Vergleichstest Harley-Davidson-Chopper

Mit dem Harley-Davidson-Modell-programm ist es ein wenig wie mit der Losbude auf dem Rummel. Die Company preist ihre Hauptgewinne an, der glückliche Gewinner weiß nicht recht, welchen er nehmen soll. Neue Wide Glide oder alte Street Bob welche ist das große Los?

Foto: Bilski
Das hatten wir doch schon mal." Wenn es je eine Firma gab, für die diese Feststellung zutrifft, dann Harley Davidson. Egal, ob 10, 20 oder 33 1/2 Jahre in der langen Geschichte der "Motor Company" gibt es immer einen Anlass, um die Vergangenheit zu zitieren. Im aktuel-len Fall das 30-jährige Jubiläum der "Wide Glide", natürlich nach Tradition des Hauses mit einer Neuauflage. Allerdings tut sich da ein kleines Problem auf. Seit 2006 produziert Milwaukee nämlich auch die Dyna Street Bob mit identischem Motor, beinahe identischem Fahrwerk und oh Wunder ganz ähnlichen Anlagen. "Mit dem Charakter eines radikalen Choppers" die eine, nämlich die Wide Glide, "gestrippt bis auf das, was zählt" die Street Bob. O-Ton Pressetext. Wer nun weiß, dass "to chop" im Englischen "(ab)hacken" bedeutet, ein Chopper also ein Motorrad ist, bei dem alles Überflüssige entfernt wurde, fragt zu Recht: Wo ist da noch der Unterschied, zumal beide auf dem Dyna-Fahrwerk mit konventionellen Federbeinen und dem Twin Cam 96-Motor mit 1548 Kubikzentimetern basieren? Alte Harley-Hasen kennen die Antwort. "Im Detail", verkünden sie wissend, verweisen auf den um fünf Grad flacheren Lenkkopfwinkel (54 Grad) der Wide Glide. Oder auf das größere Vorderrad mit dem schmaleren Reifen, das breitere Hinterrad, die andere Auspuffanlage. Alles korrekt, alles sicht- und spürbar. Aber alles Marginalien, gemessen an dem, was wirklich zählt. Ganz klar: Bei derart identischen Voraussetzungen kann es nur die Sitzposition sein, die den Ausschlag gibt. Ausgangsbasis dafür ist die identische Sitzbank, die den Fahrer jeweils in niedrigen 680 Millimetern über dem Boden platziert. Doch damit hören die ergonomischen Gemeinsamkeiten eindeutig auf.
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Foto: Bilski
Erst Lenker und Fußrasten machen die Wide Glide zur Wide Glide und die Street Bob zur Street Bob, denn Harley hat das, was Chopperfahrer wirklich wollen, in gleichmäßiger Dosierung über beide Modelle verteilt. Worum geht es? Böse gesagt: Darum, zu sitzen wie der Affe auf dem Schleifstein. So verhindert ein halbhoher "Ape Hanger" auf der Street Bob Achselschweiß so zuverlässig wie das direkte Gefühl zum Vorderrad, während bei der Wide Glide die Fußrasten so weit vorn an den Rahmenunterzügen angebracht sind, dass Steiß und Wirbelsäule die natürliche Fortsetzung der Federbeine bilden und somit von bescheidenen 79 Millimetern Federweg aktiv in die Dämpfungsaufgaben eingebunden werden. Diese Aufteilung der Folterinstrumente auf beide Fahrzeuge ist im Sinne ganzheitlichen Unwohlseins nicht konsequent und daher nicht so schlimm, wie es sich anhört. Doch es lässt den Fan allein mit einer weit reichenden Entscheidung: Welche Art der Buße ist angemessen, um mich in Demut für den erlauchten Chopperzirkel reif zu machen? Ein paar kleine Entscheidungshilfen: Für die Street Bob spricht, dass der verchromte Luftfilter auf der einen sowie die Hupe auf der anderen Seite die Unterschenkel im Takt des V2 massieren und so die "good vibrations" jederzeit spürbar weitergeben, während die Motoraufhängung in Gummi-lagern auf der Wide Glide mangels direktem Kontakt einiges wegdämpft. Außerdem sind es die bekömmlichere Hinterraddimension (160 statt 180 Millimeter), vor allem aber die Michelin-Bereifung, die den Umgang mit der Street Bob etwas freundlicher (und bei Regenfahrten sicherer) gestalten. Für die Wide Glide spricht hingegen der "Peter-Fonda-Effekt". Solange es nicht über die 100-km/h-Marke geht oder Kurven in engagiertem Tempo angegangen werden, fühlt es sich richtig lässig an, wenn die Füße unter dem Lenkkopf sich den Fahrtwind durch die Zehen pfeifen lassen. Dann den als Overdrive ausgelegten Sechsten eingeklonkt (so ab 70 km/h ohne Rütteln und Schütteln), und vorwärts geht es, dem Horizont entgegen. Bei der Gelegenheit darf man sich wiederholt darüber freuen oder wundern, welche Kultur und Umgangsformen Harley seinen Big Twins mittlerweile anerzogen hat. Eine seidenweiche Gasannahme und nahezu null Spiel im Antriebsstrang minimieren Lastwechselreaktionen fast vollständig. Da ruckelt nichts und klackert nichts, es geht umgehend und geschmeidig vorwärts, und zwar sogar ganz tief aus dem Drehzahlkeller. Schon bei rund 3500/min liegt ein Drehmomentmaximum um die 120 Newtonmeter an, aber ab 2000/min und bis zu rund 5000/min lässt sich unbeschwert choppern, bevor für die Zweiventiler mit ihren zwei untenliegenden Nockenwellen die Luft dünn wird.
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Foto: Bilski
190 km/h sind dann für die Street Bob mit ihrem sich an den Ape Hanger klammernden Fahrer drin, 195 sollen es für die Wide Glide sein. Theoretisch, denn ernsthaft wird sich das niemand antun wollen. Den beherzten Zwischenspurt schon. Nein, nicht mit Runterschalten und dem ganzen uncoolen Hokuspokus. Einfach so, im fünften Gang, denn für solche Übungen sollte der ewig lange Sechste er reicht theoretisch bis 250 km/h Pause haben. Dass hier die Street Bob etwas besser dasteht als die Wide Glide, liegt weniger am sechs Kilogramm geringeren Gewicht als an der erstaunlicherweise noch fülligeren Mitte (siehe Leistungskurven). Wie kommt das? Vermutlich sind die unterschiedlichen Auspuffanlagen schuld. Dem echten Chopper-Fan kann das herzlich egal sein. Ebenso, wie die daraus resultierenden besseren Fahrleistungen und der etwas höhere Verbrauch.

