Vergleich: Handzahme und fordernde Motorräder Entspannung oder Stress?

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Druck im Motor setzt auch manchen Fahrer gewaltig unter Druck. Sorgen viele PS automatisch für viele Schweißperlen auf der Stirn?

Suzuki B-King und Ducati Streetfighter S
Dieser Überfluss an schierer Kraft: Ständig strebt das Vorderrad gen Himmel, Anfahren geht ohne durchdrehendes Hinterrad kaum noch, und auf der Autobahn flattert man bei 200 km/h hilflos im Wind – so die gängigen Klischees. Wer will, kann Naked Bike fahren durchaus so erleben. Zum Beispiel auf der Ducati Streetfighter. Der Motor hämmert wild los, das Teil schießt beim kleinsten Dreh am Gas wie die sprichwörtliche Kanonenkugel vorwärts. 150 PS katapultieren den unter 200 Kilogramm leichten Zweizylinder aus dem Stand dermaßen brutal voran, dass der Fahrer alle Hände voll zu tun hat und jederzeit alle sieben Sinne beieinander haben muss. Das Fahrwerk haut im Prinzip in die gleiche Kerbe wie der Motor. Den Streetfighter musst du permanent bei den Hörnern packen. Ähnliches gilt für die negative Beschleunigung: Die giftigen Monobloc-Brembos lassen das Hinterrad vor jeder Kurve nur noch hauchzart auf den Asphalt titschen, das stellt höchste Anforderungen an Konzentration und Feinmotorik.

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Nun könnte man einwenden: alles eine Frage von Körperbeherrschung und mentaler Stärke. Schließlich zwingt einen ja niemand, das Kabel immer bis zum Anschlag aufzurollen. Aber gemütlich herumbummeln auf einer Ducati, die Landschaft genießen, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen? Das geht mit einem so aggressiv fordernden Gerät nicht. Wer es einfach entspannt laufen lassen will, wer nicht aktiv und mit voller Konzentration bei der Sache ist, wird mit dem eigenwillig bockigen Untersatz wenig Spaß haben. Da fehlt Fahrwerk wie Motor plötzlich jegliche Geschmeidigkeit, da eiert das Powerteil planlos in die Kurven hinein. Die Duc fordert in jeder Hinsicht den vollen Einsatz, sie ist definitiv nicht der geeignete Untersatz für Einsteiger, Touristen oder Spazierfahrer.Den völligen Kontrast zum Italo-Streetfighter bildet die Suzuki B-King. Und das, obwohl sie noch mehr Power besitzt und mit ihrer mächtigen Erscheinung im Vergleich zur filigranen Duc geradezu monströs wirkt. Allein die Eckdaten: Satte 1,3 Liter Hubraum, 184 PS Spitzenleistung bei 260 Kilogramm Gewicht, extremer geht es nicht, der materielle Overkill.

Aber schon auf den ersten Metern wird klar, dass die Suzuki nicht der vermutete Extremist ist, dass sie völlig anders gepolt ist als die Ducati. Wer es nicht selber probiert hat, wird es nicht glauben. Mit den mächtigen Auspufftrompeten und dem ausladenden Bodywork wirkt die B-King geradezu beängstigend, fährt sich angesichts ihres subjektiv beeindruckenden Äußeren und des objektiv hohen Gewichts jedoch unglaublich easy. Welches Geheimnis steckt dahinter? Es ist zunächst einmal diese überragende Geschmeidigkeit des Antriebs. Der Vierzylinder dreht seidenweich hoch, hängt trotz der schieren Kraft sanft und berechenbar am Gas, und er verschreckt weder durch brachialen Leistungseinsatz noch durch harte Lastwechselreaktionen. Anders als der aufputschende V2 der Duc wirkt die Charakteristik des Reihenvierers eher beruhigend, vermittelt eine souveräne Lässigkeit. Gleiches gilt für das Fahrwerk. Denn die B-King gehört zu jenen Maschinen, die wie von Zauberhand geführt der Ideallinie folgen.

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Und das, obwohl der serienmäßige Dunlop Qualifier gemeinhin als wenig homogener Pneu gilt. Reifen, Federung, Chassis, Motor – alles an der B-King wirkt wie aus einem Guss. Eine B-King könnte man folglich auch einem weniger routinierten Fahrer in die Hand drücken, ohne befürchten zu müssen, dass er sich schon auf den ersten Metern atomisiert. Natürlich mit der Einschränkung, dass 184 PS ein gewisses Verantwortungsbewusstsein und mentale Reife verlangen. Doch wer will, kann mit ihr ganz relaxed durch die Landschaft rollen. Eine ganz andere Welt verkörpert die Ducati. Sie ist definitiv nichts für Einsteiger, sie ist etwas für Fortgeschrittene. Der Italo-Streetfighter fordert seinen Fahrer permanent heraus. Das wissen Ducatisti im Allgemeinen, und sie haben es so gewollt. Wenn nicht, gibt es Stress.

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