Gabel und Federbein ausgereizt sind, können gute Bremsen, ein sauberes Finisch und eine gehobene Ausstattung auch nicht mehr viel retten. So fällt die Kawa speziell in der Bergwertung hoffnungslos zurück.Ganz andere Problemzonen machen der Suzuki GSX 750 F zu schaffen. Ihr Manko ist die Mittelmäßigkeit. Sie fällt in keinem Punkt richtig ab, vermag aber auch nie zu begeistern. Motor, Fahrwerk, Bremsen, Alltagstauglichkeit: alles so lala. Klar, auf der Autobahn schlägt sie sich recht wacker. Genau wie die ZZ-R 600. Aber sonst? Beachtenswert ist eigentlich nur eins: der Preis. Für knapp 13000 Mark gibt es kaum eine 750er ihres Schlages. Aber für einen braunen weniger eine SV, die einfach mehr Spaß macht. Ist ja auch kein Wunder, bei der Entstehungsgeschichte.Und so qualifizieren sich die beiden Yamaha fürs Finale. Beide sehr unterschiedlich, aber beide sehr gute Motorräder, wobei die Thundercat aufgrund ihrer hochwertigen Federelemente das bessere, wenngleich nicht das bequemere Motorrad ist. Doch diese Qualität hat bei Yamaha sowohl im Fall YZF als auch TDM ihren Preis. Ein Preis, der von dem kleinen Spaßmacher Suzuki SV 650 S deutlich unterboten wird. Leider aber kann dieses Kriterium in diesem speziellen Fall, wo es gilt, im Finale gegen Ober- und Topklasse zu bestehen, nur eine untergeordnete Rolle spielen. Ganz im Sinne der alten Sporttourer-Regel: Der Beste soll gewinnen. Denn schwer genug wird´s im Kampf mit den Giganten ohnehin.

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