Finale: Imola-Revival Revival der 200 Meilen von Imola

Hast Du Töne? Nicht nur die Klangkulisse des "200 Miglia di Imola Revival" erinnerte an bewegte Zeiten, als man von Mobiltelefonen noch nicht mal zu träumen wagte und die Renn-Heroen noch Giacomo Agostini, Paul Smart und Kenny Roberts hießen.

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Er passt perfekt, der Rahmen, am ersten Oktober-Wochenende 2010: Unter strahlend blauem italienischem Himmel flimmert die Luft zwischen Pinien und Zypressen. Der Boden bebt im "Autodromo Enzo e Dino Ferrari" von Imola. Dort, wo von 1996 bis 1999 auch die Motorrad-WM gastierte. Motoren konzeptionell und hubraummäßig völlig unterschiedlicher Rennmaschinen brüllen, röcheln und schmatzen um die Wette, föhnen die Flimmerhärchen im Gehörgang. Eine Orgie in Phon und Dezibel. Auch die Netzhaut glüht, buntes Dauerfeuer prasselt auf die Rezeptoren, die Synapsen kommen nicht nach mit Eindrücken. Kann das sein? Ist das alles real?

25 Jahre nach dem letzten 200-Meilen-Rennen im Jahre 1985 und fast 40 Jahre nach der legendären Renn-Premiere im Jahr 1972 finden sich hier wieder die Heroen und ihre Maschinen von einst, einmütig vereint. Was für eine Parade!

In der ersten Startreihe stehen drei Yamaha-Piloten: Giacomo Agostini, Kenny Roberts senior und Steve Baker. Sie flankieren zusammen Paul Smart auf der 750er-Königswellen-Ducati. Paul Smart, vor allem sein Name bleibt für immer mit dieser Strecke verbunden. Denn zum Auftakt, am 23. April 1972, Smarts 29. Geburtstag, landete der Brite mit der silbernen Desmo-Duc einen Paukenschlag in Imola. Er gewann das erste europäische 200-Meilen-Rennen nach US-Vorbild, und das vor seinem Team- und Markenkollegen Bruno Spaggiari und gegen "Ago" auf der MV.

Dieser Sieg machte Smart unsterblich. Und den noch ganz frischen Ducati-V2-Motor mit seiner L-Konfiguration gleich mit. Für Smart blieb es der größte sportliche Erfolg, untrennbar verknüpft mit seiner Sieger-Ducati samt Startnummer 16. Erst 1974 zog Agostini nach, 1976 gewann Baker, 1977, 1983 und 1984 wieder Kenny Roberts. Da macht die Startaufstellung also Sinn. Ehrensache, dass sich gleich dahinter weitere Imola-Sieger einreihen: Marco Lucchinelli (1981, auf 500er-Suzuki) und Johnny Cecotto - der selten in Europa weilende Venezolaner siegte 1975, 1978 und 1980 in Imola. Eine illustre Runde also.

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Und siehe da, die allesamt älteren Herren wissen immer noch, wie man richtig am Kabel zieht. Allen voran lässt es Steve Baker auf der bildschönen Yamaha TZ 750 noch mal richtig fliegen, stürmt mit hoch erhobenem Vorderrad aus jeder Schikane dieses trickreichen Kurses. Respekt. Kenny Roberts auf der 500er-Yamaha spielt mit Carlos Lavado auf einer 250er. Ganz nach Belieben lässt der US-Boy den Südamerikaner rankommen und vergrößert den Abstand wieder. Wow. Vielleicht ist Lavado aber auch nicht ganz fit. Noch Folgen des ach so leckeren Vino Rosso am Abend davor? Das Gerücht scheint zu stimmen. Wenig später kommt Carlos bei Marzia (42 Jahre) und Roberto (51 Jahre) vorbei.

Das motorradverrückte italienische Paar zelebriert im Fahrerlager die hiesige Lebensart: Mit Kindern und vielen Freunden zaubern sie aus schnöden Biertischgarnituren mit Papierdecken mal eben eine lange, festlich gedeckte Tavula. Darauf finden dann selbst gemachte Pasta, Salami, Parmesan und etliche Flaschen Wein Platz. Roberto ist mit seiner 750er-Laverda zum ersten Mal im Leben auf einer Rennstrecke. Er ist einer von rund 250 privaten Teilnehmern beim freien Fahren für Maschinen aus den Baujahren 1949 bis 1980 mit mindestens 125 Kubik. Aber für heute macht Roberto Schluss: "Probleme mit den Bremsen" - und nicht eben wenig Weißwein zum Mittagessen.

Das Revival der "200 Meilen von Imola" wird vom gleichen Veranstaltungsteam organisiert wie die Bikers‘ Classics im belgischen Spa-Francorchamps. Trotz ähnlichen Konzepts, der Mixtur aus zigfachen Weltmeistern, vielen ehemaligen GP-Fahrern plus privaten Klassiker-Freunden und Normalo-Fahrern, ist die Atmosphäre in Imola doch erstaunlich anders: femininer (hübschere Frauen), feierlicher und familiärer zugleich. Da wird man auch als Wildfremder eingeladen mitzuessen, mitzufeiern, mitzutrinken. Und das Programmheft in DIN A4 hat beinahe Telefonbuchstärke, mit geklebtem Rücken. Allerdings ist es anders als in Belgien einsprachig italienisch und enthält neben interessanten Ausflügen in die ruhmreiche Renn-Vergangenheit auch zahlreiche überdimensionierte Anzeigen der örtlichen Handwerkergilde und Dienstleisterzunft.

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Doch zurück zu den Motorrädern, die neben den Renn-Helden aus Fleisch und Blut hier die zweite Top-Attraktion darstellen. Im Vergleich zu anderen Klassiker-Veranstaltungen im nördlicheren Europa überwiegen klar die italienischen Fabrikate. Ducati ist mit einer kleinen Ausstellung zur Werksgeschichte vertreten, Cucciolo 50 aus den 1950er-Jahren bis zur Hailwood-Replica aus den 90ern. Kunststück, für die Marke aus Bologna ist es ein Heimspiel, Imola liegt nur etwa 40 Kilometer östlich. Offizieller Sponsor allerdings ist Moto Guzzi vom Comer See. Und Guzzi schiebt mit der 500er-Achtzylinder auch eines der absoluten Highlights an den Start.

Was die Zuschauer allerdings so richtig in Wallung bringt, ist ihr 15-facher Rekordweltmeister Giacomo Agostini, den Frau und Sohn begleiten. Wer wissen will, wo sich "Ago Nazionale" gerade aufhält, muss einfach nur nach der größten Menschenmenge Ausschau halten oder einem infernalischen Schrei aus vier Zylindern folgen. Die Stimme des Streckensprechers überschlägt sich, als Ago in den Sattel der frisch ausgemusterten Werks-Yamaha M1 von Valentino Rossi steigt. Das topmoderne MotoGP-Bike scheint dem 68-Jährigen viel Spaß zu machen. Ausgemacht waren nur wenige Runden, doch schließlich muss Ago abgewunken werden.

Freude am Fahren, Freude am Hören, Staunen und Schauen kennzeichnen die ganze Veranstaltung. Zur Premiere sollen übers gesamte Wochenende 10000 Besucher dabei gewesen sein. Es hätten ruhig mehr sein dürfen, schließlich ist der Eintritt frei. Bloß der Zugang zur Boxengasse kostet zwischen zehn und 30 Euro. Wer all das selbst erleben will, muss nur am ersten Oktober-Wochenende 2011 in Imola sein. Es lohnt sich. Oder bereits am ersten Juli-Wochenende 2011 die Bikers‘ Classics in Spa-Francorchamps besuchen. Bis dahin bietet das Internet Vorgeschmack und Appetithäppchen, unter http://it.200miglia.com und www.bikersclassics.be.

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