20.08.2009 Von: Robert Glück
Erschienen in: 08/ 2009 PS

Aprilia RSV4 Factory, Honda Fireblade, Yamaha YZF-R1 Ein Tag im Grünen

Es ist Sommer, der Planet sticht, und die Vögel zwitschern. Spießeridylle? Nein, es ist der perfekte Tag, um mit den Kumpels auf der Hausstrecke ordentlich anzureißen. PS sattelt Aprilias neuen Brenner RSV4 Factory, Hondas Fireblade und Yamahas YZF-R1.
In diesem Artikel: Honda CBR 1000 RR FirebladeAprilia RSV4 FactoryYamaha YZF-R1

RSV4 Factory, Fireblade, R1

R1, RSV4, Fireblade - wer regiert die Landstraße?  

Foto: K  

IN DIESEM ARTIKEL

Auf der Rennstrecke tat es einen Paukenschlag, der Boden bebte, und die gewaltige RSV4 Factory stürzte die etablierte Sportlerwelt in Unordnung. Als sich der Staub des Aufschlags legte, lag aus japanischer Sicht die Welt in Trümmern: Auf dem Thron der Superbikes räkelte sich die RSV4. "Ein Gefecht ist nicht die ganze Schlacht", sagen sich die weisen Samurai und fordern die Italienerin zur Revanche auf der Landstraße, dem eigentlichen Revier des versierten, vollvisierten und in Leder gewandeten Sportfahrers. Also rein in die Klamotten und raus auf die Hausstrecke, der Sonne und später dem Biergarten entgegen. Dazwischen möglichst viele Kurven, Kuppen, Biegungen, Anstiege, Brücken, Kehren - und zur Not auch ein Stück Autobahn, um schneller ins Zielgebiet des Abwinkelns zu gelangen.

Die drei Gewaltigen, die Aprilia RSV4 Factory, die Honda Fireblade mit C-ABS und die Yamaha YZF-R1 schnurren wie Uhrwerke über die Bahn. Inhalieren gierig die Frischluft, setzen jeden Dreh am Gasgriff mit einem Satz nach vorn in Beschleunigung um, lassen Mücken und Fliegen in Hülle und Fülle an den Verkleidungen verenden. Beim ersten Tankstopp ein schnelles Resümee: Der Windschutz von Honda und Yamaha reicht für lange schnelle Etappen, jener der Aprilia ist sehr knapp bemessen. Der Pilot muss sich mit dem Oberkörper tief hinter die Scheibe falten, quasi mit dem Kinn fast auf den Tank, um gut geschützt unterwegs zu sein.

Da die RSV4 sehr klein und kompakt ausfällt, die Lenkerstummel etwas weit nach außen gekröpft sind und das Sitzpolster von der straffen Sorte ist, fordert sie Nehmerqualitäten. An der Zapfsäule dann nimmt sie, und zwar reichlich und oft. Es war schon immer eine schlechte Kombination, den kleinsten Tank mit dem größten Durst zusammenzuspannen. Nicht nur auf der Autobahn, auch im winkligen Schwarzwald mit nur sehr geringem Volllastanteil konsumierte die V4 zügellos. Im Testmittel zuzzelte die Aprilia mal ganz locker 9,0 Liter auf 100 km aus ihrem 17 Liter großen Tank, während die Yamaha aus ihrer 18-Liter-Blase 8,1 Liter saugte und sich die Honda mit 6,8 Litern aus -ihrem 17,7-Liter-Depot begnügte.


 PS Supersport Days Oschersleben


Wer nun argumentiert, dass viele starke Pferde einen großen Appetit entwickeln, der täuscht sich. Denn diese RSV4 bekleckert sich in den Kapiteln Motorleistung, Ansprechverhalten und Leistungsentfaltung keinesfalls mit Ruhm. Im Gegenteil, sie sorgt für Ratlosigkeit und große Enttäuschung. Okay, das Ansprechverhalten des Drive-by-wire-Systems war auch beim ersten Test in Oschersleben nicht mustergültig. Dafür drückte der V4 aber an wie ein Stier, lieferte sehr unauffällig in jedem Drehzahl-bereich fette Leistung, die sich effizient in schnelle Rundenzeiten umsetzen ließ. Und dieses Exemplar? Ein Papiertiger, der brüllt, aber nicht beißt. Vor allem in den engen Passagen auf der Landstraße, wo beim sportlichen Tiefflug Gangwechsel im Ernstfall den Rhythmus versauen, fällt die verkorkste Charakteristik dieser RSV4 auf.

