Vergleichstest: Speedbikes 2012 Suzuki Hayabusa gegen Kawasaki ZZR 1400

Es ist wie immer. Sie sind nie einer Meinung. „Highspeed - was, bitte schön, soll daran toll sein?“, brummt Rolf Henniges. „Du hast wie immer keinen Schimmer“, kontert Stefan Kaschel, „schneller als alle anderen ist einfach geil!“ Gilt das für alle? Henniges macht die Probe aufs Exempel und taucht ein in eine andere Welt. Suzuki Hayabusa gegen Kawasaki ZZR 1400.

Foto: Jkuenstle.de

Kaschel
Der Henniges hat Probleme! Fragt ganz im Ernst, was man denn anziehen soll! Etwa Leder? Natürlich Leder! Jetzt will er es endlich mal auf der Autobahn richtig krachen lassen und würde am liebsten in Fransenjacke ausrücken. Weint rum, dass seine Kombi nicht mehr richtig passen würde! Wie das kommt? Ganz klar, so ein Einteiler schrumpft über die Jahre. Geht uns doch allen so. Bei dem üblichen Rumgebummel mit seinen Cruisern hat er vermutlich wirklich keine Vorstellung, wie das zappelt. Im Flatterjäckchen auf Tiefflug. Dann doch lieber aussehen wie eine Presswurst. Da verfängt sich wenigstens kein Windhauch in den Falten. Und wenn er schnell genug fährt, sieht es auch keiner. Sollte ja gehen mit diesen Boliden. Die Kawa-Jungs haben mit der neuen ZZR 1400 noch einmal kräftig hingelangt. Knapp 1450 Kubik, gemessene 206 PS. Damit bist du kurz vorm Abheben. Die Hayabusa stinkt da schon ein bisschen ab. 182 PS - das kann heutzutage eine Zwei-zylinder-Duc besser. Aber aerodynamisch ist sie immer noch eine Macht. Gerade eben, in der Redaktionstiefgarage, ist der Henniges ehrfurchtsvoll um die dicke Suzuki geschlichen. Sie ist eben immer noch das Synonym für Highspeed. Irgendwie sah er blass aus. Ich glaube, ihm wird langsam mulmig. Und dann hat er sich tatsächlich für eine Textilkombi entschieden! Na ja, er muss es ja wissen.

Hennignes
Dieser Kaschel! Lässt sich permanent neue Lederkombis kommen, weil er aus den alten rauswächst. Aber nicht nach oben und unten, sondern nach rechts und links. Und dann lästert er über meinen Anzug. Dabei ist der superpraktisch: ein Leder-Goretex-Mix, eng anliegend und flattersicher. Garantiert. Auch bei Vollgas. Wobei: Ehrlich, was soll diese Vollgas-Nummer? 200 Sachen sind doch schnell genug, oder? Damit bist du meist der Schnellste auf der Bahn. Wie und wo kann man überhaupt noch 300 km/h -fahren, vor allem aber: wie lange? Und: Was, bitte schön, soll dabei Spaß machen? Die Umgebung mutiert zu bunten Strichen, und deine Blicke hüpfen ständig zwischen irgendwelchen Fahrzeugen hin und her, die auf der rechten Spur dümpeln. Da fährt die Furcht mit und lässt Fuß und Finger ständig auf Lauerstellung an den Bremshebeln. Denn niemand von den Jungs da vorn ahnt, dass zwei Torpedos mit 83 Metern pro Sekunde von hinten angeschossen kommen. Noch etwas will mir nicht in den Kopf: Warum bauen die Japaner neben ihren pfeilschnellen Tausendern und dicken Touringbikes Motorräder wie die Hayabusa oder ZZR 1400? Nicht Fisch, nicht Fleisch. Zu fett für die Rennstrecke, zu karg, um Gepäck zu bunkern. Aber was soll’s, los geht’s. Probieren geht über Sinnieren.

