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Indianerstamm: Die Racer vom Doc tragen alle seine Startnummer 35.

Doc Batsleers Indian-Reservat Keine Ausstellungsstücke, sondern Rennmaschinen

Doc Batsleer schuf in Florida ein Refugium für rund 15 Indians und andere seltene Motorräder. Seine V-Twins aus Springfield/Massachusetts sind keine Ausstellungsstücke, sondern Rennmaschinen.

Nahe dem Biker-Mekka Daytona Beach in Florida begrüßt mich ein ganz besonderer Motorrad-Mensch herzlich auf seinem großen, palmenbestandenen Grundstück: „Willkommen im Motorrad-Paradies.“ Mister Batsleer hat wehendes, schlohweißes Haar und den passenden, in Ehren ergrauten Vollbart. Sofort stellt er klar: „Keiner kennt mich als Robert. Für alle bin ich der Doc.“ Den Spitznamen erhielt er Anfang der 70er-Jahre als Sanitäter im Dschungel von Vietnam. Selbst die eigene Frau nennt ihn so. Sie heißt Maria, ist 53 und stammt gebürtig aus Simbach in der Oberpfalz.

Zu dritt schlendern wir zu den hei­ligen Hallen. Der Doc öffnet die Tür zum „Workshop“, zur Werkstatt. Oder zum Wigwam, zum Indianerreservat: Allein im vorderen Teil der Halle parken neun In­dian Scout Racer, Bonneville Sport Scouts der Jahre 1934 bis 1941! Wow. Alle mit Startnummer 35. Was für eine Vielfalt an Teilen und Utensilien. An den Wänden hängen Spezialwerkzeuge für Indian und Harley-Davidson, von der Decke baumeln Trapezgabeln und Emailleschilder. „Sind alle original“, knurrt der Doc, „ich mag keine Reproduktionen.“ Auf Werkbänken und Hebebühnen stehen Motoren, liegen seitengesteuerte Zylinder mit Brennkammern, Kolben und Köpfen. Tiefe Einblicke, Technik, Passion und organisiertes Chaos.

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Selbstmord-Kupplung und praktisch keine Bremsen

In Regalen drängen sich Blech-Öl­kännchen, aufgeschnittene Blechkanister als Eigenbau-Stapelkisten und originalverpackte Ersatzteile: nagelneue Indian-Parts, mindestens 60 Jahre alt. Seinerzeit stilvoll in ölgetränktes Papier verpackt, als Korrosionsschutz. Und dann diese historische Zündkerzen-Kollektion: Funkenspender von Champion, AS und NGK ­speziell für traditionelle US-Bikes. Manche sind 50 bis 90 Jahre alt. „Das war bessere Qualität als heute“, sagt der Doc. „I am old school“, ganz alte Schule, sagt er wild gestikulierend über sich selbst. „Ein Magnetzünder-Typ in Sechs-Volt-Umgebung.“

Beim Doc muss alles „möglichst mechanisch“ sein. Er bedient keine Com­puter, schreibt keine E-Mails, nutzt kein Mobiltelefon, fasst keine Tastatur an. Nicht mal die TV-Fernbedienung. Dieses ganze neumodische, digitale Zeugs lehnt er ab, Einspritzung und elektronische Zündung ebenfalls. Philosophiert lieber über Schönheit und Ästhetik eines Messing-Vergasers. Seine Rennmaschinen haben Starrrahmen, „Selbstmord-Kupplung“ (per Pedal bedient), Handschaltung und praktisch keine Bremsen! Damit geht es auf Rundkurse mit und ohne Asphalt (Dirt Track), aber auch auf die Viertelmeile, in nationalen und internationalen Klassen.

