Vergleichstest: Suzuki B-King gegen BMW K 1200 R Gesprengte Ketten

Sammy und Eddy sind weg, ihre Zellen leer. Mit einer BMW K 1200 R und der neuen Suzuki B-King sind sie auf der Flucht, stürmen der Freiheit entgegen. Ohne Druck im Brennraum werden die Ausbrecher nicht weit kommen, ohne passendes Handling und Fahrverhalten bald wieder hinter schwedischen Gardinen sitzen. Ein harter Vergleichstest-Krimi mit ungewissem Ausgang beginnt.

foto: Fact
Der Plan war gut, sehr gut sogar. Sammy, 38, acht Jahre Knast, weil er die Nobelszene der Stadt mit Schnee aus Bolivien bedient hatte, und der schöne Eddy, 34, sechs Jahre Haft als Rotlicht- und Inkasso-Unternehmer, stürmen am hellen Tag mit den bereitgestellten Naked Bikes davon. Schließer Bernd K. hat sie rausgelassen, wie die Ermittlungen später ans Licht bringen. Aus Dankbarkeit, nachdem er durch Sammys gute Beziehungen ein Vermögen mit Wertpapieren gemacht hatte.

Nominell über 160 nackte PS sind ein starkes Argument für Freiheit. Eddy schwört auf die BMW K 1200 R, bisher das stärkste Kraftwerk der unverkleideten Powerböcke. Für ihn verschmelzen Leistung und eine gewisse Unauffälligkeit zum perfekten Fluchtfahrzeug. Sammy dagegen war nie ein Mann leiser Töne. Schrill muss es sein, die Show muss stimmen, und mehr Power als die nagelneue B-King hat sowieso kein Serien-Naked-Bike – obwohl der Prüfstand von den versprochenen 185 PS nur knapp 175 im ungedrosselten vierten Gang finden konnte (der fünfte riegelt bei 9000, der sechste bei 8400/min ab).

Sammys Suzuki läuft tadellos. Absolut sauber geht sie ans Gas, pflügt kraftstrotzend durchs Drehzahlband und entfaltet sehr harmonisch ihre Leistung. Die B-King arbeitet in Modus A, wie Ausbruch. Zu befürchten hat Sammy deshalb aber nichts. Solange er besonnen am Gasgriff dreht, macht ihm auch der nasse Asphalt keine Schwierigkeiten, kommt ihm die klasse Dosierbarkeit zupass. Sammy drückt begeistert die Gänge rein, alles flutscht, die Wege sind kurz und die Bedienkraft der Kupplung angenehm klein. Ein wohliger Schauer läuft über seinen Rücken, und er meint, in der frischen Luft des Frühherbstes die Freiheit förmlich zu riechen.
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Eddys Gefühlswelt ist etwas angespannter. Zwar sitzt er locker und sehr aufgeräumt auf seiner K 1200 R, aber die Leichtigkeit der B-King stellt sich bei ihm einfach nicht ein, vor allem, was den Motor angeht. Der Vierzylinder aus München läuft deutlich rauer als das Suzuki-Triebwerk. Zwischen 5500 und 6500 Umdrehungen kribbeln ihm Vibrationen in den Fingern. Hätte er zur Fluchtvorbereitung doch in der Knast-Schlosserei feilen sollen, statt auf der Krankenstation zu verweichlichen? Seine Gedanken verfliegen blitzartig, als die BMW jenseits der 7000/min plötzlich den Vortrieb erhöht.

Über eine breite Straße durch einen dichten Wald tauschen sie bald die Abgeschiedenheit der Vollzugsanstalt gegen die anonyme Geschäftigkeit der Stadt. Lautstark und mit langen Wegen schaltet sich das Getriebe der BMW. Beim Anfahren an der nächsten Ampel bemerkt Eddy ein lautes Quietschen von der Kupplung. Mit dem linken Daumen drückt er auf den Info-Knopf an der Armatur, bis im übersichtlichen BMW-Cockpit der Kilometerstand erscheint. 1100 km, und die Kupplung quietscht? Hat sich die Rote Jenny beim Kauf mal wieder übers Ohr hauen lassen?

