Vergleichstest Tourer Fern, schnell, gut

Reiseenduro oder doch lieber ein gediegener Tourer? Welches ist der ideale zweirädrige Urlaubspartner und warum? Ein Duell zwischen BMW und Honda.

Puristen lächeln über Luxus. Zelt, Schlafsack, drei PS – auch so kann man die Erde umrunden. Richtig. Es kommt schließlich nicht darauf an, was man hat, sondern was man macht. Trotzdem: Was kann schöner sein, als komfortabel zu reisen? Urlaub von Anfang an. Mit kraftvoller Motorleistung, großzügigem Stauraum für Gepäck, hervorragendem Windschutz, einem Fahrwerk mit ausreichend Reserven und einem sofamäßigen Sitz statt Schaffell. Die Testkandidatinn halten massig Komfort-Trümpfe in der Hinterhand. BMW R 1150 GS, der jüngste Spross aus der erfolgreichen bayrischen Enduro-Reihe, bietet ein ausgeklügeltes Koffer- und Gepäcksystem, Hauptständer, wartungsarmen Kardan, ABS, Steckdose, Heizgriffe, 85 PS, ein belastbares Fahrwerk und eine Sitzbank mit Wohncharakter – das Ganze verteilt auf 264 Kilogramm. Und besitzt auch noch einen geregelten Katalysator. Dem steht die R 1100 RT aus gleichem Hause nicht nach. Mit fünf zusätzlichen PS und 21 Kilogramm Mehrgewicht, einer großzügig dimensionierten Verkleidung mit Staufach, großem Windschild und Stereoanlage buhlt die RT um die Gunst der Reiselustigen. Modern Touring in Perfektion.
Reisetechnisch ebenfalls perfekt präsentiert sich die Honda ST 1100 Pan European. Das Konzept des fast schon zum Kultbike avancierten Reisedampfers ist mittlerweile acht Jahre alt und immer wieder verbessert worden. Seidenweich laufender Vierzylinder-V-Motor mit 98 PS, viel Platz für Fahrer und Sozius, integriertes Koffersystem, auf Wunsch auch mit Topcase, Kardanantrieb – das ganze Paket bringt 328 Kilogramm auf die Waage. Serienmäßig mit ABS, der Traktionskontrolle TCS und dem Honda-eigenen Integralbremssystem CBS ausgestattet. Das verteilt die Bremskräfte auf sämtliche Bremssättel, egal, ob vorderer oder hinterer Stopper betätigt wird.
Die Honda Varadero ist ebenfalls mit dem CBS ausgestattet und verwöhnt mit 76 Litern Stauraum ihrer Koffer plus 45 Liter im Topcase und einer großzügig bemessenen Sitzbank, gibt sich ansonsten jedoch eher spartanisch. Kettenantrieb statt Kardan, Hauptständer nur als Zubehör, keine Gimmicks. Mit 256 Kilogramm Gewicht ist sie die leichteste und mit 20660 Mark die günstigste Maschine des Testquartetts.
Schon im Stand fällt auf, dass sich die bayrischen Techniker praxisnah mit dem Reisen beschäftigt haben. Beide BMW lassen sich selbst mit Gepäck gut auf den Hauptständer hieven, die Sitzhöhe ist durch einfaches Umstecken der geteilten Sitzbänke variabel. Die Scheibe bei der RT ist elektrisch höhenverstellbar, die der GS mittels einer Rasterung im Anstellwinkel. Gut für alle Kleinwüchsigen oder Menschen mit preußischem Gardemaß.
Ganz anders die beiden Honda. Windschild, Sitzhöhe, Fußrasten – alles fest vorgegeben. Und trotzdem passt’s brillant. Auf der ST 1100 fühlt man sich von der ersten Sekunde an wohl. Die Sitzposition ist optimal, die hohe Scheibe bietet guten Schutz, alle Schalter und Hebel sind ergonomisch perfekt geformt und platziert, der Tank sowie die Koffer sind schwerpunkttechnisch günstig positioniert. Auch die Aufbockprüfung auf den Hauptständer besteht die ST mit Auszeichnung.
Eine Auszeichnung ganz anderer Art erhält die Varadero: Ihre sofamäßige Sitzbank ist ultrabequem. Dazu ein breiter Lenker, nicht zu stark angewinkelte Knie. Das passt. Lediglich der Windschutz der Scheibe könnte besser sein. Zudem irritiert der hohe Schwerpunkt bei Beladung und beschwört bei Kurzbeinigen schnell den Balance-Horror herbei.
