Erschienen in: 22/ 2015 MOTORRAD

Vergleichstest SWM RS 650 R gegen Yamaha XT 660 R

Einzylinder-Enduros im Duell

Bekannte Technik, neues Geld - finanziert vom chinenischen Motorradriese Shinray legt SWM die ehemaligen Husqvarna-Modelle zu günstigen Tarifen neu auf. Ein Erfolgsrezept? Das Ernstlingswerk, die Hardenduro SWM RS 650 R, soll's im Vergleichstest gegen die Yamaha XT 660 R beweisen.

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SWM RS 650 R und Yamaha XT 660 R.

Bildergalerie: Die Einzylinder-Enduros SWM RS 650 R gegen Yamaha XT 660 R im Vergleichstest.   25 Bilder

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aus MOTORRAD 22/2015
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Kenner würden den Einzylinder bei der Blindverkostung treffsicher identifizieren. Denn das bei Standgas hörbare feine Tickern aus dem Ventiltrieb, das lässt nur einen Tipp zu: Husqvarna. Und doch lägen die Insider daneben. Denn wo Husqvarna-Technik zwar noch drinsteckt, steht jetzt SWM drauf. Verwirrung? Ein Blick zurück bringt Aufklärung. Im Februar 2013 verkaufte BMW als glückloser Eigner von Husqvarna die defizitäre Unternehmenstochter an KTM. Die Österreicher schlossen das Werk, verwenden den traditionsbehafteten Namen seither für eine auf KTM-Technik basierende Modellpalette.

Die Restbestände der noch in Italien produzierten Husqvarna-Maschinen wurden abverkauft. Doch nun feiert deren Technik Wiederauferstehung. Mit Geld von Shineray, einem der größten chinesischen Motorradhersteller, übernahm der ehemalige Husky-Chefingenieur Ampelio Macchi im September 2014 Werksgebäude und Produktionsanlagen von Husqvarna sowie die Rechte an einem neuen Namen: SWM.

Motor der SWM RS 650 R stammt aus der Husqvarna TE 630

Insofern fällt es nicht schwer, den Stammbaum der SWM RS 650 R zurückzuverfolgen. Letztmals wurde der Single im Jahr 2012, damals als Husqvarna TE 630, angeboten. Dass ausgerechnet der große Einzylinder als eines der ersten der SWM-Modelle reanimiert wurde, hat seinen Grund: Im einst so dicht bevölkerten Hardenduro-Segment ist es einsam geworden. KTM fokussiert mit der 67 PS kräftigen und 9000 Euro teuren 690 Enduro R die leistungs- und imageaffine Klientel, Yamaha kümmert sich mit der Yamaha XT 660 R (48 PS, 7160 Euro) gewissermaßen um die Einzylinder-Grundversorgung.

Und die SWM RS 650 R? Liegt irgendwo dazwischen. Das sportlich orientierte Konzept ähnelt der KTM, Motorleistung und Preis (54 PS, 6740 Euro) bewegen sich eher auf dem Niveau der Yamaha. Doch weil SWM vor allem das Low-Cost-Prinzip zur tragenden Säule der Firmenpolitik erklärte, begleitet die günstige Yamaha XT 660 R die Italienerin auf der Jungferntour in ihren zweiten Frühling.

Yamaha XT 660 R deutlich schwerer

Auch wenn schnell klar wird, dass sich die beiden wohl nicht so recht verstehen werden. Wie ein auf dünnen Beinen daherkommendes dürres Kalb neben seiner rundlichen Mutter steht die SWM an der Seite der Yamaha. Exakt 30 Kilogramm trennen die vollgetankt 159 Kilo leichte Italienerin von der 189 Kilo schweren Yamaha XT 660 R. Gefühlt sind es noch mehr. Denn alles an der SWM RS 650 R geriet schmal.

Sitzbank, Knieschluss, Heck, Motorgehäuse, jedes einzelne Element verrät: Die SWM RS 650 R war einmal ein Racer. Denn bis zum Siegeszug der hubraumschwachen und leichten Viertakter Ende der 90er-Jahre baggerten sich die Viertakt-Offroad-Freaks mit dicken Dampfhämmern durchs Unterholz. Der 600-cm³-Single stammt in direkter Linie von dem damaligen Husky-Antrieb ab.

