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Motorräder unterm Hammer: Motorrad-Auktionen in Las Vegas Die weltweit größten Motorrad-Auktionen

Superlative am laufenden Band: Wir waren in Las Vegas, wo im Januar bei den beiden weltweit größten Motorrad-Auktionen rund 800 Maschinen untern Hammer kamen.

Foto: Schmieder
Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Es wurde viel geboten auf den Auktionen in Las Vegas.
Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. Es wurde viel geboten auf den Auktionen in Las Vegas.

Man glaubt es nicht. Draußen zeigt sich Las Vegas verrückt und kitschig, mit glitzernden Boulevards, künstlichem Kolosseum und Eiffelturm. Und hier drinnen, im großen Konferenzsaal eines Hotelkomplexes, ist alles real: Über 200 Motorräder aus Europa, den USA und Japan präsentieren sich akkurat aufgereiht auf grellbunter Auslegware. Maschinen aus den Jahren 1902 bis 1999, vom Ein- bis zum Sechszylinder, Zwei- und Viertakter, -Massenware und Raritäten, die Bonhams heute, am 10. Januar 2013, versteigert.

Hier eine französische Griffon Twin aus dem Jahr 1906, die von einer 750er-Laverda aus den 70ern und einer Triumph Bonneville T 120 von 1963 flankiert wird. Und dort haufenweise Maschinen mit längs eingebauten Vierzylindern der 20er-Jahre von Nimbus, Henderson, ACE und Indian. Highlight: die LEO von 1905 mit Torpedo-Tank unterm Rahmenhauptrohr. Daneben stehen rostige, nur rollbereite Fahrgestell-Rudimente von fast 100 Jahre alten Maschinen. Es gibt alle Erhaltungszustände, original, komplett restauriert und - selten - verbastelt. Dazu viele Motoren und Ersatzteile oder Schnittmodelle. Plus klassische Blechschilder, historische Plakate oder Feuerlöscher mit Kupfer-Korpus. Das Salz in der Suppe.

Dazwischen laufen Leute jenseits der 50 oder 60 hin und her, bleiben andächtig stehen, gehen vorm Objekt der Begierde bewundernd in die Knie und begutachten gründlich. 1793 gegründet, hat sich Bonhams mit dem Verkauf exquisiter Motorräder einen guten Ruf erworben. Der 200 Seiten starke, 30 Dollar teure Hochglanzkatalog ist Schmuckstück und Infoquelle zugleich (das Kleingedruckte lesen!), mit informativen englischen Kurzbeschreibungen zur Modellgeschichte. Etwa zum Matchless-Racer G 50 von 1960 mit "Matching numbers", der zusammengehörenden Rahmen-und Motornummer 1784. So etwas ist besonders begehrt, bringt später 59 800 Dollar, rund 45 600 Euro.

Achtung, das Gebot gilt. Oder?
Es geht los, die Versteigerung beginnt. Mit Kleinteilen, „Memorabilia“. Motorrad-Enthusiasten nehmen Platz, Sammler und Agenten, die für Menschen im Hintergrund in Aktion treten. Sogar Mitbieten am Telefon oder live im Internet ist möglich. Der vornehm englisch wirkende Auktionator versteht es, Kauflust zu wecken. „You need it - Sie brauchen es“, kommentiert er ein Heben der Hand mit der registrierten Bieternummer. Ob deswegen manche historische Kuriositäten gegenüber Märkten in Mannheim oder Imola überteuert wirken? Diese Eigendynamik ist gewollt, schließlich wird hier auch mit Emotionen Geschäft gemacht.

Bei Memorabilia bis 50 000 Dollar nimmt Bonhams satte 25 Prozent Provision. Bei Motorrädern bis 100 000 Dollar sind es 15 Prozent, darüber zehn Prozent. Also kostet Harley-Davidsons Einzylinder 34B von 1934 beim Zuschlag von 14 000 Dollar tatsächlich 16 100 Dollar. Hinzu kommen noch acht Prozent Sales-Tax, zumindest für US-Bürger. Wenn der Auktionator den Zuschlag erteilt („You got it - Sie haben es!“), gratuliert er: „Glückwunsch, Sie haben ein feines Motorrad.“ Etwa zwei Drittel der Bikes haben ein „Reserve“, ein verstecktes Mindestgebot wie bei Ebay. Schnäppchenjäger haben die besten Erfolgschancen bei Bikes, die auf jeden Fall bei erfolgtem Gebot verkauft werden.

