Deutschlandfahrt 1999 Rheine- Papenburg: 1000 Kilometer?

Ein Bericht über die Deutschlandfahrt 99 von Wolfgang Schmitz


Elke war skeptisch – als Willi und ich das letzte Mal ähnliche Pläne schmiedeten, endete die Sache Freitag abends nach einer zwölfstündigen "Unterwasserfahrt" mit einem leeren Tank irgendwo im Wald bei Nürnberg. Wir waren nass, kalt und a.d.W. (aus der Wertung). Ihr damaliger Kommentar und Ihre erneute Befürchtung sind gleich: Wenn man sich zu viel vornimmt, kann es nur schiefgehen! Recht hat sie - aber wir sind ja inzwischen um drei Jahre weiser geworden. Kurz entschlossen meldeten wir uns bei Martin Schumann an zur 22. Deutschlandfahrt des BVDM. Seit vielen Jahren findet sie mit wechselnden Zielorten Ende August / Anfang September statt. Vom 03. bis 05. September diesen Jahres führte sie nach Papenburg ins Emsland. Das Veranstaltungsgebiet erstreckte sich eingegrenzt von Nordsee und Weser bis ins nördliche Münsterland. Erstmalig waren auch Nebenkontrollen bei unseren holländischen Nachbarn anzufahren. Rund zwei Wochen vor der Tour begann die heiße Phase, die Fahrtunterlagen waren im Briefkasten. Aufgabe ist es, sich aus einer großen Anzahl vorgegebener besetzter und unbesetzter Kontrollpunkte eine möglichst günstige Route zusammenzustellen. Damit das ganze jedoch nicht in totalen Wettbewerbsstress ausartet, sind von Kontrollstelle zu Kontrollstelle Mindestfahrzeiten vorgegeben. Dadurch bekommt man die Möglichkeit, sich an den durchweg interessanten Punkten auch über die Aufgabenlösung hinaus umzusehen und auch mit den Helfern oder mit anderen Teilnehmern ein wenig "Benzin zu reden". Aber Achtung – eine Umsetzung der rechnerisch optimalsten Route ist in der Regel nur mit einem Hubschrauber zu schaffen, deshalb die Skepsis bei Elke. Die Kunst besteht darin, aus vielen Kombinationsmöglichkeiten das für sich selbst Erreichbare zu ermitteln, dabei die vielen zusätzlichen Einflussfaktoren zu berücksichtigen, zur Sicherheit eine Portion Luft (Zeit) hinzuzufügen, das ganze in Landkarte oder Roadbook (oder beides) umzusetzen und dann noch sauber abzuradeln. Dabei sollte die Kalkulation nicht zu knapp ausfallen – sonst: siehe oben. Nachdem jeder für sich einige Stunden mit den Fahrtunterlagen herumbastelte, setzten wir uns einen Abend zusammen. Unglaublich wie viele Kombinationsmöglichkeiten sich aus den Verbindungen von 48 Punkten stricken und wieder aufräufeln lassen! Elke schaute kurz mal rein, brummelte irgendwas, schüttelte den Kopf und ging wieder schlafen. Sie ließ es sich trotzdem nicht nehmen dabei zu sein. Eine Mama-Papa-Vetretung für Stefan gesucht, einen Tag Urlaub angemeldet, die Motorräder durchgecheckt, die Campingsachen im Packsack verrödelt und ab ging`s Donnerstag abend zum Campingplatz Hertha-See in der Nähe von Rheine. "Haben wir irgendwas verkehrt geplant?", nur zwei weitere Teilnehmer von über 70 Startern waren zur Übernachtung hier. Christian, einer der beiden, war - von gleichen Gedanken gequält - sichtlich erleichtert uns zu sehen. Aufstehen vor dem Hellwerden, einpacken der taunassen Zelte, reichlich frühstücken (nur nicht zu viel Kaffee!), noch mal bis zum Kragen volltanken und ab zur Startkontrolle vor dem Campingplatz. Hier waren dann pünktlich um 8.00 Uhr doch noch andere Starter zu finden. Datum, Uhrzeit, Kilometerstand vermerkt, Kontrollstempel kassiert, Aufgabenblatt durchgelesen, Lage der bis dahin unbekannten Nebenkontrolle ermittelt, diese in die Fahrtroute eingearbeitet und ab ging`s. Stell Dir vor es ist Deutschlandfahrt und es regnet nicht! Zügig ging es an diesem Bilderbuch-Morgen über kleine Sträßchen nordwärts. Am Schloß Fürstenau waren die ersten drei Fragen zu beantworten:

Was für ein Kloster befand sich auf dem Schloßgelände?
Als was wurde das Schloß 1340 erbaut?
Wie heißt die Schloßkirche?