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"Indian-Fahrer sind gut erzogen, duschen regelmäßig"

Was Indian so besonders macht? Der Häuptling und Medizinmann überlegt kurz. „Das war Art Deco, Jugendstil auf Rädern. Indian war eine Marke mit Herz und Seele.“ Aber der einst kleinere US-Erzrivale Harley-Davidson nicht auch? „Das Einzige, was an Harley stört“, ­antwortet der Doc, der selbst historische ­Harleys besitzt, „sind die Leute, die sie fahren.“ Und scherzt über gel(i)ebte Feindschaft: „Indian-Fahrer sind gut erzogen, duschen regelmäßig.“ Bereits 1953 ging Indian ja in die ewigen Jagdgründe über. „Ohne Liebhaber wie uns würde nicht mal mehr der Name existieren.“ Was ihn fasziniert: „Ich mag Motoren, die kräftig von unten kommen, keine hohen Drehzahlen brauchen. Diese seitengesteuerten V2 waren primitiv konstruiert, aber sie laufen gut!“ Die höchste erreichbare Verdichtung liegt bei sechs zu eins.

„Dafür sind die Twins ziemlich zuverlässig, kommen mit minderwertigem Sprit aus und verbrauchen nicht viel.“ Haltbarkeit ist ihm sehr wichtig: „Wenn ein Motor hochgeht, bedeutet das immer maximalen Aufwand und maximale Kosten beim Neuaufbau. Und meist maximale Schmerzen, weil das oft einen unausweichlichen Sturz zur Folge hat.“ Im Workshop gibt’s reichlich Bruchteile, Opfergaben an den „God of speed“. „Das bleibt nicht aus, bei 70, 80 Jahre altem Material im Vollgas-Rennbetrieb“, weiß der Doc. Gebrochene Knochen kennt er gut. Aber „Kondition, ­Körper und Reflexe“ seien noch okay.

Fast immer ist er der älteste Teilnehmer

1962 fuhr der US-Boy sein erstes Rennen. 1967 gab’s den ersten Podiumsplatz, vor dem Kriegseinsatz in Vietnam: „Das war die erste Platzierung, die mir etwas bedeutete.“ Seit 1979/80 startet der Doc auf Indians, bis heute ohne Unterbrechung. „Ich kann selber nicht glauben, wie lange ich das schon mache“, scherzt der 69-Jährige. Fast immer ist er der älteste Teilnehmer, der auf Indian antritt.

Und das bei mittlerweile tausenden Rennen, meist mehreren an einem Wochenende. Vom wenige Meilen entfernten Daytona bis nach Kalifornien, mit 5000 Kilometern Anreise. Selbst in Spanien (wo er auch mal als Soldat stationiert war) und in Italien trat der Doc schon an, verbrachte mit Maria viel Zeit in Europa, reiste dort viel herum, mit Motorrad und Corvette.

45 bis 49 Grad Schräglage, ehe etwas aufsetzt

Das „Who is who“ der US-Klassik-(Renn-)Szene kennt der Doc persönlich: „Wir sind eine kleine Gruppe enthusiastischer, aber ganz normaler Leute, quer übers große Land verteilt.“ Er wird oft als Experte, Versteher und Verständiger zu Veranstaltungen eingeladen. Im Speicher über der Werkstatt türmen sich Urkunden, Wimpel und Pokale. Und Zeitschriften, Bücher sowie historische Fotos von Rennlegenden. „Die vermeintlich günstigsten Motorräder sind auf lange Sicht oft die teuersten“, hat der Doc gelernt. Besser nicht am falschen Ende sparen, beim Kauf mehr investieren und weniger in die Restaurierung stecken: „Das spart viel Zeit, Geld und Nerven, erzielt zudem höhere Preise.“

Docs Rennmaschinen wirken optisch nicht unbedingt fabrikfrisch, sind unkonventionell, bis hin zur Tigerenten-Lackierung à la Janosch. „Okay, die Lackierung mag alt sein, anders, abgenutzt – aber technisch sind alle meine Racer up to date, mit den besten Teilen ihrer Zeit. Chrom bringt dich bei Rennen nicht ins Ziel. Ja, sicher, meine Rennmaschinen haben Gebrauchsspuren. Sie sind keine ‘Trailer-Queens‘, keine Schönheiten auf Anhängern. Aber sie leben ja auch, sie werden bewegt. Und zwar in der Art und Weise, wofür sie einst konstruiert wurden.“ Mit den Scout Racern seien 45 bis 49 Grad Schräglage möglich, ehe etwas aufsetzt!

