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Suzuki V-Strom 650 und Kawasaki Versys 650 im Test 650-cm³-Reiseenduros

Die überarbeitete Kawasaki Versys 650 hat die Spur der einzigen Zweizylinder-Reiseenduro in der 650er-Klasse, der Suzuki V-Strom 650, aufgenommen. Reicht’s zum Überholen?

Man braucht sich erst gar nicht die Mühe zu machen, Zufälligkeiten in das Konzept der neuen Kawasaki Versys 650 hineinzuinterpretieren. Sie ist eine Punktlandung. Passgenau auf die Stellenbeschreibung der Suzuki V-Strom 650 ausgelegt.

Das überrascht. Denn erstens besitzt Kawasaki mit der voll verkleideten ER-6f bereits ein touristisch angehauchtes Konzept im Mittelklassesegment, und zweitens hisste die Versys bislang ihre Flagge eindeutig für die Spaßfraktion. Vielleicht nicht konsequent genug. 8 PS weniger als die braven ER-6-Geschwister, ein um gut 1000 Euro höherer Preis und das unorthodoxe Design rückten das im Jahr 2006 vorgestellte kleine Funbike aus dem Fokus des Interesses.

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2 Suzuki V-Strom 650 eines der 30 meistverkauften Bikes

Doch jetzt soll alles anders werden. So weiß wie ein unbeschriebenes Blatt Papier steht die Kawasaki Versys 650 in der frühlingshaft scheinenden Sonne Nordspaniens. Ein größerer Tank (21 statt 19 Liter), ein teilweise in Silent­blöcken gelagerter, von 64 auf 69 PS erstarkter Motor, neue Federelemente, ein verstärktes Rahmenheck, tiefer und weiter vorn angebrachte Fußrasten und – vor ­allem – eine stilistisch überarbeitete Verkleidung samt um 70 Prozent vergrößertem Windschild signalisieren eindeutig: Die neue Kawasaki Versys 650 hat sich in Richtung Suzuki V-Strom 650 gewandelt. Deren damals sensationelle Siege beim MOTORRAD-Alpen-Masters im Jahr 2005 oder das Facelift zur Saison 2011 liegen zwar schon eine Weile zurück, doch ihr Erfolg hält an. Bis heute gehört die V-Strom hierzulande alljährlich zu den 30 meistverkauften Motorrädern – und reagiert auf die Versys-Attacke offensiv: Mit einem Kampfpreis von derzeit nur 6990 Euro (Best-Price-Aktion) kostet die Grande Mademoiselle der Reiseenduros genau 1400 Euro weniger als bislang und exakt 700 Euro weniger als die 7695 Euro teure Kawasaki.

Dennoch biegt die Kawasaki Versys 650 zuerst auf die trockenen und piekfein asphaltierten ibe­rischen Straßen ein. Wohl aus der Macht ihrer Gewohnheit. Enge Radien und kurze Schwünge, genau dort holte sich die Kawa bislang ihr Selbstbewusstsein. Die Papierform spricht auf diesem Terrain auch heute noch für das Ex-Funbike. Mit einem im Vergleich zur Suzuki V-Strom 650 stattliche 145 Millimeter kürzeren Radstand und dem ein Grad steileren Lenkwinkel wieselt auch die domestizierte Versys quirlig durch die Wechselkurven, fühlt sich leicht in der Lenkung, fluffig und flink an. Fast vergisst man dabei, dass das Reiseornat dem Gitterrohrrahmen immerhin neun Kilo mehr Ballast als früher aufbürdet – wohlgemerkt ohne Koffer. 220 Kilogramm wiegt die Kawa jetzt vollgetankt, 211 Kilo das Vorgängermodell. Die ­etwas moppelige Suzuki bringt allerdings 232 Kilo auf die Waage.

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3 Neue Kawasaki Versys 650 mit weniger Sportsgeist

Überhaupt trennt das Duo bereits auf den ersten Metern Grundsätzliches. Gedrungen, kompakt, den Lenker nah zum Fahrer gerückt, sitzt es sich auf der Kawasaki Versys 650 fast wie in alten Funbike-Zeiten. Nur die 15 Millimeter nach unten und 20 Millimeter nach vorn gerückten Fußrasten öffnen den Kniewinkel, richten auch die Fahrerhaltung auf und nehmen damit etwas Druck von der Fahrzeugfront. Bisherige Versys-Fans mögen deshalb den Sportsgeist vermissen, Unbefangene finden die Sitzposition neu­tra­ler und entspannter. Und keine Angst: Bis die nun tiefer montierten Rasten auf­setzen, braucht es nach wie vor den ganz flotten Strich, zumindest im Solobetrieb.

Das typische reiseenduristische Raumgefühl vermittelt die Suzuki V-Strom 650. Der Abstand vom Lenker zum Fahrer fällt größer aus, der Knieschluss breiter, die Sitzposition groß­zügiger. Trotzdem folgt die Suzuki der Kawa dichtauf. Unaufgeregt schwingt die V-Strom von Bogen zu Bogen, lenkt mit ihrem 19-Zoll-Vorderrad leicht ein und zieht – ähnlich einer Honda Crossrunner oder gar einer BMW R 1200 GS – vom Untergrund fast ­entkoppelt wie von selbst ihren Strich. Prickelnd ist dieser leichte Kurvenswing vielleicht nicht, dafür effektiv, mühelos – und meist viel schneller, als man sich fühlt.

