Ducati Scrambler Full Throttle und Yamaha XSR 700 im Vergleichstest

Schöne Töchter, schnelle Söhne

Ducati Scrambler Full Throttle und Yamaha XSR 700 wirken auf den ersten Blick sehr ähnlich: zweimal Umbau-Optik ab Werk in der unteren Mittelklasse, zweimal 75 PS, Vollbart und Holzfällerhemd. Tatsächlich sind die beiden Motorräder grundverschieden. Zwei Hersteller, zwei Philosophien, eine Betrachtung.

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Zweimal Umbau-Optik ab Werk in der unteren Mittelklasse, zweimal 75 PS, Vollbart und Holzfällerhemd.

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8 Seiten Vergleichstest
aus MOTORRAD 02/2016
Preis: 2,00 €

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Schauen wir heute zunächst einmal ganz genau hin. Betrachten Sie die Ducati Scrambler Full Throttle und Yamaha XSR 700 ganz ausgiebig. Lassen Sie diese beiden retromodern gestylten Krafträder in Ruhe und unvoreingenommen auf sich wirken. Nicht schummeln! Fertig? Gut. Was sehen Sie? Welche gefällt Ihnen besser? Für welche der beiden würden Sie sich entscheiden? Wenn Sie sich für die aufgeräumte, luftgekühlte, zeitlos schicke Scrambler-Ducati entscheiden würden, dann gehören Sie zur Mehrheit.

MOTORRAD ist bestimmt nicht die Modepolizei, und der Autor selbst hat von Design oder nicht sein so viel Schimmer wie vermutlich Heidi Klum von der Funktionsweise einer Anti-Hopping-Kupplung. Aber in diesem Fall scheint die Sache eindeutig. Ginge es um Optik allein, wir bräuchten diesmal wohl gar nicht erst aufsteigen. Das mag jetzt vielleicht etwas abschätzig wirken und oberflächlich, und Schönheit soll ja im Auge des Betrachters liegen. Ja doch, aber warum um den heißen Brei herumreden? Die Italiener haben mit dem neoklassischen Design der Ducati Scrambler Full Throttle den Nagel so dermaßen auf den Kopf getroffen. Verdammt schwer, dagegen anzustinken. Nicht nur, aber erst recht für Yamahas „Faster Son“, den schnellen Sohn Yamaha XSR 700.

Ähnlichkeit mit der Ahnin XS 650?

Immerhin hat Yamaha als erster japanischer Hersteller das Marktpotenzial der Neuinterpretation von Klassikern ab Werk erkannt und liefert. Aber abgesehen davon, dass das Marketinggeplapper vom Erbe der schnellen Söhne so bemüht daherkommt wie die angebliche Ähnlichkeit mit der Ahnin XS 650 – die Yamaha XSR 700 wirkt schlicht und einfach verbaut. Ihre Basis, die MT-07, kann vieles ausnehmend gut, keine Frage. Nur eines, das gehört wohl nicht unbedingt dazu: eine saubere, aufgeräumte Grundlage für ein formschönes Retro-Naked abzugeben. Zu prominent sticht der Wasserkühler heraus, zu viele Deckel, Blenden, Schläuche, Kabel und Rohre – wo man auch hinschaut.

An sich keine große Sache, aber das Auge fährt nun einmal mit, erst recht in einer Kategorie Motorrad, die sich zu einem beträchtlichen Teil auch über die Optik definiert. Dann erinnern wir uns, dass die Yamaha XSR 700 mit 75 PS, 68 Nm und knapp 190 Kilo nahezu identische Eckdaten wie jene der Scrambler aufweist. Und preislich, wie war das noch? 8400 Euro für die recht wertig gemachte Ducati Scrambler Full Throttle, das ist nicht so viel mehr als die 7500, die Yamaha für die XSR aufruft. Ist die Sache diesmal schon vor dem ersten Meter Fahren klar?

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Ducati Scrambler Full Throttle und Yamaha XSR 700.  

Foto: Rossen Gargolov  

Also eins nach dem anderen. Zunächst mal zu den harten Fakten. Und auch die liegen diesmal ungewöhnlich eindeutig. Denn in nahezu jeder objektiv bewertbaren Hinsicht watscht die XSR 700 die Scrambler ab. Angefangen beim Motor. Der Twin der MT legt in dieser Klasse die Messlatte ziemlich hoch. Unglaublich, wie verspielt und zugleich präsent der Reihenzweier mit 270 Grad Hubzapfenversatz auftritt. Das nutzbare Drehzahlband reicht von knapp 2000 Touren bis in den fünfstelligen Bereich, und überall ist der 700er bei der Musik. Hier addieren sich verbindlicher Antritt im Keller, sehnige Mitte und herrliche Drehfreude bis kurz vor Schluss. Dazu ein angenehm pulsierender Lauf, ohne einen Anflug von störenden Vibrationen.

