Vergleich Tourer Fernwehsessel oder mobile Wohnzimmer?

Entscheidend ist nicht nur, dass man reist. Sondern auch
wie. Beispiellos auf dem Reisemotorradsektor ist die
Urgewalt der vierzylindrigen Yamaha FJR 1300. Zahlen vom
Prüfstand? 129 Nm bei 6700/min, 134 PS bei 8000/min. Für alle, die mit staubtrockenen Werten nichts anfangen können: Ab 2100/min, also wenig mehr als Standgas, ergo einem klitzekleinen Dreh am Gasgriff, leitet der Vierzylinder 90 Nm ans Hinter-
rad. Noch plastischer: Hans und Sozia, beide Genussmenschen mit einem Jahresvorrat Milka-Schokolade im Gepäck, erleben ihre gesamte Tour zwischen 2000 und 4000/min im fünften Gang. Entsprechend 70 bis 130 km/h. Mit keinem anderen Reisemotorrad lässt es sich in niedrigen Drehzahlen so souverän cruisen,
reisen oder gar ansatzweise sporteln.
Falls die beiden auf der Varadero in demselben Geschwindigkeitsbereich ebenso souverän unterwegs sein wollen, müssten sie permanent zwischen dem vierten, fünften und sechsten Gang wählen. Der 90-Grad-V-Motor liefert auf dem Prüfstand mit 94 PS bei 7300/min und 100 Nm bei 6000/min zwar auch ordentliche Werte, diese verblassen jedoch angesichts der Elastizität und Kraftentfaltung des Yamaha-Vierzylinders. Lässt sich so viel
Power auf Reisen wirklich umsetzen?
Auf der Anreise ist die FJR, der ICE unter den Bikes, nahe-zu unschlagbar. Alles zwischen 80 und 250 km/h erledigt sie
im fünften Gang. Aufgrund der engen Getriebeabstufung und
immensen Kraft des 1300ers sucht man allerdings meistens ab
130 km/h, entsprechend 4300 Umdrehungen, nach dem fehlenden sechsten Gang. Warum? Trotz zweier Ausgleichswellen
vibriert der Motor ab mittleren Drehzahlen derart kräftig, dass man glaubt, unbedingt hochschalten zu müssen.
Sogar voll beladen läuft die Fuhre locker und souverän
230 km/h. Dabei entsteht ein starker Luftsog hinter der ausgefahrenen Scheibe, der den Fahrer nervig im Nacken packt.
Die ideale Reisegeschwindigkeit mit der FJR liegt zwischen 160
und 180 km/h. Bei der Varadero sind es 130 bis 150 km/h, sei etwa 4000 bis 5500/min im sechsten und gleichzeitig als Overdrive ausgelegten Gang. In diesem Drehzahlbereich agiert der
V2 seidenweich und sehr harmonisch. Dreht aber bei Bedarf forsch bis 9000/min. Geschwindigkeiten oberhalb von 150 km/h sollten voll bepackt gemieden werden. Erstens
wird es hinter der Scheibe ziemlich turbulent, zweitens pendelt die Varadero unangenehm.
Nächstes Kapitel: Touren vor Ort. Sobald Straßen nicht mehr topfeben oder die Kehren extrem eng werden, erteilt die V2-Maschine ihrer vierzylindrigen Konkurrenz eine gewaltige Lehrstunde. Denn obwohl die Varadero nur sechs Kilogramm weniger wiegt, gibt sie sich um Welten handlicher und ignoriert Bodenwellen, läuft präziser. Eine Ursache hierfür sind mitunter die Reifen. Agile Bridgestone TW 101/152 in handlingfreundlichen Größen mit 110/80 vorn und 150/70 hinten leiten null Bewegung ins
Fahrwerk. Der fette 190er-Metzeler ME Z4 der FJR hingegen erspürt jede Unebenheit der Straße. Die Maschine kippelt und
vermiest die Ideallinie. Der ebenfalls freigegebene Bridgestone BT 020 ist sicherlich die bessere Wahl.
Und der bessere Motor fürs Reisen? Eine Frage des Geschmacks. Beide Triebwerke sind für entspanntes Gleiten wie
geschaffen und übertragen Ruhe und Gelassenheit auf ihre
Piloten. Der 1300er-Vierzylinder hat unten herum mehr Druck,
bietet die größeren Reserven. Mit Drehzahl senkendem sechsten Gang sowie vibrationsentkoppelter Aufhängung wäre er bei-
nahe grandios. Nicht nur für kleine Reisen.

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