4 Kawasaki Versys 650 agiert gefühlsbetonter

In dieser Beziehung gefühlsbetonter agiert die Kawasaki Versys 650. Allein durch ihren Motor. Zwar ist der Zweizylinder nun bei zwei von drei Motorlagerungen in Silentblöcke gespannt, vermittelt trotzdem nach wie vor diesen für die Kawasaki-Antriebe so typischen markigen Auftritt. Nie nervend, aber dennoch immer präsent. Und obwohl der Kurzhuber sich auch tief unten im
Drehzahlkeller zu benehmen weiß, mag er es, in freier Wildbahn gedreht zu werden. Reicht es bei moderatem Tempo, wenn die Drehzahlmessernadel um die 5000er-Marke pendelt, verlangt der Twin beim ambitionierten Eckenwetz ab 7000 Touren aufwärts. Dass der Kawa-Treibsatz dabei subjektiv kaum stärker als sein Vorgänger wirkt, verwundert nicht. Schließlich standen die bisher getesteten Versys-Modelle mit gemessenen 66 PS gut im Futter, während die aktuelle Version mit 67 PS einen Tick unterhalb der versprochenen 69 Pferde blieb.

5 V-Strom gewinnt die Motorenwertung

Ihr Ziel, der V-Strom leistungsmäßig Paroli zu bieten, haben die Kawa-Techniker jedenfalls nahezu erreicht – auch wenn das Versys-Aggregat nur durch das neue Mapping und den überarbeiteten, nun einteiligen Edelstahlauspuff erstarkte. Wobei der Kawa-Paralleltwin mit dem 90-Grad-V2 der Suzuki eine harte Nuss zu knacken hat. Denn mit dem in der SV 650 im Jahr 1999 präsentierten Motor ist den Suzuki-Ingenieuren ein Meisterwerk gelungen. Nur mit Einspritzung, geändertem Ventiltrieb und vergrößerter Schwungmasse über die Jahre modellgepflegt, zeigt sich dieser nun 16 Jahre alte L-Motor auch heute noch in Hochform. Wie ein Kätzchen schnurrt der Treibsatz knapp über Standgas los. Er ist durchzugsstark und drehfreudig, geschmeidig beim Lastwechsel, vibriert kaum und hält sich obendrein trotz etwas langer Übersetzung beim Spurt die Kawasaki Versys 650 vom Leibe. Ein Prachtstück, dem das modernisierte Kawasaki-Triebwerk letztlich in keinem einzigen Kriterium der Motorenwertung gewachsen ist.

Verständlich, dass der Kawa-Pilot nervös wird, sich sogar über den narbiger werdenden Asphalt freut. Schließlich bot die in ­ihren Jugendjahren noch straff ausgelegte Kawasaki Versys 650 bereits nach der ersten Überarbeitung im Jahr 2010 erheblich verbesserten Komfort. In dieser Beziehung hat sie nochmals zugelegt. Sensibel schnupft die nun von Showa statt bislang Kayaba gelieferte Upside-down-Gabel Kanten auf, lässt sich zudem über einen großen Bereich in der Zugdämpfung einstellen.

6 Mehr Schräglagenfreiheit mit der Versys

Etwas straffer agiert das direkt angelenkte Kayaba-Federbein, das beim aktuellen Modellwechsel seine Dämpfungsverstellung verlor, dafür eine per Handrad einstellbare Federbasis bekam. Immerhin fällt die Zugdämpfung bei der Kawasaki Versys 650 praxisgerecht aus, bietet ausreichend Komfort und für die flottere Gangart oder den Passagierbetrieb noch Reserven. Alles wäre wirklich gut, wenn sich die Suzuki nicht schon wieder als Spielverderber aufdrängen würde. Trotz konventioneller, nur in der Federbasis einstellbarer Gabel und eines in der Serienabstimmung ohne Negativfederweg ungewöhnlich justierten Federbeins saugt die V-Strom asphaltiertes Ungemach noch lässiger auf.

Allzu übermütig sollte der V-Strom-Treiber aber nicht zu Werke gehen. Bei forciertem Ritt schraddeln die Fußrasten und kurz danach der Ausleger des Hauptständers deutlich früher über den Asphalt als die Rasten der Versys. Beim ambitionierten Auftritt bringt sich auch die renovierte Bremsanlage der Kawa ins Spiel.

Mit dem Bosch-Druckmodulator der neuesten Generation, bissigeren Belägen und geänderten Bremssätteln legt die Kawasaki Versys 650 in der Tat nach, bietet im Vergleich zu den Suzuki-Stoppern einen definierteren Druckpunkt und moderatere Handkräfte. Trotz des kurzen Radstands hält die ABS-Regelung auch bei Gewaltbremsungen die Hinterhand am Boden. Dass die hecklastige V-Strom sich hier nicht aus der Ruhe bringen lässt, leuchtet ein.

