Yamaha XJ6 und KTM 690 Duke Wer Stress sucht, wird die Duke ernten

Oder anders herum: Wer es besinnlich liebt, liegt mit der XJ6 genau richtig. Zwei Motorräder, so unterschiedlich wie die Typen, für die sie gebaut sind. Welcher Typ sind Sie?

Foto: Künstle
Es gibt in der MOTORRAD-Redaktion beide, und das ist gut so. Zwei Fahrertypen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Der eine, Markus, weitgereist und dem Thema seit vielen, vielen Jahren eng verbunden. Der andere, Karsten, ist Testfahrer, ebenfalls rund um die Welt auf zwei Rädern unterwegs und der Sache praktisch per Definition genau so stark verpflichtet.

So viel zu den Gemeinsamkeiten. Doch viel bedeutsamer ist der Unterschied. Markus und Karsten sind zwei völlig unterschiedliche Typen. Der Testfahrer sucht auf zwei Rädern unentwegt nach den Grenzen der Technik – und ganz nebenbei auch seinen eigenen. Der Reise-Redakteur hat diese für sich längst ganz eindeutig definiert. Und damit auch die, wohin die Technik ihn bringen soll. Was hat das nun mit KTM Duke und Yamaha XJ6 zu tun? Ganz klar: Je nachdem, welcher Typ Sie sind, werden Sie entweder mit der Yamaha oder mit der KTM glücklich werden. Ganz selbstverständlich. Allerdings hat die Sache einen Haken. Den mit der Selbsteinschätzung. Wo liegt die Grenze zwischen Markus und Karsten? Und noch etwas: Ab wann wird das, was die kantige Duke mehr an Einsatz fordert, zum Stress, während die Geschmeidigkeit der XJ6 willkommenen Support darstellt? Vielleicht hilft die folgende Schilderung weiter. Eine stinknormale Kurve auf der Duke. Natürlich ist man spät, sehr spät auf der Bremse, das ist auf diesem Gerät einfach Ehrensache. Federleicht fällt das Leicht-gewicht in Schräglage. Derart leicht, dass es schnell zu viel des Guten ist – die Duke fällt weiter als gedacht. Deshalb rasch etwas Zug am Hinterrad, um die gewünschte Linie zu halten. Erbarmungslos peitscht der untertourig drehende Single mit der Kette. Wieder das Schalten vergessen. Unter 3000/min geht bei dem großen Einzylinder mangels Schwungmasse nichts, das ist der Preis der Drehfeude und Agilität.

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Foto: Jahn
Somit zügig runter mit den Gängen, Dritter oder Zweiter, in ganz engen Ecken sogar der Erste. Jetzt passt es, plötzlich schiebt der Single die Duke mit Druck auf die Linie. Mit dem Nachteil, dass die Fuhre spontan schneller wird. Und damit zwangsläufig schräger. Also weiter drücken, sehen, was geht. Wenn es zu viel war, Gas raus, im schlimmsten Fall bremsen. Wieder fällt die KTM, das nervöse Spiel beginnt von vorn. Dieselbe Szene auf der Yamaha. Auch ein Mittelklasse-Motorrad, aber ein ganz anderes. Mit 215 Kilogramm satte 55 Kilo (oder eine ausgewachsene Sozia) schwerer als die federleichte Duke. Auch hier spät (vielleicht nicht ganz so spät) bremsen, dank ABS mit der notwendigen Gelassenheit. Das Einlenken geht leicht (natürlich nicht ganz so leicht) wie auf der Duke, mit etwas Nachdruck ist die XJ6 auf der gewünschten Linie (aber eben nicht darüber hinaus). Dort liegt sie schön neutral, ihr komfortables Fahrwerk fängt sogar Bodenwellen und Absätze ab. Aha, da ginge noch was. Sanft und berechenbar (und nicht hart und sprunghaft wie der radikale Single) nimmt der Vierzylinder Gas an, schiebt die XJ im hohen Gang mit wenig Drehzahl behutsam auf das gewünschte Tempo. Jetzt mit ein wenig Druck die Schräglage erhöhen. Passt, sitzt und hat Luft. Auf zur nächsten Kurve.

So unterschiedlich kann sie sich anfühlen, diese ganz normale Kurve an einem ganz normalen Sommertag. In „gut“ oder „schlecht“ lassen sich diese Eigenschaften dennoch nicht so ohne Weiteres einordnen. „Ich brauche ein Motorrad, das mich in Ruhe lässt“, hat Markus einmal gesagt. Und meinte eines, auf dem die Sitzbank ganz weich ist und wegfiltert, was das Federbein übrig lässt. Eines, auf dem es nicht so wichtig ist, welcher Gang gerade drin ist oder welche Drehzahl anliegt. Eines, auf dem auch eine unbedachte Aktion nicht gleich zu unüberschaubaren Folgen führt, weil das Motorrad Fehler verzeiht. Für Karsten hingegen geht es immer nur um pure Action. Um 100 Prozent. Wer genau weiß, was er tut, will immer etwas tun. Wer am Kurveneingang bereits den Ausgang kennt, wird den richtigen Gang parat haben. Wer genau am richtigen Punkt ans Gas geht, wird den heftigen, punktgenauen Leistungseinsatz lieben. Wer genau wissen muss, wann die Reifen ihre Haftung aufgeben, wird Federbein und Sitzbank als gewissenhaften Übermittler des Straßenzustands schätzen. Darum wählt Markus die Yamaha, Karsten die KTM. Und was wählen Sie?

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