Vergleichstest Cruiser Sachte, Mann!

Motorräder gibt’s, die sind zum Kippen zu schade. Statt wilder Schräglagen laden Suzuki Intruder M 800 und Triumph Speedmaster zum genüsslichen Spazierenfahren ein. Zum Cruisen eben.

Foto: Sdun
Es gibt Tage, da reicht’s einfach. Hektik, missmutige Gesichter ringsum und dann noch mieses Wetter. Doch einen Lichtblick gibt’s. Im Donautal, südlich der Schwäbischen Alb, könnte die Sonne durchbrechen, heißt es im Wetterbericht. Ein Wink mit dem Zaunpfahl?
In der Redaktionstiefgarage stehen zwei passende Gefährte, um die schlechte Laune zu vertreiben: die neue Suzuki
Intruder M 800 mit ellenlangen Sidepipes, gestrecktem Lampengehäuse, Tropfentank und Bobtail-Heck – ein Ebenbild der großen Schwester M 1600. Und die überarbeitete Triumph Speedmaster. Nicht ganz so verspielt wie die Intruder, aber
mit einem Tachometer groß wie eine Kuckucksuhr und einer pferdesattelähnlichen Sitzbank. Sie sind keine Cruiser
von der ganz dicken Sorte. Ihre Motoren begnügen sich mit kaum mehr als 800 cm3, und die beiden wiegen locker einen Zentner weniger als die Großen ihrer Spezies.
In der Indruder M 800 swingt noch
immer jener wassergekühlte 45-Grad-V-
Motor, der bereits 1986 in der VS 750 seinen Einstand gab, inzwischen mit 805 cm3 und elektronischer Einspritzung. Seine 53 PS überträgt wie gehabt eine Kardanwelle. Eher cruiseruntypisch präsentiert sich der Antrieb der Speedmaster. Ein Vierventil-Paralleltwin, der ab diesem Modelljahr durch vier Millimeter mehr Bohrung von 790 auf 865 cm3 Hubraum aufgestockt wurde. Gleich zwei Ausgleichswellen er-
sticken Vibrationen im Keim, obwohl die
Engländer eine Kurbelwelle mit 270 Grad Hubzapfenversatz installierten, um dem kurzhubigen Twin wenigstens ein bisschen rauen Charakter zu verleihen. Die neue Speedmaster entwickelt bei niedrigerer Nenndrehzahl mehr Drehmoment und eine fülligere Leistungskurve, indes auch nur noch 55 statt bislang 61 PS. Quasi Hammer statt Kreissäge.
Jetzt aber los. Bis ins Donautal sind
es über die A 81 noch ein paar Kilometer, die man schnell hinter sich bringen sollte. Doch was heißt schnell? Auf der Auto-
bahn Richtung Süden lässt man es mit den
beiden lieber gelassen angehen. Bereits ab 130 km/h Reisegeschwindigkeit ermüdet die offene Haltung mit gespreizten Armen und Beinen die Fahrer nach kurzer Zeit. Lange Kerle sitzen auf der Suzuki außerdem unbequem aufrecht statt lässig lümmelnd, und die harte Kante zum Soziussitz drückt unangenehm. Auf der Speedmaster können sie auf dem Gunfighter-Sattel bequem nach hinten rutschen, den Oberkörper etwas vorbeugen und so schon besser dem Wind trotzen.
Die Speedmaster ist die Ruhe selbst. Leise, unauffällig, fast schon ein wenig blass, marschiert sie unbeirrbar voran. Aus jeder Drehzahllage spannt der Motor die Sehnen, zieht geschmeidig und kraftvoll
an – ungewöhnlich, weil ziemlich sportlich für einen Cruiser. Entspanntes, niedertou-
riges Dahingleiten gehört aber ebenfalls zum Repertoire des seidig weich laufenden und sauber am Gas hängenden Twins.
