11.01.2012 Von: Robert Glück
Erschienen in: 09/ 2011 PS

Vergleich: ROC-Yamaha 500 GP und BMW S 1000 RR Zwei grundsätzlich unterschiedliche Supersportler im Test

500er-Zweitakt-Vierzylinder mit ihrer brachialen Leistung machen vor allem eins - Angst. PS ritt eine ROC-Yamaha 500 GP parallel zur 200-PS-Waffe BMW S 1000 RR.
In diesem Artikel: BMW S 1000 RR

ROC-Yamaha-500-GP-und-die-BMW-S-1000-RR (jpg)

ROC Yamaha 500 GP und BMW S 1000 RR.  

Foto: Jahn  

IN DIESEM ARTIKEL

Der Kloß sitzt fest im Hals, erschwert das Schlucken und drückt zudem noch aufs Gemüt. Nervös tänzele ich um die ROC-Yamaha 500 GP herum, an die Besitzer und Restaurator Jörg Schöllhorn gerade letzte Hand anlegt. Bilder von wüsten Highsidern unserer Helden Doohan, Schwantz und Rainey schießen mir immer wieder durch den Kopf. Wie sie katapultartig von einer Millisekunde auf die andere von tiefer Schräglage mit raketenmäßiger Beschleunigung zum Höhenflug über die hohe Seite das Motorrads ansetzen. Ist dieses garstige Biest überhaupt zu bändigen? Wir werden sehen. Wenigstens kenne ich die Strecke aus dem Effeff - habe mich eben zehn flotte Runden mit der starken BMW S 1000 RR hier auf dem Hockenheimring warmgefahren.

Volle Hose „Hey, aufwache, mir währed soweid“ - Schöllhorn und Mechaniker Markus sind fertig, übergeben mir die ROC-Yamaha. „Hock’ di druff, i schieb di o - und denk dra, du musch mit Drugg schaltä, sonsch isch Getriebe hee“, fügt Jörg im breiten Oberschwäbisch hinzu. Ein Getriebeschaden ist meine kleinste Sorge, auf meiner Festplatte hat sich das Bild des hochhaushohen Highsiders ein-gebrannt. Obwohl, so ein bei Vollgas zerbrechendes Getrieberad, welches das Hinterrad blockiert - auch nicht so schlecht. Vor allem, wenn man das Preisschild der ROC bedenkt: Um die 80 000 Euro werden für so ein Motorrad mittlerweile aufgerufen. Ebenso dramatisch ist die Ersatzteile--Situation. Motorgehäuse gibt es gar keine mehr, Schöllhorn sucht schon seit Jahren nach einem Betrieb, der sie nachgießen kann...

Angst! Aber Angst darf es nicht, Respekt muss es sein! Locker machen - und schon geht’s los. Jörg schiebt an, ich kuppele die schwergängige Trockenkupplung ein und der Knalltakter nimmt qualmend und quengelnd seine Arbeit auf. Langsam steuere ich durch die Boxengasse auf die Streckeneinfahrt zu.

Anfang der 90er sah es in der 500er-WM so bescheiden aus wie heute in der MotoGP. Zwei Handvoll Fahrer, davon die ersten sechs auf überirdischem Werksmaterial, kämpften um den Titel. Wer kein Werksfahrer war, musste quasi nur sitzenbleiben, um WM-Punkte einzufahren. Mehr Starter mussten also her. Die Verantwortlichen brachten Yamaha dazu, Kunden-Motoren zu liefern, die englische Fahrwerk-Schmiede Harris und ROC aus Frankreich bauten käufliche Chassis. Die Maßnahme kam gut an, in der Saison 1993 waren insgesamt 13 ROC- und sieben Harris-Chassis am Start. Der Höhepunkt für die ROC-Fahrwerke kam ebenfalls 1993. Weltmeister und Yamaha--Werksfahrer Wayne Rainey kam zu Saisonbeginn mit seinem Werksrahmen nicht zurecht, blieb vier Rennen sieglos. Im Juli 1993 in Barcelona schnappte er sich ein ROC-Chassis, steckte seinen Werksmotor hinein und gewann mit fast vier Sekunden Vorsprung. Rainey schöpfte wieder Hoffnung, seinen Titel gegen Kevin Schwantz verteidigen zu können und benutzte weiterhin das ROC-Fahrwerk.

