Vergleichstest Harley-Davidson Road King Classic gegen Yamaha XV 1600 Wildstar IG Metall

Schwere Zeiten für Harley-Davidson. Im Tarifpoker der Heayv metal-Branche fährt Yamaha schweres Geschütz auf: die Wildstar 1600.

Jede Wette, in Milwaukee halten sie sich vor Lachen regelmäßig die Bäuche und nässen sich dabei beinahe ein. Aufs Wohl der Company Harley-Davidson trinken sie dann – selbstzufrieden und natürlich stilecht mit eiskaltem Miller-Beer. Jedesmal, wenn die Japaner wieder einmal den Versuch gestartet haben, ihr Allerheiligstes zu kopieren, um auf der Cruiser- und Chopperwelle mitzuschwimmen.
Doch der Inbegriff des Big Twins, der kommt nach wie vor nur aus Wisconsin, da sind sich die Gralshüter von Harley-Davidson und eine in fester Treue zur Marke stehende Fangemeinde einig. Sollen sie nur kommen, die Plagiate aus Japan. Ihr alljährliches Waterloo erlebt diese Spezies spätestens in Daytona, wo allabendliches »Japanees Bike Bashing« zum guten Ton gehört.
Dabei würde es sich manchmal wirklich lohnen, über den eigenen Tellerrand zu lugen. Um dann beispielweise eine Yamaha XV 1600 Wild Star zu entdecken. Schon allein wegen des Auftritts dieses 335 Kilogramm schweren Brockens. Ein echter Hingucker, Heavy metal pur, garantiert. Kein Plastik. Und das für einen Preis, der, verglichen mit dem einer Harley, als konkurrenzlos günstig gelten muß: 19990 Mark.
Falsche Bescheidenheit wäre da fehl am Platz. Also streckt die Wild Star dem US-Original, in diesem Fall einer Harley-Davidsion Road King Special, frech den riesigen Scheinwerfer entgegen. Unzweifelhaft das Vorbild der Yamaha-Designer. Die Mutter aller Cruiser, wenn man so will. Facelifting hatte die Road King für das 1999er Modelljahr nicht nötig. Wohl aber einen neuen Motor, meinte man bei Harley. Und spendierte ihr den neuen Twin Cam 88 mit nunmehr 1449 cm³, zwei ungeregelten Katalyasatoren und – im Falle der Special – gar mit Benzineinspritzung.
Mehr Hubraum bedeutet hier auch mehr Leistung. Rund acht PS sind es im Vergleich zum alten Evolution-Motor. Das tut dem König der Straße angesichts seiner 345 Kilogramm Lebendmasse wirklich gut. Mit seinen Fahrleistungen braucht er sich hinter der Yamaha nicht zu verstecken. Deren auf Nostalgie getrimmter Achtventiler verfügt zwar über noch mehr Hubraum, drückt aber trotz dieser riesigen Brennräume gerade einmal 65 PS auf die Prüfstandsrolle. Dafür bietet er das, worauf es Cruiser-Fahrern ankommt: bergeweise maximales Drehmoment. Doch der Trumpf von 141 Newtonmetern sticht in der Fahrpraxis nur bedingt. In den ersten drei Fahrstufen schiebt der gut ansprechender Twin zwar mächtig, doch spätestens im elendslang übersetzten fünften Gang wirkt der Antritt aus dem Drehzahlkeller dann etwas kraftlos.
Nun spätestens sollte einmal mehr gesagt werden, daß beide V2-Motoren ein gutes Stück vom Ideal des lässigen Cruisen entfernt sind. Von wegen den letzten Gang einlegen und dann nur noch Gasgeben: Wer sich auf Landstraßen nicht wie eine Wanderbaustelle fortbewegen möchte, muß bei beiden häufiger die Gänge wechseln, als ihm lieb ist. Ein Unterfangen, daß mit der leicht schaltbaren Yamaha mehr Freude bereitet, auch wenn man zum Betätigen der Schaltwippe andauernd den Fuß heben muß. Das knorrige Getriebe der Harley gibt sich spürbar unwilliger, will zudem mit Bedacht betätigt werden, damit die Gänge sauber einrasten.
