14 Bilder
Die Dunkelheit war bereits über Erfurt hereingebrochen.

Eine Blondine, eine Harley XR 1200 und wie alles zusammenkam Ein Essay nach einer wahren Geschichte

Ein Blick. Eine Verheißung. Und keinen Mut zum ersten Schritt. Erst 19 Jahre später verabredet er sich mit der Frau, die ihm damals einen Augenblick lang als Mrs Right erschien… Nach einer wahren Geschichte. Nebendarstellerin: Harley-Davidson XR 1200.

Das Foto ließ sich nicht runterladen. Verdammte Technik. Verdammtes Internet. Wie so oft in den vergangenen Wochen surfte er auf der Seite von Harley-Davidson. Er hatte in den letzten Jahren Geld gespart. Viel war es nicht. Doch für seinen Traum sollte es reichen: eine Harley-Davidson XR 1200. Ein cooles Gerät. Für coole Typen. Typen, wie er gern einer sein wollte. In Bezug auf Frauen jedoch nie war…

Anzeige

Ein blauer Trabant und eine Yamaha XT 500

August 1990. Ein schwülwarmer Sommertag, der selbst Schwalben Schweißtropfen abnötigt. Die deutschen Postleitzahlen sind noch vierstellig, gerade hat er seinen 25. Geburtstag gefeiert und steht in einem Autozubehörhandel in Südniedersachsen. Am Tresen wird eine blonde Frau bedient. Beladen mit allerlei Farbdosen, Schleifpapier und Spachtelmasse dreht sie sich um. Für den Bruchteil einer Sekunde schauen sich beide in die Augen.

Manche Menschen behaupten, dass Blicke Verbindungskabel zwischen den Seelen sind. Und bei identischer Wellenlänge ein Teil der Träume in Sekundenbruchteilen ausgetauscht werden kann.

Die Blondine ist sportlich schlank, trägt ihr glattes, langes Haar offen, ihre Augen werden von langen Wimpern beschützt. Sie geht an ihm vorbei, schenkt ihm einen flüchtigen Blick. Er folgt ihr durch die Tür. Ihr blauer Trabant parkt neben seiner betagten Yamaha XT 500 und trägt ein DDR-Kennzeichen: LMD 45-20*. „Brauchst du Hilfe beim Einladen?“, fragt er. „Nee, das schaff ich schon allein“, antwortet sie. Ihre Stimme klingt nicht abweisend, sondern selbstbewusst. Wieder dieser Blick, der ihn wie ein Stromstoß trifft.

Anzeige

Ein Jahr Australien mit dem Motorrad

Er möchte sie kennenlernen. Sofort. Frag sie, was sie jetzt macht, wohin sie fährt, denkt er, alles ist offen. Die Karten des Lebens werden sekündlich neu gemischt. Es kommt zwar drauf an, die richtige zu spielen, noch wichtiger ist allerdings, überhaupt eine zu spielen. Doch er ist blockiert, zu feige, die Worte wie Klöße im Hals. Denn seine Gedanken weilen längst auf einem anderen Kontinent: Ein Motorrad steht samt Reiseausrüstung in Australien parat, wartet drauf, dass er seine geplante Reise in zehn Tagen antritt. Nichts wäre schlimmer, als sich in Deutschland jetzt zu verlieben. Ein letzter Blick. Aufs Nummernschild, den Trabi, die junge Frau. Dann wendet er sich seiner XT zu…

Foto: Gargolov
Es kommt ihm vor wie der Start in ein neues Leben.
Es kommt ihm vor wie der Start in ein neues Leben.

220 eingerollte 50er-Scheine. 11.000 Euro in bar. Nie war die Tasche seiner Lederhose ausgebeulter. Die Luft im Harley-Showroom riecht nach Schweiß, frischem Leder und öligem Metall. Als er den schwarzen Schlüssel in den Händen hält und sein Bein zum ersten Mal über den Ledersattel schwingt, bricht die Sonne durch die Wolken. Es kommt ihm vor wie der Start in ein neues Leben. Ein lebendigeres, für das er sich vorgenommen hat, Chancen als solche zu erkennen und besser zu nutzen. Er führt den Harley-Schlüssel ein, dreht kurz. Auf Kommando beginnt der Motor zu hüpfen. Schwereloses Glücksgefühl. Ein Herz aus Stahl, das trotzdem nichts weiter verschenkt als Freude, gebaut für die Ewigkeit. Die Maschine soll sein Wegbegleiter sein, ein Freund, der hoffentlich Träume erfüllen wird. Die erste Tour ist längst geplant…

März 1991. Australiens Straßen sind endlos. Schneiden sich wie ein Schwerthieb in den Horizont. Man kommt aus dem Nichts, und man fährt ins Nichts. Aber man denkt nicht an nichts. Die Blondine ist gedanklich als Sozia immer hinten drauf. Warum hab ich sie nicht angesprochen?, fragt er sich permanent. Sie auf einen Kaffee eingeladen… Ein paar Minuten mit ihr geteilt… Minuten, die vielleicht mein Leben verändert hätten… Denn in diesem Blick lag eine Gemeinsamkeit. Irgendwie jedenfalls. Und er bereut und sinniert. Täglich stehen wir vor unzähligen Türen der Entscheidung. Jede führt uns in einen Raum mit wiederum unzähligen Türen und Möglichkeiten. Aber kann man auch zurückgehen?

