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Alpen-Masters 2014 Funbikes Honda CB 650 F, KTM 690 Duke R, MV Agusta Rivale 800, Yamaha MT-09 im Test

Honda CB 650 F, KTM 690 Duke R, MV Agusta Rivale 800 und Yamaha MT-09: leicht, wendig und agil. Supermoto-Single wie -Triple treffen auf Allrounder und Naked Bikes mit Drei- und Vierzylinder. Wer gewinnt den Alpen-Matsers-Vergleichstest in der Kategorie Funbikes?

Die alpine Tier- und Vogelwelt muss perfekt an den extremen Luft- wie Lebensraum angepasst sein. So wie die zweirädrigen Spezies an die Welt hoch droben, wenn die Kehren enger, die Sträßchen steiler und die Blicke weiter werden. Leicht zählt hier doppelt. Deswegen gebührt der KTM 690 Duke R der Vortritt. 165 Kilogramm stempeln den Einzylinder zur leichtesten Maschine aller 20 Teilnehmer des Alpenmasters 2014, gemessene 72 PS reizvoll zum weltstärksten Serien-Single! Konzeptbedingt verlangt er in hohen Gängen nach mindestens 3000/min, darunter peitscht die Kette.

Hart hämmernd, wild pulsierend stürmt die KTM 690 Duke R ab der 5000er-Marke nach vorn. Gierig hängt der Eintopf am Kabel des Ride-by-Wire. Ab 7500 Touren erlahmt der Vortrieb wieder. Ein schmales Leistungsband – mit dem schlechtesten Durchzug dieser Gruppe im sechsten Gang. Mit viel Schaltarbeit heißt es, den mächtigen 102-Millimeter-Kolben bei Laune zu halten. Ist dank perfekt klickenden Getriebes und butterweich zu ziehender Kupplung easy. Bollernd, aber nicht zu laut tönt der Akrapovic-Endtopf.

Alle Tests vom Alpen Masters 2014

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KTM 690 Duke R handlich wie ein Mountainbike

Er ist eines der Kennzeichen der gut 2000 Euro teureren R-Version des Herzogs. Hinzu kommen das voll einstellbare, viel ausbügelnde WP-Fahrwerk, der bequemere, höhere Sitz (860 Millimeter) und andere Edel-Goodies wie die Radialbremspumpe. Trotz feiner Brembo-Parts kommt die Einzelscheibe bergab an Grenzen: Recht hohe Handkraft flankiert wenig brachiale Bremspower. Die Wirkung lässt bei Dauerbelastung speziell mit Sozius spürbar nach (Fading). Dafür regelt das ABS gut, hält das Heck stets am Boden – trotz recht hohen Schwerpunkts und kurzen Radstands. Kehre um Kehre schrauben wir uns von Canazei im Val di Fassa bis auf über 2400 Meter empor.

Im Kurvendickicht ist die KTM 690 Duke R eine Wucht. Handlich wie ein Mountainbike lässt sie sich über den Alu-Lenker im Stil der Cup-Maschinen hin und her werfen. Ihre Schräglagenfreiheit ist unauslotbar. Agilstes Handling aller 20 Alpenmasters-Testmotorräder trifft tolle Zielgenauigkeit. Wo die Alpendohlen am Himmel auf der Stelle wenden, schlägt die Duke R am Boden ihre Haken. Ein Springinsfeld und Funbike erster Güte. Das aber auch nervös werden (und auch machen) kann: Die mechanische Traktion ist eher gering. An den Rampen zum Pordoi-Pass rutschen die Michelin Pilot Power öfter mal weg, steht das Hinterrad quer. Zwar lässt sich die federleichte KTM 690 Duke R easy wieder einfangen, doch dieses (Ab-)Driften muss man mögen.

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Honda CB 650 F benutzerfreundlich und ausgewogen

Gefälliger wirkt die neue Honda CB 650 F. Sie wiegt 212 Kilogramm, ist die Schwerste ihrer Gruppe. Doch typisch Honda, macht sie es Neu- und Wiedereinsteigern sehr leicht: benutzerfreundlich und ausgewogen. Das beginnt mit dem leise säuselnden, kurz übersetzten Vierzylindermotor. Er gibt sich elastisch, läuft selbst im tiefsten Drehzahlkeller rund, legt homogen und gleichmäßig an Leistung zu. Allerdings auch ohne Kick. Die kleinen Kölbchen im komplett neuen Vierzylinder bemühen sich redlich. Doch bergauf aus den Kehren raus ist die Kraftentfaltung im zweiten Gang recht mau. Bis 8000 Touren ist dies der schwächste der vier „Fun“-Motoren. Soll es flott vorangehen, muss man im Honda-untypisch etwas hakigen Getriebe rühren.

