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Faszination Schleizer Dreieck Wohnzimmer-Flair

Bis zur Wende war das Schleizer Dreieck mehr als sieben Kilometer lang. Heute misst es nicht mal mehr die Hälfte, und mitten durch die Ortschaft geht es auch nicht mehr. Doch nirgendwo sonst ist der Zuschauer mitten in der Natur so nah am Rennen dran.

Kann es sein, dass mir der orangefarbene Klodeckel bekannt vorkommt? Der Griff zur langen Kette, die den Schwimmer im Spülkasten in Deckenhöhe betätigt, löst fast vergessene Erinnerungen aus. Das Geschäft wird direkt gegenüber den beiden einzigen Duschen im Fahrerlager verrichtet. Die ­Hände werden im kleinen Emaille-Waschbecken gereinigt, durch das sich ein gewaltiger Sprung zieht. In der Mitte prangt das große Abflussloch. Exzenterstopfen oder Gummistöpsel? Nö, Fehlanzeige. Aber wen interessieren solche banalen Dinge auch? Kein Schwein. Denn wir sind auf dem Schlei­zer Dreieck – und hier ist sowieso alles anders als sonst irgendwo.

Im nahe gelegenen Gasthof gibt es kein Zimmertelefon, den Weckruf übernimmt der Hahn aus dem Nachbargarten. Pünktlich 06.40 Uhr kräht er aus vollem Hals. Ignorieren ist völlig zwecklos. Die Bratwurst um die Ecke kostet einen glatten Euro. Am Imbiss-Stand an der Rennstrecke gibt es einen gut gefüllten Teller mit Schweinebraten, Kraut und zwei Kartoffeln für 3,60 Euro. Um die Ecke parkt ein hellblauer Trabant. Wir schreiben das Jahr 2014, aber hier, mitten in Thüringen, scheint die Zeit vor 30 Jahren stehen geblieben zu sein und der Fortschritt einen großen Bogen um die Region gemacht zu haben.

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Highlight auf der Strecke ist die Superbike*IDM

Aber genau das ist es, was den Reiz des Schleizer Dreiecks ausmacht. Denn auch nur hier dürfen die Fans während der Motorradrennen ihre Zelte direkt an der Streckenabsperrung aufbauen. Und von der Naturtribüne am berühmtberüchtigten Buchhübel lässt sich der größte Teil der Landstraße einsehen, neben der sich rechts und links, je nach Bodenbeschaffenheit, der Mais oder Weizen in die Höhe strecken. Mit dem Getreide haben diverse Rennfahrer schon ihre Erfahrungen gemacht, wenn sie vom Weg abkamen und fast spurlos verschwanden.

Das Schleizer Dreieck ist die älteste Naturrennstrecke in Deutschland. Als dort am 10. ­Juni 1923 die ersten Motoren aufheulten, ging der Kurs noch direkt durch die Ortschaft. Im Laufe der Jahre wurde immer wieder etwas umgebaut. Die Haarnadelkurve wurde aus dem Verkehr gezogen und durch eine Abkürzung vor den Siedlungshäusern ersetzt, um den Streckenverlauf durch eine Schikane zu entschärfen. Die Südecken des Dreiecks führten aber immer noch durch Wohngebiete. Zu Beginn des neuen Jahrtausends kam es zur größten baulichen Veränderung. Am 21. August 2004 schrumpfte das Dreieck auf die Hälfte seiner ursprünglichen Länge, nachdem die sogenannte Querspange durchs Gewerbegebiet gebaut war. Jetzt misst die Strecke genau 3,805 Kilometer. Am Buchhübel befindet sich der höchste Punkt, in der legendären Seng der niedrigste. Gefahren wird gegen den Uhrzeigersinn. Highlight auf der Strecke ist die Superbike*IDM. Yamaha Deutschlands aktueller Teamchef Michael Galinski ist hier vor zehn Jahren noch selbst mit einer 600er gefahren und schwärmt heute: „Ich fand das damalige Layout super. Das ist nicht so ein Nullachtfünfzehn-Retortenkurs. Von so einer Strecke träumte ich schon immer – nur mit mehr Sturzraum. Der ist wirklich eine Sache für sich…“