Eine ungewöhnliche Bitte

Unter der Sternenkuppel Westaustraliens greift er nach dem einzigen Strohhalm, der ihm bleibt, und schreibt der Unbekannten einen Brief. Sechs Monate später, aus 25.000 Flugmeilen Entfernung. Einzige Verknüpfung: jener Augenblick. Er schreibt ihr, dass er sie nicht vergessen kann, es täglich bereut, sie nicht auf einen Drink eingeladen zu haben, und das nachholen möchte. Umschlag zu, fünf, sechs bunte Briefmarken charmant platziert, rein in den Kasten. Die Adressierung ist gewagt: „An die Fahrerin des blauen Trabant mit dem Kennzeichen LMD 45-20, Eastern Germany, bitte wenden.“ Und auf der Rückseite: „Lieber Briefzusteller, sicherlich ist meine Bitte ungewöhnlich, aber ich habe in Deutschland eine Frau getroffen, die mich verzaubert hat. Es wäre unglaublich nett, wenn Sie die Besitzerin des Trabis über das Kennzeichen ausfindig machen und diesen Brief weiterleiten würden. Danke!“

Der Liebesruf aus Australien verhallt nicht ungehört. Knappe sechs Wochen irrt sein Brief durch die Korridore und Bürowaben der Post, bis sich jemand berufen fühlt, das vermeintliche Liebespaar zusammenzuführen. Mithilfe der Polizei ermittelt man die Adresse von Saskia J., wohnhaft in Gotha. Sein Brief wird zugestellt. Im Mai 1991 erhält er postlagernd in Cairns ihre Antwort: Ja, sie könne sich dunkel an ihn erinnern. Doch das sei Nebensache. Allein die wundersame Wanderung des Briefes sei einen gemeinsamen Kaffee wert. Saskia ist zu diesem Zeitpunkt 23, studiert Architektur in Italien und hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Er schreibt ihr in den folgenden Monaten fünf Briefe. Sie schreibt vier zurück, beendet den letzten mit den Worten: „Ich weiß gar nicht, warum du so hartnäckig schreibst, ich könnte doch ein Ekel sein.“

Foto: Gargolov
18 Jahre später sollte es allerdings auf alle Fälle zu einem Treffen kommen, als er nach all den Jahren wieder an sie denken musste und über die Auskunft mit ihrer Mutter in Kontakt kam.
18 Jahre später sollte es allerdings auf alle Fälle zu einem Treffen kommen, als er nach all den Jahren wieder an sie denken musste und über die Auskunft mit ihrer Mutter in Kontakt kam.

Den Harley-V2 behutsam einfahren

Ist sie nicht, das spürt er genau. Im August 1991 fliegt er zurück nach Deutschland. Saskia weilt in Florenz. Sie telefonieren. Und das Kartenhaus der Hoffnung stürzt zusammen. Sie hat exakte Vorstellungen von ihrer Zukunft, will mit ihrem langjährigen Freund nach Beendigung des Studiums ­eine Pferdezucht auf die Beine stellen. Ihre Weichen für die Zukunft sind längst gestellt. Er ist enttäuscht. Doch nicht planlos: Sowohl Ausrüstung als auch Motorrad sind in Aus­tralien geblieben. Sein Herz anscheinend ebenfalls: Er will auswandern. Die beiden telefonieren noch ein-, zweimal miteinander. Doch sie treffen sich nie. Saskia bleibt vorerst in Italien, er folgt dem australischen Traum.

