Vergleichstest: Dreiviertelliter-Chopper Zwei kleine Chopper im Vergleich

Maschinen, die in der Sonne funkeln, mit denen man nach Feierabend noch eine schöne Runde um den Ort dreht, um zu schauen, wie hoch das Getreide steht. Wer kann das besser, Hondas Chopper oder Hyosungs Cruiser?

Foto: Bilski
Auf dem Asphalt steht die Luft. Die Sonne scheint, als hätte sie van Gogh gemalt. Und die Blumen blühen, als würden sie dafür bezahlt. Auf menschenleeren Sträßchen ertappt man sich dabei, wie man mal am Gras fühlt. Während der Fahrt. Oder kurz beide Arme ausbreitet, als könnten sie einen wie Schwingen beflügeln. Hinzu kommt das Erlebnis Jethelm: Jeden Duft riechen, jedes Insekt einzeln schlucken, jeden Tropfen stechend im Gesicht spüren. Die zwei Motorräder, die ihre Fahrer so beschwingt machen, sind brandneu: zum einen die Honda VT 750 S als günstiger, simpel gestrickter Einstiegs-Chopper für 7160 Euro brutto.

Zum anderen die Hyosung ST 700i. Sie setzt auf einen massigen, barocken, opulenten Auftritt. Mit fetten Ballonreifen und ausladenden Schutzblechen aus Plastik, Hirschgeweih-Lenker und hoch gestelltem Nummernschild spielt sie den Cruiser des kleinen Mannes. Doch für 7670 Euro ist die voll verchromte Korea-Harley kein Schnäppchen. Optisch macht die Hyosung verdammt auf dicke Hose. Sie wäre so gerne groß. Immerhin: Motorisch und preislich ist die ST 700i die Speerspitze des Modellprogramms von Hyosung. Drei Millimeter mehr Hub und 31 cm3 mehr als die 650er-Modelle hat ihr 90-Grad-V2. Modern sind seine insgesamt acht Ventile und die vier obenliegenden Nockenwellen. Satte 63 PS, gemessen noch glatte 60, sind der Lohn der konstruktiven Mühe. Der sportlicher ausgelegte Hyosung-V2 punktet allerdings erst spät, bei hohen Drehzahlen. Bei denen er dann auch ganz ordentlich vibriert. Wartungsarm ist der Zahnriemen zum Hinterrad mit der vermutlich größten Abdeckung der Welt. Wenngleich Lastwechselreaktionen beim Gas-auf-Gas-zu derber ausfallen als bei dieser Antriebstechnik üblich. Pochend und pulsierend klingt der Korea-Twin, prustet beim Schließen des Gasgriffs herzhaft aus den beiden langen, angeschrägten Auspuffen.
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Foto: Bilski
Honda, größter Motorenhersteller der Welt, setzt auf einen viel älteren Antrieb: Der V2 mit 52 Grad Zylinderwinkel, drei Ventilen und nur einer Nockenwelle pro Kopf erschien in seiner Grundform in der VT 500 E im Jahr 1983. Er hat sich seither in einem runden Dutzend Modellen millionenfach bewährt, gilt als absolut unzerstörbar. Und spielt trotz bescheidener 44 PS Spitzenleistung auch hier seinen hohen Reifegrad aus. Reicht doch. Okay, die Beschleunigung liegt eher auf dem Niveau gut gehender TDIs. Sie reißt einem nicht gleich die Arme ab, die VT. Na und? Bis weit in mittlere Drehzahlen übertrumpft der 750er-V2 seinen Rivalen klar. Untenherum hat die kürzer übersetzte Honda die Lampe vorn, oben heraus klar die Hyosung. Ab 100 km/h wird´s auf der Honda sehr zäh. Doch das Feeling stimmt. Der personifizierte Sanftmut. Ärgerlich sind der pflegeintensive Kettenantrieb und der schmalbrüstige 10,7-Liter-Tank. Nur ihrem geringen Spritkonsum von 3,8 Litern auf hundert Kilometer verdankt sie es, dass nicht jede Tour zu einem Trip von Tankstelle zu Tankstelle ausartet. Nur ganz sanfte Vibrationen dringen zum Fahrer durch, das Auspuff-Blubbern hat fast therapeutische Wirkung.