Stichwort Beladung. 35 Kilogramm Gepäck galt es pro Motorrad zu verteilen. Für die ST 1100 sowie die R 1150 GS sind ab Werk zwar ebenfalls Topcases erhältlich, für den Test wurden jedoch Packrollen verwendet. Durchweg positiv: Keines der montierten Koffersysteme schränkt die Beinfreiheit oder den Sitzkomfort des Sozius ein. Beide BMW verfügen darüber hinaus über ein ausgeklügeltes Trägersystem. Die Koffer werden einfach nur aufgesteckt und mittels des eingeklappten Tragegriffs gesichert. Auch ohne Koffer wirken die Träger nicht als Fremdkörper am Bike. Gleiches gilt auch für die Honda ST 1100, bei der die Sicherung der Koffer jedoch ganz anders funktionert. Im krassen Gegensatz dazu wirkt der Träger der Varadero auf den ersten Blick wie ein Auspuff-Sturzbügel. Und bedingt durch den Doppel-Endschalldämpfer wächst das Heck der 1000er mit Koffern auf 103 Zentimeter Breite. Das ist Rekord im Testfeld. Die ST 1100 bringt es lediglich auf 79 Zentimeter, dazwischen liegen die BMW mit je 94. Alles noch zu viel für einen frechen Schlupf durch gestaute Autokolonnen.
Aber vergessen wir Staus. Die touristisch vernachlässigten Vogesen bieten ideales Testterrain für die vier Reisespezialisten. Kurven, Kehren, kleinsten Straßen. Gut geteert, hier und da mal ein wenig Rollsplitt. Ungekrönte Königin auf Wegen dieser Art ist die R 1150 GS. Fast unbeeindruckt vom Gepäck, ja sogar vom 75-Kilo-Sozius, lässt sie sich durch die Kehren schwingen. Zielgenau, linientreu, kinderleicht. Der Kraftaufwand beim Einlenken ist sehr gering, das 19-Zoll-Vorderrad führt die Befehle willig aus, das Motorrad »fällt« förmlich in die Kurven. Dabei sprechen die Federelemente sensibel an, führen die Räder selbst bei frostbeuligem Asphalt sicher am Boden. Die Telelever-Vorderradführung bietet die Möglichkeit zur Federvorspannung, hinten lässt diese sich ebenfalls erhöhen, die Zugstufe ist ebenfalls verstellbar – völlig ausreichend für jeglichen Einsatzzweck. Darüber hinaus ist die Schräglagenfreiheit fast grenzenlos.
Ganz anders die R 1100 RT. Schon bei relativ humanen Schräglagen setzt der Hauptständer im Zweipersonenbetrieb auf, mahnt zu gemäßigter Fahrweise. Das Fahrwerk beunruhigt das Mehrgewicht an Person und Gepäck nicht. Gautschen oder Rührbewegungen sind der RT fremd. Ihre Federelemente sind ganau wie bei der GS verstellbar. Im Solobetrieb bietet die RT einen hohen Fahrkomfort, kaschiert ihre 285 Kilogramm so geschickt, dass man sie guten Gewissens als handlich bezeichnen darf, folgt den Lenkbefehlen zielsicher. Allerdings nicht so spielerisch wie ihre Enduro-Schwester. Auffällig ist das Konstantfahrruckeln und die Lastwechselreaktionen – der Antriebsstrang scheint spürbar mehr Spiel zu haben als bei der GS 1150 R. Dies vermiest genüssliches Gleiten ein wenig.
Das ist das Metier der Honda ST 1100. Kein anderes Motorrad des Testquartetts vermittelt so viel Ruhe, überträgt so viel Gelassenheit wie die Pan European. Hondas Konzept für das stressfreie Überbrücken von Distanzen geht auf. Klar, sie ist die Schwerste und Unhandlichste der vier, reicht nicht ganz an die Kurvenstabilität der BMW heran, und in engen Kehren muss oft ein wenig korrigiert werden. Dennoch ist das Fahrverhalten sehr homogen, die Federbasis kann hinten fünffach per Schlüssel vorgespannt, die Zugstufe stufenlos verstellt werden – selbst im Soziusbetrieb ist die Federung nicht überfordert. Ganz im Gegenteil zur Varadero. Die unter voller Zuladung viel zu weiche Federung und Dämpfung vorn und hinten machen sie zum Schaukelpferd mit Kreiselbewegung. Schräglagenwechsel arten in Arbeit aus, die Varadero beginnt sich unangenehm und über Gebühr aufzuschaukeln. Kurvenstabilität, Lenkpräzision, Geradeauslauf und Schräglagenfreiheit lassen zu wünschen übrig. Unter maximaler Zuladung beginnt die Varadero ab 140 km/h zu pendeln. Okay, richtig: Alle Hersteller von Gepäcksystemen weisen darauf hin, dass auslandende Koffer und Topcase die Fahrstabilität beeinflussen und beschränken aus diesem Grund die Höchstgeschwindigkeit mit Koffern auf maximal 130 km/h. Trotzdem geben sich die anderen drei Testkandidaten selbst bei rund 200 km/h mit voller Beladung keine Blöße. Da pendelt nichts, da wackelt nichts. Nein, fahrwerkstechnisch liegt die Varadero weit hinter ihnen.