Volle 89 PS, zwei mehr als versprochen, drückt die Honda CB 650 F erst bei fünfstelligen Dreh­zahlen. Das wirkt im alpinen Umfeld eher deplatziert. Zumal obenheraus und beim Gaswegnehmen die Vibrationen kribbelig-nervig ausfallen. Spürbar sind Lastwechselreaktionen beim Gas-auf-Gas-zu-Gas-wieder-Auf. Einfach gestrickt, aber ­effektiv funktioniert das Stahlrahmen-Fahrwerk mit angeschweißtem Heck, konven­tio­neller Telegabel und direkt angelenktem Federbein. Gut ausbalanciert und stabil zieht die komplett in Thailand gebaute CB 650 F ihre Kreise. Nicht eben superhandlich, aber gutmütig und berechenbar. Adrett und nett.

Entspannt und bequem bettet die Honda CB 650 F den Fahrer auf der gut zugeschnittenen Sitzbank. Da kostet man die sagenhafte Reichweite gern aus. Der schmale, doch gut gekröpfte Lenker bietet gute Vorderradkontrolle. Etwas rutschig rollt der recht breite 180er-Hinterreifen, ein Dunlop Roadsmart II. Sicher ankern die ABS-Bremsen, erfordern wenig Handkraft. Schick sind Wave-Bremsscheiben, Alu-Schwinge in Bananenform und Gussräder mit filigranen Speichen. Pepp bringen die vier parallel seitwärts geschwungenen Edelstahl-Krümmer samt Unterflur-Auspuff unterm „cleanen“, aufgeräumt wirkenden Motor. Trotz knallgelber Warnfarbe ist die Nachfolgerin der Hornet 600 weniger Aufreger als guter Kumpel.

MV Agusta Rivale 800 mit harter Gasannahme

Am anderen Ende des Spektrums liegt die MV Agusta Rivale 800. Ein echtes Macho­bike, eine verwegen-verrückte Mixtur aus Funbike und Supermoto. Ihr Augenweiden-Auspuff – knubbelige Orgelpfeifen – gibt den Blick auf das schöne, von einer Einarmschwinge geführte Hinterrad offen frei. Superedle High-end-Details kontrastieren mit improvisiert wirkenden Detaillösungen wie den untauglichen Lenker­enden-Spiegeln. Italienisch eben, Design oder nicht sein. Hoher Sitz (87 Zentimeter) und großer Wendekreis brauchen nicht nur am Berg Erfahrung. Radikalst fällt die Sitzposition aus. Der mega­breite Lenker liegt nah vor der Brust, spannt einen extrem weit nach vorn. Man glaubt fast, überm Vorderrad zu sitzen, die Radachse in Händen zu halten.

Das kompakt-gedrungene Kraftpaket von MV befeuert der fauchend-knurrige, gut 125 PS starke Dreizylinder. Er powert unten noch verhalten, kommt erst ab der 6000er-Marke vehement zur Sache. Dann schon fast zu gewaltig-feurig. In der zweiten Drehzahlhälfte muss die exklusive achtstufige Traktionskontrolle der MV Agusta Rivale 800 oftmals energisch dazwischengehen. Das Zusammenspiel von E-Gas, Kupplung und knochigem Getriebe fällt schwerer als beim Rest des Felds. Lange Übersetzung und untenrum wenig füllige Leistungsabgabe empfehlen den ersten Gang fürs Rausfeuern aus den Kehren. Da ist der Hochschalt-Assistent keine Hilfe. Hart fällt die Gasannahme aus, groß der Benzindurst, klein der 12,9-Liter-Tank. Dies begrenzt den Radius um die hiesige Agip-Tankstelle.

Zur geringen Zuladung passt der schlechte Soziussitz. Unkomfortabel, wenig nachgiebig arbeitet das straffe Sachs-Federbein, haut auf harten Absätzen mächtig ins Kreuz. Schön handlich lenkt die 194 Kilogramm leichte MV ein, ungefiltert-direkt. Doch auf Bodenwellen stellt sich die Rivale merklich auf. Ihr stabiles, frontlastiges Fahrwerk bietet zwar viele Reserven, mag aber lieber ebenen Belag mit flüssig zu fahrenden Kurven. Das wahre Potenzial der knackigen Bremsen kann man kaum ausnutzen – wegen der angewinkelten Arme kann man sich kaum abstützen. Die Rivale ist nicht Everybody’s Darling, sondern ein 13000 Euro teures Spiel- und Feuerzeug für Gutbetuchte. Hassen oder lieben, sie polarisiert. Sehr sinnlich, aber für die Alpen eindeutig zu radikal.