Genau so ist das ganze Motorrad. Sanft, geschmeidig, easy. Moderate 234 Kilogramm und kompakte Abmessungen sind selbst von Anfängern zu beherrschen. Einfach nur das Fahren genießen. Vorn sitzt man oder frau bequem auf der einteiligen Gunfighter-Sitzbank, die Rasten sind für diese Klasse weit hinten angebracht, der Lenker liegt prima zur Hand. Allein Fahrer mit X-Beinen bekommen beide Knie an den schmalen Tank. Rechts stört der Luftfilterkasten. Harley-like. Die VT ist gebaut für kleine Leute, ein gutes Mädchen-Motorrad.
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Foto: Bilski
Nur der Passagier hockt völlig verloren auf dem kleinen, abschüssigen Soziussitz der Honda. Für Zweipersonenbetrieb fehlt es dem Motor ohnehin an Reserven. Dann doch lieber die Gepäckhaken nutzen und hinten eine Tasche drauf schnallen. Eigentlich ist die VT kein echter Chopper. Eher schon ein angechopptes, klassisches Motorrad, das nur in Grau zu haben ist.

Und dessen Verarbeitungsqualität stimmt. Fein gegossene Metall-Armaturen mit zwei Gaszügen, gebürstetes Alu, schmale Speichenräder, die in der Sonne funkeln. Mit der VT kann man sich sehen lassen. Der 19-Zöller vorn ist eine betörend schöne Trennscheibe. Hinten rotiert ein 16zölliger 150er-Reifen. Die Metzeler Marathon 880 "made in Germany" haften gut. Schade, die VT kratzt früh mit den Rasten. Aber sie bleibt jederzeit stabil und berechenbar. Komfortabel und zielgenau. Sehr manierlich arbeiten die Federelemente. Spartanisch sind die Bremsen, Einzelscheibe vorn, Trommel hinten. Egal, die Vorderradbremse bringt den Pneu zum Pfeifen. ABS ist bei beiden leider Fehlanzeige. Bei der Hyosung stimmt die lässige Sitzposition im breiten, tiefen Sattel. Die Füße ruhen viel weiter vorn als auf der Honda, der Knieschluss ist besser. Der Sozius thront erhaben und bequem. Allerdings ist die Zuladung gering. Auch bei der Ausstattung verbucht die Hyosung Vorteile: Nur sie hat Benzinuhr, Warnblinker und einen Multireflektor-Scheinwerfer. Dazu LED-Rückleuchten, einstellbaren Bremshebel und die Option zweier Farben, Rot oder Schwarz. Konstruktiv trägt die ST 700i bessere Bremsen, doch die erforderliche hohe Handkraft vorn macht die Dosierung diffiziler. Insgesamt ist die 251 Kilogramm schwere Hyosung nicht so leicht zu fahren. Zwar klappt sie leicht aus der Senkrechten ab, vermittelt aber wenig Rückmeldung und Vertrauen. In Schräglage ist sie indifferent, diffus. Weder besonders lenkpräzise noch neutral. Könnte an den dicken, hohen Reifen mit 80er-Querschnitt von der koreanischen Marke Shinko liegen. Oder an den unterdämpften Federbeinen mit knappstem Federweg. Bockig arbeitet die verblendete Upside-down-Gabel. Durch hohes Losbrechmoment spricht sie unsensibel an. Einmal eingefedert, bleibt sie stecken - Zugstufe überdämpft. Auf schlechten Strecken stuckert es. Cruiser sind nie handlich. Cruiser sind stabil. So läuft die Hyosung wenigstens gut geradeaus.

Teilweise lieblose Details, klappernder Kunststoff und Rost an Rahmen wie Auspuff der ST 700i schmälern die Begeisterung. So wie die Tankentlüftung rechts im Tankstutzen: Nach dem Volltanken suppt es während der Fahrt über Knie und Spritfass. Der Aufkleber am Tank ist weder benzinfest noch überlackiert, er wirft daher Blasen. Und die Abendsonne ihre letzten Strahlen auf die funkelnden Maschinen.
Foto: Bilski