Mehr über ...
BMW  Yamaha  S 1000 RR  Rennmaschine  Supersportler  Zweitakter 

Genau auf so einem 1993er-Rahmen   mit einem 1995er-Kundenmotor sitze ich jetzt. Im ersten Gang biege ich auf die Strecke ein, ziehe das Gas vorsichtig auf. Mooääääähh, der Vierzylinder schiebt brav an, ich schalte bei 9000 Touren in den Zweiten, dann in den Dritten. Biege, weiterhin im dritten Gang, in die Parabolika ein und ziehe das Gas gleichmäßig auf. Auf der S 1000 RR müsste ich mich jetzt bereits richtig festhalten. Mooäääh-äääh-äääh, die ROC geht auch vorwärts, aber zunächst zäh. Dann überschreitet die Nadel des Drehzahlmessers die magische 9500er-Marke. Aus Mooäääh wird MÄÄH! Die 500er schießt vorwärts. Doch kaum habe ich mich auf den Schub eingestellt, ist er wieder vorbei. Ab 12 500/min wird der Vierzylinder müde, fordert die nächste Gangstufe. „Präzise und kraftvoll schalten“, schießt mir Schöllhorns Flehen durch den Kopf! Ich tappe den vierten Gang rein, dann den fünften - und ziehe voll durch. Die Spitzkehre kommt in Sichtweite, ich lege die Bremse an, natürlich viel zu früh, steppe durchs Getriebe bis in den Ersten und rolle durch die 180-Grad-Kehre. Die Drehzahl sackt unter 8000 Touren, die ROC kommt beim Beschleunigen kaum aus dem Quark, während die BMW hier sofort zum Wheelie ansetzen würde. Dann endlich wieder 9500/min! Hurra, erneut geht es voran! Runde um Runde klappt es besser, stelle ich mich auf den Zweitakter ein, komme in so etwas wie einen Rhythmus. Viel zu früh wird der Turn abgewunken, ich rolle zurück zu Jörg und Markus.

ROC Yamaha 500 GP

Geordnetes Chaos: Wer sagt, dass  Vierzylinder-Zweitakter nicht komplex wären, irrt.  

Foto: jahn  

Volle Suppe „Und, wie war’s?“, wollen sie wissen. „Nun, für ’ne 250er nicht schlecht, aber mal ehrlich, ’ne 500er müsste eigentlich besser gehen. So rein gefühlsmäßig geht das Ding wie eine 165-PS-Fireblade von 2002 durch die Parabolika, aber niemals wie eine 200 PS starke BMW S 1000 RR.“ Enttäuschung macht sich breit, dann ein Funkeln in Jörgs Augen: „Wassertemperatur? Wie hoch war die?“ „66 Grad“, entgegne ich. „Gut, dann gibt es jetzt den Hintern voll.“ Jörg und Markus strippen die ROC, und legen ein paar Kohlen im Brennraum nach. Während eine moderne Tausender einfach einen voll gespannten Gashahn braucht, um schneller zu werden, muss die Yamaha magerer eingedüst werden. Das sorgt für deutlich bissigeren Schub. Ich bin gespannt, lasse den Turn Revue passieren. Kein Motorbremsmoment, eine wirklich enge Ergonomie, der schmale Leistungsbereich des Zweitakters. Kein Vergleich zu der top bequemen, superstarken und dank ABS und TC beinahe narrensicheren BMW...

20 Minuten später der nächste Turn. Ich weiß nun grob, was mich erwartet, rolle im Zweiten in die Parabolika und klappe den Hahn auf! MÄÄÄHH, die ROC schießt los, als wäre der Leibhaftige hinter ihr her! Yeah, so muss das sein - gib mir mehr! Dritter, Vierter, Fünfter, Sechster! Ich steche außen an 1000er-Piloten vorbei, werfe mich mit Wucht der Spitzkehre entgegen. Ankern, in den Ersten runterschalten, mit leichter Schleifkupplung den Screamer am Leben halten und mit einem fetten Wheelie aus der Kehre!! Yeah, das ROCt!!! Ein Blick auf die Wassertemperatur verrät, dass der Motor mit 58 Grad immer noch zu warm läuft, aber bereits zieht wie ein Ochse. Neun Runden brenne ich auf der ROC-Yamaha über den Ring, jede flotter, flüssiger als die davor. Kurve um Kurve gehe ich einen Tick früher ans Gas. Bis in der Links vor der Mercedes-Tribüne schlagartig der Hintern wegrutscht. Mit viel Glück stehe ich den Rutscher, fahre den Turn gewarnt und geschockt zu Ende - die Gedanken an das Preisschild und die Highsider von Doohan & Co sind mehr als präsent.

