Vergleichstest Kawasaki VN 800 Classic gegen Suzuki VZ 800 Marauder

Kawasaki VN 800 und Suzuki VZ 800 - zwei Gelegenheiten, von niedrigem Roß die Dinge aus höherer Warte zu sehen.

Cruiser sind erdverbundene Motorräder. Wie von der Last ihrer Körperfülle in den Spagat gedrückt, dienen sie als prächtige Anschauungsobjekte für den Zusammenhang zwischen Masse und den daraus resultierenden Gravitationskräften. Doch sie leisten sichtbar Widerstand: Mit dicken Rädern stemmen sie sich gegen das Schicksal des Stationärbetriebs, trotzen sie den Naturgesetzen die zwei Handbreit Bodenfreiheit ab, die sie brauchen, um ein bewegtes Leben zu führen.Cruiserfahrer haben`s auch nicht leicht. Von allen Seiten nahende Tiefausläufer vergrößern die Qual der Wahl, beschwören die Gefahr herauf, auf dem falschen Dampfer zu landen. Führte beipielsweise in der gehobenen Mittelklasse der Wunsch nach einem Cruiser bislang automatisch in den Sattel einer Kawasaki VN 800 Classic, so sitzt der Kaufinteressent seit dem Erscheinen der Suzuki VZ 800 Marauder buchstäblich zwischen zwei Stühlen.Vordergründig bieten sich drei Unterscheidungsmerkmale als Entscheidungshilfe an. Die Suzuki ist über 3000 Mark billiger als die Kawasaki - na und, sagt der Mensch mit der dicken Brieftasche. Die Kawasaki ist leistungsstärker als die Suzuki - na und, sagt der Mensch, der ahnt, daß der Genuß beim Cruisen nicht proportional mit der Potenz des Motors ansteigt. Die Suzuki (Kawasaki) sieht besser aus - pah, sagt der Kawasaki- (Suzuki-) Aspirant.Nein, das führt zu nichts, also noch ein Versuch: Die VN 800 ist schwerer als die VZ 800 - ein gewichtiges, nicht von der Hand zu weisendes Argument, das sowohl die Preis- als auch die Leistungsunterschiede relativiert. Die teurere Kawasaki bietet für mehr Geld buchstäblich mehr Motorrad, und die schwächere Suzuki macht ihr Leistungsmanko durch weniger gewichtiges Auftreten wett.Mehr Motorrad bedeutet bei der VN 800 Classic auch üppigere Dimensionen: Die Kawasaki ist ein veritables Dickschiff, degradiert bei direkter Gegenüberstellung die auch nicht gerade zierlich geratene Suzuki zum Beiboot. Auch an Bord zeigt die VN Größe. Der Steuermann sitzt auf geräumigem Kissen weich gebettet, staunt, wie unaufdringlich sich der gewaltige Spritbehälter zwischen seinen Beinen breitmacht, erfreut sich am unverstellten Blick auf den spiegelnden Scheinwerfertopf und nimmt schließlich befriedigt zur Kenntnis, daß sich die massige Maschine am langen Hebel des Lenkergeweihs ohne Mühe von der Seitenständer-Schieflage zur Aufrichtigkeit bringen läßt.Der Suzuki-Kommandant zieht da klar den kürzeren. Eine relativ knapp bemessene, wenig gekröpfte Lenkstange schmälert das Gefühl uneingeschränkter Machtbefugnis, die Sitzgelegenheit ist eher Schemel als Polstersessel, der Tank ruft immer wieder in Erinnerung, daß er in erster Linie als Tank und nicht als Schenkelschmeichler gezeichnet wurde, und der auf der Gabelbrücke montierte Tachometer vereitelt in Momenten der Muße die Möglichkeit der Selbstbespiegelung im Chrom des Lampengehäuses.Ungeachtet gradueller Unterschiede in der Ausprägung ihrer Körperlichkeit ist beiden Cruisern eine gleichermaßen beruhigende Ausstrahlung zu attestieren. Mit tiefer Schwerpunktlage, niedrigem Gestühl und verspielt dargebotener Technik repräsentieren diese Maschinen den Alpha-Typus unter den Motorrädern - groß, kräftig gebaut, respektheischend, aber ganz, ganz lieb.Doch zunächst müssen die beiden erobert werden: Lenkschloß, Zündschloß, Choke - schön über die Maschinen verstreut - wollen erst mal gefunden sein. Aber Schwamm drüber: Man gewöhnt sich dran. Zumal die beiden V2-Motoren - ihrer rustikalen Anmutung zum Trotz - bei und