Technische Daten Hyosung ST 700i

Motor:
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-90-Grad-V-Motor, je zwei obenliegende, kettengetriebene Nockenwellen, vier Ventile pro Zylinder, Nasssumpfschmierung, Einspritzung, Ø 39 mm, geregelter Katalysator, Lichtmaschine 324 W, Batterie 12 V/12 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Zahnriemen, Sekundärübersetzung 2,69.
Bohrung x Hub 81,5 x 65,0 mm
Hubraum 678 cm³
Verdichtungsverhältnis 11,5:1
Nennleistung 46,0 kW (63 PS) bei 8000/min
Max. Drehmoment 57 Nm bei 7000/min

Fahrwerk:
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Upside-down-Gabel, Ø 41 mm, verstellbare Zug- und Druckstufendämpfung, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Vierkolben-Festsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 270 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel.
Alu-Gussräder 2.75 x 16; 4.00 x 15
Reifen 120/90 16; 170/80 15
Bereifung im Test Shinko SR 712

Maße und Gewichte:
Radstand 1690 mm, Lenkkopfwinkel 57 Grad, Nachlauf 142 mm, Federweg v/h 140/61 mm, Sitzhöhe* 700 mm, Gewicht vollgetankt* 251 kg, Zuladung* 164 kg, Tankinhalt/Reserve 17,0/3,0 Liter.
Garantie zwei Jahre
Service-Intervalle 6000 km
Farben Rot, Schwarz
Preis 7495 Euro
Nebenkosten zirka 175 Euro *MOTORRAD-Messungen
Foto: Bilski

Technische Daten Honda VT 750 S

Motor:
Wassergekühlter Zweizylinder-Viertakt-52-Grad-V-Motor, je eine obenliegende, kettengetriebene Nockenwelle, drei Ventile pro Zylinder, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 34 mm, geregelter Katalysator mit Sekundärluftsystem, Lichtmaschine 399 W, Batterie 12 V/11 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, O-Ring-Kette, Sekundärübersetzung 38:17.
Bohrung x Hub 79,0 x 76,0 mm
Hubraum 745 cm³
Verdichtungsverhältnis 9,6:1
Nennleistung 32,2 kW (44 PS) bei 5500/min
Max. Drehmoment 62 Nm bei 3250/min

Fahrwerk:
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 41 mm, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, Ø 296 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel, Trommelbremse hinten, Ø 180 mm.
Speichenräder mit Alu-Felgen 2.15 x 19; 3.50 x 16
Reifen 100/90 19; 150/80 16
Bereifung im Test Metzeler ME 880

Maße und Gewichte:
Radstand 1560 mm, Lenkkopfwinkel 57,5 Grad, Nachlauf 134 mm, Federweg v/h 118/90 mm, Sitzhöhe* 755 mm, Gewicht vollgetankt* 234 kg, Zuladung* 185 kg, Tankinhalt 10,7 Liter.
Garantie zwei Jahre
Service-Intervalle 6000 km
Farben Grau
Preis 6990 Euro
Nebenkosten zirka 170 Euro *MOTORRAD-Messungen
Zeichnung: Archiv

MOTORRAD-Messungen

Bis 5500 Touren spielt die Honda ihren Hubraumvorteil von rund zehn Prozent voll aus. Erst über dieser Marke drückt der kurzhubigere, vierventilge Hyosung-V2 mehr ab. Dem sparsamen, kurz übersetzten Honda-Dreiventiler geht ab Tempo 100 die Puste aus. Höchstgeschwindigkeit (Herstellerangabe)
 Hersteller Km/h
 Honda 153
 Hyosung 176


Beschleunigung
 Hersteller 0-100 km/h
 0-140 km/h
 Honda 7,1 18,8
 Hyosung 5,5 12,7


Durchzug
 Hersteller 60-100 km/h
 100-140 km/h
 Honda 4,7 11,6
 Hyosung 5,7 7,6


Kraftstoffverbrauch (Landstraße)
 Hersteller Liter/100 Km
 Honda 3,8 Normal
 Hyosung 4,2 Normal


Theoretische Reichweite (Landstraße)
 Hersteller Km
 Honda 282
 Hyosung 405
Foto: Bilski

Fazit

Ein ähnliches und doch so ungleiches Duo: Die Hyosung ist teurer, stärker und moderner als die Honda. Doch vom Fahrverhalten her triumphiert die Japanerin klar über die Konkurrentin aus Korea. Nur im Soziusbetrieb punktet die mäßig verarbeitete ST 700i.

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