Rasch ruft der Auktionator 100-Dollar-Schritte auf, „bekomme ich 3600?“, bis etwa 5000 Dollar. Darüber geht es in 500er- oder 1000er-Schritten weiter - da heißt es aufpassen. Wenn keiner bietet, kann es aber auch andersrum gehen - von 10 000 auf 5000, dann 3000 Dollar bis zum Verkauf. Manche Motorräder erreichen nicht ansatzweise den im Katalog ausgewiesenen Schätzpreis, andere dagegen liegen deutlich darüber. Die Versteigerung ist eben ein Test für die versammelte Szene: Wohin geht der Trend, wofür wird (wie viel) Geld ausgegeben? Was ist die eigene oder potenzielle Maschine wert?

Die Spannung steigt, die Luft knistert. Los 438, ein 400er-Husqvarna-Crosser, den Steve McQueen im Februar 1970 gekauft hatte. Die Husky wird nicht wie die anderen Maschinen vors Auktionärs-Pult gerollt, sondern parkt schon davor (siehe Aufmacherfoto). Der Schauspieler machte die 400er mit dem Film „On any Sunday“ und einem Titelbild des „Life“-Magazins legendär - mit nacktem Oberkörper, das Vorderrad in der Luft. Doch die gebotenen 75 000 Dollar sind Bonhams zu wenig.
Wieder geht ein Raunen durch den Saal. Nummer 440, die Kompressor-bestückte BMW RS 255 ist an der Reihe. Sie hat einen dokumentiert originalen Motor von 1939 im authentischen Rahmen von 1951. Der Hammer fällt bei 420 000 Dollar, da stockt einem der Atem. Aber nicht verkauft! Der totale Krimi. Erst kurz nach der Auktion wird wohl der eigentliche Deal eingefädelt, für 480 000 Dollar. Offenbar wird mancher Verkäufer dann doch noch nervös. Oder auch manch frisch gebackener Besitzer: Peter D. Nettesheim, ein Amerikaner mit deutschen Wurzeln, hat für sein BMW-Museum bei New York die RS 54 mit Seitenwagen gekauft, Motornummer 07, ein Filetstück mit dokumentierter Rennhistorie für 167 800 Dollar.

„Dafür bin ich über mein Limit gegangen: Die wollte ich unbedingt haben!“ Ob der Kurzhub-Königswellen-Motor läuft, wirklich alle Innereien enthält, weiß Peter noch nicht. Man ersteigert, was man sieht. Ein Risiko. Auch wenn man mal einen Kickstarter durchtreten oder eine Kupplung ziehen kann. Letztes Los heute ist eine Hercules W 2000 von 1976. Das exotische Wankel-Motorrad findet schlussendlich für 13 800 Dollar einen US-Käufer.

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Foto: Schmieder
Modell: BMW RS 255 Kompressor; Baujahr: 1939; Aufruf: 550000 $ (419430 €); Verkaufspreis/Zuschlag: 480000 $ (366050 €).
Modell: BMW RS 255 Kompressor; Baujahr: 1939; Aufruf: 550000 $ (419430 €); Verkaufspreis/Zuschlag: 480000 $ (366050 €).

Tag 2: MidAmerica, größer als riesig

Nächster Tag, anderes Hotel. Das Auktionshaus MidAmerica offeriert auf seiner 22. jährlichen Versteigerung in Las Vegas an drei Tagen sogar 600 Motorräder im Auftrag vieler verschiedener Besitzer. Beim Anblick dieser Menge gehen einem die Augen über. Ich fühle mich, als würde ich durch ein Metall-gewordenes Geschichtsbuch der Zweirad-Historie wandeln. Allein 71 MV Agusta von 1946 (98cc „3 Velocita“) bis 2006 (F4 1000 RR) sind zu haben. Ein Harley-Polizei-Dreirad „Servi-Car“ von 1966 gefällig? Bitte sehr, macht 20 000 Dollar. Oder lieber für 14 000 Dollar ein Cushman-Eiscreme-Trike von 1953?

Gut zu wissen: MidAmerica, nach eigenen Angaben „größter Verkäufer antiker und klassischer Motorräder“, nimmt nur acht Prozent Provision. Am Ende für 700 verkaufte Maschinen. Der Saal ist hier viel größer als bei Bonhams, die Atmosphäre wesentlich amerikanischer. Barbara McQueen signiert Bücher über ihr Leben mit Steve. Viele Noch-Besitzer stehen bei ihren geliebten Schätzchen, geben Interessenten noch vor der Auktion bereitwillig Auskunft zur Vorgeschichte ihres Motorrads. Die beste Gelegenheit, Menschen und Motorräder zusammenzubringen. Schauen, staunen und (ver)kaufen.

Die Maschinen haben hier eine große, prachtvolle Bühne, mit rotem Teppich, Drehteller und Video-Projektion. Inklusive Motorrad-Kurzcharakteristik und Umrechnung in Euro, Pfund und Yen. Die Stimme des Auktionators überschlägt sich, klingt rasend, fast aggressiv, ruft, brüllt in Sekundenbruchteilen. Oft das Gebot, das kommen soll, nicht was schon ist. Es erinnert an einen US-Viehmarkt. Der Auktionator weckt Begehrlichkeiten, preist eine Vincent-HRD Serie B Black Shadow von 1949 als Wertanlage: „Eines von 76 gebauten Exemplaren, von der einzigen Motorrad-Marke, die das Wall-Street-Journal je als gutes Investment bezeichnet hat.“ Alles unter 50 000 Dollar sei da doch richtig billig. Am Schluss bringt der V2 gar das Doppelte.
Ein Cyclone Board Track Racer OHC von 1915 erzielt astronomische 520 000 Dollar (396 000 Euro). Angebot und Nachfrage eben. Es ist eine Kunst, die Spreu vom Weizen zu trennen, gute Gelegenheiten von überteuerten Offerten zu unterscheiden. Im riesigen Publikum stehen Späher, die in Sekundenbruchteilen jedes Gebot per Mikrofon übermitteln. „Im Publikum sitzen auch bezahlte Mitbieter, die die Preise nach oben treiben sollen“, beklagt sich Wendy Newton aus Los Angeles.

Wie gestern bei Bonhams sind auch hier wieder die deutschen Spezialisten dabei. „Um Hunderte Motorräder erleben zu können“, sagt der Motorrad-Experte Egbert Eschenbacher, „bräuchte man sonst Wochen, sofern man solche Typen überhaupt findet.“ Und fügt hinzu: „Ist doch spannend, dass man vorher nie weiß, was einen erwartet.“ Mit Barber’s aus Birmingham/Alabama gibt sich auch das weltgrößte Motorradmuseum die Ehre (siehe MOTORRAD CLASSIC 3/2012). Geschäftsführer Jeff Ray und Brian Slark, der technische Berater, suchen Motorräder, von denen es weltweit nur eine Handvoll gibt, um sie für ihre Sammlung zu ersteigern. So viel zur Bedeutung der Las-Vegas-Auktionen.

Lohnt es sich, dafür über den Atlantik zu fliegen? Nun, an nur einem Wochenende erlebt man Unvergessliches und lernt viel dazu. Um gute Geschäfte zu machen und unliebsame Überraschungen zu vermeiden, muss man sich gut auskennen. Zumal nach Deutschland noch Transport- und Zollkosten anfallen. Youngtimer lohnen sich weniger, eine 81er-Yamaha SR 500 mit ungeliebten Gussrädern für 4370 Dollar (3333 Euro) findet man auch bei uns zu Hause. Bei begehrten, seltenen Oldtimern sieht die Sache schon ganz anders aus. Sofern man gut informiert ist und einen kühlen Kopf bewahrt, folgt nach dem Zuschlag „zum Dritten“ viel Freude.

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