Yamaha MT-09 beglückt Anfänger, begeistert alte Hasen

Viel benutzerfreundlicher ist der zweite Triple im Feld, die Yamaha MT-09. Was für ein antrittsstarker Unten-Mitte-oben-Motor das ist, immer voll da. Sein bäriges Drehmoment überflügelt die drei anderen Kandidaten wie die Gipfel der drei Zinnen unsere Teststrecke. Elastizität trifft Kraft und tolle Fahrleistungen. Drehfreude ohne Drehzwang. Oft glaubt man, im dritten Gang zu fahren, dabei vermeldet die Ganganzeige bereits die „4“. Das kickt! Genau wie der dumpfe Auspuffklang mit seiner rauchigen Grundnote. Leichtgängig, aber gar nicht so oft nötig ist der Griff zur Seilzugkupplung. Gut, dass sich nach Triumph, Benelli und MV Agusta nun auch Yamaha wieder auf den Dreizack zurückbesinnt.

Wermutstropfen sind die ruppigen Lastwechselreaktionen und die harsche Gasannahme aus Rollphasen heraus. Dies kann am Kurven-Scheitelpunkt durchaus mal die Linie verhageln. Dann klappt die Upside-down-Gabel weg. Geschmeidiger fällt die Gasannahme im B-Modus aus, einem von drei Motor-Mappings. Das Fahrwerk federt weich, unterdämpft vor allem beim Ein­federn, also der Druckstufe. Die softe Abstimmung wirkt zunächst mal komfortabel, bietet aber tatsächlich wenig Reserven. Buckel­asphalt bringt die ansonsten so kurvengierige Yamaha MT-09 in Schräg­lage allzu leicht vom Kurs ab. Und das Federbein stempelt auf der­bem Asphalt. Das ginge alles auch stabiler!

Zur insgesamt guten Beherrschbarkeit trägt die bequeme Sitzposition bei: Tief drin im Motorrad, bauen sich Lenkkopf wie Lenker ungewöhnlich hoch vor einem auf: vertrauensbildend und handlingfördernd. Die Fußrasten liegen touristisch tief, fürs Sporteln dürfte es gerne höher sein. Für die weiche Upside-down-Gabel­ beißen die radial verschraubten Vierkolbenstopper fast schon zu giftig zu. Dies stellt das ABS-Regelverhalten auf eine harte Probe. Noch mehr Alltagstauglichkeit bei Gepäck- und Soziustransport hätte das Konzept sicher nicht verwässert. Trotzdem: Die Yamaha MT-09 beglückt Anfänger und begeistert alte Hasen.

Platzierung und Fazit

Foto: fact/Joachim Schahl
Platz 1: Yamaha MT-09 überzeugt mit einem seidigen, laufruhigen Dreizylinder-Motor.
Platz 1: Yamaha MT-09 überzeugt mit einem seidigen, laufruhigen Dreizylinder-Motor.

Platz 1: Yamaha MT-09

Plus

  • bärige Leistungsentfaltung, toller Durchzug
  • seidiger, laufruhiger Dreizylinder-Motor
  • gut abgestuftes Getriebe
  • bequemer „Arbeits“-Platz

Minus

  • kippeliges Fahrverhalten
  • Soziussitz unkomfortabel
  • schwierige Gepäckunterbringung
  • geringe Zuladung
Foto: fact/Joachim Schahl
Platz 2: Honda CB 650 F. Sie ist sehr leicht zu fahren und hat einen tollen Sitzkomfort für Fahrer und Sozius.
Platz 2: Honda CB 650 F. Sie ist sehr leicht zu fahren und hat einen tollen Sitzkomfort für Fahrer und Sozius.

Platz 2: Honda CB 650 F

Plus

  • bestes ABS dieser Gruppe
  • wenig Benzinverbrauch
  • enorme Reichweite
  • toller Sitzkomfort für Fahrer und Sozius
  • sehr leicht zu fahren

Minus

  • etwas müde Leistungsentfaltung
  • Durchzug im zweiten Gang mau
  • recht karge Ausstattung
Foto: fact/Joachim Schahl
Die KTM 690 Duke R landet ebenfalls auf Platz 2. Sie kann mit hoher Schräglagenfreiheit und neidrigem Verbrauch punkten.
Die KTM 690 Duke R landet ebenfalls auf Platz 2. Sie kann mit hoher Schräglagenfreiheit und neidrigem Verbrauch punkten.

Platz 3: KTM 690 Duke R

Plus

  • Motor mit viel Kraft in der Drehzahlmitte
  • superhandlich, kurvengierig und zielgenau
  • hohe Schräglagenfreiheit
  • niedriger Verbrauch
  • hohe Fahrwerksreserven

Minus

  • harte Vibrationen
  • schmales Drehzahlband
  • eher durchzugsschwach
Foto: fact/Joachim Schahl
Platz 4: MV Agusta Rivale 800. Sie verspricht ein sinnlich-emotionales Fahrerlebnis.
Platz 4: MV Agusta Rivale 800. Sie verspricht ein sinnlich-emotionales Fahrerlebnis.