Kaschel
Gepäck, Gepäck! Will der umziehen oder Gas geben? Na ja, jetzt sind erst mal 50 Kilometer Schleichfahrt angesagt. Zeit zum Umgewöhnen. Aber schon da wird er merken, was diese Dinger draufhaben. Lustvolles Verwalten von Überfluss, so nenne ich das. Das Bewusstsein bestimmt das Sein. Sie ist wirklich beeindruckend, die dicke Suzi. Wie dieser mächtige Big Block dich seine Kraft schon bei Schleichfahrt spüren lässt, das hat schon was. Andere nennen das Vibrationen, ich nenne es Ruhe vor dem Sturm. Weil ein kleiner, ein klitzekleiner Zupfer am Gasgriff ausreicht, und es ist da, dieses S-Klasse-Gefühl. Ach was, S-Klasse, Bugatti Veyron! In diesen Geräten manifestiert sich Freude am Fahren, Freude an der Technik, Freude an der satten Kraft, mit der es vorwärtsgeht. Okay, die Sitzposition der Hayabusa ist immer noch ein wenig old fashioned. Aber so ein breiter Tank zwischen den Beinen hat auch was. Genau wie diese Uhrenbatterie. Wer hat heutzutage noch einen echten Tacho? Das ist beinahe sinnlich, wenn die Nadel locker flockig gen 200 marschiert. Derweil beißen die Jungs in ihren Autos vor uns verbissen ins Lenkrad, um grad mal von 130 auf 150 km/h zu beschleunigen. Schade ist: Sie haben keinen Schimmer, mit welcher Lässigkeit wir an ihnen vorbeihuschen könnten. Einfach kurz rechts rüber, schwupp - und wir wären weg. Manchmal hilft es, wenn man mit ordentlich Schwung angeflogen kommt und erst im letzten Moment ankert. Einfach zeigt, dass man es ernst meint. Aber die meisten merken das gar nicht. Die schlafen tapfer weiter.

Henniges
A 81 bis zur A 6 - da ist gottlob noch Ruhe vor dem Sturm, kann mir richtig vorstellen, wie der Kaschel mit den Hufen scharrt und unter dem Helm knurrt, wenn nur mal kurzzeitig 200 km/h drin sind. Und dann? Kauert der lange Lulatsch in embryonaler Schutzsuche hinter der zierlichen Scheibe. Kaschel, wenn du dich selbst sehen könntest! Das sieht so lächerlich aus! Da habe ich Glück. Meine 1,68 Meter passen wunderbar hinter die ZZR 1400-Verkleidung, die übrigens mehr Windschutz als die der Hayabusa bietet. Da! Kurzzeitig mal 200 km/h! Und ich brauch mich gar nicht mal ducken! Wenn ich ehrlich bin: Diese aus dem Handgelenk geschüttelten Überholvorgänge machen mir sogar Spaß. Und der Motor ist überragend. Völlig weicher Lauf und Kraft im Überfluss. Lässiges Touren zwischen 140 und 180 km/h - da bekommt Geschwindigkeit eine ganz andere Qualität. Das muss der Kaschel doch auch merken. Reicht doch, oder? Warum also 300 km/h?

Anzeige
Foto: jkuenstle.de

Kaschel
Irgendwie marschiert die ZZR doch spürbar besser als die Hayabusa, der Henniges klebt immer im Spiegel. Nicht im ersten Moment, wenn ich aus dem Bummel- in den Angriffsmodus gehe, da fährt die Suzi regelmäßig ein paar Meter weg, ist unwiderstehlich. Aber dann, so ab 4000/min, ist gegen die Kawa kein Kraut gewachsen. Dann drückt dieses schwarze Trumm von hinten wie die Hölle. Und der Henniges taucht nicht mal richtig ab, sitzt da fast wie auf seinen Cruisern. Also Drosselklappen auf und durch. 200, 220, 240 - so, endlich wird die Sache richtig spannend. Mal schauen, wie lange er da hinten mitgeht. Wobei: So richtig vertrauenerweckend ist die Geschichte nicht. Irgendwie wird das Heck etwas instabil, ist da ein latentes Rühren im Fahrwerk. Nicht schlimm, aber auch nicht richtig spaßig. Jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Augen auf und durch!