Netter Spaß an einem Race-Bike: der auf dem Rearfender statt sonst vorn montierte Indianerkopf – mit rotem statt einst weißem Bleich-, pardon: Weißgesicht aus Glas. „Für die Überholten.“ Über Werte sagt der Doc: „Ein unrestaurierter, löchriger Sattel kostet locker 300 bis 400 Dollar, eine fabrikfrische, schlecht gemachte Kopie aus China bloß 30 bis 40, also ein Zehntel.“ Für den Doc ganz logisch: „Man kann ein Motorrad jederzeit neu aufbauen. Aber der umgekehrte Weg ist schwierig: Nur die Zeit oder Gott können es dann wieder mit ehrlicher, authentischer Abnutzung überziehen. Da zerstöre ich doch nicht die Patina, den historischen Wert!“

Alle 35 Motorräder sind fahrbereit

Rund 110 Motorräder hat der Doc in seinem Leben wieder verkauft, die Liste hängt neben der Tür zur Werkstatt. Viele davon hat er vorher noch reichlich restauriert, technisch verbessert. Etwa die Harley JDH von 1929, das erste Modell der Company mit zwei Nockenwellen, oder die 1946er-Indian. Beide Raritäten stehen nun im weltgrößten Motorrad-Museum, dem Barber in Alabama. Die meisten aber gingen an Freunde und Rennfahrerkollegen. „Ich will der weltweiten Motorradfahrer-Familie etwas zurückgeben.“

Das tut auch Maria, indem sie immer wieder mal Teile, Devotionalien und Motorräder bei ebay einstellt. Auch auf Teilemärkten des „Antique Motorcycle Club of America“ sind sie häufig.  „Damit wir nicht irgendwann aus allen Nähten platzen: Der Doc schleppt bei seinen Kontakten immer etwas an. Als ich 1982 einzog, standen eine Harley und drei Indians im Wohnzimmer, heute bloß noch eine, ein 1916er-Single.“ Früher hatten die beiden „so um die 50 Motorräder“, heute sind es noch etwa 35, darunter ziemlich rare. Alle sind fahrbereit, laufen spontan mit Schwimmerkammer fluten, kicken oder höchstens Zündkerze wechseln.

Ältestes Exemplar der Kollektion ist 107 Jahre alt

Das älteste Exemplar der Kollektion ist 107 Jahre alt und beim Doc natürlich auch rennerprobt: Der 500er-Single der American Motorcycle Company, auch als Marsh & Metz verkauft, von 1908. Mit Pedalen, direktem Riemen-Antrieb („es gab noch keine Ampeln oder Stoppschilder“) und Torpedo-Tank. Die Maschine kaufte er 1977 im Originalzustand auf einem Teilemarkt, mit Zeitungsausschnitten von 1910! Sie ist unrestauriert und noch im Originallack, genau wie die V2-Schwester von 1915: Der 61 cubic inch (1000 Kubikzentimeter) große Big Twin mit IOE-Steuerung (inlet over exhaust valve) läuft laut Doc gut 115 km/h.
Besonders mag der Doc seine 1926er-Indian Sport Scout, ein Racer mit 737 cm³ und 39 PS. Sie wurde von Bill Kocsis mit der Startnummer 57 und von Art Hafer bis 1953 bei nationalen Rennen und sogar der TT eingesetzt. Neben Scouts besitzt der Doc auch Big Chiefs, etwa eine schwarz-weiß im Polizei-Look lackierte 1948er mit 1200 Kubik. Nur für Vierzylinder-Indians hat er kein besonderes Faible. Sehr dagegen für sein Ner-a-car, Baujahr 1922. Weltweit sollen nur noch 100 Stück des „Bei­nahe-Autos“ existieren. „Das war bizarr und fortschrittlich, mit Radnabenlenkung.“