An der Hauptstraße fällt den beiden Flüchtigen eine Streife auf. Im Rückspiegel beobachtet Sammy, wie sich der grün-silberne Mercedes hinter sie klemmt. Sehen kann Eddy davon nichts, seine Spiegel vibrieren zu heftig. Aber Sammys Vorsicht steckt ihn an; bloß keinen Fehler machen! Während Sammy unter Schweißausbrüchen das auffällige Design seiner B-King verflucht, verleiht die Seriosität der BMW ihrem Reiter die nötige Gelassenheit. In Teillast ruckelt der Kardan, aber das ist jetzt die geringste Sorge. Die beiden biegen in die nächste Tiefgarage, die Streife fährt vorbei. Aufatmen – und raus aus der Stadt.
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Hahn spannen nach dem Ortsschild. Die Front der B-King wird leicht, doch der Lenkungsdämpfer stemmt sich erfolgreich gegen mögliches Lenkerschlagen. Die BMW braucht ein solches Bauteil nicht. Sie liebt die Drehzahl und reagiert auf Beschleunigung von unten heraus eher behäbig.

Die breite Landstraße ruft und singt ein Lied von der nahen Grenze. Viel zu schnell fegen die beiden über das Asphaltband, lassen sich vom Ziel anstacheln und von der Potenz ihrer Bikes verführen.

Eine silberne Limousine pirscht sich heran. Viel zu spät bemerken Sammy und Eddy, dass es eine zivile Bullenkarre ist. Schon klebt das Blaulicht auf dem Dach. Nervös suchen die beiden nach einer Abzweigung – und finden sie. Scharf bremsen sie eine kleine Kreuzung an. Dabei geht die B-King vorn heftig in die Knie: Für die Vierkolben-Beißer ist die Gabel etwas zu weich, und das Vorderrad blockiert sogar kurzzeitig – Sammy ist gewiss kein Panikbremser. Er schafft die Biege. Eddy muss nicht befürchten, übers Vorderrad abzugehen. Er verlässt sich einfach auf sein ABS, legt um und stürmt die enge Kreisstraße hinunter.

Hinter den beiden quietschen noch die Reifen des Verfolgerfahrzeugs, als sie die erste Kehre anvisieren. Die B-King schiebt mit ihren 259 Kilogramm vollgetankt mächtig übers Vorderrad, und Sammy muss arbeiten, um die Suzi um die Kehre zu hieven. Das Gefühl für die Front ist aber sehr gut, die breite Suzuki lässt sich sauber das Bergsträßchen hinunterwirbeln. Die aktive Sitzposition und der relativ schmale und wenig gekröpfte Lenker verleihen der B-King eine ungeahnte Agilität und verleiten den Fahrer zu sportlich-aggressivem Einlenken.
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Die BMW macht eine ebenso gute Figur, weil Eddy dank aufpreispflichtigem ESA das Fahrwerk per Knopfdruck in den Sportmodus schalten konnte. Immer wieder verblüffend, wie gut dieses System funktioniert, wenn man die richtige Dämpfungswahl trifft. Hätte er auf Komfort oder Normal gesetzt, würde sich die BMW deutlich behäbiger benehmen und er müsste das Tempo sicher drosseln. Aber jetzt: Stabil liegt die K 1200 R in der Kurve und kippelt nicht. Sogar, als die Bögen länger werden, folgt sie dem Lenkbefehl und der angepeilten Linie, wenn auch mit der nötigen starken Hand. Ein Manko ist das fehlende Gefühl fürs Vorderrad. Im Knast hat Eddy gelernt, niemandem zu vertrauen. Und jetzt muss er sich blind auf den Vorderreifen verlassen.

Die Luft beginnt zu vibrieren, ein tiefes Pochen übertönt die Motorengeräusche. Die Schlinge zieht sich um die beiden zu. Dem Hubschrauber zu entkommen dürfte selbst auf diesen beiden PS-Boliden kaum gelingen. Sirenen heulen überall. Die Show ist vorbei, das Spiel ist aus. "Für diese wilde Fahrt allein hat es sich schon gelohnt", zischt Sammy noch kalt grinsend zu Eddy, als sie in Handschellen wieder in ihre Zellen gebracht werden. Da ist Schließer Bernd K. schon im Landeanflug auf Rio de Janeiro. Die beiden Ausbrecher sitzen wieder, ihre Bikes sind dagegen frei im Handel.

Fazit: Die B-King erobert die Krone als stärkstes Naked Bike im Sturm. Sie entreißt der BMW den Titel allerdings nicht nur wegen ihrem deutlichen Plus an Leistung. Der Motor ist das Sahnestück der Suzuki. Der K 1200 R fehlen hier Laufruhe und das geschmeidige Drumherum, etwa beim Getriebe. Fahrwerkseitig liegen sie fast gleichauf, wenn die BMW über das ESA verfügt. Die B-King wirkt allerdings radikaler.
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Suzuki B-King

Antrieb: Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile/Zylinder, 135 kW (184 PS) bei 9500/min*, 146 Nm bei 7200/min*, 1340 cm3, Bohrung/Hub: 81,0/65,0 mm, Verdichtungsverhältnis 12,5:1, Zünd-/Einspritzanlage, 44-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat

Fahrwerk: Leichtmetall-Brückenrahmen, Lenkkopfwinkel: 64,5 Grad, Nachlauf: 107 mm, Radstand: 1525 mm, Upside-down-Gabel, Ø Gabelinnenrohr: 43 mm, vorn einstellbar in Federbasis, Druck- und Zugstufe, hinten Zentralfederbein mit Hebelsystem, einstellbar in Federbasis, Zug- und Druckstufe, Federweg vorn/hinten: 120/137 mm.

Räder und Bremsen: Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/6.00 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 200/50 ZR 17. Erstbereifung: Dunlop Qualifier „MT“ vorn, „NK“ hinten, 310-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsätteln vorn, 260-mm-Einzelscheibenbremse mit Einkolben-Schwimmsattel hinten, ABS ab 2008 erhältlich

Maße und Gewichte: Länge/Breite/Höhe: 2226/
850/1260 mm, Sitz-/Lenkerhöhe: 810/1020 mm, Lenkerbreite: 790 mm, 259 kg vollgetankt, v./h.: 49,0/51,0 %
Hinterradleistung im letzten Gang: 102 kW (139 PS) bei 241 km/h

Fahrleistungen: Beschleunigung 0–100/150/200 km/h: Modus A: 3,1/5,0/8,1 s, Durchzug 50–100/100–150 km/h: 5,1/4,6 s, Modus B: 4,2/7,1/14,0 s; 5,7/7,6 s Höchstgeschwindigkeit: 247 km/h

Verbrauch: Kraftstoffart: Super, Durchschnittstestverbrauch: 6,8 Liter/100 km, Tankinhalt: 16,5 Liter, Reichweite: 243 km

Preis: 13490 Euro* (zzgl. Nk)


BMW K 1200 R

Antrieb: Vierzylinder-Reihenmotor, vier Ventile/Zylinder, 120 kW (163 PS) bei 10250/min*, 127 Nm bei 8250/min*, 1157 cm3, Bohrung/Hub: 79,0/59,0 mm, Verdichtungsverhältnis 13,0:1, Zünd-/Einspritzanlage, 46-mm-Drosselklappen, hydraulisch betätigte Mehrscheiben-Trockenkupplung, Sechsganggetriebe, G-Kat

Fahrwerk: Leichtmetall-Brückenrahmen, Lenkkopfwinkel: 61,0 Grad, Nachlauf: 101 mm, Radstand: 1580 mm, vorn Doppellängslenker mit Zentralfederbein, mit ESA einstellbar in Zugstufe. Hinten Zentralfederbein mit Umlenkung, einstellbar in Federbasis, mit ESA einstellbar in Zug- und Druckstufe, Federweg vorn/hinten: 115/135 mm.

Räder und Bremsen: Leichtmetall-Gussräder, 3.50 x 17"/6.00 x 17", Reifen vorn: 120/70 ZR 17, hinten: 190/50 ZR 17. Erstbereifung: Bridgestone BT 014, 320-mm-Doppelscheibenbremse mit Vierkolben-Festsätteln vorn, 265-mm-Einzelscheibenbremse mit Zweikolben-Schwimmsattel hinten, Teilintegral-Bremssystem mit ABS

Maße und Gewichte: Länge/Breite/Höhe: 2225/875/1230 mm, Sitz-/Lenkerhöhe: 820/1000 mm, Lenkerbreite: 710 mm, 247 kg vollgetankt, v./h.: 49,8/50,2 %, Hinterradleistung im letzten Gang: 102 kW (139 PS) bei 241 km/h

Fahrleistungen: Beschleunigung 0–100/150/200 km/h: 3,0/5,5/9,0 s, Durchzug 50-100/100–150 km/h: 4,5/5,4 s
Höchstgeschwindigkeit: 262 km/h

Verbrauch: Kraftstoffart: Super plus, Durchschnittstestverbrauch: 7,7 Liter/100 km, Tankinhalt: 19 Liter, Reichweite: 247 km

Preis: 15763 Euro* (zzgl. Nk)
foto: Fact
Bewertungen

Suzuki B-King

Antrieb
Dieser Motor macht Laune. Druck in allen Lagen, sauber dosierbar, schön harmonisch. Dazu ein tadelloses Getriebe – well done!

Fahrwerk
Die B-King schiebt wegen ihres Gewichts übers Vorderrad, läuft etwas weite Bögen. Das Fahrwerk passt gut, die Gabel geht aber bei heftigen Bremsern auf Block.

Ergonomie
Große Fahrer bekommen ihre Knie nur mit Mühe richtig ran an den Tank. Toller Lenker, sehr fahraktive Position, null Windschutz

Fahrspaß
Gut, die B-King wiegt ganz schön was und ist breit wie ein Scheunentor, aber dieser Motor ist einfach total geil.

Urteil
Der Erfolg der B-King wird wohl davon abhängen, ob das Design Anhänger findet. Technisch ist sie ein toller Ofen, der Motor die reinste Adrenalin-Spritze.

Platz 1/ 17 Punkte

BMW K 1200 R

Antrieb
Der raue Lauf und die Vibrationen sowie die unharmonische Leistungsentfaltung kosten Sterne, auch das Getriebe trübt die Stimmung.

Fahrwerk
Das ESA ist ein Muss! Im Sportmodus liegt die BMW satt und stabil, will aber mit fester Hand gefahren werden. Sie vermittelt leider kaum Gefühl fürs Vorderrad.

Ergonomie
Locker und entspannt sitzt es sich auf der BMW, der schmale Tank fühlt sich gut an, die 170 Euro Aufpreis für den Sportwindschild lohnen sich.

Fahrspaß
Druck ist vorhanden, aber auf dem Weg zum Topspeed trüben zu viele Eigenschaften den Spaß. Bei Regen spritzt die BMW den Fahrer von hinten voll.

Urteil
Der Titel "stärkstes Naked Bike" ist weg, und auch sonst muss sich die K 1200 R der B-King unterordnen. Wer aber ein schnörkelloses Motorrad möchte, kauft die BMW.

Platz 2/ 14 Punkte

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