Vergleichstest: KTM Super Duke R gegen MV Agusta Brutale 990 R Sportliche Naked Bikes im Test

Ein Fest für die Sinne: Die neue MV Agusta Brutale 990 R und die fahrwerksseitig überarbeitete KTM 990 Super Duke R laden zum ersten Frühlingsritt ein. Zwei ganz unterschiedliche Bikes, geeint in der Kubikzahl und dem Anspruch auf absolute Sportlichkeit. Welche macht's besser?

Foto: jkuenstle.de
Zuerst schien es keine gute Idee zu sein, aber das Leben steckt ja bekanntlich voller Überraschungen. Und so nahm dieser erste echte Frühlingstag ein mehr als genüssliches Ende. Doch der Reihe nach. Die Sonne wärmt, die Straßen sind endlich trocken und schmuddelfrei. In der Garage warten zwei eigenwillige Donnerbolzen auf den langersehnten Druck aufs Starterknöpfchen. Winter war gestern, das Leben nimmt wieder Fahrt auf. Und da so ein Tag entsprechend begangen werden muss, kommt nur das feine weiße Leder in Frage - schließlich will der viel zu lang verbannte Lenz entsprechend festlich empfangen sein. Der Kollege legt vor, die KTM 990 Super Duke R erwacht aus dem Winterschlaf. Der Zweizylinder singt ein donnernd Lied. Dann die MV Agusta Brutale 990 R. Bei dem aggressiven Sound dürften selbst die bösartigsten Winter-Dämonen endlich Reißaus nehmen. Ab geht's. Hurra, dieses unbeschreibliche Gefühl ist zurück, der Motor schiebt einen hinaus ins grelle Sonnenlicht. Beschleunigung, du bist mir ein Fest! Sturm und Drang, heute und hier!

Aber hoppla, bin ich über die dunkle Jahreszeit so eingerostet oder liegt es an der Italienerin unter mir? Die Knie zwicken. Letzteres ist Ursache. Wie eh und je mag die Brutale keine Weichgespülten und Jungs über 180 Zentimeter faltet sie gnadenlos zusammen. Schmaler Lenker, rutschige Sitzbank, wird zwar alles registriert, aber die Freude auf lustvolles Angasen überwiegt bei weitem diese kleinen Nickligkeiten. Und hell strahlt der Motor der Brutale. Sanft geht der Vierzylinder zu Werke. Die Ausgleichswelle bereitet dem MV-Treiber ein nahezu vibrationsfreies Vergnügen. Außerdem liefert er schon bei relativ niedrigen Drehzahlen erstaunlich viel Vortrieb. Auch die Gasannahme gelang den Brutale-Machern, was man von ihren Vorgängerinnen nicht gerade behaupten konnte - vorausgesetzt, man entscheidet sich für das Standard-Mapping. Das alternativ vorhandene Sport-Mapping hackt beim Dreh am Gasgriff derart, dass es im öffentlichen Raum ziemlich unbrauchbar ist. Ohne bringt einen die Italienerin locker und leicht aus der Stadt hinaus.
Der Kollege erlebt das offensichtlich anders. Seine Duke macht im Stadttempo Faxen, dass er mehrmals sichtlich den Helm schüttelt. Ultrahart geht die R-Duke ans Gas, bis 3000/min piesackt sie mit Konstantfahrruckeln und äußert so unflätig ihren Unmut über Blechkäfig-Benutzer, die ihr den Schwung nehmen. Dafür sitzt der KTM-Reiter herrisch hinter dem breiten Lenker und thront regelrecht auf der Österreicherin. Ihre Rückspiegel sind im Gegensatz zur MV Agusta sogar zu gebrauchen.

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Foto: jkuenstle.de

Aber jede Betonwüste hat ihr Ende, und endlich darf der Hahn gespannt werden. Schnaubend stampft die Super Duke R los. Die MV kommt trotzdem in keinerlei Schwulitäten. Mit aggressivem Knurren bleibt sie der KTM locker auf den Sohlen. Das typische Spiel "Vierzylinder gegen Twin" kann beginnen. Es endet unentschieden. Was die Leistung angeht und vor allem die Aggressivität, schenken sich diese beiden Brenner nichts. Beide drehen schön von unten heraus, locker und leicht bis Anschlag. Ihre Leistungsentfaltung ist tadellos. Nur tut es jede eben auf ihre bauartbedingte eigene Art und Weise. Kleine Auffälligkeiten hier - die KTM legt oberhalb der 9000/min nochmal eine Schippe nach, bevor sie gleich darauf in den Begrenzer rappelt, kleine Schönheitsfehler da - die MV lässt sich etwas knarzig runterschalten. Wilde Dinger, zweifellos. Selbst die Tendenz zum Stempeln bei aggressivem Runterschalten und schnellen Kupplungsmanövern teilen sich beide.

Nicht ganz so einig sind sich die beiden jedoch beim Fahrwerk. Zunächst fällt bei der MV auf kurvenreichen Strecken ein indifferentes, pendelndes Fahrverhalten auf. Nach einigen Kilometern mehr aber wird es merklich besser. Offensichtlich braucht der Pirelli Diablo Rosso auf dem noch kalten Belag wesentlich länger, bis er auf Betriebstemperatur ist als der Dragon Supercorsa der KTM. Allerdings bleibt ein deutlicher Rest unerwünschter Bewegung im Heck. Selbst bei fast komplett geschlossener Zugstufe verschwindet diese nicht ganz und macht deutlich, dass das im Vergleich zur 1090-Brutale günstiger eingekaufte Federbein unterdämpft ist. Wohl auch deshalb trägt die große Brutale das Doppel-R im Namen, während es unserer Probandin lediglich zu einem R reicht. Eine Druckstufen-Einstellung fehlt gänzlich. Das steht zwar im Widerspruch zum sehr steifen, supersportlichen Chassis, aber das Ansprechverhalten der Dämpfer ist gut.

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Im selben Geschlängel schlägt die Stunde der KTM. Bisher abseits der Rennstrecke, weil gnadenlos hart, nicht zu gebrauchen, zeigen die jüngsten Maßnahmen am Fahrwerk der R-Version volle Wirkung. Dazu haben sie in Mattighofen die Federrate am Federbein bei gleicher Federlänge von 180 auf 170 abgesoftet. Auch die High-Speed-Druckstufe arbeitet nun sanfter, der Einstellbereich der Low-Speed-Druckstufe wurde erweitert. An der Gabel ist dieser Bereich nun breiter. Federbein und Forke harmonieren prächtig und es turnt ungemein an, mit dieser R Höhenzüge zu erklimmen und sich auf der anderen Seite wieder in die Tiefe zu stürzen.
Aber Achtung: Ein Softie ist die KTM deshalb nicht, sie will Sport, und zwar hart. Genau das macht auch die Bremse möglich, denn sie ist State of the Art. Das Erlebnis Kurve ist auf der Super Duke R einfach ein Highlight: spielerisches Handling und hohe Präzision sind ein Fest der Sinne. Mit entsprechendem Körpereinsatz gefahren, setzt sich auch die MV als Sportskanone in Szene, wobei nur ihr Fahrwerk früher Grenzen setzt. Leider stört die Krümmerführung rechts hinter der Raste diese Fahrweise, denn beim Hang-off in Rechtskurven findet die Ferse nicht so richtig den Platz, den sie dazu braucht.
Foto: jkuenstle.de

Technische Daten: KTM 990 Super Duke R

Antrieb: Zweizylinder-V-Motor, vier Ventile/Zylinder, 97 kW (132 PS) bei 10000/min, 102 Nm bei 8000/min, 999 cm3, Bohrung/Hub 101,0/62,4 mm, Verdichtungsverhältnis 11,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 52-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 67,3 Grad, Nachlauf: 94 mm, Radstand: 1450 mm. Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 48 mm, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe. Direkt angelenktes Federbein, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe. Federweg vorn/hinten: 135/150 mm

Räder und Bremsen: Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/5.50 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 180/55 ZR 17. Erstbereifung: Pirelli Dragon Supercorsa. 320-mm-Doppelscheibenbremse mit radial verschraubten Vierkolben-Festsätteln und radialer Bremspumpe vorn, 240-mm-Einzelscheibe mit Einkolben-Schwimmsattel hinten

Maße und Gewicht: Länge/Breite/Höhe 2100/910/ 1240 mm, Sitz/Lenkerhöhe 870/1040 mm, Lenkerbreite 750 mm, 203 kg vollgetankt, v/h 51,8%/48,2%

Hinterradleistung im letzten Gang: 95 kW (128 PS) bei 245 km/h

Fahrleistungen: Beschleunigung 0-100/150/200 km/h 3,2 s/5,6 s/9,9 s, Durchzug 50-100/100-150 km/h 5,0 s/5,2 s

Höchstgeschwindigkeit: 240 km/h* Verbrauch: Kraftstoffart: Super. Durchschnittstestverbrauch: 7,4 Liter/100 km, Tankinhalt 18,5 Liter, Reichweite: 250 km

Grundpreis: 12495 Euro (zzgl. Nebenkosten)

Foto: jkuenstle.de

Technische Daten: MV Agusta Brutale 990 R

Antrieb: Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile/Zylinder, 102,0 (139 PS) bei 10600/min, 106 Nm bei 8000/min, 998 cm3, Bohrung/Hub 76,0/55,0 mm, Verdichtungsverhältnis 13,0:1, Zünd-/Einspritzanlage, 46-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe

Fahrwerk: Stahl-Gitterrohrrahmen, Lenkkopfwinkel: 65,0 Grad, Nachlauf: 104 mm, Radstand: 1438 mm. Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 50 mm, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe. Zentralfederbein mit Umlenkung, einstellbar in Federbasis und Zugstufe. Federweg vorn/hinten: 130/120 mm

Räder und Bremsen: Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/6.00 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/55 ZR 17. Erstbereifung: Pirelli Diablo Rosso, 310-mm-Doppelscheibenbremse mit radial verschraubten Vierkolben-Festsätteln vorn, 210-mm-Einzelscheibe mit Vierkolben-Festsätteln hinten

Maße und Gewicht: Länge/Breite/Höhe 2090/840/ 1230 mm, Sitz/Lenkerhöhe 830/1020 mm, Lenkerbreite 705 mm, 214 kg vollgetankt, v/h 51,0%/49,0%

Hinterradleistung im letzten Gang: 93 kW (126 PS) bei 247 km/h

Fahrleistungen: Beschleunigung 0-100/150/200 km/h 3,2 s/5,5 s/9,5 s, Durchzug 50-100/100-150 km/h 3,8 s/3,8 s

Höchstgeschwindigkeit: 265 km/h*

Verbrauch: Kraftstoffart: Super. Durchschnittstestverbrauch: 8,3 Liter/100 km, Tankinhalt 23 Liter, Reichweite: 277 km

Grundpreis: 15500 Euro (zzgl. Nebenkosten)

Leistungsdiagramm

Foto: PS
Das Prüfstandsergebnis unterstreicht den Testeindruck: Bei sportlicher Gangart schenken sich die beiden Motorräder trotz unterschiedlicher Bauart der Motoren nichts. Die zwei PS mehr der Brutale fallen letztendlich nicht ins Gewicht, aber 137 PS bei der KTM weisen diese als richtig gut im Futter stehendes Exemplar aus. Die letzte Messung 2009 attestierte noch 133 PS. Dass der Zweizylinder auch ganz oben mit dem Vierzylinder der MV so gut mithält, zeigt, wie spitz und aggressiv die Super Duke R ausgerichtet ist. Wirklich erstaunlich ist die Drehmomentstärke der Brutale schon bei niedrigen Drehzahlen, da wähnt man sonst den Zweizylinder vorn. Die Kurven offenbaren den vorbildlichen Leistungsverlauf beider, auch wenn die MV noch einen Tick harmonischer ist.
Foto: jkuenstle.de

PS-Bewertung + FAZIT

Platz 1: KTM 990 Super Duke R (15 von 20 Sterne)

ANTRIEB (4 Sterne)
Lastwechsel und harte Gasannahme sind die einzigen Kritikpunkte an einem sonst mit wunderbarer Laufkultur gesegneten Motor. Das Getriebe passt.

FAHRWERK (4 Sterne)
Gutes Ansprechverhalten und Handlichkeit, dazu nun auch mit Alltagsqualitäten ausgestattet. Das Fahrwerk und die Bremse sind das große Plus der KTM.

ERGONOMIE (3 Sterne)
Entspannt sitzt es sich auf der R-Duke nur, was die Sitzposition angeht. Das Sitzpolster ist eigentlich ein Brett, und Komfort bietet auch die Dämpfung nicht.

FAHRSPASS (4 Sterne)
Wer Naked Bikes bevorzugt, es knackig mag und auf allzuviel Komfort keinen Wert legt, der wird mit der aktuellen Super Duke R vollauf seinen Spaß haben.

 

Platz 2: MV Agusta Brutale 990 R (14 von 20 Sterne)

ANTRIEB (4 Sterne)
Der Motor der Brutale ist Sahne. Die Leistung und deren Abgabe gepaart mit dem Sound sind klasse. Nur das Getriebe zeigt leichte Schwächen.

FAHRWERK (3 Sterne)
Hier gibt die MV die entscheidenden Punkte ab. Das Federbein ist unterdämpft und bietet wenig Einstellmöglichkeiten. Die Bremse ist etwas stumpf.

ERGONOMIE (3 Sterne)
Große Piloten staucht sie zusammen. Der schmale Lenker ist sonderbar gekröpft, die rechte Fußraste bietet nicht genug Platz. Die Sitzbank ist rutschig.

FAHRSPASS (4 Sterne)
Das steife Chassis lädt zu wilder Gangart ein, der Motor sowieso. Nur das Federbein spielt da nicht richtig mit. Dennoch ist der Spaßfaktor recht hoch.

FAZIT: Die Super Duke hat uns wirklich überrascht. Das Fahrwerk der R ist jetzt ein echter Volltreffer, ohne weich zu spülen. Und letztendlich fast der einzige Grund, warum die MV Agusta trotz tollem Motor nicht ganz mit der Österreicherin mithalten kann. Die Brutale mit besserem Federbein wäre eine echte Wucht. Der Sieg gehört knapp der KTM, weil Mattighofen die bisher große Schwäche der R - das viel zu brutale Fahrwerk - nun spitzenmäßig hinbekommen hat. Das war knapp, MV! Aber der Brutale 990-Liebhaber muss halt erst noch ein paar Scheinchen für ein anderes Federbein investieren, um die KTM abzuledern.

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