Ein Prunkstück ist die 500er-Norton Inter Manx mit sohc-Königswellen-Einzylinder im Top-Zustand. Ein langhubiger 1939er-Vorkriegsmotor im „Gartentor-Rahmen“ von 1946, garniert mit Manx-Auspuff und Manx-Bremse. „Norton hat die Maschinen so nicht verkauft, sie wurden von den Rennfahrern jener Zeit selbst angepasst und modifiziert.“ Der Doc fuhr mit dem Supersport-Club-Racer viele Rennen, notierte verschiedene Vergasereinstellungen und Übersetzungen auf dem Primärtrieb-Gehäuse. Bereits seit 1962 begleitet ihn seine rabenschwarze Vincent Rapide. „Die kaufte ich für 150 Dollar, fuhr damit zur High School.“

Maria lernte schrauben und flott zu fahren

Die Victoria Bergmeister „ist genau ­jenes Exemplar, das mein Vater Ende der 50er-Jahre in Indiana besaß – es wollte einfach zu mir zurück“. Außerdem stehen im Schuppen noch diverse klassische Boxer-BMW. Mit einer davon, einer 1000er mit Touring-Tank von Heinrich, lernte sich das Paar im März 1982 kennen: Maria, damals 21, war mit deutschen Freunden zur Bike Week in Daytona. Dann kam der 16 Jahre ältere Doc ums Eck, just von einer mehrwöchigen Reise auf der BMW aus Guatemala zurück: „Ich war ein freier ­Vogel, der mit Motorrad und Zelt die Welt bereiste, Mittelamerika und die gesamten USA bis Alaska.“ Es funkte sofort. Ein halbes Jahr später folgte die Industriekauffrau der großen Liebe nach Florida.

Maria lernte hier rasch schrauben und flott zu fahren. „Sie war auf Rennstrecken oft schneller als ich“, sagt der Doc. „Ich fuhr früher Traktor, das hilft bei Indians ungemein“, scherzt Maria. In der bergigen, kurvigen Umgebung der Oberpfalz lerne man „Kurven fahren von klein an auf“. Zufällig schaut Tochter Andrea (22) vorbei. Die Krankenschwester begann mit zarten neun Jahren an der schneeweißen 1934erSport Scout im Bobber-Stil zu restaurieren, der Vater half ihr: „Ich musste lackieren und mit Helicoil-Einsätzen arbeiten.“ Später fuhr auch sie Rennen damit.

Der Doc ist stolz auf seine zwei Frauen. „Wir arbeiten von zwei Seiten an der selben Maschine: Wenn‘s sein muss, helfen mir die beiden bis morgens um drei vorm Rennen!“ Es gäbe da noch viele Geschichten zu erzählen. Etwa von Scheunenfund-Indians, die der Doc in den USA und Mexiko aufspürte. Doch für heute heißt es howgh – auf bald, Doc und Maria!

Foto: Schmieder
1982 lernte Doc in Daytona Beach die Deutsche Maria Härtl kennen. Sie zog noch im selben Jahr von Bayern nach Florida.
1982 lernte Doc in Daytona Beach die Deutsche Maria Härtl kennen. Sie zog noch im selben Jahr von Bayern nach Florida.

Amerikanisch-deutsche Vita

Robert Batsleer wurde 1945 in Indiana geboren. 1962 fuhr er als 17-Jähriger sein erstes Motorradrennen. Mit 18 trat er dem Militär bei (Marine), wo er eine medizinische Ausbildung genoss. 1970 musste er nach Vietnam, wo er als Sanitäter (Assistenz-Arzt) auf einem Patrouillenboot zu seinem bis heute gültigen Spitznamen „Doc“ kam.

1977 siedelte er nach Florida um, ­quittierte 1979 den Militärdienst und widmet sich seither voll und ganz seinen Motorrädern. 1982 lernte er in Daytona Beach die Deutsche Maria Härtl kennen. Sie zog noch im selben Jahr von Bayern nach Florida. Die beiden heirateten, und Maria fuhr ebenfalls Rennen auf Indian, ehe sie 1992 Tochter Andrea zur Welt brachte. Auch Andrea schraubt, fährt und restauriert Indians. Auf der Visitenkarte des versierten Experten und Restaurierers Doc Batsleer steht „Sammler von antiken und klassischen Motorrädern, ­Literatur und Memorabilien“.

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