Vergleichstest: 600er-Supersportler, Vierzylinder, Zweizylinder Masterbike 2008

Rutscher oder Lutscher? Das 11. Masterbike "Traditionsveranstaltung" zu nennen, klingt harmlos nach Sportheimvitrine. Tatsächlich kacheln eine Ladung Rennkutscher auf einer spanischen Rennstrecke um die Wette. Die Suche nach dem Jahrgangsding vom Ring. PS spickte über den Reifenstapel.

Foto: Jahn

Fütter deine Angst

M-A-S-T-E-R-B-I-K-E. So sieht es geschrieben aus. So simpel wie seine Regeln, so verzwickt im Detail. Klären wir zuallererst das Amtliche: drei Klassen, daraus jeweils ein Sieger – und die beharken sich dann klassenübergreifend im Finale. Fertig ist das Meistermotorrad 2008. Okay, das war sehr grob. Etwas ausführlicher nun für die Feingeister unter uns. Da gibt es die Klasse Superbikes, sprich 1000er-Vierzylinder, inklusive einer vereinsamten Suzuki 750er. Des Weiteren röcheln die japanischen 600er mit der bassigen, dreizylindrigen 675 Triumph um die Lorbeeren. Tja, und dann gibt es noch die Klasse "europäisch, landwirtschaftliche Nutzfahrzeuge", unter den Fans gern "charakterstarke Zweizylinder" genannt.

Da wir gerade beim Schenkelklopfer sind: Was sagt Ducati-Boss Claudio Domenicali ins heimische Bürotelefon Richtung Albacete, wenn die vorhandenen Masterbike-Einheitsreifen GP Racer der Marke Dunlop nicht mit seiner Ducati 1098R harmonieren? Richtig, ganz der italienische Gebirgsjäger: "Vorwärts Kameraden, wir marschieren zurück!" Nicht einmal ein vor Ort befindliches Heftexemplar von PS 5/2008 und der Hinweis auf die schnellste Rundenzeit beim Megatest mit Dunlop-Reifen konnte einen raketengleichen Abzug der Italiener verhindern. Rumms. Rolltor runter. Habe fertig. Lacht da etwa jemand in Orange-City Mattighofen? Wartet nur, ihr seid auch noch dran. Puuh. Da ist gerade mal ein Gruppenfahrbild im Kasten, der Ducati-Transporter entschwunden, schon steht einem bei diesem Stress der Schweiß auf der Stirn.

Zeit für Besinnlichkeit, Demut und eigentlich ein Dankeschön nach Italien. BMW ist Podium! Wir sehen schon im Geiste die schmerzverzerrte dienstägliche Motorsport-Artilleriekolumne des Radfahrers und Exil-Österreichers Günther W.: "BMW zurück auf der Straße der Sieger." Strike! Von der Fußball-EM wollen wir erst gar nicht anfangen. Gesetzt den Fall, Kevin Kuranyi bleibt auf Schalke. Ach ja, wir waren aber eigentlich ganz seriös bei den Zweizylindern. Haken wir diese Klasse doch gleich ab. Haken. Haken? Hakeliges Getriebe! KTMs RC8 demonstrierte Schaltgeräusche, als ob sie die in Albacete herumhoppelnden Hasen taub machen wollte. Krach, Bumm, Wruummm. So banal. So brutal. Ein Getriebe für Schuhplattler und Schwarzeneggers, aber nicht für die Zeitenjagd. KTM-Pressemann Thomas Kuttruf war den Tränen nahe. Aprilia auch, aber die, weil sie letztlich denkbar knapp vor KTM im Finale waren. Ende erster Akt.
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Vorhang auf

Der Vorhang geht erneut auf. In einer dunklen Box sitzen verschwitzte Männer in heruntergelassenen Lederkombis und schlingen belegte Brötchen hinunter. In der internen Fachsprache werden diese grimmigen Gestalten auch "Motorradrennfahrer" oder "Profis" genannt, da sich diese Herren gegenüber ebenfalls in der Szene herumschwirrenden Hobby-Schnellfahrern mit extrem zügig absolvierten Runden ihr Geld oder Bocadillo verdienen. Randy Mamola, Zweiradphilosoph und Ex-500er-GP-Star, sowie Jürgen Fuchs, bekannt aus Film, Funk und Onboard, eigens mit einem wunderlichen, glatzköpfigen Mentaltrainer angereist. Dann Alessandro Gramigni, 125er-Weltmeister des Jahres 1992. Der Italiener ist ein Motorradfreak im besten Sinne, körperlich derart vernarbt, als ob er bei der Berufsfeuerwehr in Florenz nur in Badehose Waldbrände löscht.