Weitere Artikel: Test
Test: Norton 18 H

Test: Norton 18 H Rennmotorrad der 20er-Jahre

Fahrbericht: Piaggio MP3 Yourban 300

Fahrbericht: Piaggio MP3 Yourban 300 Neues Dreirad von Piaggio

Produkttest: Racing-Helme

Produkttest: Racing-Helme Motorradhelme für Sportfahrer im Test

Voll krass - Wie konnten unsere Helden mit diesen Motorrädern überhaupt so schnell fahren? Talent, Mut, viel Gefühl und Präzi-sion waren notwendig. Jörg selbst braucht auf der 500er über ein halbes Jahr, um schneller zu sein als auf seiner aufgebohrten 360er-Aprilia. Nicht nur wegen der abartigen Power-Explo-sion bei 9500/min. Auch, weil das ROC-Chassis in jeder Hinsicht einstellbar ist. Nachlauf, Lenkkopfwinkel, Off-Set - alles ist nahezu frei wählbar. Umlenkungshebel fürs Federbein gibt es im Dutzend und selbst der Schwingendrehpunkt ist dreifach höhenverstellbar. Sich im Abstimmungs-Labyrinth zu verirren ist ein Einfaches, das richtige Set-up herauszufinden sehr schwierig. Wie leicht und sicher fährt sich dagegen eine moderne Tausender. Mein Respekt für alle 500er-Zweitakt-Piloten steigt ins Unermessliche, wenn ich mir nur vorstelle, mit der 500er ein Regenrennen fahren zu müssen.


 BMW: alle News, Tests und Foto-Shows

 Yamaha: alle News, Tests und Foto-Shows

 Vergleichstest Sportler: BMW S 1000 RR gegen Honda Fireblade

 Zubehör für die BMW S 1000 RR

 Jürgen Fuchs mit einer Serien-BMW bei der IDM

 Fahrbericht: IDM-BMW S 1000 RR



WEITER ZU SEITE 2: Technische Daten

1 | 2 |     

DIESEN ARTIKEL KOMMENTIEREN 


  • Marke

    Lade...

  • Modell

    Bitte Marke auswählen!

Thema: Elektro-Bikes
Das E-Bike ist im Stadtverkehr eine echte Alternative. Hier finden Sie alle Infos zu E-Bikes und alternativen Antrieben.
PS-Redaktion: VIP-Fahrtraining mit Neukirchner
Für das zweitägige Motorradtraining auf dem Sachsenring gibt es noch freie Plätze. Mit dabei: Redakteure und Profi-Rennfahrer!
Neu: iPhone-App von MOTORRAD
Ab sofort steht die neue iPhone-App "MOTORRAD für iPhone" im App-Store zum Download zur Verfügung.
"Oben ohne" an der star Tankstelle
Gratis-Kaffee für alle Biker – Die Kaffee-Biker-Aktion der star Tankstellen geht pünktlich zum Beginn der Saison in die nächste Runde.
Reifen-Spezial: Alles über Motorradreifen
Große Übersicht über Tourenreifen, Sportreifen und Hypersportreifen - inklusive Testergebnisse, Reifenkunde und Testtagebuch.
Stephan Schaller folgt auf Hendrik von Kuenheim
Stephan Schaller folgt auf Hendrik von Kuenheim

Hendrik von Kuenheim (52), bisher Leiter BMW Motorrad, leitet zukünftig den Geschäftsbereich BMW... mehr

BMW R 900 RT für die Polizei
BMW R 900 RT für die Polizei

BMW Motorrad, vertreten durch Werkleiter Hermann Bohrer, übergibt 20 neue Behördenmotorräder an die... mehr

Superbike-WM in Donington/GB: 1. Lauf BMW siegt zum ersten Mal
Superbike-WM in Donington/GB: 1. Lauf BMW siegt zum ersten Mal

Nach einem harten Kampf sicherte sich Marco Melandri seinen ersten Superbike-Sieg auf BMW im ersten... mehr

Gebrauchtmarkt
30659