Henniges
Mist, ich hab’s gewusst! A 6, keine Beschränkung, freie Sicht. Jetzt dreht er voll auf. Vor allem sprintet er mir mit der Suzi auf den ersten Metern echt weg. Ist die kürzer übersetzt, oder was? Warte ab, Kaschel! Gegen die 200 PS der Kawa hast du keine Chance! Na bitte! 240 km/h, und schon sind wir wieder im Parallelflug. Wobei: Dieser Motor hat jetzt noch so unglaublich viele Reserven … Wenn ich wollte, könnte ich locker dran vorbeigehen. Wahnwitzig, aber wahr: Ich fühle mich selbst bei 240 km/h auf der 1400er noch sicher. Wenn ich’s recht erkennen kann, dann wackelt die Hayabusa da vor mir. Richtig, sie rührt irgendwie. Meine Kawa läuft selbst bei diesem Tempo wie auf Schienen. Mist! Da vorn zieht ein Lkw raus. Wie weit das wohl weg ist? 500 Meter? 350? Jetzt gilt es, fast 200 km/h Überschuss wegzubremsen. Ich bin elektrisiert und überrascht, wie effektiv und gierig die Kawa-Stopper Geschwindigkeit fressen. Dabei bleibt die Fuhre immer noch topstabil. Schnellfahren beginnt mir tatsächlich langsam Spaß zu machen. Was man dabei nicht vergessen darf: Spaß hat mit Sparen meist nichts zu tun. Wenn ich so hinter Kaschel herfliege und den schwarzen Gummiteppich sehe, den sein Hinterreifen vor allem in leichten Kurven ausrollt, hört man gleich die Münzen klimpern. Keine 1000 Kilometer, dann hat der ne Glatze wie sein Fahrer. Aber auch der Tank leert sich, wie wenn man bei der Badewanne den Stöpsel rauszieht. Vor allem jetzt, denn die Bahn wird hinter Nürnberg dreispurig, kaum Verkehr. Da, jetzt duckt er sich, nun macht er Ernst …

Kaschel
Heidiho, drei Spuren, freie Bahn. Endlich! Raus aus dem Kuschelmodus, rein in die Umlaufbahn. Und zwar ganz aktiv. Ein, zwei Gänge runter, Kopf auf den Tank. Zum Glück habe ich den Rückspiegel schon vorher auf Tiefflugmodus justiert. Braucht man normalerweise nicht, weil von hinten eh nichts kommen kann. Aber so habe ich auch ganz tief geduckt den Henniges im Auge. Kann beobachten, wenn er kleiner wird. Ja, noch kleiner. Das geht, hoho. Andere an meiner Stelle würden jetzt Witze machen. Da, jetzt, 298 km/h, die Nadel steht still. Die Welt da draußen auch. Was für ein Gefühl, wenn die Hayabusa-Nüstern um die 100 Liter Frischluft pro Sekunde (!) ansaugen. Die Kolben mit runden 85 km/h in ihren Buchsen auf- und abhämmern oder am oberen oder unteren Totpunkt mit über 50 000 m/s² verzögert werden, der Hinterreifen an der Oberfläche rund 100 Grad Temperatur hat. Alles unvorstellbar. Wie auch die Frage: Hält das alles, hältst du selber das aus?

Henniges
So also sieht Kaschels Lieblingsbewegung aus: Fliegen, ohne abzuheben. Klammern ohne Beziehung. Zwiespältig. 230, 240, 250 km/h - damit kann ich mich noch anfreunden. Doch 298 sind eine andere Dimension. Oberhalb von 260 km/h scheint Geschwindigkeit plötzlich überproportional zuzunehmen. Und sogar ich muss mich ducken, damit die Kawa ihren Topspeed erreicht. Erstaunlich, wie energisch sich die 1400er der 300er-Marke nähert. Die quält sich nicht. Das geht rucki, zucki. Hat aber mit Motorradfahren im Sinne von Dynamik nichts mehr zu tun. Hey, Kaschel, versuch nur mal, bei diesem Speed einem auf der Straße liegenden Schuhkarton auszuweichen! Na? Genau. Geht nämlich nicht. Die Maschine wird zum Projektil, das eine nicht veränderbare Flugbahn hat. Angst? Mmm … eigentlich nicht, zur Technik habe ich Vertrauen. Mich überrascht die Fahrstabilität der ZZR 1400. Selbst bei Topspeed fühlt man sich sicherer, als wenn man mit einem Cruiser bei 120 km/h über Bodenwellen öttelt. Was mir noch gefällt: die vollendete Anspannung. Körper und Geist sind bei 110 Prozent Reaktionsbereitschaft. So lebendig hab ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ups! Damit das so bleibt, heißt es jetzt bremsen, denn irgendwo da vorn zieht einer raus. Gottlob habe ich ABS an Bord. Den Kaschel scheint das weniger zu stören, der lässt stehen. So ist das nun mal mit den defensiven und den offensiven Fahrern. Allein meinen kleinen Oberkörper in den Wind stemmen reduziert das Tempo schon, zusammen mit den gigantischen Bremsen wird aus dem ICE- schnell ein U-Bahn-Gefühl. 180 km/h. Zurück in meiner Welt. Danke!

