Vergleich Yamaha WR 450 F gegen WR 450 F 2-Trac Druck und Zug

Abenteuerliche Basteleien, skurrile Prototypen, Hightech-Versuchsträger, handgefertigte Einzelstücke: Experimente, Engagement und Pionierleistungen gab es reichlich. Nun hat Yamaha das
erste allradgetriebene Serienmotorrad auf den Markt gebracht, das uneingeschränkt
alltagstauglich sein soll. Das von der Yamaha-Tochter Öhlins entwickelte Prinzip wurde bereits in MOTORRAD 25/2003 ausführlich vorgestellt. Am Getriebeausgang treibt ein zusätzliches Ritzel samt Kette einen Hydraulikmotor an. Der pumpt Öl über flexible Leitungen zum Ölmotor in der Vorderradnabe. Die hydraulische Übersetzung ist so gewählt, dass das Vorderrad beim Rollen auf hartem Untergrund fast kein Antriebsmoment überträgt. Erst wenn das Hinterrad in Schlupf gerät, wird zunehmend ein Teil der Antriebsleistung für das Vorderrad abgezweigt. Im Extremfall bis
zu 30 Prozent, jedoch ist die maximale
Antriebsleistung vorn durch ein Druckbegrenzungsventil eingeschränkt.
Welche Vorteile der Allradantrieb bringt, davon konnte sich MOTORRAD bei einem Vergleich mit der Standard-WR in einem ehemaligen Kohleabbaugebiet nahe dem französischen Belfort überzeugen. Anders als bei allen bisherigen Konzepten halten sich die Nachteile in Grenzen. Zunächst bemerkt man den Zusatzantrieb kaum,
die Lenkeigenschaften werden nur minimal beeinflusst. Erst beim strammeren Fahren fällt das höhere Gewicht der Vorderradeinheit auf, mit dem die Gabel etwa über Bremswellen zu kämpfen hat. Bei kleinen Sprüngen wirkt die 2-Trac kopflastiger und träger, nicht zuletzt wegen des rund sieben Kilo höheren Gewichts. Aber man kann und darf mit ihr alles machen, was jede echte Sportenduro vertragen sollte.
Das Handling ist auf griffigem Terrain nur geringfügig schlechter. Ein Blick auf die Stoppuhr verrät, dass der Vorderradantrieb wegen weiterer Bögen zwar langsamer macht, doch unterm Strich nur wenig Zeit kostet. So viel ist klar: Wer im Enduro-Sport in der Sonderprüfung auf Zeit fährt, hat ein kleines Handicap, aber chancenlos ist er deswegen noch lange nicht.
Seine Vorteile kann der zusätzliche Antrieb erst unter widrigen Verhältnissen ausspielen. Also in tiefem Schlamm, weichem Sand oder auf extrem rutschigen Flächen. Wie gravierend der Unterschied in grundlosem Wüstensand ist, fiel schon beim
ersten Kontakt im Rahmen der Shamrock-Rallye in Mauretanien auf. Die 2-Trac ist auf schnellen Sandpisten stabiler und
zieht in Kurven sauber ihre Bahn, während
sich bei der konventionellen Maschine das Vorderrad tief in den Boden bohrt. Wobei das Vorderrad der 2-Trac nicht große Sandfontänen hinter sich herzieht. Beim genauen Hinschauen erkennt man jedoch, dass es weniger tief in den Boden sinkt, was den Widerstand verringert. Selbst Anfahren am Dünenhang ist problemlos möglich. Dagegen kommt die einradgetriebene WR ohne Schieben gar nicht voran.
Auf der Kohlehalde erfuhr MOTORRAD weitere Vorzüge. Zum Beispiel, dass die 2-Trac selbst beim Hillclimbing, wo fast das gesamte Gewicht auf dem Hinterrad lastet, besser zieht. Der Trick ist, Druck aufs Vorderrad zu verlagern – anders als bei der normalen WR, bei der das Hinterrad möglichst das gesamte Gewicht braucht. Auch auf ganz rutschigem Boden beschleunigt die 2-Trac besser. Allerdings nur, wenn das Hinterrad stark durchdreht. Erst dann wird spürbar Drehmoment ans Vorderrad weitergeleitet. Den Übergang spürt der Fahrer übrigens nicht, der vordere Antrieb setzt weich und unspektakulär ein.
12350 Euro kostet die 2-Trac, 7895
die Standard-WR. Für die beträchtliche
Differenz von 4455 Euro gibt es eine komplette Öhlins-Federung nebst Lenkungsdämpfer. Und vielleicht bekommt die 2-Trac schon bald Konkurrenz, KTM hat den Zweiradantrieb ebenfalls in der Pipeline. gt

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