Porträt: Nick Sanders Ein Portrait des Globetrotters Nick Sanders

Der Brite Nick Sanders ist anders: Er durcheilt die Welt auf einer Yamaha R1 und stellt immer neue Zeitrekorde auf. Seit 30 Jahren ist er fünf Monate im Jahr auf Achse. Nick hat MOTORRAD erzählt, was ihn an- und umtreibt.

Foto: Dentges

Bizzar stehen seine Haare vom Kopf. Abertausende von Kilometern haben Falten in seine Haut gezeichnet. Sein Lächeln ist charismatisch, der Blick fest. Sieht so ein Verrückter aus? Der 53-jährige Nick Sanders wirkt erstaunlich bodenständig für einen Mann, der auf Motorrädern in Rekordzeit mehrfach die Welt oder auch nur Australien umrundet hat, der schneller als jeder andere von Alaska nach Feuerland geheizt ist und permanent versucht, auf Langstrecken neue Zeitrekorde aufzustellen. "Für mich selbst sind Rekorde unwichtig", sagt Nick, "doch meine Sponsoren wollen Öffentlichkeitswirkung." Sie legen Wert auf Rekorde, die auch die Leistungsfähigkeit ihrer Produkte unter Beweis stellen. Heutzutage gondeln zig Leute um die Welt, niemand nimmt mehr von den jahrelangen Motorradabenteuern Notiz. Nick hingegen umrundet die Welt in 19 Tagen auf einer Yamaha R1, verschiebt Grenzen, holt das Letzte aus sich und seiner Maschine und findet "ein schlechter Tag auf dem Bike ist immer noch besser als ein guter Tag im Büro".

Was soll man dagegen sagen? Er fährt Motorrad, weil er das Motorradfahren über alles liebt. Er sieht sich als Extremtester für Yamaha, den Reifenhersteller Continental und Shell. Jede neue R1 muss mit Nick Sanders durch die Hölle. Anschließend liefert er seine Erkenntnisse an die Entwicklungsabteilungen. "Mit einer R1 bin ich durch die nubische Wüste in Sudan gefahren. Keine Straße, nur Sand, die Motortemperatur konstant bei 117 Grad, die Yamaha hielt das aus." Deswegen fuhr Nick noch durch die kenianische Dida Gagalu Wüste. 500 Kilometer übelste Piste, die man nicht mal einem Esel zumuten würde. Auch das konnte die R1 nicht zerstören. Also musste der Test noch härter werden, die nächste Rekordfahrt wurde organisiert.

Eine Weltreise ist für Nick kein größeres Abenteuer als für den Durchschnittsbiker ein paar Alpenpässe. Abenteuerlich wird es, wenn er sich verfährt. Bei seiner letzten 22-Tage-Tour durch den gesamten amerikanischen Kontinent verirrte er sich im Dschungel von Ecuador. Dabei traf er auf einen bislang unentdeckten Ureinwohnerstamm, der ihm aus dem Urwald half. Die Erlebnisse mit den Menschen, mit sich selbst und seinen Bikes haben Nick eine spezielle Weltsicht gegeben. Er versucht, jeden Tag so zu leben, als ob es sein letzter wäre. Reichtum sei relativ. Er verdient mit Büchern, Fotos und Filmen, mit Beraterverträgen und Vorträgen.

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Foto: Sanders

Meistens mühsam, aber für Nick ist es in Ordnung so. "Ich will lieber in einem Zelt glücklich sein, als in einem luxuriösen Haus unglücklich." Seine Ehe mit einer wunderbaren Frau hat sieben Jahre und vier Weltumrundungen gehalten. In dieser Zeit bekam das Paar immerhin drei Kinder, dann hatte Nicks "sweet girl" die Schnauze voll. War wohl zu lange allein zu Hause. Seine Kinder heißen Juno Jupiter, Tatyana Gazelle und Willow Indian Summer. Üblicherweise geben wirklichkeitsferne Rockstars ihrem Nachwuchs solche Namen, dessen ist sich Nick bewusst. Er will nicht normal sein, will seinen Kindern unkonventionelle Blicke auf das Leben lehren. "Mein Ältester weiß mehr über Nordafrika als über Wales, er spürt lieber den warmen Sahara-Sand zwischen seinen Zehen, als dass er eine Playstation haben will", berichtet Nick voller Stolz.

Nicht nur Geld, auch Berühmtheit bedeutet Nick wenig. Er weiß, dass er irgendwann sterben wird und dass seine Taten schnell vergessen werden. Er sieht sich als "eine exzentrische Kuriosität, die Leute amüsieren kann". Ein eloquenter Redner, Schalk im Nacken, so sieht ihn die Umwelt. Aus seiner Begeisterung für riskante Abenteuer mit tollen Frauen und Motorrädern macht Nick keinen Hehl. Nur die Honda Deauville mag er nicht: "Die sieht aus wie ein Küchenmöbel." Also: Wer beim nächsten Treffen Tomaten auf ihn werfen wolle, sollte doch bitte auch ein Bier mitbringen und ihm für seine Kühnheit danken, sagt Nick. Seine wichtigste Botschaft: Du kannst alles erreichen, was du willst. Raffe dich auf und fang an. Egal, was es ist.

Für Nick relativieren sich alle Schmerzen, Alltagssorgen und Probleme, wenn er sich auf die Maschine setzt, seine Hände den Lenker fühlen und er das Fauchen des Vierzylinders unter sich spürt. Auf seinen rasenden Reisen kann Nick nicht viel schlafen. Er muss hochkonzentriert Kilometer machen und nebenher noch fotografieren, filmen und alle paar Stunden bloggen. Seine Fangemeinde, seine Sponsoren erwarten das von ihm, sein gerade in Arbeit befindliches Buch "Anatomy of an Adventurer" füllt sich Seite um Seite. Er ist sich des dauernden Risikos bewusst, aber Rekordreisen sind seine Mission. Genau wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Kein Zweifel: Nick Sanders ist ein Gesamtkunstwerk. Wer das erleben möchte, kann den lustigen Lebenskünstler auf ausgewählten Reisen begleiten. Infos: www.nicksanders.com.

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