7 Mit Wertigkeit der Versys kann V-Strom nicht mithalten

Apropos Ruhe. Die Straße öffnet und die Gemüter beruhigen sich. Schließlich ­gehören entspanntes Touren und genussvolles Cruisen zu den Kernkompetenzen von Reiseenduros. Erst recht, wenn wie bei beiden Testmaschinen die volle Packung an Zubehör an Bord ist – und die Tarife um bis zu 2000 Euro nach oben schnellen lässt. Ohne Aufpreis kann sich der Kawa-Pilot über den verbesserten Windschutz freuen. Zum Einstellen muss der Pilot allerdings ­anhalten, da die Rändelschrauben des nun 60 statt 30 Millimeter höhenverstellbaren Schilds auf der Außenseite angebracht sind. Der Suzuki-Kollege fühlt sich hinter seiner nicht einstellbaren Scheibe pudelwohl. An der Kawasaki Versys 650 vereitelt der voluminöse Vorschalldämpfer die Montage eines Hauptständers, die bei derSuzuki V-Strom 650 in das Display integrierte Ganganzeige muss bei der Versys erst nachgeordert werden, leuchtet zudem in aufdringlich gleißendem Rot.

Erst der Blick auf die neuen Seitenkoffer besänftigt den Kawa-Treiber. Unauffällig integrieren sich die Aufnahmen ins Rahmenheck, das Duo trägt mit 93 Zentimetern Breite im angebauten Zustand kaum auf und strahlt zudem in Motorradfarbe. Kein Vergleich zu dem mit 117 Zentimetern rekordverdächtig breit ausladenden Koffersystem der V-Strom. Überhaupt die Verarbeitung. Alu-Bananenschwinge, Upside-down-Gabel, Edelstahlauspuff – mit der Wertigkeit der neuen Kawasaki Versys 650 kann die Suzuki nicht mithalten. Kastenschwinge und Alurahmen muten nüchtern an, der Blechschalldämpfer nicht mehr zeitgemäß. Was aber nichts daran ändert, dass der im Lauf der Jahre so feingeschliffene Evergreen die Attacke der Versys bravourös pariert – auch wenn außer Frage steht, dass die neue Kawasaki Versys 650 an Alltags- und Tourentauglichkeit zweifellos erheblich gewonnen hat.

MOTORRAD-Testergebnis

1. Suzuki V-Strom 650
Forever young. Mit formidablem Motor und unaufgeregtem Fahrverhalten legt die Suzuki V-Strom 650 auch zehn Jahre nach dem Sieg beim MOTORRAD-Alpen-Masters die Latte. Respekt.

2. Kawasaki Versys 650
Ist sie noch zu sehr Funbike oder zu wenig Reiseenduro? Die Kawasaki Versys 650 geriet deutlich universeller, kann aber bei Komfort, Laufkultur und Reisetauglichkeit der V-Strom nicht das Wasser reichen.

Technische Daten Kawasaki Versys 650

Technische Daten Kawasaki Versys 650 (k. A.)
Modelljahr 2015
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , Reihenmotor
Bohrung/Hub 83,0 / 60,0 mm
Hubraum 649 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,8
Leistung 51,0 kW ( 69,0 PS ) bei 8500 /min
Max. Drehmoment 64 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend
Federweg vorn/hinten 150 mm / 145 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 160/60 ZR 17
Bremse vorn/hinten 300 mm Doppelkolben-Schwimmsättel / 250 mm Einkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1415 mm
Lenkkopfwinkel 65,0 °
Nachlauf 108 mm
Leergewicht vollgetankt 216 kg
Sitzhöhe 840 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 426 kg
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h
Preis
Neupreis 7695 Euro

Technische Daten Suzuki V-Strom 650

Technische Daten Kawasaki Versys 650 (k. A.)
Modelljahr 2015
Motor
Zylinderzahl, Bauart 2 , Reihenmotor
Bohrung/Hub 83,0 / 60,0 mm
Hubraum 649 cm³
Ventile pro Zylinder vier Ventile pro Zylinder
Verdichtung 10,8
Leistung 51,0 kW ( 69,0 PS ) bei 8500 /min
Max. Drehmoment 64 Nm
Zahl der Gänge Sechsganggetriebe
Hinterradantrieb O-Ring-Kette
Fahrwerk, Räder, Bremsen
Rahmen Gitterrohrrahmen aus Stahl, Motor mittragend
Federweg vorn/hinten 150 mm / 145 mm
Reifen 120/70 ZR 17 , 160/60 ZR 17
Bremse vorn/hinten 300 mm Doppelkolben-Schwimmsättel / 250 mm Einkolben-Schwimmsattel
ABS Ja
Maße und Gewichte
Radstand 1415 mm
Lenkkopfwinkel 65,0 °
Nachlauf 108 mm
Leergewicht vollgetankt 216 kg
Sitzhöhe 840 mm
Zulässiges Gesamtgewicht 426 kg
Höchstgeschwindigkeit 185 km/h
Preis
Neupreis 7695 Euro

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