Unaufgeregt geschmeidig die Gasannahme, perfekt die Dosierbarkeit, leichtgängige Kupplung, schönes Getriebe – dieser Motor macht einfach alles richtig. Und das, im Gegensatz zur Ducati, auch schon unter Einhaltung der bald gül­tigen Euro 4-Norm. Okay, auch bei der Duc stehen 75 PS im Prospekt (und 73 PS im Schein), und der Prüfstand bescheinigt auch deren Anwesenheit. Aber nein, diese Cavalli gehen wirklich nicht mit der gleichen Verve zur Sache wie die der Yamaha. Unten will der L-Twin noch nicht so richtig, und obenraus fehlt dem Zweiventiler die Spritzigkeit der Yamaha. Nur die schön kräftige Mitte des 800ers und eine kürzere Übersetzung lassen die Duc motorisch an der XSR dranbleiben. Und muss diese künstlich forsche Gasannahme, die Tatendrang eher suggeriert, wirklich sein? Ist das nicht etwas prollig und infantil?

Scrambler geht mit Zusatzausstattung an den Start

Nur auf den ersten Blick. Und das liegt nicht nur daran, dass für die hier gefahrene Ducati Scrambler Full Throttle mit niedrigerem Lenker, Termignoni-Endschalldämpfer und schick genähter Zweifarben-Sitzbank eben nicht 8400, sondern knapp 10.000 Euro fällig sind. Nein, in Wahrheit ist das diesmal etwas komplizierter.

Betrachtet man die beiden Maschinen Ducati Scrambler Full Throttle und Yamaha XSR 700 genauer, muss man sich neben Optik, Technik und Fahrverhalten auch damit befassen, was man eigentlich erwartet von einem Motorrad im Allgemeinen und diesen Neo-Retro-Bikes im Besonderen. Das wiederum bringt einen dann zur Frage, wer man eigentlich ist. Doch das führt an dieser Stelle dann vielleicht etwas zu weit.

Weiche Abstimmung der XSR 700 passt zum Konzept

Die Schläuche und Pumpen am Motor der Yamaha schauen vielleicht nicht so schick aus wie Kühlrippen und Zahnriemenabdeckung aus Metall, aber die inneren Werte der Yamaha XSR 700 sind geeignet, das vergessen zu machen. Gleiches beim Chassis. Die Yamaha ist zwar grenzwertig weich abgestimmt, das aber passt irgendwie zum Konzept. Die Gabel spricht auch auf kleinste Wellen sehr gut an, bietet viel Komfort. Jedenfalls so lange, wie die Gashand nicht digital auf eins steht, dann wird es zu schaukelig. Der neu aufgelegte Pirelli Phantom grippt erstaunlich und harmoniert hervorragend mit dem Fahrwerk. Ein neutraler, balancierter, leichtfüßiger fliegender Teppich, so wunderbar fährt die Yamaha ihrem Kanonenrohr-Scheinwerfer hinterher. Nebenbei bemerkt fallen die vier Kilo Mehrgewicht der XSR zur MT-07 bestenfalls im direkten Vergleich mit selbiger auf. 

Die Ducati Scrambler Full Throttle? Straff ge­federt poltert sie trocken bis hart über alles drüber, besonders hinten. Ansprechen? Eher mäßig. Das kann man als erdig und ehrlich verklären, muss man aber nicht. Dazu lenkt ihr 18-Zoll-Vorderrad unwilliger, bockiger, weniger neutral ein. Die Sitzposition der Yamaha XSR 700 entspricht in etwa der eines kompakten Naked Bikes mit einem weit nach hinten gereckten Lenker, während die Scrambler mit ihrer Kombination von sehr niedriger Sitzbank, gar nicht so niedrigen Rasten und überbreitem Lenker einen zwar sehr cool aussehen lässt, Gefühl fürs Vorderrad aber kennt sie nur vom Hörensagen. Was die Ducati objektiv besser kann als die Yamaha? ABS. Ihr Blockierverhinderer ist mit feineren Regel­intervallen und späterem, nachvollziehbarerem Eingriff dem der Yamaha überlegen. Das war’s. In Top-Test-Punkten ausgedrückt sähe das so aus: 590 für die Scrambler Icon, dagegen 647 Zähler für eine MT-07. Ein himmelweiter Vorsprung. Logisch, dass dieses Duell der Schwestern ziemlich ähnlich ausginge. 

Das schlechtere Motorrad das bessere Neo-Retro-Naked?