Folgende Situation: Sie folgen Ihren Kumpels auf Fireblade und R1, stechen in eine enge Linksbergabkurve und ziehen alle drei am Scheitel bei zirka 6500/min den Hahn auf. Blade und R1 treten an, als wäre der Teufel hinter ihnen her. Ist er aber nicht, denn Sie auf Ihrer Aprilia verhungern erstmal ein wenig, bis bei 7500/min der Antritt kommt. Sie düsen Ihren Kollegen hinterher, haben bereits mehrere Meter auf diese verloren und wollen nur eines: Dranbleiben! Dann großes Entsetzen, denn trotz Vollgas nimmt der Abstand ab 9500/min wieder zu. Während die Kumpels unaufhaltsam voranmachen, gönnt sich die Aprilia einen Hänger. Hochschalten, den nächsten Gang versuchen? Falsch! Die lange Sekundärübersetzung hat diese Aktion bereits auf der letzten Geraden mit einer wachsenden Lücke -bestraft. Also stehen lassen! Aha, bei 10500/min setzt der zweite Wind ein. Nun marschiert der V4 wie Hulle, reißt eine Furche in den Asphalt. Zu schade nur, dass die Kollegen bereits auf der Bremse sind, während die Aprilia richtig Fahrt aufnimmt. Die Konsequenz: große Augen, ein laut gedachtes "Scheiße!" schießt durch den Kopf, und der Bremspunkt wird auf gaaanz spät verlegt, um nicht in der Böschung einzuschlagen.

Auf der Honda geht exakt derselbe Streckenabschnitt deutlich entspannter vonstatten: Raus aus der Links, Hahn auf, ab 6000 Touren schiebt die Blade sehr kräftig und vor allem kontrollierbar vorwärts, den ersten Gang bis zum Begrenzer stehen lassen, und kurz bevor dieser einsetzt, anbremsen, abwinkeln, fertig. Die Yamaha kann das genauso gut, garniert die Gerade dank kurzer Übersetzung noch mit einem kleinen Wheelie und klingt beim Beschleunigen einfach hammermäßig, was zusätzliche Glückshormone im Piloten freisetzt. Eine gut kontrollierbare Leistungscharakteristik, das ist es, was zählt. Klingt einfach, ist aber offensichtlich nicht einfach hinzubekommen.

Dabei verwundert, dass PS bereits eine RSV4 gefahren ist (in Oschersleben, siehe PS 6/2009), die von einer derart verkorksten Leistungsentwicklung verschont geblieben ist und die volle, im Kfz-Schein angegebene Leistung ablieferte (siehe auch Kommentar S. 13). Dieses Exemplar hier lieferte nur 169 PS ab und zieht damit auch fahrdynamisch, obwohl das leichteste Motorrad im Testfeld, die rote Laterne magisch an. Bei der Durchzugsübung im letzten Gang von 50 auf 150 km/h benötigt die RSV4 9,9 Sekunden; die R1 braucht nur 7,9, die Honda 8,1. Zur Erinnerung: Die Messwerte der 180 PS starken Aprilia waren zwar auch nicht mustergültig, aber mit 9,2 s von 50 auf 150 km/h deutlich besser. Und was für den Durchzug im höchsten Gang gilt, lässt sich in diesem Fall leider auf das Beschleunigungvermögen übertragen: Mit 8,6 s von 0 auf 200 km/h muss sich die Italienerin von beiden Japanerinnen jeweils 1,1 Sekunden einschenken lassen.


WEITER ZU SEITE 2: Handling und Bremsen

1 | 2 | 3 |     

DIESEN ARTIKEL KOMMENTIEREN 


  • Marke

    Lade...

  • Modell

    Bitte Marke auswählen!

Thema: Elektro-Bikes
Das E-Bike ist im Stadtverkehr eine echte Alternative. Hier finden Sie alle Infos zu E-Bikes und alternativen Antrieben.
PS-Redaktion: VIP-Fahrtraining mit Neukirchner
Für das zweitägige Motorradtraining auf dem Sachsenring gibt es noch freie Plätze. Mit dabei: Redakteure und Profi-Rennfahrer!
Neu: iPhone-App von MOTORRAD
Ab sofort steht die neue iPhone-App "MOTORRAD für iPhone" im App-Store zum Download zur Verfügung.
"Oben ohne" an der star Tankstelle
Gratis-Kaffee für alle Biker – Die Kaffee-Biker-Aktion der star Tankstellen geht pünktlich zum Beginn der Saison in die nächste Runde.
Reifen-Spezial: Alles über Motorradreifen
Große Übersicht über Tourenreifen, Sportreifen und Hypersportreifen - inklusive Testergebnisse, Reifenkunde und Testtagebuch.
Motorrad-Umbau: Yamaha B-Track
Motorrad-Umbau: Yamaha B-Track

Ein Jahr nach dem ersten gemeinsamen Umbau-Projekt, der D-Track, wird nun die neue B-Track präsentiert.mehr

PS-Projekt: Zweitakter mit Turbolader
PS-Projekt: Zweitakter mit Turbolader

Das PS-Zweitakt-Projekt: Eine Yamaha TZR 125 SP mit rund 30 PS Serienleistung soll dank... mehr

Die Yamaha XT wird 35 Jahre alt
Die Yamaha XT wird 35 Jahre alt

Yamaha feiert eines der liebenswertesten Motorräder überhaupt.mehr

Gebrauchtmarkt
30659