Mit einem hartmetallischen Geräusch vermählen sich die Getrieberäder des ersten Gangs, und die Harley schiebt an. Greifbare Freiheit. Der Himmel ist eine Melange aus Grautönen verwässerter Tusche, in seinem Magen zerfällt Vorfreude zu Furcht. Nur noch 360 Kilometer bis zur Wahrheit, drei Stunden Autobahn. Oder sechs Stunden Überlandfahrt. Schließlich möchte der alte, luftgekühlte Harley-V2 erst behutsam eingefahren werden. Obwohl eingefahren an anderer Stelle oft problematisch ist: Sein Leben wirkte eingefahren – auf­ste­hen, arbeiten, essen, fernsehen, schlafen. Tödliche Routine. Überraschungsfrei, gleichförmig. Keine Chance zur Sammlung positiver Erinnerungen, von denen man an schlechten Tagen zehren könnte. Silvester, wenn andere sich in den Armen lagen, starrte er gedankenverloren hinaus in die Nacht. Im Sommerurlaub durchwatete er Sandstrände und suchte Spuren. Anstatt stolz auf seine eigenen zurückzublicken.

18 Jahre nach Australien: Telefonauskunft

August 2009, 18 Jahre nach Australien. Er ist letztlich nicht ausgewandert, immer noch Single, liest Sätze wie „Man muss erst ein Mann werden, um eine Frau ertragen zu können“ und versteht deren Bedeutung. Vor Kurzem hat er das Jobangebot seines Lebens abgelehnt und die Entscheidung bitter bereut. Er begann wieder zu grübeln. Darüber, was vielleicht alles passiert wäre, wenn er all die Chancen, die sich täglich in Job und Freizeit bieten, wahrgenommen hätte. Nur allzu oft verschloss er die Augen aus Angst vor dem Unbekannten, vor neuen Wegen und träumte sein Leben lieber. In diesem Zusammenhang fiel ihm Saskia plötzlich wieder ein.

Telefonauskunft: Ihr Nachname war gerade zweimal registriert. Gleich der erste Wahlversuch schien ein Volltreffer. Eine Dame meldete sich, ging auf das Gespräch ein, lauschte seiner Brief-Novelle und meinte plötzlich: „Wir dachten alle, Sie seien in Australien verschollen. Meine Tochter hat den Brief über all die Jahre immer mal wieder in den Händen ­gehabt.“ Tochter? Bingo! Stolz ist sie, die Mutter, lobt Saskia in den höchsten Tönen: Zwei Kinder habe sie, gut geraten. Schlank wie eh und je sei sie geblieben, habe den Humor trotz heftiger Lebenskrisen nie verloren, sei sogar noch attraktiver als vor 20 Jahren.

Die Harley würde ihm zum Treffen tragen

Sein Herz schlug wild, Atmung wie eine Dampflok. Noch am selben Abend wählte er die Rufnummer, die ihm die Mutter anvertraut hatte. Saskia befand sich im Kurzurlaub auf Rügen und lag zu diesem Zeitpunkt mit ihren Kindern im Bett, erzählte Gute-Nacht-Geschichten. Er nannte seinen Namen und lauschte in die Stille am anderen Ende der Leitung. Natürlich erinnerte sie sich. „Im Kreis meiner besten Freundinnen war dein Brief jahrelang Gesprächsstoff“, erzählt sie. Saskias erste Ehe hielt 360 Tage, das mit der Pferdezucht hatte sich damit erledigt, zwei Kinder aus zwei Beziehungen flankieren ihr Leben, vor kurzer Zeit hat sie zum zweiten Mal geheiratet. In vier Stunden tauschten sie 18 Jahre Leben und letztlich auch ihre Telefonnummern aus. Eins war klar: Diesmal würden sie sich treffen.

In den Folgewochen telefonierten die beiden immer mal wieder. Er mochte ihren Humor, fragte sich bei jedem Gespräch, wie sie jetzt wohl aussähe, und fieberte einem Treffen entgegen. Nebenbei zerbrach die Gleichförmigkeit seines Alltags. Er meldete sich bei alten Freunden, trat einem Judoverein bei und bestellte sich letztlich die Harley, die ihm zum Treffen tragen würde: zu einer Verabredung an der Krämerbrücke in Erfurt an einem Abend im Oktober 2009.

Foto: Gargolov
6239 Tage hat es gebraucht bis es zu einem Wiedersehen kam.
6239 Tage hat es gebraucht bis es zu einem Wiedersehen kam.

Der Wind ist sein Begleiter. Zerrt an ihm und fegt die Vergangenheit hinter ihm weg wie ein Besen. Das Wummern des amerikanischen V2 ist wie der Herzschlag an der Mutterbrust. Es klingt vertraut, stabil und füllt Augenblicke wie diesen mit Zuversicht. Doch hoch platzierte Fußrasten, schmaler Sitz – wirklich bequem ist die Harley nicht. Egal. Bequem war er selbst in den letzten Jahren gewesen. Und hatte dadurch so viel verpasst, so viele Chancen verstreichen lassen. Er weiß seine Euphorie gar nicht einzuordnen. Freut sich letztlich sogar mehr darüber, die Fesseln seiner Lethargie endlich zerschnitten zu haben, als über das Wiedersehen mit Saskia.

Dunkelheit ist über Erfurt hereingebrochen. Auf dem Marktplatz dreht sich ein Riesenrad, Menschen huschen zwischen Jahrmarktbuden hindurch, Blätter zauseln über die Straßen. Gestählt von der Zuversicht, fortan neue Wege zu beschreiten, biegt er in die Straße, an deren Ende die Frau ­stehen wird, die ihn damals mit einem Wimpernschlag monatelang hypnotisiert hatte. Exakt 6.239 Tage liegen zwischen jenem Augenblick und dem Wiedersehen. Er ist grenzenlos neugierig. Was war die Botschaft des Blicks?

Derselbe Stromstoß wie vor 18 Jahren

Saskia ist sieben Minuten zu spät. Trägt Jeans, Pulli und einen Blazer, ordert eine Latte macchiato und könnte aufgrund ihrer femininen Ausstrahlung locker die Fünfte im Bunde von „Sex and the City“ sein. „Ich hatte dich größer in Erinnerung“, sagt sie, und beide lachen. Gibt es überhaupt noch Fragmente der Erinnerung, die diese kleine Ewigkeit überdauert haben? Sie stehen nebeneinander. „Dicker sind wir nicht geworden“, bemerkt sie und lässt ihre makellosen und eng beieinanderstehenden Zähne aufblitzen. Auf Make-up hat sie verzichtet, lediglich ein wenig Wimperntusche aufgetragen. Ein asymmetrisch geschnittener Bob fällt keck um ihr Gesicht, das durch Lachfältchen veredelt wird. Sie ist modische Kosmopolitin, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden geblieben ist und unglaubliche Dinge sagt wie: „Friseur? Ich weiß vorher nie, wie ich nachher aussehen werde. Ich geh da einfach hin und sage: Mach was Schönes draus.“

Foto: Gargolov
Nach 18 Jahren kam es nicht nur zum lang ersehnten Treffen, sondern auch die Fesseln seiner Lethargie schienen endlich zerschnitten.
Nach 18 Jahren kam es nicht nur zum lang ersehnten Treffen, sondern auch die Fesseln seiner Lethargie schienen endlich zerschnitten.

Es ist diese fantastische Mischung aus weiblicher Ausstrahlung und praktischer Veranlagung, die ihn in den Stunden des Treffens verzaubert. Anstelle eines Eherings wünschte sie sich einen Rasenmähtraktor. Der Auserwählte überreichte ihr trotzdem einen Platinring. „Da hab ich kurzerhand fünf Schafe gekauft. Die halten jetzt die 1000 Quadratmeter Rasen vorm Haus kurz.“ Ihm als pragmatisch veranlagtem Mann gefällt das sofort. „Ich bin total unromantisch“, gesteht sie. „Ich klammere nicht, bin nicht eifersüchtig, mag keine Gardinen und investiere Geld lieber ins Haus statt in einen Urlaub.“ Verständlich. Saskia hat einen alten, still gelegten Bahnhof gekauft. 300 Quadratmeter Wohnfläche inmitten des thüringischen Outbacks. Ein architektonisches Kleinod, das Freiraum bietet. Spätestens an dieser Stelle des Abends bemerkt er die Sehnsucht, die in ihm emporkriecht. Aus den Lautsprechern plätschert Randy Crawfords „Rainy Night in Georgia“ und vermischt sich mit der unausgesprochenen Frage nach dem Was-wäre-gewesen-wenn. Er spürt mehr als aufrichtiges Bedauern, diese Frau damals einfach gehen gelassen zu haben. Er spürt das Begehren nach der verlorenen Zeit: Dieses Lachen, ihre Einstellung zum Leben, ihr Zuhause – mit ihr wären Träume wahr geworden. Denn sie haben dieselben.

Er versucht, die Sehnsucht zu unterdrücken, gelassen zu wirken, und erzählt von all den Wünschen, die in den vergangenen Wochen präsent wurden, die er sich irgendwann erfüllen möchte. Segeln und Surfen will er lernen, ein Sabbatjahr einlegen, die Route 66 befahren, in der Karibik nach Piratenwracks tauchen, in Neuseeland ein Haus bauen. Saskia ist eine wunderbare Zuhörerin. Schenkt ihm dieses leidenschaftliche Lächeln, das ihr Gesicht so weise und liebenswert macht. Dann schaut sie ihm tief in die Augen – ihr Blick, derselbe Stromstoß wie vor 18 Jahren: „Hast du mal darüber nachgedacht, dass du all die Sachen, von denen du träumst, in 15 Jahren vielleicht gar nicht mehr machen kannst?“ Ein paar Meter weiter tickert die Harley. Mit vollem Tank. Zündschlüssel steckt.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote