Vergleichstest Husqvarna TE 610 E gegen KTM 640 LC 4 Die elektrischen Reiter

Husqvarna und KTM setzen ihre großen Enduros unter Strom, was nicht nur Gelände-Cowboys entgegenkommt.

Ohne jegliche Vorwarnung absterbende Motoren gehören zu den unangenehmen Seiten mancher Enduros: Vor roten Ampeln mutieren ihre Fahrer zu vielbelachten Trampeltieren, in kniffligen Geländepassagen rauben sie die letzten Kräfte. Wer weder laut fluchend noch schwitzend am Straßenrand oder mitten in der Pampa kicken möchte, zeigt Köpfchen und kauft Husqvarna TE 610 E oder KTM 640 LC 4. Die haben Knöpfchen, ein sanfter Daumendruck aktiviert ihre E-Starter - und weiter geht’s. Durchaus ein Aspekt, der Unentschlossenen den Schritt ins Enduro-Lager erleichtern könnte.
Zusätzlich zum E-Starter protzen beide Testkandidaten mit dem für echte Haudegen unverzichtbaren Kickstarter. Zwei kräftige Tritte genügen der KTM, und sie bollert vor sich hin. Als wahres Glücksspiel erweist sich hingegen die Per- pedes-Startprozedur bei der TE. Entweder reagiert ihr Motor auf den ersten Tritt, oder er schweigt für immer. Erfolgreichen Kickversuchen steht außerdem die weit abragende Soziusraste im Weg.
Was soll’s. Schließlich hat man ja E-Starter, und diese Form des Weckens scheint auch den Motoren sehr zu behagen. Zwar verweilt der rechte Daumen bei der kalten Husky etwas länger auf dem Knopf, im warmen Zustand genügt dann aber wie bei der KTM ein kurzes Antippen, und der Motor verrichtet seine Arbeit.
Während die TE 610 E Bewegungen der Gashand mit laut röchelndem, heiserem Ansauggeräusch quittiert und nahezu ohne Vibrationen ihrer Wege zieht, schüttelt und vibriert das KTM-Aggregat seinen Reiter mächtig durch. Es überzeugt aber durch spontanen, kräftigen Antritt in allen Lagen und setzt diesen Vorteil auch auf der Piste um: Driften auf jedem Untergrund gelingt mit der LC 4 leichter und kontrollierter, da sie beim schnellen Gasaufreißen keinerlei »Bedenkzeit« für die Umsetzung dieses Befehls benötigt. Im Gegensatz zur Husky, die zwar unverzüglich zu röcheln beginnt, aber die Befehle ihres Reiters etwas zeitverzögert in Vortrieb ummünzt. Eine Eigenheit, die weniger geübten Fahrern allerdings im Gelände entgegenkommt.
Doch erledigen wir zunächst die Straßenwertung: Beide Kandidaten wurden vor Testbeginn auf grobstollige Pirelli MT 21 umbesohlt. Eine Reifenpaarung, die klaglos mittelschwere Geländeeinlagen verträgt, ohne mit nennenswerten Einbußen im Straßenbetrieb zu nerven. Kurvenhatz mit abenteuerlichen Schräglagen gelingen TE 610 E und LC 4 gleichermaßen. Bei schnell aufeinanderfolgenden Wechselkurven bis zu einer Geschwindigkeit von etwa 50 km/h hat die extrem handliche Husky die Nase einen Tick vorn, danach schiebt sich die KTM dank besserer Fahrstabilität in Führung.
Das Fahrwerk der Husqvarna überzeugt im Einpersonenbetrieb mit feinem Ansprechverhalten und viel Komfort. Etwas zu straff geraten zeigt sich die KTM, die auf kurzen Bodenwellen leicht bockt. Im Zweipersonenbetrieb sieht es hingegen anders aus: Die LC 4 liegt himmelweit vor der erbärmlich in die Knie gehenden, viel zu weichen Husky. Auch das Platzangebot läßt zu wünschen übrig: Dem Husky-Sozius drückt sich mangels Sitzbanklänge der knubbelige Kunststoff-Gepäckträger schmerzhaft in den Allerwertesten. Deutlich angenehmer sitzt der Mitfahrer auf der KTM - dank soziusfreundlicher Gepäckträgerform. Außerdem ist das KTM-Kissen im Gegensatz zum Husky-Pendant angenehm straff gepolstert und zwei Stockwerke höher angebracht. Bei Trial-Einlagen im Gelände erschwert die enorme Sitzhöhe unterstützende Beinarbeit - Husqvarna-Treiber haben damit dank der schmalen und niedriger installierten Sitzbank keine Probleme.
Dafür spielt die LC 4 im Gelände bereits knapp über Schrittgeschwindigkeit ihre Fahrwerksvorteile gegenüber der TE 610 E gnadenlos aus: Querrillen, Sprünge, Wackersteine - egal, sie zieht unbeirrt und zielgenau ihre Bahn, läßt die Husqvarna Meter um Meter und gnadenlos zurück. Die mächtige, in Zug- und Druckstufe verstellbare 50er-Telegabel und das ebenfalls in Zug- und Druckstufe sowie in der Federbasis verstellbare Federbein bieten reichlich Reserven. Reserven, die der Husqvarna abgehen. Einzig die Federbasis am hinteren Federbein kann verstellt werden - etwas dürftig für eine Enduro dieser Preisklasse.
Zu den überzeugenden Ausstattungsmerkmalen der Test-Husky gehören hingegen die klappbaren Spiegel, die Handschalen, der Sitzbank-Schnellverschluß und der praktische Drehzahlmesser - alles Extras, auf die KTM verzichtet. Vor allem der fehlende Drehzahlmesser führt bei höheren Geschwindigkeiten zu vergeblichen Schaltversuchen - im fünften Gang ist bei der KTM eben Schluß. Auf Landstraßen übrigens gefällt die Gangabstufung, im Gelände hingegen dürften die ersten drei Gänge näher zusammenrücken.
Die Husqvarna hat es da leichter: Sechs weich einrastende Gänge stellt das Getriebe zur Verfügung, wodurch auf der Straße und im Gelände immer ein passender Vertreter an die Kette gehängt werden kann. Der kümmert sich dann solange um den Vortrieb, bis der Spritvorrat zur Neige geht. Und das sind laut Herstellerangabe exakt 9,1 Liter.
Das KTM-Fäßchen bringt es auf 12 Liter. Dafür genehmigt sich das LC 4-Triebwerk während der über 1000 Testkilometer fast einen Liter mehr auf 100 Kilometer als die Husqvarna. Um diese Unart sollten sich die Österreicher in Zukunft verstärkt bemühen, ebenso um das Eindämmen der ungezügelten Motor-Vibrationen. Diese sind der Husqvarna völlig fremd. Der Motor schnurrt geradezu vor sich hin. Schade nur, daß der handlichen Italienerin höherwertige Fahrwerkskomponenten fehlen.

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