Die SWM will erobert werden

Anders gibt sich die Yamaha XT 660 R. Tief heruntergezogene Sitzkuhle, breite Sitzbank, mit Gummi überzogene Fußrasten, 15-Liter-Tank, vollwertige Instrumente und asphaltorientierte Metzeler Tourance-Bereifung signalisieren trotz des für Offroad-Ambitionen typischen 21 Zoll großen Vorderrads die touristische Ausrichtung der XT. Mit der sie sich denn auch auf Anhieb einschmeichelt. Schnell ist das Bein über die mit 87 Zentimetern vergleichsweise moderat hohe Sitzbank gehievt, schnuckelig sitzt es sich auf dem weich gepolsterten Sitz. Sofort springt der Einzylinder an, entspannt mit seinem sanften Puls die Stimmung.

Die SWM RS 650 R will erobert werden. 92 Zentimeter Sitzhöhe, der beim Aufrichten sofort einklappende Seitenständer und der manuelle Choke am linken Lenkerende verlangen Sportsgeist und Aufmerksamkeit. Es braucht einen Augenblick, bis die Mikuni-Einspritzung und die italienische Athena-Software zueinanderfinden und der Single mit besagtem Ventiltickern vor sich hin tuckert. Doch wer erwartet, dass sich der burschikose Auftritt auch anschließend fortsetzt, der täuscht sich.

660er der Yamaha muss sich nicht verstecken

Sound? Satt und gut gedämpft. Kupplung? Zwei Finger reichen. Ersten Gang einlegen. Kein übler Kettenschlag. Durchschalten. Leichtgängig flutschen die Schaltklauen ineinander. Überhaupt zeigt sich die SWM RS 650 R ordentlich erzogen. Für einen per se unrund laufenden dicken Eintopf hackt der Antrieb im Drehzahlkeller nur verhalten auf die Kette ein, gefühlt nicht ruppiger als eine 690er-KTM. In der Mitte drückt er manierlich voran und profitiert oben letztlich von seinem unter dem auffällig rot lackierten Häubchen werkelnden drehfreudigen dohc-Ventiltrieb. Auf Schmusekurs geht der Naturbursche mit derart sportlicher Historie trotzdem nie. Und doch bleibt das ab der Drehzahlmitte aufkommende Kribbeln erträglich, nervt höchstens in den selten genutzten oberen Regionen.

Fast hätte die Yamaha XT 660 R den Blitzstart verpasst. Dabei muss sich der zunächst unauffällig wirkende 660er gar nicht so bescheiden hintanstellen. Denn: Bis 6000/min (siehe Leistungsmessungen) läuft der dicke Pott dem Italo-Eintopf den Rang ab. Auch wenn ihm das bei dem durch die üppige Schwungmasse geglätteten Auftritt zunächst kaum jemand glauben mag. Viel Aufhebens macht der mit nur einer Nockenwelle ausgestattete XT-Antrieb um seine Qualitäten ohnehin nicht. Alles funktioniert, alles flutscht in bestmöglicher Single-Laufkultur. Mitreißend mag das vielleicht nicht sein, Vertrauen bildend ist es aber allemal.

Chinesische Einfluss hält sich bei der SWM in Grenzen

Apropos Vertrauen. Das muss SWM gerade vor dem Hintergrund des am Image kratzenden chinesischen Engagements erst aufbauen. Und in dieser Beziehung zeigt sich die SWM RS 650 R ihrer Verantwortung bewusst. Von der wertigen Edelstahl-Auspuffanlage, den sauber verschweißten Rahmenrohren über die sorgfältig unter der Sitzbank verstaute Elektrik bis hin zu der sogar mit Schmiernippeln versehenen Umlenkhebelei haben sich die Mannen am Vareser See sichtlich ins Zeug gelegt. Zumal sich der chinesische Einfluss ohnehin in Grenzen hält. Nur die Motorgehäusehälften, das Getriebe, die Kunststoffteile und die Kupplungsarmatur – nebenbei bemerkt eine Eins-zu-eins-Kopie eines Magura-Geberzylinders – stammen aus China.

