Vergleichstest Honda NT 650 V Deauville und Honda PC 800 Pacific Coast Déjà vu

Ein kleidiges Thema aus zwei Welten: Hondas Plastik-umhüllte PC 800, in den USA seit zehn Jahren on tour, trifft ihr europäisches Gegenstück, die NT 650 V Deauville.

Geschmäcker sind verschieden. Der Amerikaner liebt Baseball und mit Ahornsirup getränkte Pancakes, der Teutone hingegen Fußball und Marmeladenbrot. Ein Umstand, dem auch die Verantwortlichen von Honda Deutschland ab und an Rechnung tragen. Denn wie sonst läßt sich erklären, daß die in den USA gebaute PC 800 Pacific Coast nie offiziell nach Deutschland importiert wurde, obwohl sie mit Verkleidung, Kardanantrieb, integriertem Gepäckraum und sparsamem V-Zweizylinder doch Attribute bietet, die auch bei deutschen Tourenfahrern gern gesehen sind. Nur über Grauhändler gelangt die Pacific Coast an den Rhein, etwa zu Motorrad Gebhardt in Düsseldorf.
Daß sich das Thema vom verkleideten Tourer unterschiedlich interpretieren läßt, zeigt die neue NT 650 V Deauville. Vereint sie doch die gleichen Eigenschaften, allerdings mit einem in und für Europa entwickelten Konzept. Zeit für einen Vergleich.
Knapp zehn Jahre Altersunterschied lassen sich schwer verleugnen: Das Design der PC 800 wirkt vorn wie das einer Pan European, von der Seite erinnert es an eine Gold Wing, und das Heck könnte vom Luxusroller Helix stammen. Alles an der Pacific Coast ist hinter Plastik versteckt, sogar der Lenker kleidet sich in eine dicke, eckige Kunststoffhülle. Die im Herbst vergangenen Jahres präsentierte Deauville ist natürlich moderner gestylt, wenngleich auch sie nicht mit Plastik geizt. Gewichtig wirken beide Motorräder - und sind es auch, vollgetankt bringt die NT 650 V satte 245 Kilogramm auf die Waage, die PC 800 sogar 287.
Um so erstaunlicher, wie leicht sich die 800er, einmal in Fahrt, dirigieren läßt. Aufrecht sitzend hat der Kapitän das Schiff sicher im Griff. Das Fahrwerk ist komfortabel abgestimmt, allerdings eine Spur zu lasch gedämpft. Das macht sich vor allem in welligen Kurven bemerkbar. Hier schlingert die PC 800 leicht um die Hochachse. Auch der Geradeauslauf ist nicht ohne Fehl und Tadel: Die amerikanische Honda wirkt ein wenig unruhig, ohne jedoch bedenklich ins Pendeln zu geraten. Unter der Last eines Sozius verschwindet dieser Effekt.
Die Deauville leistet sich beim Fahrwerk dagegen kaum Schwächen. Nur die Gabelfedern könnten mehr Progression vertragen, beim starken Bremsen geht die Vorderradführung hart auf Block. Im Vergleich zur Pacific Coast wirkt die 650er noch handlicher.
Ihr Motor, wie bei der Pacific Coast ein Zweizylinder-V-Triebwerk, klingt kerniger, dynamischer. Doch bei den Fahrleistungen schenken sich die gemessen 53 PS starke NT 650 V und die PC 800 mit 55 PS kaum etwas. In der Beschleunigung bis 100 km/h liegen sie gleichauf, in puncto Durchzug hat die Pacific Coast aufgrund ihres höheren Drehmoments - dem Hubraum sei dank - leichte Vorteile.
Deren wassergekühlter Twin brummelt leise vor sich hin. Vollkommen unspektakulär und nahezu vibrationsfrei dreht er hoch. Die Kontrolle des Ventilspiels erübrigt sich. Sie besitzt, wie heute schon fast jeder Kleinwagen, Hydrostößel. Nur das hakelige Getriebe stört da noch das harmonische Gesamtbild.
Gebremst wird beim US-Import vorn mit einer - natürlich plastikverschalten - Doppelscheibe und hinten per Trommel. Wie alles an der PC 800 funktionieren auch die Stopper absolut zuverlässig. Im Vergleich zur Europäerin muß jedoch kräftiger zugelangt werden. Die Doppelscheibe im Vorderrad der Deauville sowie die einzelne hinten packen eine Spur bissiger zu.
