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Zu jedem Ding, jedem Motorrad, gibt es eine Geschichte. Bei Frank Haasper stehen geschätzt 1500 Geschichten rum.

Ein Besuch bei Frank Haasper, dem Motorradschlachter Teile mit Weile

Er lebt von Kleinkram, aber das zieht er ganz groß auf: Frank Haasper hortet hunderte Youngtimer, um sie dann Meist Schalter für Schalter, Deckel für Deckel und Hebel für Hebel wieder zu verkaufen.

Da kannst du noch so lange quatschen von wegen „Nur in gute Hände abzugeben“. Wenn deine Karre nicht gerade Münch TTS oder Ducati 750 SS heißt, landet sie am Ende in der Presse. Oder mit ganz viel Glück bei Leuten wie Frank. Der ist Teilehändler und kauft alles, was man – na klar – in Teilen wieder verscheuern kann. Fast jeden Tag kommt eine Lieferung, wird inspiziert und fotografiert und im Geiste seziert. Auch deine Verflossene könnte dabei sein, und die steht dann kurz darauf virtuell im Netz und physisch im Dämmer einer riesigen Halle. Bald weben Spinnen ihr Netz zwischen Lenker und Rahmen, irgendwo unterm Hallendach nisten im nächsten Frühjahr ein paar Spatzen und scheißen auf den Tank. Staub rieselt herab, pudert die Lackflächen, erstickt schließlich jeden Glanz. Das Ende naht.

Wer seine Emotionen nicht im Griff hat, der kriegt in Franks Halle garantiert eine Gänsehaut. Jedes Ding hat doch seine Geschichte, jedes Motorrad sowieso. Hier stehen geschätzt 1500 Geschichten rum, und da möchte man allzu gerne wissen, wer die XL 250 da hinten so ehrlich runtergeritten hat. Oder den Kofferträger dieser braven XJ 600 bis zuletzt vor Chrom-Pickeln bewahrte. Was geschah jener zerknautschten ZX-10, und wie geht es ihrem Fahrer? Wieso tut jemand einen Suzuki-Wasserbüffel weg? Wer gibt eine CB 400 Four dem Ausweiden preis?

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Jedem Ende wohnt ein Anfang inne

Doch wie tröstet schon der Dichter: Jedem Ende wohnt ein Anfang inne, und deshalb besucht Frank so alle paar Wochen oder Monate jeden seiner Metall-Kadaver, schraubt einen Blinker ab, entnimmt ein Instrument oder eine Hauptständerfeder, packt das sorgfältig ein und verschickt es. Irgendwo in Deutschland, manchmal sogar draußen in der weiten Welt, vervollständigen diese Teile dann ein Wiederaufbauprojekt. Vielleicht stammen sie von deinem Motorrad, und ja!, du darfst jetzt eine Träne verdrücken, denn so lebt sie weiter, deine Karre. In Münster mit ihrer Armatur, in Leipzig mit einem Ventildeckelchen, in Basel mit ihrem Kickstarter. Überall, denn das Restaurieren ist zum Volkssport geworden. „Bis vor sieben, acht Jahren ging es dabei meist um den Originalzustand“, berichtet Frank, „manchmal stand die vergessene Jugendliebe sogar noch in der Garage rum und sollte nun wieder so hergerichtet werden wie beim Neukauf.“

Dieses nostalgische Motiv bewegt noch heute viele Leute zum Teilekauf, denn einer schwungvollen Rolle rückwärts stehen oft genug Altersschwächen sowie Bastelsünden der eigenen Twen-Zeit im Wege. Als Schutzbleche kurzerhand abgeflext wurden, Blinker klein und Sitzbänke kurz sein mussten oder Seitendeckel aus formalen Gründen einfach in den Müll kamen. Damit keine Unklarheiten entstehen: Bislang ging es um jenen Teil unter Franks Kundschaft, der solcherlei Frevel heute wieder gutmachen will. Ein anderer Teil dagegen wirft sich – gerade heute – voller Lust in noch größere mechanische Abenteuer. Kürzt Rahmenhecks, rüstet Federelemente um oder verbaut coole Tanks. „Jau, Hobby-Customizing. Das ist auch in“, bestätigt er und wirkt dabei, nun, sagen wir mal: angestrengt. „Nee, dieser Eindruck stimmt grundsätzlich so nicht“, ertönt prompter Protest. Aber im Einzelfall eben doch. Wenn einer ein Vorderrad mit schlanker Trommel erwirbt und nicht weiß, dass diese Trommel geankert werden sollte. Oder wenn Franks Sitzbankpreise abgelehnt werden, weil man dafür ja fast 'ne neue kriegt. So ein Teil hat er sich dann mal besorgt: Fernost-Schrott übelster Machart, mit labberigem Unterbau und ohne jede Befestigungsmöglichkeit.

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Manches hat freilich seinen Preis

Schnacker gibt’s, jede Menge Schnacker. Bei Frank am Telefon knallen Anspruch und Wirklichkeit brutal aufeinander. Da werden schon mal Tanks gekauft, weil sie schön sind, nicht weil der Tanktunnel auch wirklich über den Rahmen passt. „Klein und tropfenförmig ist gerade angesagt, bei Racern natürlich immer noch lang und schmal“, berichtet Frank und kann beruhigen: „Da findet man was.“ Manches hat freilich seinen Preis. Die Spritfässer der 70er-Jahre-CB etwa. Für alle, die damals schon da und dabei waren, quasi Sinnbilder der großen Motorradfreiheit. Und sooo schön tropfig.

Außerdem von Honda, und da steht Frank drauf. „Die sorgen hier bei den Teilen für 50 Prozent vom Umsatz“, macht er ganz auf Kaufmann. Darf er. Ist er nämlich, sogar mit Diplom, und er hat sein aktuelles Business nicht etwa aus Lust an der Zerstörung angefangen, sondern aus betriebswirtschaftlicher Überzeugung. Und so berichtet er nüchtern, dass der Weltmarktführer auch den deutschen Youngtimermarkt dominiert. Mit Masse und mit Qualität. „Da kommt eigentlich nur noch Yamaha mit, die klare Nummer zwei.“ Logischerweise setzen auf Motorrädern dieser Hersteller viele Umbauten auf. „Wer sich einen schicken Vierzylinder machen will, der greift gern zu Honda Bol d‘Or oder Yamaha XJ. Deren Motoren sehen ja auch geil aus.“ Stimmt. Und sind – das ist wichtig – massenhaft vorhanden. Etwas enger wird es schon bei Yamahas XS-Dreizylindern. „Aber die sind trotzdem angesagt.“ Als Einstieg empfiehlt Frank jedoch Zweizylinder-Yamahas der gesamten XS-Reihe oder auch den Softchopper CM 400 von Honda. Sein Tipp: „Deren CB 450 S mit Gitterrohrrahmen ist eigentlich genauso toll, wird aber noch verkannt.“

Scheibenbremsen der Honda VT 500 und CBX 550 angesagt

Suzuki, etwa mit der weit verbreiteten GS 500, oder Kawasaki mit den frühen ohc-Twins liefern natürlich ebenfalls gutes Ausgangsmaterial. Und wer es kann, dem sind sowieso keine Grenzen gesetzt: Ein Kunde ist extra angereist und fragt nach RD 350-Schwinge plus Umlenkung. „Guck mal da und da.“ Man kennt sich: „Will er irgendwie in einen XS 650-Rahmen einbauen. Ich glaub, der schafft das.“ Frank wundert sich über gar nichts mehr. Anfangs hat auch er nicht fassen können, dass die Güllepume, Hondas CX 500, gern gestrippt und neu angezogen wird. Längst hat er reagiert – und den Preis für Bastel-CX angehoben. „Bei Yamahas XV-Choppern, du wirst verrückt, genau dasselbe.“

Der Logik gängiger Projekte folgend, sind auch intakte Upside-down-Gabeln schwer im Preis gestiegen. Hübsche Trommelbremsen werden in Silber aufgewogen, Lampen mit eingebautem Tacho in Gold. „Quatsch“, brummt Frank und zischt sich einen Schluck Feierabend-Bier, „aber manchmal wundert man sich schon. Wusstest du, dass heute alle hinter den gekapselten Scheibenbremsen der Honda VT 500 und CBX 550 her sind?“ Nee. Aber damit konnte wirklich niemand rechnen, der damals schon dabei war. „Genau, da waren das Lachnummern“, sagt Frank. Dann muss er lachen.

Foto: Fred Siemer
Frank Haasper betreibt sein Internet-basiertes Geschäft seit 2009.
Frank Haasper betreibt sein Internet-basiertes Geschäft seit 2009.

Die Firma von Frank Haasper

Seit 2009 betreibt Frank Haasper sein Internet-basiertes Geschäft. Zunächst nur motorradteile-bielefeld.de, heute auch bastel-bikes.de, denn anders als zu Beginn verkaufen der 46-jährige Diplom-Kaufmann und sein fünfköpfiges Team mittlerweile nicht nur Teile, sondern auch aufbaufähige Motorräder. Selbige stammen häufig aus Inzahlungnahmen von Händlern.

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