Technischer Vergleich

Twin oder Vierzylinder – meist sind subjektive Kriterien kaufentscheidend. Doch
welches Konzept hat aus technischer Sicht Vorteile?

Die Diskussion um die prinzipiellen Vorteile von Zwei- oder
Vierzylindern ist fast so alt wie das Motorrad selbst. Bereits vor 100 Jahren traten die ersten Vierzylinder in Konkurrenz zu den Twins. Seitdem sind Klischees – wie Zweizylinder haben mehr Drehmoment als Vierzylinder – von keinem Stammtisch mehr wegzudenken. Aber wie sieht die Realität aus?
Der Vergleich zweier Hochleistungsmotoren, dem Zweizylinder
der Ducati 999 und dem Vierzylinder der Kawasaki ZX-10R, widerlegt die Behauptung. Während sich die beiden Triebwerke zwischen 2500 und 4000/min noch um die Führung streiten, liegt der Kawasaki-
Vierer anschließend zum Teil deutlich über dem Ducati-V2 und zieht ab 8000/min unaufhaltsam davon. Zudem dreht der Vierzylinder
bis 12300/min, während der Drehzahlbegrenzer dem Twin bereits bei 10400 Umdrehungen Einhalt gebietet. Der Vierzylinder hat folglich
ein gravierendes Leistungs- und Drehmomentplus.
Und auch der Vergleich von zahmeren Triebwerken wie dem der Suzuki SV 650 und der Honda CBF 600 zeigt, dass der Zweizylinder
in Drehmoment und Leistung zwar über einen großen Bereich einen leichten Vorteil besitzt, die Differenz aber hauptsächlich seinem Hubraumplus zuzuschreiben ist.
Eigentlich unterstützt die Theorie ja die These des Drehmomentvorsprung von Twins. Der gesamte Querschnitt von Ein- und Auslasskanälen einschließlich der freien Ventilquerschnitte sind beim Vierzylinder in der Regel
insgesamt größer als beim Zweizylinder. Daraus resultiert eine geringere Strömungsgeschwindigkeit beim Gaswechsel des Vierzylinders, welche der Leistungsentfaltung bei niedrigen Drehzahlen eher abträglich, bei höheren Drehzahlen aufgrund geringerer Drosselverluste jedoch von Nutzen ist. Durch Maßnahmen wie Doppeldrosselklappen und Auslasssteuerungen kompensieren die Konstrukteure das Manko des Vierzylinders im unteren Drehzahlbereich mit Erfolg.
Die größere Drehzahlspanne des Vierers ermöglicht zudem eine kürzere Übersetzung, was sich positiv auf die Zugkraft am Hinterrad und somit auf die Fahrleistungen auswirkt. Pluspunkte kann der Zweizylinder dagegen im
Verbrauch für sich verbuchen. Weniger bewegte Teile verursachen weniger Verluste an Reibleistung. Dagegen fallen Zweizylinder oft durch unangenehmes Ruckeln im unteren Drehzahlbereich auf. Durch die ungleichmäßige Drehmomentabgabe – zwei über zwei Kurbelwellenumdrehungen verteilte große Drehmomentspitzen gegenüber vier kleinen Impulsen des Vierzylinders – hat der Twin naturgemäß Nachteile.
Ebenfalls für viele überraschend: der Gewichtsvergleich. Dabei ist neben der Zylinderzahl auch die -konfiguration
entscheidend. Die heute vorherrschenden V2-Motoren sind meist schwerer und größer als ein konsequent konstruierter Reihenvierer. Diesbezüglich könnte ein ebenso konsequent konstruierter Reihenzweizylinder den Vierzylinder schlagen, nicht dagegen beim Drehmoment und in der Leistung.

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