Daten: Harley-Davidson Street Bob (Wide Glide)

Motor:
Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-45-Grad-V-Motor, Kurbelwelle quer liegend, zwei unten­liegende, kettengetriebene Nockenwellen, zwei Ventile pro Zylinder, Hydrostößel, Stoßstangen, Kipphebel, Trockensumpfschmierung, Einspritzung, Ø 46 mm, geregelter Katalysator, Licht­maschine 493 W, Batterie 12 V/19 Ah, mechanisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, Zahnriemen, Sekundärübersetzung 66:32.
Bohrung x Hub 95,3 x 111,1 mm
Hubraum 1585 cm3
Verdichtungsverhältnis: 9,2:1
Nennleistung: 56,0 (57) kW, 76 (78) PS bei 5350 (5250)/min
Max. Drehmoment: 123 (126) Nm bei 3125 (3500)/min

Fahrwerk:
Doppelschleifenrahmen aus Stahl, Telegabel, Ø 49 mm, Zweiarmschwinge aus Stahl, zwei
Federbeine, verstellbare Federbasis, Scheibenbremse vorn, Ø 300 mm, Vierkolben-Festsattel, Scheibenbremse hinten, Ø 292 mm, Doppelkolben-Schwimmsattel.

Speichenräder mit Alu-Felgen: 2.15 x 19 (2.15 x 21); 4.50 x 17
Reifen: 100/90-19 (80/90-21); 160/70-17(180/60-17)

Bereifung im Test Michelin Scorcher "31" (Dunlop GT 502)

Maße+Gewichte:
Radstand 1630 (1715) mm, Lenkkopfwinkel 61,0 (56,0) Grad, Nachlauf 119 (132) mm, Federweg v/h 127/79 mm, Sitzhöhe* 690 (670) mm, Gewicht vollgetankt* 300 (306) kg, Zuladung* 192 (186) kg, Tankinhalt/Reserve 17,3/3,4 Liter.

Garantie: zwei Jahre

Service-Intervalle: 8000 km

Farben: Rot, Schwarz (Silber, Blau)

Leistungsvariante: Street Bob 25 kW bei 4750/min

Preis: 12995 (14795) Euro

Nebenkosten: zirka 350 Euro
Foto: MRD

MOTORRAD-Messungen/Fazit

MOTORRAD-Fazit:

Wie man sich sich hinsetzt, so fährt man. In der Tat ist es vor allem die Sitzposition, die den entscheidenden Unterschied zwischen der neuen Wide Glide und der alten Street Bob macht. Arme nach oben oder Beine nach vorn – so definieren sich die beiden Chopperphilosophien, entscheiden muss jeder selbst. Und wer weder das eine noch das andere mag? Sollte lieber zu Fuß über den Rummel schlendern oder ein ganz normales Motorrad fahren.

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