Für den aktuellen Superbike-Titelverteidiger Markus Reiterberger ist die Streckenführung auch in der verkürzten Variante ein absoluter Favorit. „Die hat scho’ was, und ich war scho’ als kleiner Bua hier“, sagt der 20-jährige Bayer. Was ihn besonders an­törnte, ist der große Schleizer Stein mit den eingemeißelten Rekordhaltern. Da wollte er schon immer drauf. Vor einem Jahr hat es geklappt. Reiterberger absolvierte die 18-Runden-Distanz des ersten Superbike-Laufs in der schnellsten je zurückgelegten Zeit: 25.57,105 Minuten. Und das alles vor „brutal vielen Fans.“ Stimmt. Schleiz schraubt die durchschnittliche Zahl eines Superbike*-IDM-Jahres seit jeher ordentlich in die Höhe. Wenn die Motorräder an­rücken, pilgern an guten Wochenenden 30 000 Anrainer und Zugereiste ans Dreieck. Mit Kind und Hund. Bewaffnet mit Sonnenschirm, Liegestuhl und großer Kühltasche. Heinz Funke aus Triptis war im Juli seit nunmehr 65 Jahren ohne Unterbrechung da. „Das ist meine Wohnstube“, verkündet er stolz. Schon als Teenager erhielt der heute 74-Jährige einen Job als Streckenbeobachter, später als Streckensprecher.

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Schleizer Dreieck ist ein nicht geringer Wirtschaftsfaktor

Ein paar Anrainer sehen dem Treiben ­direkt am Gartenzaun zu, haben wegen der großen Hitze einen Plastikpool aufgestellt und notieren Ergebnisse. Man kennt sich aus bei allem, was da kreucht und fleucht. Dennoch stand der Rennbetrieb auf dem Schleizer Dreieck immer wieder vor dem Aus. „Eigentlich ist das jedes Jahr der Fall“, weiß Manuel Metzner, Vorsitzender des AMC Schleizer Dreieck im ADAC e. V., der 2014 erstmals die Superbike*IDM ausgerichtet hat. Immer wieder gibt es Anwohner, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlen und gegen die Rennen ankämpfen. Als die Strecke asphaltiert wurde, haben sie zwar das Hoftor weit aufgemacht, damit das Material auch dort hinfließt, nur heute wollen sie nichts mehr davon wissen. Es sind zwar nur eine Handvoll Mitbürger, aber sie brüllen lauter als die 100 000 Befürworter der Strecke zusammen. Es mag an der Menta­lität liegen, aber keiner der Befürworter ­bekennt sich gerne öffentlich dazu, sogar einen Nutzen aus dem Schleizer Dreieck zu ziehen. Um es ganz klar zu sagen: Das Schleizer Dreieck ist ein nicht unbeträchtlicher Wirtschaftsfaktor. Laut Metzner gibt es 150 Firmen, die mit der Rennstrecke Geld verdienen, aber nicht einmal zehn würden es zugeben. Aus der Angst heraus, man könne mit dem Finger auf sie zeigen. Metzner gehört nicht zu ihnen. Der 27-Jährige hat eine eigene Werbefirma mit 30 Mitarbeitern und gesteht: „Wenn das Dreieck nicht mehr wäre, würde ich sofort drei Leute entlassen, die sich ausschließlich mit der Rennstrecke befassen.“

Bernd Reise, der direkt an der Strecke wohnt, geht seit Jahren als Gegner der Lärmbelästigung gerichtlich gegen den Rennbetrieb vor. Dabei verdiente ausgerechnet er selbst vor 15 Jahren noch seinen Lebensunterhalt damit. Reise hatte einen der größten Imbiss-Stände im Umfeld und war auf dem besten Weg, sich eine goldene Nase zu verdienen. „Hätte er das weitergemacht, wäre er vor Lachen gar nicht mehr in den Schlaf gekommen“, glaubt ein Insider. Eine private Neuorientierung änderten Reises Einstellung urplötzlich. Seitdem legt er sich mit dem Thüringer Landesverwaltungsamt an und klagt gegen die Genehmigung 6606 des Bundesimmissionschutzgesetzes, in dem 18 Renntage pro Jahr erlaubt sind – ausschließlich an Samstagen und Sonntagen zwischen acht und 19 Uhr. Vor Gericht erhielt Bernd Reise recht, doch das Landesverwaltungsamt ging in Re­vision. Darüber hat das Gericht noch nicht entschieden. Bis heute ist die Angelegenheit ein schwebendes Verfahren. Solange gestritten wird, fällt das Schleizer Dreieck zurück auf die frühere Genehmigung 8806. Sie gewährt insgesamt 30 Renntage, begrenzt den Rennbetrieb aber samstags auf 340 Minuten und sonntags auf 180 Minuten. Wohlgemerkt den Rennbetrieb. Trainings und Demofahrten fallen da nicht drunter. Ganz offensichtlich hat sich der aufsässige Anwohner selbst ins Knie geschossen, aber er hält an der Klage fest.

Für AMC-Vorsitz Metzner steht dennoch außer Frage, dass es auch im nächsten Jahr eine Superbike*IDM auf dem Schleizer Dreieck geben wird, sofern der IDM-Promoter Interesse daran zeigt. Natürlich wäre das alles einfacher, wenn sich die Schleizer endlich offen zu ihrem Dreieck bekennen würden. Metzner: „Wenn sie sagen, das ist unser Schleizer Dreieck, dann haben wir es geschafft.“

Foto: Wiessmann
Max Neukirchner (#76) verpasste Xavi Forés (#12) im teaminternen Titelkampf eine heftige Retourkutsche. Ist Markus Reiterberger vielleicht doch noch der lachende Dritte?
Max Neukirchner (#76) verpasste Xavi Forés (#12) im teaminternen Titelkampf eine heftige Retourkutsche. Ist Markus Reiterberger vielleicht doch noch der lachende Dritte?

Max – und danach eine Weile nichts

Für Superbiker Max Neukirchner auf der Ducati 1199 Panigale R waren die Rennen auf dem Schleizer Dreieck wie ein Befreiungsschlag. Und sie brachten frischen Wind in die Meisterschaft.

Auf dem Schleizer Dreieck musste sich Neukirchners spanischer Teamkollege Xavi Forés trotz glühender Hitze warm anziehen. Der Sachse schenkte dem bisherigen Dauersieger vom 3C-Racing Team nämlich gleich dreimal ein. Zuerst mit dem Gewinn der Superpole-Qualifikation, anschließend mit einem Doppelsieg, der sich gewaschen hatte: 5,9 Sekunden Vorsprung im ersten Lauf und 11,4 im zweiten. Forés wurde zweimal Zweiter. Neukirchner machte zehn Meis­terschaftspunkte auf den Führenden gut, der nun nicht mehr unerreichbar scheint. Die Fans feierten ihren Max mit der Startnummer 76 gebührend. In puncto Image steht der Ex-WM-Pilot ganz oben, während Forés’ Bekanntheitsgrad trotz besserer Saisonbilanz noch immer gegen null tendiert. 

Markus Reiterberger, der Titelverteidiger auf der BMW S 1000 RR, wird die Ducati-Armada aus eigener Kraft kaum schlagen können. Aber er ist nach wie vor der Einzige, der mit beiden auf Dauer überhaupt mithält und sich dazwischenpresst. Wobei das zunehmend schwerer werden dürfte. Für die zweite Saisonhalbzeit hat das 3C-Racing Team nochmals aufgerüstet und mit Lorenzo Lanzi einen dritten Panigale-Fahrer mit WM-Erfahrung verpflichtet. Trost für Reiti: So kann er sich echten Herausforderungen stellen statt sich wegen fehlender Gegner zu beklagen. Der Aufstieg in die Superbike-WM bleibt ein Thema. Die nötige Reife dafür hat der 20-Jährige längst erreicht. Van Zon Remeha-Teamchef Werner Daemen würde ihn am liebsten in ein vorhandenes Team transferieren: „Wir selbst können den Aufstieg finan­ziell nicht stemmen. Unsere Sponsoren kommen hauptsächlich aus Deutschland und wollen sich auch hier präsentiert sehen.“ ­Positiv sei, dass wenigstens BMW Motorrad und die BMW AG mittlerweile davon überzeugt sind, dass Reiti in die WM gehört. Eine finanzielle Zuwendung sei zwar eher fraglich, „doch die diplomatischen Beziehun­gen“, so Daemen, „sind auch wichtig“.

Mit Kawasaki taucht das erste Fabrikat außer Ducati und BMW auf dem sechsten Platz der Meisterschaft auf. Bei Honda liegt über­raschend der Niederländer Danny de Boer am besten im Rennen. Kollege Michael Rans­eder ließ in der ersten Saisonhälfte durch Stürze wertvolle Punkte liegen. Yamahas Zugpferd Matej Smrz hat das gleiche Problem, dazu kamen in Schleiz auch noch technische Schwierigkeiten. Suzuki wartet weiterhin darauf, dass der immer noch verletzte Stammfahrer Vincent Philippe angreift. In der Superstock 1000-Klasse führt der Weg zum Titel über Marco Nekvasil. Nachdem ­Lucy Glöckner auf dem Schleizer Dreieck stürzte, ist der 17-jährige Österreicher fast ohne Konkurrenz. Bei den Supersport 600-Fahrern geht das Gerangel zwischen Marvin Fritz (Yamaha) und Roman Stamm (Kawasaki) weiter. Der fast schon vergessene Fritz war zu Saison-beginn wie Phönix aus der Asche gestiegen. In Schleiz musste er die Tabellenführung zum ersten Mal abgeben.

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