Die Antworten waren mit ein wenig Umsicht schnell ermittelt und ab auf die Maschinen. Richtung Lingen, dann südlich – und schon suchten wir herum. Wo ist denn hier Hanekenfähr? Die Arbeiter im Industriegebiet wussten, dass hier alles so heißt. Also die Lagebeschreibung noch mal raus, mit Karte verglichen, noch mal gefragt – und dann lief es doch weiter. An einem Wehr an der Ems waren die Antworten zu finden. Weiter zum Hotelrestaurant "De Bakker" in Engden bei Nordhorn. Die erforderliche Wartezeit bis 10.00 Uhr wurde zum Kaffee trinken und wegbringen genutzt. Pünktlich ging`s weiter zum Bahnhof in Salzbergen. Dort steht eine Dampflok der Baureihe 43. Vorsicht, genau lesen! "An welchem Bahnsteig steht die Dampflok?". Gleis 3 ist nicht Bahnsteig 1, also korrigiert und weiter zur nächsten Kontrolle. Wassermühle bei Schloß Singgrave im holländischen Denekamp. "Was trödelt denn da für ein fahrbarer Tante-Emma-Laden vor uns?", vorne ist frei, kurzer Gasstoss, schnell überholt, das kleine Sträßchen knickt links ab – hoppla was ist denn hier für einen Straßenbelag? Die kleinen weißen Kieselsteinchen waren lose auf den frischen Asphalt gestreut. Mein Vorderrad fand erst im Grünstreifen am Straßenrand wieder Halt – so schnell waren wir doch gar nicht! Nebenkontrolle - Hauptkontrolle – Nebenkontrolle, wie die Straßenbahn spulten wir Kilometer um Kilometer ab. Windmühlenmuseum Haren, Transrapid - Besucherzentrum, Moormuseum Groß Heesepe mit dem größten Pflug der Welt (genannt Mammut) - Martin hatte wieder mal alle Register gezogen. Wie bestellt, ergab sich passend zu den leeren Mägen an der HK 8 eine tolle Verpflegungsmöglichkeit. Im Clubhaus des MC Lindern gab es belegte Brötchen, selbstgebackenen Kuchen, kalte und warme Getränke – und einen Adrenalinstoss: Christian, der den ganzen Tag die gleiche Route verfolgte, hatte für den Tagesabschluss eine andere Variante geplant. "Hat unsere Planung doch einen Fehler? Haben wir etwas übersehen?" Elke wollte von Umplanung nichts hören – Sie erinnerte an unsere letzte gemeinsame Tour (s.o.). Ein Schnellstudium aller Unterlagen ergab, dass Christian die Fahrtfolge von Samstag etwas ungünstiger geplant hatte. Er entschloss sich dazu weiter mit uns zu fahren und wurde daraufhin feierlich in unsere Mannschaft aufgenommen – Acht Augen sehen mehr als sechs! Bischofsbrücker Großsteingrab, Schloß Clemenswerth, Moorlehrpfad im Halender Moor – anschließend streiften wir fast den Zielpunkt in Papenburg, und weiter ging`s gen Norden. Großes Hallo an der HK 5 in Bingum – Willi´s Bruder Peter hat hier samt Familie Stellung bezogen. Zum Endspurt ging es weiter, Schiefer Turm in Suurhusen (2,43 m Überhang!), Zwillingsmühlen in Greetsiel, Tjedestein in Wiesens, noch ein paar Kilometer bis zur Nachtkontrolle bei Friedeburg. Pünktlich stempelten wir aus, volltanken, Zelte aufbauen, Schlafsäcke ausrollen und ab mit den Helfern der HK 3 Carola und Winfried samt Nachwuchs zur nahegelegenen Pizzeria. Mit vollem Bauch und einem frischen Bier ließen wir den Freitag noch mal Revue passieren – ein großes Lob für Martin und sein Team. Was für ein Aufwand zur Vorbereitung einer solchen Veranstaltung! Nach dem ?-ten Bier beschlossen wir einstimmig, dass die Gewinner der Deutschlandfahrt Martin bei der Organisation und Ausrichtung der Fahrt in 2000 helfen müssten. Bei sternklarem Himmel wanderten wir zurück zu den Zelten. Pünktlich um 8.00 Uhr standen wir wieder startklar an der HK. Jetzt kam der eigentliche "Knackpunkt" unserer Planung: 115 km (ohne die unbekannte NK), drei Kontrollpunkte finden, neun Fragen beantworten und dafür 2,5 Stunden. Uns beschäftigte nur eine Frage: Wo liegt die unbekannte NK? Wieviel Zeit und Kilometer kostet sie? Winfried rückte erst zum Start damit heraus: Super, nur 5 km