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Carbon-Sigl-, Hertrampf- und IDM-Ducati 1199 Panigale S.

Tracktest: PS-Tuner-GP-Ducatis 1199 Panigale S Drei PS-Tuner-GP-Ducatis 1199 Panigale S im Test

Reinrassige italienische Hengste sind die drei PS-Tuner-GP-Ducatis 1199 Panigale S allemal. Und so bekannt wie Rocky Balboa inzwischen sowieso. PS ging mit den drei Kampfmaschinen die volle Distanz.

Wie passen Rocky Balboa und die Ducati 1199 Panigale S jetzt zusammen? Sylvester Stallone verkörpert im Boxer-Streifen „Rocky“ den Amateur-Klopfer Balboa. Dessen Kampfname: „The Italian Stallion - der italienische Hengst“. Zwar hat die nagelneue Superbike-Ducati noch keinen allgemeingül-tigen und klangvollen Kosenamen, aber die Szene hat ihr bereits ein paar schillernde Wortspiele gewidmet. Glühende Fans nennen die Panigale ob ihrer betörenden Formen „Porno-Geili“. Spötter rufen sie dagegen „Pani-Gurki“. Englischen Journalistenkollgen rutscht bisweilen ein „Pint-of-Garlic“ über die Lippen (Humpen voll Knoblauch). 

Den Boxer und die schnelle Rote aus Bologna eint etwas anderes als Spitznamen: Sie haben den Ehrgeiz, ganz nach oben zu kommen. Der eine als Box-, die andere als Superbike-Weltmeister. Beim diesjährigen PS-Tuner-GP in Hockenheim standen uns gleich drei Panigale S zum Test zur Verfügung. Dreimal fette Desmo-Power, hinreißend verpackt und unterschiedlicher denn je.

Denis Hertrampf von Hertrampf-Racing brachte eine blitzsauber aufgebaute Tuning-1199 S und das IDM-Einsatz-Motorrad von Superbiker Dario Giuseppetti an den Start, Tom Sigl von Sigl-Carbon schob eine voll karbonisierte Ultraleicht-Panigale in die Box. Wie unterschiedlich diese drei italienischen Hengste sind, durften wir ausgiebig testen.

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Foto: jkuenstle.de
Sigl-Panigale S: Leichterer Leichtbau geht kaum. Würde Karbon Strom leiten, hätten Tom Sigl und seine Crew sogar den Kabelbaum aus Karbon gefertigt.
Sigl-Panigale S: Leichterer Leichtbau geht kaum. Würde Karbon Strom leiten, hätten Tom Sigl und seine Crew sogar den Kabelbaum aus Karbon gefertigt.

Sigl-Panigale S 
Wenn das Thema einfach wäre, wäre Valentino Rossi 2011 auf seinem rahmenlosen Prototyp nicht untergegangen. Und er würde heuer mit einer jetzt mit Aluminium-Brückenrahmen versehenen Desmosedici nicht hinterherfahren. Streitpunkt an der Gesamtkonzeption der rahmenlosen Desmosedici war immer das aus Karbon gefertigte Monocoque, welches den volltragenden Motor mit dem Steuerkopf verbindet. Mittlerweile fährt Herr Rossi den erwähnten Brückenrahmen, während der gewöhnliche Kunde bei der Panigale in den Genuss des ehemaligen MotoGP-Fahrwerkkonzepts kommt. Mit dem kleinen Unterschied, dass der Hilfsrahmen der Panigale aus Aluminiumguss statt aus steifem Karbon ist.

Außer man sitzt auf der Panigale von Sigl-Carbon. Denn dieses Motorrad ist ein schwarzer Diamant, vollständig aus selbst konstruierten und hergestellten Karbon-Teilen aufgebaut - inklusive des Monocoques! Tom Sigl pfeift auf Rossis Probleme und verwandelte eine nicht gerade übergewichtige Panigale S dank einer aufwendigen Karbon-Kur in ein absolutes -Mager-Model à la Kate Moss. Glanzstück der kompletten Eigenkonstruktion sind ohne Zweifel besagtes Monocoque, das Rahmenheck und der einteilig gefertigte Tank. An Letzterem ist die Herstellung aus einem Stück sehr wichtig, da Karbon-Tanks normalerweise mehrteilig aufgebaut sind und sehr häufig an den Klebestellen undicht werden.