Jetzt gelten Rennfahrer ja zu Unrecht als Hallodris, die Arbeit scheuen und den ganzen Tag der holden Weiblichkeit hinterhergaffen. Das kann so nicht stehen bleiben. Schauen wir uns nur unseren Rutscherkönig Mark Cernicky an: Fuhr schon Isle of Man, bevor er auf die Rennstrecke ging; seit dem vorletztem Masterbike hat er 20 Kilo abgenommen und rülpst nicht mehr in der Öffentlichkeit! Oder der immer freundliche Oriol Fernández, der sich für Tests wie das Masterbike Zeit nimmt und schon montags wieder seine Akkordmaloche im fernen Südfrankreich erledigt. Nun gut, die Wahrheit ist, der Mann hat praktisch ein "eigenes" MotoGP-Motorrad und fährt von morgens bis abends in seiner Eigenschaft als Michelin-MotoGP-Entwicklungsfahrer nur allerfeinste Rennreifen neuester Technologie, damit die Herren Lorenzo und Pedrosa mehr Freizeit haben. Welcher Hobbyfahrer möchte sich so etwas schon antun?

Aber wir schweifen ab, gerade geht die 600er-Klasse zu Ende. Im Laufe der letzten zehn Jahre gab es allerhand Gemäkel über Sieg und Niederlage und die Ungerechtigkeiten dieser Welt. Das aktuelle Wertungssystem erscheint in den Gegebenheiten austariert. Aus den schnellsten Rundenzeiten der 13 Fahrer und allen Motorrädern der jeweiligen Klasse ergibt sich eine theoretische Klassenbestzeit. Die tatsächliche Bestzeit des einzelnen Motorrades, wiederum gemittelt und damit der geringste Rückstand, ergibt die Punktzahl. Dann addiert sich noch die Anzahl der Bestzeiten plus ein Bewertungssystem der Fahrer hinzu, und – Hokuspokus – spuckt der so gefütterte Computer ein Ergebnis aus.
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Finale

Verstanden? Nein? Macht nichts. Auch die Hersteller-Vertreter grübelten eine Weile. Bei den 600ern erzielten 9 von 13 Fahrern ihre schnellste Zeit auf der Yamaha, 3 auf der Triumph und ein einzelner Verwirrter auf der Kawasaki. Die Fahrerwertung räumt die Triumph mit 9,6 von 10 möglichen Punkten ab. Zählt aber nicht so viel, und zack ist die Yamaha im Finale! Second place is first loser! Die Triumph-Mannen nahmen es sportlich gelassen, buchten ihre Flüge um und versprachen diabolisch grinsend, nächstes Jahr den Klassensieg wieder zurückholen zu wollen. Vorhang runter. Letzter Akt. Sind wir doch mal ehrlich. Bis jetzt war doch alles Killefitz! Es geht doch um die dicken Dinger. Männermotorräder! Tausender mit fettem Qualm!

Auch ein Oriol Fernández macht keinen Hehl daraus: 600er fahren ist nicht seine Passion. Aber spitz rein ins Eck, schräg abbiegen und mit maximaler Beschleunigung wieder raus, das gefällt auch Oriol. Auf die Frage nach seinem Favoriten kennt er nur eine Antwort: "Honda". Was die Herren in Grün so gar nicht hören wollten. Eine ganze Kawasaki-Delegation aus Japan begutachtete misstrauisch das diesjährige Masterbike und protokollierte jede noch so kleine Boxentätigkeit. Aber es kam, wie es kommen musste: Fünf Bestzeiten mit der Honda, vier mit der Kawasaki, zwei bei der MV, Agusta, jeweils eine bei der Gixxer und der R1. Null für die 750er. Plus die beste Bewertung wieder bei der Honda. Tusch. Honda Fireblade im Finale gegen Aprilia Mille und Yamaha R6.

Halten wir an dieser Stelle nicht künstlich die Spannung aufrecht. Das Finale war dann doch eher Formsache, die Honda gewann überlegen vor der Yamaha R6 und der Aprilia Mille. Für Albacete-Kenner zum Selberprobieren: 1:36,434 war die Tagesbestzeit von Oriol Fernández mit der Fireblade. So ganz nebenbei bemerkt: Sollte zufällig jemand bei Herbert Speer in Reutlingen eine Probefahrt auf einer CBR 1000 RR machen, könnte es gut passieren, dass er auf exakt dem Masterbike-Siegermotorrad sitzt. Die Honda war ein lediglich in Deutschland ausgeliehenes Kundentestmotorrad, das sonst, hoffentlich ganz brav und ohne Rutscher seine Runden über die Schwäbische Alb zieht.

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