Umweg. Erst fuhren wir zurück Richtung Aurich, die Schleuse Kokulorum war die erste NK. Mist - kaum waren wir über die Drehbrücke der Schleuse, wurde diese per Handkurbel quer gestellt, damit ein Schiff die Schleusenkammer verlassen konnte. Schneller als erwartet wurde die Uraltkonstruktion jedoch wieder in eine für uns günstigere Position gedreht und wir konnten weiter zur Schlachtmühle nach Jever. "W.Tiemann u Co." war die Antwort auf die Frage nach dem Hersteller des Traktors, der durch das Fenster rechts neben dem Eingang zu sehen war. Anschließend besuchten wir die "Sextanten" im Museum für Seemannsgarn "Spijöök" im Hafen von Varel. Die Frage nach dem "grauen Ungetüm vor dem Museum" klärte sich auch: Es ist ein altes Kleinst-U-Boot aus sowjetischer Produktion. Große Erleichterung – wir waren rund 20 Minuten vor Ablauf der Mindestfahrzeit bei der HK 2. Willi nutzte hier die Zeit und kramte mit dem Inhaber der Firma MotoThek in Ersatzteilen für seinen daheim gebliebenen Alltagsdampfer. Das alte Friesenwort: "Kein Land ohne Deich – Kein Deich ohne Land" galt es am Leuchtturm Eckwarderhörn zu finden und weiter ging`s über das Schiffahrtsmuseum in Brake zur HK 5. Der Rest sah nach einer Spazierfahrt aus: 72 km in 2 Stunden. Aber der Teufel ist ein Eichhörnchen: An der NK in der Festung Burtange (wieder bei unseren holländischen Nachbarn) nutzten wir die nur für Zweiräder und Anlieger geöffnete direkte östliche Zufahrt über mehrere Brücken bis ins Herz der mittelalterlichen Anlage. Die Fragen waren jedoch beim westlich gelegenen Autoparkplatz am anderen Ende der Festung zu beantworten. So hatten wir bei schönstem Sonnenschein zur Mittagszeit in voller Montur einen 2 km Spaziergang zu bewältigen. Zurück bei den Maschinen gerieten wir noch in Filmaufnahmen mit historischen Kostümen. Letztendlich 3 Minuten vor 14.00 Uhr erreichten wir das Ziel in Papenburg. Großes Hallo bei den vielen bekannten und auch neuen Gesichtern. Zeltaufbau in strahlendem Sonnenschein (endlich trocknen!), ab unter die Dusche und schon ging´s weiter im Programm mit einer Stadtrundfahrt in Papenburg. Hier erfuhren wir etwas über die mühselige Trockenlegung der ehemaligen Moorgebiete durch die Anlage von Fehn - Kolonien. Zum Abendessen mit über 200 Personen wurden die weitgereisten Mopedfahrer von der Bürgermeisterin offiziell als Papenburger Gäste begrüßt. Anschließend wurde die Siegerehrung durchgeführt, es gab Pokale in Einzel-, Team- und Mannschaftswertung. Wer keinen Pokal gewonnen hat, ist bestimmt bei der nachfolgenden Tombola beglückt worden. Bis spät in die Nacht wurde erzählt von den gemeinsam erfahrenen Zig-tausend Kilometern der beiden vergangenen Tage. Der Sonntagmorgen begann nicht weniger spät als Freitag und Samstag. Bereits um 07.45 Uhr (vor dem Frühstück!) stieg ein großer Teil der Deutschlandfahrer in einen bereitstehenden Bus. Wir fuhren zu einer Besichtigung der Meyer Werft vor den Toren Papenburgs. Dort staunten wir über eines der größten überdachten Baudocks der Welt für Schiffe mit einer Vermessung von mehr als 100 000 BRZ. Durch Anwendung innovativer Technik in Verbindung mit ausgeklügelten Produktionsmethoden ist es hier gelungen, auf einem der am härtesten umkämpften Märkte der Welt zu bestehen und damit eine ganze Region zu ernähren. Zurück zum Zielpunkt ließen wir bei einem opulenten Frühstücksbüffet ein schönes Wochenende ausklingen. Zelte abbauen (trocken!), einpacken, verabschieden bis zum nächsten Jahr und bei schönstem Sonnenschein auf der Heimfahrt die frischen Erlebnisse noch einmal reflektieren...

PS. Das Gespräch von Freitag abend zeigt Folgen: Willi, Christian und ich werden im kommenden Jahr Martin bei der 23. Deutschlandfahrt unterstützen!
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