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Foto: Archiv

Voller Lob äußert sich Tom Sigl zu den Originalteilen der Duc: „Da war eigentlich kaum etwas zu holen, die Ingenieure haben überall richtig aufs Gewicht geachtet.“ Dennoch, oder gerade deswegen, war der Ehrgeiz des 33-jährigen Niederbayern besonders hoch. Mit Erfolg: Seine Karbon-Teile erreichen beeindruckend geringe Gewichte. Der Tank wiegt statt 3000 nur noch 1200 Gramm (bei gleichem Volumen), das Rahmenheck statt 3000 ebenfalls nur 1200 Gramm und das Monocoque statt im Original 4600 lediglich 3600 Gramm - bei höherer Torsions-Steifigkeit mit dem Multiplikator 25.

Noch erstaunlicher ist, dass Tom und seine Mitarbeiter das gesamte Projekt in nur fünf Wochen realisierten - eine Wahnsinnsleistung. Und der Lohn der Mühe: 171,5 Kilogramm Gesamtgewicht - vollgetankt versteht sich. Das sind in der Summe 23,5 -Kilogramm weniger als beim Serien-Motorrad! Da tragen natürlich die Termignoni-Racing-Anlage und die BST-Karbonräder auch einen Teil dazu bei.

Damit der Ofen auch gut auf der Strecke liegt, wurde der ehemalige Langstrecken-WM-Racer Christian Zaiser ins Boot geholt. Und ja, die Sigl-Duc trägt ganz klar die Handschrift eines Langstrecken-Bikes. Man sitzt hoch mit angenehmem Kniewinkel, die Bubble-Scheibe schützt sehr gut vor dem gewaltigen Fahrtwind und die Karbon-Lenkerstummel sind -angenehm gefächert. Nach einigen Einfahrrunden muss die zu kurze Endübersetzung geändert werden. Dann geht es endlich volle Segel ins Runde, lassen wir die Karbon-Duc richtig fliegen. Brennen die Parabolika hinunter, ankern spät mit den dank SBS-Belägen noch giftigeren Bremsen und biegen zielgenau in die Spitzkehre ein. In der schnellen Rechts nach der Mercedes-Tribüne kommt das serienmäßige Fahrwerk an seine Grenzen. Die Gabel spricht in Schräglage unsensibel auf Bodenwellen an und beginnt zu rattern. Etwas mehr Vorspannung lindert das Phänomen zwar, kann es aber nicht beseitigen. Ebenso wie am Serien-Motorrad pumpt das Heck beim starken Beschleunigen in Schräglage. Hält sich diese Unart beim Ritt auf neuen Reifen noch zurück, tritt sie bei verschlissener Hinterradpelle jedoch immer stärker in den Vordergrund. Zur Ehrenrettung von Zaiser und Sigl muss aber betont werden, dass es in der Kürze der Zeit einfach nicht möglich war, ein perfektes Setup für eine Strecke herauszufahren, auf der die Jungs vor dem PS-Tuner-GP mit diesem Motorrad noch nicht unterwegs waren.

Foto: fact
Hertrampf-Duc: Die Hertrampf-Panigale vermittelt ein traumhaftes, weil direktes und unverfälschtes Fahrgefühl.
Hertrampf-Duc: Die Hertrampf-Panigale vermittelt ein traumhaftes, weil direktes und unverfälschtes Fahrgefühl.

