Dieseltreffen in Hamm/NRW Motorräder mit Dieselmotoren

Die Industrie sieht keinen Markt und macht gar nichts. Die Fans sehen das anders und machen fast alles: In Hamm trafen sich Enduros, Gespanne, Roller, Tourer, Cruiser und Allrounder - mit Dieselmotoren.

Foto: Siemer

Die größten Freuden, da muss Bernd Indorf nicht lange nachdenken, erlebt er beim Tanken. Auch Landpartien rund um Wiesbaden genießt er, gewiss: „Aber sechs Euro für 200 Kilometer, das haut mich immer wieder um.“ Vor einem Jahr reichten zwar noch vier, doch die Kumpels brauchen heute über 20. Denkt er sich so. Mitfahren mag er nämlich nicht mehr. Bernd Indorf und seine Sommer-Diesel sind auf Entschleunigung, 10 000 einsame Kilometer pro Jahr.

So wie diesen Hessen stellt sich Otto Normalfahrer den Rudolf Dieseltanker vor: freundlich, aber eigenwillig und tempoverdrossen. Tatsächlich zählen Indorf und seine Sommer-Enfield zur größten Fraktion im deutschen Diesellager, das insgesamt gut 4000 Motorräder umfasst. Anfang September hatten sie ihr Treffen, und über 100 kamen. Nach Hamm. Passt, meinen nun alle und denken an Walzwerke. Stimmt nicht und passt trotzdem, weil im ländlichen Stadtteil Braam-Ostwennemar ein zünftiges Brauhaus lockt. Zum Bier werden gern Teile von selbst gezogenen Bunten Bentheimern gereicht, einer vom Aussterben bedrohten Schweinerasse. Die noch lebenden Vertreter suhlen sich hinterm Zaun der Campingwiese, es nagelt und grunzt, duftet nach Diesel und Schwein - Landlust pur.

Direkt neben den Sauen parkt Wim van Leur; der neueste Eigenbau des lässigen Käskopps repräsentiert den schöpferischen Teil des Diesellagers und ist durchdrungen von holländischer Logik: Was soll die Hubraumbolzerei im Cruiser-Wesen, wenn man mit einem kleinen Diesel viel mehr Kraft von gaaaaanz unten kriegt? Also Kawa-V2 raus, Daihatsu-Dreizylinder rein. Der Einliter schnurrt im Leerlauf wie ein Kätzchen und zieht knapp darüber wie ein Ochse.

Echt lecker, fand auch Michael Bröker. Aber der Maschinenschlosser machte alles noch viel schöner. Bei ihm verschwand der Daihatsu-Turbomotor im BMW K-Rahmen eines für 6500 Euro erworbenen EML-Gespanns. Das Tunnelgehäuse zwischen Motor und Originalgetriebe fräste er aus dem Vollen, dann hat er sechs Monate lang poliert und angepasst und noch mal poliert und lackiert und weitere 6500 Euro für Teile, TÜV und Tüddel investiert, und nun steht ein anbetungswürdig schönes Gespann vor seinem Zelt.

So was berührt jeden Motorradliebhaber, weitere BMW-Adaptionen ebenso: eine K 100 mit blitzsauber eingefügtem VW-Lupo-Dreizylinder oder eine R 80 mit Smart-Dreier. Die blauweißen Konstruktionen bieten sich an, wegen des separaten Getriebes. Diesel-Guzzis gibt’s ebenfalls, aber nicht dieses Jahr. Es geht natürlich auch anders, wie eine smarte Triumph Tiger beweist. Der quer eingebaute deutsche Triple leitet seine Kraft an ein Sechsgang-Getriebe aus dem Harley-Zubehör weiter und ermöglicht mehr als 700 Kilometer Reichweite. Allerdings nur, wenn keine größeren Bodenwellen dazwischenkommen und die Ölwanne schreddern.

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Foto: Fred Siemer

Wer bis Wladiwostok will, muss also auf jeden Fall höher bauen. Hat Reinhard Hötger gemacht, mit und bei einem Gerät, das aussieht wie eine R 100 GS, in die aber jemand Muttis Trockenhaube implantiert hat. In Wahrheit handelt es sich um ein MZ-Fahrwerk mit wenigen markanten BMW-Anbauteilen und einem ehrenwerten, gebläsegekühlten Lombardini-Motor. Die Italiener zählen zu den weltweit größten Fabrikanten von Stationärmotoren. Deshalb auch der Seilzugstarter. Sieht aber voll lässig aus, wenn der Fahrer vom Sitz aus den Einzylinder mit weit ausholender Armbewegung anreißt. Doch Hötger droht ernsthafte Enduro-Konkurrenz: Ein Tagesbesucher tuckert auf einem XT 600-Fahrgestell mit ebenfalls seilzugbestücktem Honda-Einzylinder-Diesel sowie steinaltem, handgeschaltetem Hurth-Getriebe daher, und sein Gerät vermittelt eine Leichtigkeit, die benzinbetriebene Stollenkräder allenfalls in der Enduro-WM erreichen.

Ach, Bastler müsste man sein. Und jemanden beim TÜV kennen. Rafael Häusler kennt wohl keinen. Wie sonst wäre zu erklären, dass einer der beiden Mentoren dieses Treffens mit einer handelsüblichen R 1100 S anreist? Aber dafür hat Rafael viel über Dieselmotorräder nachgedacht. Und er bestätigt den freundlichen Hessen Indorf: „Sparsamkeit und Entschleunigung, das zählt. Reichweite auch, vor allem unter Gespannfahrern. Und die Russen-Fraktion will einen zuverlässigen Antrieb.“ In China haben die gerade ihren Traummotor entdeckt, einen kleinen V2. Der passt wie angegossen und verleiht einer Ural oder Dnepr was aufreizend Modernes - wassergekühlt.

Über 100 verschiedene Dieseleigenbauten hat Rafael in den letzten zehn Jahren - so lange betreut er das Dieseltreffen schon - an sich vorbeinageln hören. Hunderte Gespräche haben ihm den Ernst der Sache beigebracht. Der liegt im Spaß am Basteln, in der Suche nach anderem. „Geltungssüchtige wirst du hier kaum finden.“ Auf einer Skala von Bungee-Jumping bis Zen-Buddhismus verortet er Dieselfahren eher bei Letzterem, die Entwicklung des Dieselkraftrads passt zu dieser Einstufung.

Zwar entstand schon vor über 110 Jahren in Holland das vermutlich erste Selbstzünder-Zweirad. Aber dann brauchte es 50 Jahre, bis englische Freigeister - oder nennen wir sie Exzentriker? - zwei Norton und eine Ariel umstrickten. Die Resonanz blieb überschaubar, erst weitere 20 Jahre später wirkte indischer Pragmatismus beschleunigend: Wenn man ein Motorrad braucht, um auf seine Felder zu kommen, und einen Stationärdiesel, um dort eine Wasserpumpe anzutreiben, dann kann man doch gleich ein Kombigerät nutzen. Die Enfield mit Diesel und Riemenscheibe war geboren. Von da war es nur noch ein Katzensprung bis zu den heute käuflichen und meistens Enfield-basierten Maschinen.

Natürlich hadern viele in Hamm mit den Großen des Motorradgeschäfts. Rafael Häusler droht gar mit der NATO: „One fuel only verlangen die Militärs für alle Landfahrzeuge, und nur wegen der Motorräder müssen sie Benzin in die Schlacht schleppen.“ Was die Frage aufwirft, ob diese Geräte da auf der Kuhweide die Speerspitze transatlantischer Militärtechnik darstellen sollen. Häusler verneint lachend.

Und dann zeigt er, was der NATO wirklich fehlt. Ein Terminator-Bike, bei dessen Anblick sogar Arnold sich nass machen würde. Ein furchtloser Brite, der hatte einen Golf-Dieselmotor. Dann ist er mit einem Schaufelbagger durch einen Motorradschrottplatz und hat alles zusammengeschweißt. Ein Tank war leider nicht dabei, deshalb bunkert er den Diesel in einem bodennah montierten ehemaligen Feuerlöscher. Und weil ein Getriebe ebenfalls fehlte, hat er keines. Der Mann kam in einem Rutsch vom Inneren der Insel bis Hamm. Es soll immer noch englische Militärlaster geben, die das niemals schaffen.

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