In Sachen Motor dagegen verbucht die Varadero Pluspunkte, wenngleich sie über einen hohen Verbrauch erkauft werden. Der V2 ist im Durchzug überragend und beschleunigt am brutalsten aus den Kehren heraus. Und dies, obwohl die Konkurrenz auf dem Papier mindestens ebenbürtige Daten aufweist. Warum? Das Varadero-Getriebe ist wunderbar gestuft, die ersten drei Gangpaarungen kurz übersetzt, der Motor über den ganzen Bereich kräftig und drehwillig. Dass die BMW GS fast immer gleichauf ist, liegt am Drehmomentverlauf ihres Motors. Schon bei 4000/min kann hochgeschaltet werden – höher drehen bringt nicht viel mehr. Geht es um zügiges Beschleunigen, tut sich die nominell stärkste Maschine im Feld, die ST 1100, schwerer als die beiden Enduros. Zum hohen Gewicht kommt eine längere Übersetzung der Gänge hinzu. Fürs Touren ideal, für flotte Kurvenfahrt ein Handicap. Genau richtig für ihren Einsatzzweck. Aber: Der V4-Motor der ST ist ein Vorbild an Laufkultur. Vibrationsarm, potent, ausgeglichen. Wirkt nie überfordert, nie gequält. Ganz im Gegensatz zum Boxer der BMW RT. Etwas zäh dreht der Zweizylinder hoch, schickt dabei feine Vibrationen in die Lenkerenden. Nicht nervig, aber immer präsent.
Gilt es, die Reisebegleiter zu bremsen, setzt das System der ST 1100 sowohl in Wirkung als auch Dosierbarkeit Maßstäbe. Exakter Druckpunkt, sofortiger Biss. Das Ganze noch mit ABS. Angstfrei verzögern im High-End-Bereich. Dahinter gleich die R 1150 GS. Allerdings regelt ihr Antiblockiersystem nicht ganz so feinfühlig wie das der ST 1100. Gleiches gilt auch bei der RT, deren Bremsen jedoch deutlich schlechter sind als bei ihrer Enduro-Schwester. Mehr Handkraft ist erforderlich. Die ABS-losen Stopper der Varadero verbeißen sich zwar auch gierig in die Scheiben, allerdings wirkt ihr Druckpunkt schwammiger als bei den anderen drei.
Doch die Qualitäten der Reisebegleiter lassen sich nicht nur an Motor und Fahrwerk messen. Funktionalität und Urlaubstauglichkeit stehen an oberster Stelle. Was besonders positiv aufgefallen ist: die Möglichkeit der erweiterten Ladefläche durch einfaches Abnehmen der Soziusbank der R 1150 GS, die mühelose Verstellmöglichkeit des Lichts bei der ST 1100, der sehr gute Windschutz der RT und der ST. So gut, dass das Belüftungssystem des Helms Schwierigkeiten mit der Frischluftzufuhr bekommt. Den Wetterschutz der beiden Modelle möchte man bei Dauerregen nicht missen. Hinzu kommen gut gelöste Wartungsdetails wie Öleinfüllstopfen, pflegeleichte Kardanantriebe, der einfache Hinterradausbau und das gut bestückte, leicht zugängliche Werkzeug bei den BMW. Aus dem Rahmen des Testquartetts fällt lediglich die Varadero. Unter Beladung schwer zu rangieren und zu fahren, schlechtere Detaillösungen und Wartungsbedingungen: beim Zündkerzenwechsel, Radausbau, Kette schmieren oder dem Befestigen des Tankrucksacks. Einziges Reisebonbon: Die seitliche Anordnung der Kühler sorgt für effektive Beinwärmung. Ideal für Touren in kalte Regionen.

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