Kollege Schmieder hat es so auf den Punkt gebracht: „Die Yamaha XSR 700 fährt von selbst.“ Mehr Lob geht nicht. Und die Ducati Scrambler Full Throttle? „Nicht.“ Die XSR geht besser geradeaus, geht besser ums Eck, bremst besser, auf ihr sitzt man besser und sie kostet weniger. Sie ist in nahezu allen Belangen das modernere, zweckmäßigere Motorrad. Kurzum, sie fährt so geschmeidig, wie die Scrambler ausschaut. Nur: Dies ist weder Top- noch Vergleichstest. Und warum bloß springen Test- und Fotofahrer bei freier Wahl des Bikes immer gleich zur Scrambler? Warum fragen die Kollegen Richtung Feierabend alle nach dem Ducati-Schlüssel? 

Ist das schlechtere Motorrad möglicherweise das bessere Neo-Retro-Naked? Mag sein, dass das etwas subjektiv ist, aber wenn es um den Erlebniswert, ums Kopfkino, um „Smiles per Hour“ geht, dann trumpft die Ducati so richtig auf. Ein großer Denker hat einmal auf die Frage, was denn so toll sei am Motorradfahren, so geantwortet: „Ganz einfach. Da finden zwischen deinen Beinen permanent Explosionen statt.“ Stimmt streng genommen natürlich gar nicht, aber Sie verstehen schon, was gemeint ist. Diese gefühlte Wahrheit jedenfalls zelebriert die Scrambler sehr gekonnt. Dieser unnachahmliche, harte Desmo-Schlag, der rumpelige, leicht unrunde Lauf, das hat schon etwas ganz Besonderes. Dieser Motor lebt einfach, man spürt ihm seine lange, charaktervolle Tradi­tion als Monster-Treibsatz bei jeder Kurbelwellendrehung an. Dann der Sound. Was da aus dem Termignoni-Topf der Ducati Scrambler Full Throttle an Schalldruck entweicht, ist mindestens so dreckig wie eine von Berlusconis Bunga-Bunga-Partys. Auch das kann man zwar vollkommen zurecht prollig bis peinlich finden, aber ignorieren kann man es nicht. 

Warum denn nicht mal infantil und prollig sein?

Im di­rekten Vergleich dazu gibt sich der Twin der Yamaha XSR 700, für sich genommen ein schön klingender Motor, akustisch jedenfalls so pflichtbewusst und korrekt wie der Vorstandsvorsitzende von Sony, wenn er die Quartalszahlen präsentiert. Was man dann wiederum gediegen und erwachsen finden kann oder langweilig. Die Fahrwerksschwächen der Ducati Scrambler Full Throttle, ihren hemdsärmeligen L-Twin, die merkwürdige Sitzposition – das alles verzeiht man ihr mit der richtigen Brille gern, denn das alles macht irgendwie auch den Großteil des Spaßes aus. Ja, selbst von der künstlich forschen Gasannahme lässt man sich gern mal blenden, weil es einfach lustig ist.

Warum denn nicht mal infantil und prollig sein? Auf ihr kann man auch besser Frauen beeindrucken. Bin ich denn wirklich so simpel gestrickt? Klar Mann, brüllt die Ducati Scrambler Full Throttle als Antwort und fährt sich damit direkt ins Herz. Aber immer nur so lange, bis man wieder auf der Yamaha XSR 700 sitzt, einhändig Kreise um die Ducati fährt und dem Scrambleristen dabei zuschaut, wie er sich nach jeder Bodenwelle neu sortieren muss.

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Zweimal Umbau-Optik ab Werk in der unteren Mittelklasse, zweimal 75 PS, Vollbart und Holzfällerhemd.  

Foto: Rossen Gargolov  

Die Yamaha XSR 700 fährt ziemlich exakt so viel besser, wie die Ducati Scrambler Full Throttle schöner ist und lebendiger – und deshalb bleibt am Ende dieser Geschichte eine kleine Sinnkrise. Könnte man nicht beides bekommen? Könnte man ein Motorrad haben, das so funktioniert wie die Yamaha und so berührt wie die Ducati? Schwierig, denn es hat gute Gründe, warum diese Motor­räder so sind, wie sie sind. In der Scrambler steckt noch immer viel Erbgut der alten Zweiventil-Monster, deren Technik sie geerbt hat. Der L-Twin mit Zahnriemen und Desmodromik, der Gitterrohrrahmen, die Designelemente des wunderbaren Einzylinder-Scramblers aus den 60er-Jahren – dieses Motorrad findet nicht im luftleeren Raum statt. Weil sie mit Recht auf ihre Ahnen zurückblickt und auf sie verweist, kann, ja, muss die Scrambler so sympathisch unperfekt sein, wie sie ist.

Mit dieser rückwärtsgewandten Denk- und Bauweise und vor allem ­ihrem Ausdruck in Formensprache geht man in Italien sichtlich unverkrampfter um als in Japan. Die Yamaha XSR 700 ist da am besten, wo sie eine MT-07 ist: modern, funktional, zeitgemäß. So sind diese Motorräder am Ende auch wie kaum zwei andere Ausdruck der jeweils italienischen und japanischen Art. Einmal als schöne Tochter, einmal als schneller Sohn.

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