Ausgeglichene Verhältnisse herrschen beim Blick auf die Instrumente: Im Cockpit der Deauville prangt zwar eine digitale Zeituhr, dafür wurde im Gegensatz zum amerikanischen Modell auf Tankuhr und Temperaturanzeige verzichtet. Deren Fahrer sollte dafür immer die Umrechnung von Meilen in Kilometer parat haben, denn die nachträglich aufgeklebte Kilometerskalierung läßt sich während der Fahrt kaum ablesen.
Daß die Pacific Coast für amerikanische Straßen konzipert ist, wird auch an der ausladenden Verkleidung mit der hohen Scheibe deutlich. Meilenweite Entfernungen auf dem Highway lassen sich mit dem fast perfekten Wind- und Wetterschutz problemlos bewältigen. Selbst die Hände werden durch die Blinker-Ohren mit den integrierten Spiegeln gut geschützt. Der Kopf des Fahrers ist aber voll den starken Verwirbelungen der Scheibe ausgesetzt. Dahinter entsteht ein Sog, der locker sitzende Jacken zu einem Ballon aufbläst.
Mit kleinerer Verkleidung und Scheibe kann die Deauville nicht ganz mit der PC 800 mithalten. Der Oberkörper des Fahrers ist aber nahezu perfekt geschützt, nur bei größeren Piloten treten im Helmbereich allerdings auf. Serienmäßig ohne Schutz sind auf der NT 650 V die Beine, Beinschilder gibt’s von Honda als Zubehör, Kostenpunkt: 310 Mark.
Fester Bestandteil der Deauville ist das intergrierte Koffersystem. In die Standardversion paßt jedoch nur das Gepäck für einen Kurztrip. Wer auf große Tour will , kommt um die die größeren Deckel für 575 Mark nicht herum. Macht statt 18 dann wenigstens 27 Liter Stauraum pro Koffer.
Worüber der Pacific Coast-Treiber nur lächeln kann. Tankklappe geöffnet, am Hebel gezogen, und schon klappt bei seinem Gefährt nach einem satten Plopp das Heck inklusive Soziusplatz nach vorn. Darunter findet sich auf jeder Seite genügend Platz selbst für einen Intergralhelm. Der riesige Kofferraum nützt allerdings nicht viel, denn erstaunlicherweise fällt die Zuladung der PC 800 mit 165 Kilogramm viel zu bescheiden aus. Stellt sich also dem durchschnittlich gebauten Mitteleuropäer die Frage: Gepäck oder Sozius?
Diesbezüglich ist der Deauville-Treiber etwas besser dran, obwohl auch seine 190 Kilogramm Frachtkapzität noch recht knapp bemessen sind. Schließlich bieten sich beide Maschinen dank ihrer äußerst bequemen Sozuisplätze als hervorragende Paarläufer an.
Knapp bemessen für Tourenmaschinen ist auch der Tankinhalt: 16 Liter Fassungsvermögen bei der Pacific Coast und 19 bei der Deauville. Erfreulicherweise üben die beiden Triebwerke beim Spritkonsum Enthaltsamkeit - hier wie dort exakt fünf Liter im Landstraßenbetrieb.
Motorischer Gleichstand sozusagen, und deshalb hilft der Blick auf die Triebwerke bei der Wahl zwischen Pacific Coast oder Deauville nicht weiter. Und auch sonst kann es bei der gleichmäßigen Verteilung der Vor- und Nachteile keinen klaren Sieger geben. Der Interessent muß sich vielmehr zwischen den unterschiedlichen Philosophien entscheiden: dem American way of drive mit viel Komfort und Stauraum zum Gleiten über breit und gut ausgebaute Straßen bei der PC 800 oder dem europäischen Tourenkonzept mit strafferem und handlicherem Fahrwerk für jede Menge Fahrspaß auf Landstraßen oder Alpenpässen bei der Deauville. Alles eine Frage des Geschmacks eben.

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