Zweifel an fernöstlicher Produktqualität schürt dagegen die koreanische Originalbereifung. Mit bockigem Lenkverhalten und miserablem Grip taugen die Golden Tyre GT 201-Pneus zu nichts weiter als zur Fahrt zum nächsten Reifenhändler. Mit den probeweise montierten, in ihrer Konstruktion auch schon angejahrten Pirelli MT 90 lässt sich das Potenzial der SWM RS 650 R deutlich besser ausschöpfen. Wie das sprichwörtliche Fahrrad schlenkert die SWM dann durch Wechselkurven, lenkt sich mit ihren schmalen Reifen­dimensionen leicht und präzise. Allerdings: Zu forsch sollte man es nicht angehen lassen. Der vordere Schwimmsattel beißt recht verhalten in die drei Millimeter dünne Scheibe und liefert nur einen schwammigen Druckpunkt. Dafür gelang die Federungsabstimmung. Trotz der für den Offroad-Einsatz nötigen Reserven schlucken der Dämpfer (von Sachs) und die Gabel (von Marzocchi) auch Asphaltrunzeln vernünftig weg, machen mit der ebenfalls ordentlich gepolsterten Sitzbank den Ausflug auch über längere Zeit erträglich. Selbstverständlich ist dies für ein eher offroadig orientiertes Konzept wie die SWM nicht.

Welche Enduro hat die Nase vorn?

Im Gegensatz zur Yamaha XT 660 R. Ihrer gemäßigten Ausrichtung treu bleibend, nimmt die XT auch den Landstraßenritt mit links, lässt sich mit weicher Grundabstimmung, neutralem Handling und den guten Metzeler Tourance-Pneus völlig entspannt durch die Lande treiben. Sogar die zusätzlichen Pfunde schlagen beim Eckenwetz viel weniger als befürchtet zu Buche. Zumal die Yamaha mit dem Extra-Ballast einen guten Teil ihrer Alltagstauglichkeit erkauft. Wer Gepäck und Passagier transportieren will oder die Urlaubstour plant, kommt in diesem Vergleich um die XT nicht herum. Allerdings: Während von der SWM RS 650 R kaum jemand ein ABS erwartet, verzeiht man der seit 2004 nur sacht modellgepflegten Japanerin den fehlenden Blockierverhinderer nur ungern. Schwacher Trost: Besonders bissig geht der vordere Stopper nicht zu Werke.

Was ihr wenigstens im Gelände zugutekommt. Denn die Yamaha XT 660 R setzt sich auch abseits der Straße besser als erwartet in Szene. Im artgerechten Umfeld, also auf trockenen Feldwegen oder grobem Schotter, führt sie der vordere 21-Zöller zielgenau, schlägt die progressiv abgestimmte Federung erst bei wüsten Löchern durch und schiebt der sanft einsetzende Single leicht beherrschbar voran. Dass sie sich auf diesem Terrain der SWM RS 650 R trotz aller Meriten geschlagen geben muss, wundert dennoch nicht. Denn sobald der erste Erdkrümel unters Vorderrad gerät, erinnert sich die RS an ihre staubige Kinderstube. Dann zelebriert sie den Powerslide auf Schotter, balanciert sauber Spurrillen entlang und macht sogar auf moderaten Cross-Pisten Spaß. Im Grunde limitiert nur die Reifenwahl die Ambitionen im Grünland.

Und grenzt damit das Einsatzspektrum des Duos vollends voneinander ab. Denn letztlich überschneidet sich das einzylindrige Paar nur auf der Landstraße und zieht im Alltag, der Reise (Yamaha XT 660 R) oder im Gelände (SWM RS 650 R) jeweils den individuellen Joker. Was aber viel entscheidender ist: Die RS 650 R beweist, dass die neue Flagge, unter der die ehrwürdigen Huskies nun segeln, offensichtlich in einer frischen Brise weht. Verarbeitung und Technik passen – der Preis sowieso.

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15.10.2015 |  Artikel drucken | Senden | Kommentar

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