Hertrampf-Duc
Denis Hertrampf dagegen war schon sehr oft in Hockenheim - allein achtmal mit dem PS-Tuner-GP. Weswegen seine in schlichtem Weiß-schwarz gehaltene Panigale nicht nur perfekt für die Strecke übersetzt ist, sondern auch mit ihren gemessenen 204 PS gut ins Highspeed-Schlaraffenland passt. Die reinste Wonne, wie dieser Brenner anschiebt! Die Leistungskurve verdeutlicht, wie sehr die Hertrampf-1199 zwischen 4500 und 6800 Umdrehungen zugelegt hat. In diesem Bereich generiert sie über zehn PS mehr als eine Serien-Panigale. Zwischen 7000 und 8500/min gleichen sich die Kurven kurz an, bis oberhalb von 8500/min die Hertrampf-Duc noch ’ne Schippe drauflegt. Auf gut Deutsch: Da geht sie dann wie die sprichwörtliche Hölle! 

Was natürlich an der kundigen Hand des Motoren-Tuners liegt. Denis beließ die groben Sachen des Desmo-Twins im Originalzustand. Soll heißen, Kolben, Ventile, Nockenwellen, Kurbeltrieb etc. sind serienmäßig, wurden nur von fachmännischer Hand liebkost. Die leicht erhöhte Verdichtung sowie das Mitsubishi-Motormanagement und der speziell von Termignoni für Hertrampf konstruierte und gebaute Auspuff zeichnen hauptsächlich für den Leistungszuwachs verantwortlich.
Doch der Hammer dieser Ducati 1199 S ist nicht ihre schiere Power, sondern wieder einmal die Symbiose von Kraft und Fahrgefühl, sprich dem Motor und dem Fahrwerk. Natürlich blieb in den Öhlins-Bauteilen nichts unbehandelt. Die Gabel wurde komplett umgebaut, der selbst konstruierte Dämpferkolben vermittelt dieses Am-Asphalt- festgeklebt-Fahr-gefühl vom Vorderrad. Im Federbein werkeln ebenfalls die HPC (Hertrampf Performance Center)-Teile, und es steht mit geänderten Shim-Paketen und einer anderen Top-Out-Feder der Gabel in nichts nach. Das garantiert Fahrvergnügen und Spaß ab der ersten Runde.

Foto: Archiv

Auf der Uhr sieht das folgendermaßen aus: Eine Outlap im Bereich von 1.53 min, danach eine 1.49er-Runde nach der anderen. Ab und an schleicht sich eine 1.48er-Runde ein - und das alles ohne zu sehr zu pushen. Die Hertrampf-Duc fährt unglaublich präzise und superhandlich, bohrt durch die Radien wie auf Schienen und rapportiert transparent und glasklar vom Grip an Vorder- und Hinterhand. Am erstaunlichsten ist allerdings die Tatsache, dass sie auf gleichen Reifen in allen Geschwindigkeitsbereichen noch handlicher fährt und sich genauso mühelos umlegen lässt wie die um knapp zehn Kilogramm leichtere Karbon-Panigale von Sigl. Wie er die ohnehin handliche Panigale in eine derartige Ballerina verwandelt hat, verrät Denis leider nicht - ein Betriebsgeheimis, das man sich kaufen muss.

Was die beiden Tuner-Ducs jedoch eint, ist das bereits erwähnte pumpende Heck beim Beschleunigen. Auch die weiße Tänzerin wackelt mit dem Hintern. Diese unangenehme Eigenart verstärkt sich, sobald der hintere Reifen seinen Zenit überschritten hat. Dank ausgiebiger Tests ist Hertrampf in der Lage, dieses Pumpen abzustellen. Allerdings nur dadurch, indem er das komplette Fahrwerks-Setting individuell auf den Piloten und dessen Fahrstil zuschneidet. Das war wegen des regnerischen Wetters beim diesjährigen Tuner-GP zeitlich leider nicht möglich.

Noch ein weiteres Highlight sei erwähnt: die Bremse. Konnte Tom Sigl durch die Verwendung von SBS-Brems-belägen an seinem Stealth-Jäger die bereits sehr gute Vorderradbremse noch verbessern, schießt Hertrampf den Vogel ab. Er überarbeitete die Bremssättel mit kundiger Hand und sorgt so dafür, dass das Serienmaterial auf einem unglaublich hohen Niveau arbeitet. Und beweist damit wieder einmal, dass „tunen“ übersetzt nicht „ersetzen“, sondern „besser machen“ bedeutet.

