Vergleich Naked Bikes Motor- oder Fahrwerks-Power?

Dieser Motor ist die schiere Opulenz, der starke, sanfte
Riese. Trotz aller Kraft kennt sein Ton nichts Trockenes. Wahrscheinlich klingt er deshalb etwas ölig, weil er schon
bei niedrigsten Drehzahlen so fette Drehmoment-Rationen ausgibt. Und er büffelt im mittleren, im oberen und obersten Bereich
gerade so weiter. Klar, im direkten Vergleich mit einem Supersportler-Triebwerk würde man ihm keine überschäumende
Drehfreude zusprechen. Gegenüber seinen Boxer-motorisierten Kontrahenten besitzt er jedoch auch obenraus noch eine
Champagnerkorken-Charakteristik.
Die Rede ist vom luftgekühlten Reihenvierzylinder der Yamaha XJR 1300. Geboren als Antrieb der FJ 1100, über die Ausbaustufen FJ 1200 und XJR 1200 sowie fleißige Detailar-
beit zu seiner heutigen Hochform und Schönheit gelangt. Außer dass er gerne viel Sprit konsumiert, ist ihm nichts vorzuwerfen. Und seine Vibrationen kaschierten die Ingenieure durch eine
elastische Lagerung; sie sind mehr zu ahnen als zu spüren.
Gegen diese Herrlichkeit hat der 1130er-Boxer der BMW Rockster außer seiner originellen Bauweise nicht viel aufzubieten. Dabei darf er sich sogar zu den tapferen Exemplaren seiner
Gattung zählen, die eine gewisse Drehfreudigkeit bei nicht allzu ruppigen Vibrationen auszeichnet. Dennoch reizt es niemanden, ihn auszudrehen. Auf die letzten paar seiner gemessenen 87 PS wird unbewusst oft verzichtet. Dass das Gesamterlebnis BMW dennoch vollkommen zufrieden stellt, dass man mit einer Rockster sogar ausgesprochen zügig fahren kann, liegt am perfekten Zusammenspiel des Boxers mit dem Fahrwerk, insbesondere
der Telelever-Vorderradführung.
Was auf ebener Bahn kaum auffällt, tritt auf schlechteren Straßen immer deutlicher zutage – die Rockster fährt, als würde sie ein Asphaltbügeleisen vor sich herschieben. Fast nach Art
eines Stationärmotors hält der Fahrer die Drehzahl zwischen 4000 und 5000/min, weil die Vibrationen darüber kräftig anschwellen. So variiert er nur wenig ein flottes Grundtempo und lässt das Motorrad einfach laufen. Zwar reagiert der hintere
Paralever nicht so souverän auf Wellen und Absätze wie der vordere Telelever, aber es reicht. Wo die XJR hektisch mit ihrer weich abgestimmten Gabel oszilliert, die althergebrachte Hinterradfederung durchgeknautscht wird und den Yamaha-Fahrer zur
Vorsicht mahnt, lassen Boxer-Piloten ungerührt stehen.
In Kurven läuft es ähnlich. Die Rockster giert zwar nicht
gerade nach Schräglage; trotz korrekten Luftdrucks von 2,5 bar fühlte sich der Metzeler Sportec auf dem Vorderrad an, als würde er zu plattfüßig aufliegen. Das hat mit dem breiten, kaum nach hinten gekröpften Lenker des Sondermodells zu tun; durch ihn verlagert der Fahrer viel Gewicht aufs Vorderrad zu Lasten leichten Einlenkens. Doch das tut den hohen Kurvengeschwindig-
keiten der BMW kaum Abbruch. Da kann die XJR mit all ihrer Ausgewogenheit und Neutralität irgendwann nicht mehr mitgehen, auch weil es ihr schlicht an Schräglagenfreiheit fehlt.
Auf der Landstraße, dem ureigenen Revier der großen Naked Bikes, drängt sich die Erkenntnis förmlich auf: Die XJR 1300
besitzt den absolut überlegenen Motor, aber sie braucht ihn auch. Seine Durchzugskraft, seine Höchstleistung werden gerne und
öfter nicht nur aus Freude genutzt. Sondern um dranzubleiben. Genau umgekehrt verhält es sich bei der Rockster. Über ihren Boxer hat ein früherer Geschäftsführer von BMW Motorrad ein-
mal gesagt, er halte ihn immer noch für ein äußerst dynamisches
Antriebskonzept – allerdings nur, wenn das Fahrwerk wie ein
Multiplikator für die Leistung wirkt.

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