Kaschel
Schade, das war es schon. Und dabei war die Hayabusa noch nicht einmal im Begrenzer. Da war noch mächtig Luft nach oben. Tachovoreilung, sag ich nur. Man sieht das an der Drehzahlmessernadel, die wandert trotzdem weiter nach oben. Jetzt aber ankern, was mit der Hayabusa deutlich weniger Spaß macht. Zumindest im ersten Moment, wenn die Bremsen noch kalt sind. -Warum Suzuki diesem Geschoss kein ABS verpasst, muss mir mal jemand erklären. Kommt oft genug vor, dass man mal ganz energisch reinlangen muss, da fühlt man sich auf der Kawa deutlich wohler. Der Henniges ist schon wieder im Touring-Modus, das sehe ich. Rollt neben mir, spielt mit der Display-Bedienung am linken Lenkerende. Hey, komm, gleich ist wieder frei, konzentrier dich …

Anzeige
Foto: jkuenstle.de

Henniges
Wahnsinn, was die Infozentrale der Kawa so alles anzeigt. Theoretisch hätte ich sogar den Verbrauch bei Topspeed ab-lesen können. Pustekuchen! Bei diesem Tempo starrt man zwangsläufig immer nach vorn. Da! Nun bläst er wieder an. Aber diesmal hab ich aufgepasst. Einfach Brause auf. Hähähä, jetzt bist du in MEINEM Rückspiegel, Kaschel! Blöd nur, dass ich ja ein Defensivbremser bin. Auf der Bremse hat er mich garantiert gleich wieder. Egal. Einmal muss man zeigen, wo der Hammer hängt. Einmal zumindest. Bitte, was hab ich gesagt. Schon rauscht er vorbei. Mir reichts, 300 km/h sind für mich wie ein ordentlicher Caipirinha - ein-, zweimal ganz schön, doch im Überfluss wird mir schlecht. Da! Ein Laster bremst uns aus, die Tankanzeige tendiert gegen null. Zeit für eine Rast, die Tanke ist gleich da vorn.

Kaschel
Ha, ich habs doch gewusst! Da gibt der Kleine einmal richtig Flamme, überrascht mich mit einer Attacke und erschreckt sich dabei so, dass er umgehend in die Boxengasse abbiegt. Mal hörn, was er so zu sagen hat.

 

Foto: jkuenstle.de

Fazit

„Noch Fragen, Henniges?“

„Klar, warum tust du dir den Stress an, Kaschel?“

„Weil es spannend ist und weil ich fasziniert bin von der Technik, die so was möglich macht. Geht es dir nicht auch so, Henniges?“

„Doch Kaschel, das kickt zweifelsfrei. Aber dafür reichen mir schon 250 km/h. Den Rest braucht kein Mensch.“

„Damit kann ich leben. Als Reisetempo.“

Foto: jkuenstle.de

Technische Daten und Messungen

Kawasaki ZZR 1400:
4-Zylinder Reihe, 1441 cm³, 200 PS, 163 Nm, 267 kg, 15 595 Euro

Suzuki Hayabusa:
4-Zylinder-Reihe, 1340 cm³, 197 PS, 155 Nm, 264 kg, 12 990 Euro

Bei Grün hängt der Hammer: Bis auf den unteren Drehzahlbereich bis 4000/min (hier schiebt die Suzuki spürbar kräftiger an) zeigt die ZZR 1400 der Hayabusa, was richtig Druck ist. Das Ganze gipfelt in atemberaubenden 206 PS, während der Jagdfalke das Versprechen von 197 PS mit 182 PS doch deutlich verfehlt. Diese Diskrepanz manifestiert sich auch in den Messwerten. Bis auf den Durchzug von 50 auf 100 km/h liegt die ZZR immer deutlich vorne.

Beschleunigung
 Suzuki Kawasaki
0-100 km/h 3,0s 2,9s
0-150 km/h 4,9s 4,8s
0-200 km/h 7,5s 7,2s
0-250 km/h 12,0s 11,4s
0-300 km/h 25,4s 22,9s

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote