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Vergleichstest: Harley Davidson, Moto Guzzi, Triumph und Yamaha The Big Easy: Charakter-Bikes im Vergleich

The Big Easy ist das Synonym für New Orleans und das dort herrschende träge und relaxte Südstaaten-Feeling. PS ging's also easy an und ließ sich gelöst mit den stärksten Charakter-Bikes der Szene ein. Starke Typen mit eigenem Kopf, die sich trotz ihrer Coolness nicht immer verstehen müssen. Oder doch? Es treten an: Harley Davidson XR 1200, Moto Guzzi Griso 8V, Triumph Thruxton und Yamaha MT-01.

The Big Easy

"Well, Motschi-San, Hubraum ist nicht alles. Persönlichkeit zählt, Individualität." Scott Barker kühlt sich den Rachen mit ein paar Schluck Bier und versinkt wieder in seinen Gedanken: Ein ganzer verdammter und verdammt sonniger Tag im Sattel einer Harley. Einer neuen Harley. Einer XR 1200. Das macht Durst. Allein, wie der Ofen aussieht in diesem heißen Orange. Leuchtet so grell wie der Minirock eines Cheerleaders. Sieht aus wie die berühmte XR 750, der Dirt-Track-Racer. Und kostet grade mal 10 990 Euro. Der Preis wird einige Pappnasen anlocken; Ende der Individualität. Scott spült die bittere Idee kühl hinunter und versucht, an angenehmere Bilder zu denken. An den Tag auf der XR und den drei anderen Bikes. Angefangen hatte alles am Treff. Da waren der Motschi-San auf seiner MT-01, der gestriegelte Lecca Toni mit seiner Guzzi Griso 8V und dieser versnobte Gene Robhero auf der Thruxton. Man kannte sich vom Sehen, war aber noch nie zusammen geritten. Ohne viele Worte ist die Mission klar: „Wil fahlen del Sonne nach“, hatte Motschi gesagt. Und die anderen verstanden. Der Japaner voraus, Scott folgt dichtauf. Vom geilen Bass der MT-01 will nicht einmal ein Harley-Jünger einen Beat verpassen. Klar ist Hubraum nicht alles, aber 1670 Kubik sind kein Fehler. Auch wenn sie aus Japan kommen. Spätestens beim ersten Kaffee sind alle vier richtig angefixt. Neugierig auf die anderen Bikes. Ohne viele Worte ist der Tausch beschlossen, und Scott klettert in den Sattel von Motschis Yamaha. Wow, was für ein Bike! Fast ein Hochrad, wenn man grade von der Harley umsteigt. Dabei ist der Sitz nicht einmal ein Viertelinch weiter weg vom Asphalt. Trotzdem fühlt sich die MT-01 ganz anders an. Den breiten Lenker, den kennt Scott. Aber gleichzeitig entspannt und zum Vorderrad orientiert sitzen?

Kaum zu glauben, aber das geht. Dann die Wumme zwischen den Knien: 105 Kilo wiegt alleine der Motor, 1,67 Liter Hubraum in zwei Zylindern bringt er mit – das ist echtes Heavy Metal. Und wie das schiebt! Dagegen ist Scotts geliebte Harley eine blasse Drehorgel. Ab 1500 Touren geht der Bock, zwischen der 20 und der 30 auf der Uhr fühlt er sich am wohlsten, zur Not gehen auch 50. Braucht aber kein Mensch, über 40 muss man kaum. Schon gar nicht im fünften, dem letzten Gang: Der ist ewig lang übersetzt. Und die Yamaha wiegt immerhin fünfeinhalb Zentner. Ohne Scott. Manchmal muss man eben sogar auf einer Siebzehnhunderter runterschalten. Zum Glück funktionieren japanische Getriebe problemlos. Scott schmunzelt, die erste Wechselkurve auf der Yam war ’ne böse Überraschung. Dass seine XR besonders gern geradeaus fährt, daran hat er sich ja gewöhnt. Aber das MT-01-Vieh ist noch störrischer: Erst wollte es nicht schräg fahren, und als Scott es dann mal so weit hatte, wollte es sich gleich wieder aufrecht hinstellen. "Ich welde übelmolgen plobielen andele Leifen." Aha, Motschi-San hat das Problem auch bemerkt und will die Metzeler Z6-Gummis ersetzen. Guter Mann. Dafür beißt die Bremse gut, und die Gabel knickt nicht gleich beim ersten Bremsmanöver ab wie ein Streichholz. "Gar nicht mal übel", zieht durch Scotts Hirn. "Für einen Japaner", denkt er eilig dazu.

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Foto: K

Griso--Swing

Dann muss Lecca Toni mal wieder dringend telefonieren und zieht an den Randstreifen rüber. Kaum stehen sie, kommt Motschi-San an und lächelt: "Gloßaltig, del Dluck, odel?" Scott lässt ihn ungalant stehen und schnappt sich die weiße Fee des Italieners. Diese glänzende Kiste erinnert ihn an seine XR. Als hätten sich ZZ Top auf den jungen John Travolta umgestylt. Der Guzzi-Lenker ist flacher, aber ebenfalls schön breit, die Rasten passen – so ist cooler Sport. "Vorsicht Scott, Sport war noch nie dein Ding", ermahnt er sich selbst. Lecca hat fertig, weiter geht’s. Fahrtwind und Sonne gerben die Haut. Die Griso unter Scott tanzt im Takt der Kurven, folgt den Impulsen des Fahrers und verbreitet eine Leichtigkeit, die nur ganz wenige haben. Im Vergleich mit der Yam und der XR fehlt ihr aber Punch aus dem Keller. Sie kommt aus der Stadt, klar, aus Italien noch dazu, kann ihren Hang zur Hektik nie ablegen. Sie hat ein prima Handling, aber im Great-Relax-Modus fehlt ihr Souveränität. Kein Wunder: Ihr fein verrippter Motor hat neuerdings vier statt zwei Ventile pro Zylinder, und jeder trägt seine eigene Nockenwelle. Keine meterlangen Stoßstangen mehr, sondern kurze, leichte Stößel und Kipphebel. Damit ist die Griso nicht nur die Stärkste im Feld, sondern auch die mit dem höchsten Drehzahlniveau. Harley und Yamaha drücken ihr maximales Drehmoment unter 4000/min ab, Guzzi und Triumph müssen ihren Twin dafür 6500-mal pro Minute rotieren lassen.

Beinahe erschrickt Scott, wie schnell er sich an den Easy Swing der Griso gewöhnt hat. Dabei hatte er sogar noch Zeit, die gediegene Verarbeitung und das stimmige Finish des Poppers zu betrachten. Und Freiheit bietet die Italienerin, Schräglagenfreiheit nämlich. Gut, links herum streift der Ständer früh, aber sonst: Geil, wie entspannt sie sich durch die Kurven treiben lässt. Das Federbein und vor allem die Gabel schlucken willig die Asphaltnarben weg. Na ja, Klartext: Die Gabel ist klasse, das Federbein etwas bockig, aber nicht wirklich schlecht. Scott kann seine Begeisterung fast nicht mehr verbergen. Sogar der italienische Klang gefällt ihm, die Manieren des Twins auch. Als Einzige auf dem Ausritt hat die Guzzi sechs Gänge, und die lassen sich ganz lässig schalten. Und die Gasannahme – zart wie Filet. Nur an eines kann und will er sich nicht gewöhnen: Wie das Ding wackelt! Beim ersten Gasstoß nach dem Start kippt die Griso beinahe nach rechts vom Ständer.

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Foto: K

Thriumph-Time

Als Nächster hält Gene Robhero, der Engländer, den Tross an. Er will wissen, wann und wo der nächste Tea-and-buttered-scones-Stopp ist. Scott runzelt die Stirn: Kaffee. Schwarz. Und ein T-Bone-Steak. Mehr braucht kein Mann. Aber dieser Snob will Tee und Keks oder so was Ähnliches. Kriegt er aber nicht, dafür schwingt sich Scott auf die Triumph des not amused guckenden Gene. Scott kennt Engländerinnen. Oh ja. Normalerweise blass und speckig, dafür unglaublich gefügig. Und serienmäßig mit Sonnenbrand versehen. Die Triumph Thruxton ist anders gestrickt: Sie steht da wie ein Top-Model aus einem Katalog der 70er-Jahre. Na ja, abgesehen von der zu großen Bremsscheibe am Vorderrad könnte sie wirklich so alt sein wie das Empire. Alles ist stimmig: Der schwarz glänzende Lack, der Racing-Streifen längs übers Motorrad, der Twin und alle Proportionen. Nur eines gehört gar nicht ins Bild: der Sound. Wenn man das Geräusch überhaupt so nennen darf. Selbst mit der Arrows-Tüte aus dem Triumph-Zubehör furzt die Thruxton kaum lauter als ein darmkranker Chihuahua. "Th, th, th, th,...", als wollte sie sich vorstellen und würde dabei vor Aufregung stottern. Oder wie Motschi, wenn er wieder mal krampfhaft das Tie-Äitsch übt.

Der Motor. Soll 900 Kubik haben. Angeblich. Gemessen an XR, Griso und MT-01 zieht das Ding keine Wurst, nicht mal eine Wurstscheibe vom Teller. Dennoch hat die Thruxton was. Charisma? Charme? Wie heißt das noch? Egal. Allein, sie im Stand zu betrachten, macht enormen Spaß. Man glotzt auf die Vergaser, die gar keine sind. Reingefallen, genau. Scott muss sich an die eigene Nase fassen: Er dachte auch zuerst, hier würden Old-School-Gleichdruckvergaser arbeiten. Von wegen. Diese gewitzten Engländer haben sich doch glatt eine Einspritzung bauen lassen, die fast so aussieht wie Vergaser. Dann Lenker, Auspuff, Chromlampe, Drahtspeichenräder und diese Spiegelchen – alles in allem eine ziemlich schicke Nummer. Aber irgendwie ist ein Bike ja zum Fahren da. Und dafür ist der Motor echt ein bischen mau. Klar, weiche Gasannahme schön und gut, das Getriebe auch, aber Druck fehlt. Und weil der genau dann am meisten fehlt, wenn man aus der Kurve raus will, muss man beim Reinfahren schon einigen Speed mitbringen. Wenigstens setzt an der Thruxton nix auf, wenn man sie laufen lässt. Es sei denn man federt voll durch, was zum Glück nicht oft passiert. Die Engländerin ist zwar weich, aber sie hat Reserven, will ein Café-Racer sein. „Na dann, soll sie!“ denkt sich Barker, lässt sie rennen. Und erlebt, dass sie ein Eigenleben ähnlich der MT-01 entwickelt, an das man sich erst einmal gewöhnen muss. Bei niedrigen Geschwindigkeiten fühlt sie sich noch handlich an und schwingt locker rum. Doch sobald es etwas flotter wird, Café-Racing eben, wird sie störrisch. Dann will die Triumph kaum einlenken, muss mit viel Druck am Lenker in Schräglage gepresst werden. Fühlt sich an, als wäre die Lampe mit Blei ausgegossen.