nach der Inbetriebnahme keinerlei Fingerspitzengefühl verlangen: Choke raus, Knöpfchen drücken, ein paar Kilometer fahren, Choke rein - vorbildlich.Vorbildlich auch der Antritt der beiden 800er aus dem Stand: Ein bißchen Gas, Kupplung raus, und die Schwergewichtler schnalzen nach vorn. Die kräftigere Kawasaki trotz Lastenausgleichs sogar ein wenig zackiger, gerade so, als habe sie ein-, zweihundert Kubik mehr in der Hinterhand. Den Eindruck froherer Leistungsbereitschaft vermittelt der VN-Zweizylinder auch in der Mitte seiner Schaffenspanne und erst recht darüber: Wo die Suzuki bereits vor Anstrengung ins Zittern gerät, geht die Kawasaki noch ungerührt in die vollen.Gefühlsechtes Cruisen auf gehobenem, aber durchaus artgerechtem Geschwindigkeitsniveau - etwa Autobahntempo 130 - bietet nur die VN 800. Während sie auf nervenschonend-moderatem Drehzahlniveau souverän dahinschurrt, verbreitet die erheblich kürzer übersetzte VZ 800 kribbelnde Nervosität, die ein zusätzliches Zahnradpaar im Getriebe wünschenswert erscheinen ließe.Über Land, auf wechselhaftem Kurs, schlägt sich das Glück auf Seiten der leichteren Suzuki mit ihrer mehr auf Angriffslust ausgelegten Kraftübertragung - sollte man meinen. Richtig ist, daß die ermittelten Meßwerte die Marauder als die objektiv durchzugskräftigere Maschine ausweisen, Tatsache ist aber auch, daß davon gefühlsmäßig wenig rüberkommt: Die VN 800 wirkt gerade bei schaltfaulem Fahren souveräner motorisiert, zeigt subjektiv den härteren Punch.Erfreulicherweise ist die Kawasaki nicht nur gut im Austeilen, sie zeigt mit ihrer komfortorientierten Abstimmung auch Nehmerqualitäten. Zwar ein wenig hartleibig angesichts kurzer, trockener Stöße, bietet sie unter dem Strich deutlich mehr Komfort als die Suzuki, deren Federungselemente weder ansprechend noch schluckfreudig sind.Die harte Tour bringt die Marauder auf buckligem, kurvigem Terrain in Schwierigkeiten. Die stuckernde Gabel, das hoppelnde Heck, der nur vage führende Vorderreifen und die früh aufsetzenden Fußrasten sorgen für bewegende Momente, in denen sich der Wunsch nach einem breiteren Lenker und besser dosierbaren Bremsen regt.Reges Treiben herrscht unter den gleichen Bedingungen auch an Bord der VN 800: Wo die Suzuki bockt und auskeilt, macht die Kawasaki mit ihrer Gattungsbezeichnung ernst: Sie schwimmt und schaukelt über die Wellenkämme des Asphalts wie ein Schiff bei rauher See, hat ähnlich lange Anhaltewege, zeigt ähnlich verschwommene Lenkpräzision, verabscheut größere Schlagseiten.Unter dem Strich bietet die VN gleichwohl die bessere Stimmungslage an Bord: Wenn schon nicht heizen, dann wenigstens mit heiterer Gelassenheit und in beschaulicher Gemütsverfassung die Ruhe vor dem Sturm genießen. Zwar ist auch der Suzuki der Begriff »easy going« geläufig, nur tut sie sich schwerer, ihn abseits glattgebügelter Pisten überzeugend mit Leben zu erfüllen.Macht nichts, möchte man der Marauder zurufen, denn weit mehr als in freier Wildbahn sind Cruiser definitionsgemäß auf den innerstädtischen Boulevards der Eitelkeiten in ihrem Element. Dort zählen Glanz und Glitter mehr als fahrdynamische Finessen, dort gibt es im Stop and go-Verkehr reichlich Gelegenheiten, Besitzerstolz auszuleben. Oder - vielleicht besser noch - vor dem angesagten Italiener. Dort freilich ist Vorsicht geboten, vor allem für die Suzuki: Während sich die Kawasaki ziemlich schwindelfrei gibt, nimmt es die Suzuki mit dem Regeln des Cruiserbaus nicht so genau. Kunststoff statt Stahlblech, Chrom auf Plastik, Blendwerk überall - aus der Nähe betrachtet präsentiert sich die Marauder als der Hochstapler unter den Tiefausläufern.

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