Viel effektvoller setzt sich die Intruder in Szene. Grummelnd nimmt sie Fahrt auf, stemmt sich leicht schüttelnd gegen den Wind, vibriert, wenn es ihr drehzahlmäßig zu anstrengend wird. Hochtouriges Fahren ist ihr zuwider. Ihr Motor pulsiert, schwingt, bebt sanft – je nach Drehzahl. Auf spür-
bar wechselnden Gefühlsebenen, einsetzbar nach Lust und Laune. Wie sauber und exakt sie dabei auf jede noch so kleine Bewegung der Gashand reagiert, ist ihrer gut abgestimmten elektronischen Einspritzung zu verdanken.
Sich sputen mag die M 800 gar nicht. Dann kommt Bewegung ins Fahrwerk.
Wie ein Zappelphilipp schwänzelt sie beim Überfahren von Mittellinien hin und her. Ihr unruhiges Verhalten lässt sich jedoch zähmen. Mit mehr Federvorspannung hinten entschärft sich die Lage, rollt die Intruder deutlich stabiler daher. Solche erzieherischen Maßnahmen braucht die Speedmaster nicht. Kein weiterer Handgriff ist notwendig, damit sie geradlinig und spurtreu ihre Bahn zieht.
Wie versprochen streckt im Donautal die Sonne ihre Strahlen durch die Wolken, und schon bald reißt es auf. Die Luft
riecht nach frischem Grün, die Temperatur erreicht angenehm warme Regionen. Tief durchatmen und entspannen. Flugs die Gänge durchschalten und die Landschaft auf niedrigem Drehzahlniveau vorbeiziehen lassen. Sanft massiert der Suzuki-V2 den ganzen Körper, blubbert einem angenehm die Ohren voll. Ein unterhaltsamer Nebeneffekt. Den Paralleltwin dagegen spürt und hört man kaum. Die Speedmaster fährt
unauffällig und kann, was die puren Fahrleistungen betrifft, alles besser: Höchstgeschwindigkeit, Beschleunigung, Durchzug. Allerdings fühlt sich das Ganze an, als sähe man im Kino Matrix Reloaded, und irgendjemand hätte den Ton abgeschaltet.
In harmonischen Schwüngen winden sich die Straßen durchs Donautal. Ideales Terrain für die beiden. Lässig folgen Intruder und Speedmaster dem Straßenverlauf in cruisertypischer Schräglage. Viel geht da nicht. Besonders die Suzuki setzt sehr
früh auf den Seitenständer auf. Dafür ist die M 800 einen Tick leichtfüßiger, weil
ihr Schwerpunkt tiefer und das Vorderrad zwar dicker, aber kleiner ist als das der
Triumph. Ihre Federelemente sind noch weicher abgestimmt, weshalb sie sich
auf buckeligen Fahrbahnbelägen schneller aufschaukelt als die Speedmaster. Aber nicht in erschreckendem Ausmaß. Weit kritischer sind die Bremsen. Die eine Scheibe im Vorderrad verzieht nicht nur die Gabel, sondern erfordert auch viel Handkraft und lässt sich schlecht dosieren. Und von der 180 Millimeter großen Trommel hinten darf man nicht viel Unterstützung erwarten, weil sie sich selbst mit größtem Kraftaufwand nicht überbremsen lässt.
Die Speedmaster hat Scheibenbremsen rundum, vorn sogar eine doppelte.
Die brillieren sowohl mit guter Bremsleistung und Dosierung als auch mit
geringer Betätigungskraft. So könnte man viel schneller... will man aber gar nicht. Entspanntes Dahingleiten tut der Seele gut. Und schont außer den Nerven ganz nebenbei auch den Geldbeutel. Im defensiven Landstraßenbetrieb genehmigen sich beide Motoren nur wenig mehr als vier
Liter Kraftstoff. Da gönnt man sich doch gerne ein Päuschen auf der Sonnenterrasse eines Cafés, um dann noch gelassener den Heimweg anzutreten.

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