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Harley-Feeling

"Vermutlich", sinniert Scott, "sind die Räder zwar schmal, aber schwer. Das würde erklären, warum sie in Schräglage so cool bleibt. Wenn man nicht grade in der Kurve bremst." Denn das beantwortet die Thruxton mit heftigem Aufbegehren, sprich: sie stellt sich deutlich und unangenehm stark auf. "Hey Barker, du bist so still! Worüber denkst du nach? Verrat’s uns, oder muss ich dir erst meine Mama auf den Hals hetzen?“ Lecca Toni steht neben Scott und bringt ihn in die Wirklichkeit, in die Kneipe zurück. "Stopp, sag nichts", ruft Gene dazwischen. "Ich weiß, woran du denkst: Du träumst von deiner XR!" – "Jetzt wisst ihr’s ja, also könnt ihr mich auch wieder in Ruhe lassen", knurrt Scott. Gießt sich einen großen Schluck Bier nach und zieht den Hut in die Stirn. Die können ganz schön nerven, die Typen. Und die Bikes seine Welt durcheinander bringen. Da ist er zu Beginn des Tages felsenfest davon überzeugt, dass seine XR der geilste Bock auf dem Planeten ist, und dann sowas. Natürlich ist die XR immer noch die Schönste, allerdings muss auch Scott zugeben, dass hinter dem schönen Schein gar nicht so schönes Sein steckt: Die Auspuffblenden der Harley rosten schon im Stand, keine der anderen erlaubt sich so etwas. Und außerdem sind sie zerkratzt: Einer der drei ist vorhin vor ihm gefahren. Und während er auf der Triumph saß, musste er zuschauen, wie Auspuffchrom von seiner XR in einer Rechtskurve davonfunkte.

"Egal, egal", ermahnt sich Scott. "Ich fahre ’ne Echte aus Milwaukee, ’ne Harley-Davidson, ’ne XR 1200. Und die hat einen klasse Motor. Schiebt aus dem Keller ordentlich und macht richtig Spaß." Nachdem er die anderen Twins kennengelernt hat, wundert er sich noch ein bisschen, wie wenig Bremsmoment der 1200er-V2 hat. Dass der Tank aus Plastik gebaut ist, hat ihn bisher nicht gestört und wird ihn auch in Zukunft nicht stören. Denn sobald der Twin unter ihm wummert, in seinen Gummilagern hin- und herschwingt, ist Scott alles egal. Mit einem sanften Klonk rastet der ersten Gang ein, jede einzelne Zündung durchdringt ihn bis in sein Cowboy-Herz. Etwas wehmütig wird er schon, wenn er an die Griso denkt: Eine feine Gabel hatte sie ja schon. Die Front an seiner XR spricht deutlich schlechter an und gibt ihm wenig Gefühl für den vorderen Gummi. Dafür packen die Bremsen bissig zu, was allerdings die Gabel weit eintauchen und auf Block gehen lässt. Easy going ist besser: Mit 80er-Puls gemütlich cruisen und nur dann und wann auf der Geraden voll aufreißen, nicht zu spät vorm Einlenken wieder bremsen. Das ist geil. Und Kurven kann sie auch, die Harley. Lenkt willig ein und liegt neutral, solange der Belag gut ist. Sie setzt eben nur etwas früh auf der rechten Seite auf. Mit der Lady reicht es prima zum Swing. Und hergeben würde er sie niemals. Motschi-San knufft Barker in die Rippen. Der taucht aus seiner Gedankenwelt auf, schaut die drei Kollegen an und meint: "Wie gesagt: Hubraum ist nicht alles, aber Persönlichkeit und Individualität alleine wohl auch nicht. Auf die Mischung kommt’s an, und Stil muss sein. Außerdem sind wir vier alle dufte Typen und machen richtig was her. Die nächste Runde geht auf mich. Und Lecca, mach endlich mal das verdammte Handy aus!"

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Fazit

Der Blues sitzt einem im Nacken, sobald man einen der vier Aspiranten unter sich hat. Die Testwahrheit ist, dass sich die Moto Guzzi Griso 8V und die Yamaha MT-01 den Sieg teilen. Der Griso fehlt etwas Druck in der Mitte, die MT-01 steht auf den falschen Socken. Rang 3 für die schöne und leider zu zahme Triumph Thruxton. Harmonisch wie ein guter Tee fährt sie durchs Leben. Nur Platz 4 für die Harley-Davidson XR 1200. Viele Kleinigkeiten und vor allem ein lieblose Verarbeitung mit billigen Komponenten wie dem Auspuff kosten Punkte.

PS-Bewertung

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