Foto: Jahn
IDM-Panigale S: Die IDM-Panigale ist ein für Fahrer Dario Giuseppetti auf den Leib geschneidertes Arbeitsgerät.
IDM-Panigale S: Die IDM-Panigale ist ein für Fahrer Dario Giuseppetti auf den Leib geschneidertes Arbeitsgerät.

IDM-Panigale S 
Bleibt zum Schluss noch der Ritt auf der Raketen-Panigale, die Hertrampf-Racing mit dem Berliner Dario Giuseppetti als Fahrer in der IDM-Superbike einsetzt. Vom technischen Aufbau ist das IDM-Motorrad teilweise dicht am Tuner-GP-Bike dran, aber, etwa bei der Elektronik, auch meilenweit davon entfernt. Zunächst interessiert aber nicht die Theorie von Reglement & Co, sondern das faktische „Wie fährt sie denn?“ -Ernüchterung macht sich breit. So geil und handzahm sich das -Tuning-Bike fährt, so zickig und eigenwillig gibt sich das RennMotorrad. Was aber in sich logisch ist. Das Tuning-Bike ist „everybody’s darling“, der IDM-Racer das ganz persönliche Arbeitsgerät von Dario.

Nicht nur der Größen- und Gewichtsunterschied zwischen Giuseppetti und dem Autor sind enorm, auch beim fahrerischen Potenzial klafft eine große Lücke. Während der eine im Motodrom zügige 1.48er-Runden fährt, ist für den anderen eine 1.45er-Runde gut, um erstmal einen neuen Reifen anzufahren. Apropos Reifen: Das IDM-Bike steht auf IDM-Slicks, die eine unglaubliche Seitenhaftung aufbauen. Allerdings stellen sie sich beim Beschleunigen auch deutlich stärker auf als die Standard-Pirellis des Tuning-Motorrads. Was dazu führt, dass man die-Linie nur mit viel Druck am inneren Lenkerstummel halten kann, was auf Dauer verdammt anstrengend ist. Um mit dem IDM-Renner schnell zu sein, muss partout im modernen Superbike-Stil gefahren werden. Soll heißen: Spitz bis zum Scheitelpunkt in die Kurven hineinbremsen, dann kurz und hart sehr tief abwinkeln, um anschließend möglichst früh wieder ans Gas gehen zu können. Der Autor ist aber eher klassisch unterwegs, fährt also deutlich „runder“ und befindet sich damit länger als unbedingt nötig in Schräglage.

Unpassende Ergonomie, falscher Fahrstil oder besser gesagt, ein nicht mit dem Fahrstil harmonierender Reifen - schon ist die Rundenzeit dahin. Am neuen IDM-Renner ist noch viel zu entwickeln, darüber sind sich Denis und Dario im Klaren. Nach dem Ritt kann PS ein Stück weit nachvollziehen, wie groß die Leistung der beiden in der IDM ist - und das alles in Eigeninitiative mit viel Idealismus. Hut ab!

Foto: jkuenstle.de
Carbon-Sigl-, Hertrampf- und IDM-Ducati 1199 Panigale S.
Carbon-Sigl-, Hertrampf- und IDM-Ducati 1199 Panigale S.

PS-Urteil
Es ist wieder bewiesen: Großserien-Motorräder, mag die Serie auch so klein sein wie die der Ducati 1199 Panigale S, sind nun mal Großserien-Motorräder. Damit bieten sie immer Raum für Verbesserungen. Die Mannschaften um Tom Sigl und Denis Hertrampf haben die Ducatis aufs Feinste veredelt. Tom Sigl geht den Weg des radikalen Leichtbaus. Denis Hertrampf wirft sein geballtes Fahrwerks- und Motoren-Knowhow in die Waagschale. Seit diesem Tuner-GP träume ich jetzt von einer 200 PS starken, 171,5 Kilo leichten Siglrampf-Panigale.

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