Platz 4: MV Agusta Rivale 800

Plus

  • obenraus starker Motor
  • sinnlich-emotionales Fahrerlebnis
  • edle Machart
  • Traktionskontrolle

Minus

  • extreme Sitzposition
  • hoher Verbrauch
  • dürftige Reichweite
  • hartes Federbein
  • sehr geringe Zuladung
Foto: fact/Joachim Schahl

Daten und Messwerte

Honda
CB 650 F
KTM
690 Duke R  
MV Agusta
Rivale 800   
Yamaha
MT-09
MotorVierzylinderEinzylinderDreizylinderDreizylinder
Hubraum649 cm³690 cm³798 cm³847 cm³
Leistung87 PS70 PS125 PS115 PS
Drehmoment63 Nm70 Nm84 Nm88 Nm
Gewicht (ohne Koffer)212 kg165 kg194 kg192 kg
Zuladung184 kg185 kg168 kg173 kg
ABS/Traktionskontrolle

­ ●/-

●/-●/●●/-
Preis ohne Nebenkosten7690 Euro9995 Euro13190 Euro8295 Euro
Testverbrauch Pässe4,2 l/100 km4,3 l/100 km6,6 l/100 km4,9 l/100 km
theoretische Reichweite Pässe412 km326 km195 km286 km
Durchzug in 2000 m über NN,
50–100 km/h
9,7 sek11,2 sek6,6 sek6,5 sek
Durchzug bergauf mit Sozius,
2. Gang, 25–75 km/h
6,9 sek6,4 sek6,0 sek4,7 sek
Bremsweg bergab mit Sozius,
2. Gang, 75–25 km/h
23,0 m28,6 m27,5 m24,9 m

● = Serie; – = nicht vorhanden

MOTORRAD Wertung

Motor

 Maximale Punktzahl Honda
CB 650 F
KTM
690 Duke R
MV Agusta
Rivale 800
Yamaha
MT-09
Beschleunigung 0–140 km/h2015151718
Durchzug in 2000 m über NN201291818
Durchzug im 2. Gang bergauf mit Sozius2011131417
Leistungsentfaltung2012111618
Ansprech-/Lastwechselverhalten201213911
Kupplung2014161113
Schaltung2013161313
Getriebeabstufung107889
Summe15096101106117

Fahrverhalten

 Maximale PunktzahlHonda
CB 650 F
KTM
690 Duke R
MV Agusta
Rivale 800
Yamaha
MT-09
Abstimmung/Komfort201213911
Federungsreserven bei Beladung201113139
Handlichkeit auf Passstraßen2015191716
Stabilität in Kurven2013131211
Lenkpräzision/Rückmeldung2014151013
Bremswirkung2014131415
Bremsverhalten bergab/Fading20129912
ABS1511101010
Traktionskontrolle50020
Aufstellmoment beim Bremsen108956
Schräglagenfreiheit bei Beladung106997
Summe180116123110110

Alltag

 Maximale PunktzahlHonda
CB 650 F
KTM
690 Duke R
MV Agusta
Rivale 800
Yamaha
MT-09
Ausstattung204767
Gepäckunterbringung101111
Reichweite Pässe201914511
Zuladung208845
Handhabung beladen108988
Sicht nach vorne/hinten108537
Bodenfreiheit mit Sozius und Gepäck107765
Summe10055513344

Komfort

 Maximale PunktzahlHonda
CB 650 F
KTM
690 Duke R
MV Agusta
Rivale 800
Yamaha
MT-09
Sitzkomfort Fahrer201310813
Sitzkomfort Sozius2010948
Wind- und Wetterschutz200010
Laufruhe Motor107378
Summe7030222029
 Maximale Punktzahl  Honda CB 650 F    KTM 690 Duke RMV Agusta Rivale 800Yamaha MT-09
Gesamtwertung500297297269300
Platzierung2.2.3.1.

Fazit

KTMs 690er-Duke R bietet beachtliche Reife und tollen Fahrspaß. Doch ihr Supermoto-Konzept erlaubt wenig Kompromisse. Dies gilt erst recht für die radikale MV Agusta Rivale 800. Als Favorit galt Hondas brandneue CB 650 F. Doch ein wenig zahm, ohne Qualm und Kick, überzeugt ihr Vierzylinder im Kurvenkarussell nicht voll. Das tut der Yamaha-Dreizylinder umso mehr. So schafft es die Yamaha MT-09 trotz unterdämpften Fahrwerks ganz knapp ins Finale.

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