Besonders bei Cruisern kein ganz unwichtiges Thema: der inoffizielle Klangwettbewerb. Harley wirbt gar damit. Potaeto, Potaeto, so pöttele das Original schön unverkennbar vor sich hin. Und das soll auch beim neue Twin Cam der Fall sein. Von wegen. Die frohe Botschaft für die Zubehörindustrie: Baut mehr Twin Cam-Endstücke, denn es stehen goldene Zeiten bevor. Ist nämlich nix mit Kartoffel, Kartoffel. Vielleicht in den USA, aber in Deutschland klingt er erbarmungslos zugeschnürt. Der gesetzeskonforme Harley-Sound enttäuscht schon etwas.
Das haben sie bei Yamaha besser hinbekommen. Wunderbar wohlig, aber keinesfalls aufdringlich dieses Brabbeln, das da aus den beide Endstücken ertönt. Nur schade, daß der stolze Wild Star-Besitzer mit steigendem Fahrtempo davon nicht allzu viel hört. Ein ähnliches Bild beim Thema Vibrationen. Der Road King-Fahrer bekommt dank der Gummilagerung des V2 beinahe nichts von dessen Schwingungen ab. Etwas ereignislos, das Ganze. Für eingeschworene Fans eine herbe Enttäuschung. Das Yamaha-Triebwerk liegt da schon etwas näher am Ideal der »Good Vibrations«. Satt wummert es im unteren Drehzahlbereich vor sich hin, ohne bei höheren Umdrehungen bei Überlandfahrten auf die Dauer zu nerven.
Schnellere Tempi, das bedeutet für diese beiden Cruiser maximal 130 km/h. Der Wild Star-Fahrer kämpft schon bei diesem Tempo mit den Urgewalten. Und der Harley-Treiber darf sich zwar am guten Schutz des riesigen Windschildes erfreuen, bekommt jedoch ein gewaltiges Dröhnen um die Ohren geschlagen. Wer’s nicht mag oder sich lieber den Wind um die Nase wehen lassen will, kein Problem, denn das Schild läßt sich sekundenschnell abmontieren. Eins noch sei bei schnellerer Gangart bedacht: Beide V2 outen sich dann als maßlose Trinker, wobei die Yamaha bei Tempo 130 mit fast acht Litern den Vogel abschießt.
Das Fahrwerk der Wild Star wäre für eine beschwingtere Fahrweise allerdings durchaus stabil genug. Ihre Gabel spricht relativ fein an, nimmt aber auch derbere Schläge problemlos auf. Die Hinterhand steht ihr in nichts nach. Mit ihren luftunterstützten Federelementen fährt sich die Road King komfortabler als die Yamaha. Auf schlechteren Straßen oder bei Spurrillen auf der Autobahn entwickelt die sehr unterdämpft abgestimmte Harley bei zügigerer Fahrweise jedoch ein respekteinflößendes Eigenleben. Sie verwindet sich spürbar und will sich plötzlich ihren eigenen Weg suchen. Was in der Regel nicht mit der Zielsetzung ihres Fahrers übereinstimmt und zur freiwilligen Selbstkontrolle per Gashand führt.
Von ausgeprägter Handlichkeit kann bei der Harley ebenfalls nicht die Rede sein, da hat die etwas leichtere Yamaha die Nase vorn. Lob hingegen muß man der Road King in puncto Sitzkomfort zollen. Einfach lässig. Da liegt der Ami klar vor der Wild Star. Deren breiter Sattel suggeriert dem Fahrer zwar anfänglich ebenfalls Bequemlichkeit, doch auf längerer Tour nerven die breitbeinige Sitzhaltung und ein schmerzender Allerwerteste.
Ob das den wahren Harley-Fan nun wirklich interessiert? Wahrscheinlich ist’s ihm wurschtegal, daß Yamaha einen wahrlich tollen Cruiser auf die Beine gestellt hat. Er würde sich allenfalls das Prädikat »Beste Harley-Kopie« abringen lassen, sich aber unter keinen Umständen der Welt auf eine Probefahrt mit diesem Japan-Cruiser einlassen. Zumindest nicht in aller Öffentlichkeit. Prizipientreue. Oder vielleicht doch?

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote