Jaenicke über seine Liebe zu Motorrädern und zur Umwelt Interview mit dem Schauspieler Hannes Jaenicke

Er denkt global, kauft regional, arbeitet international und fährt emotional: Der Schauspieler Hannes Jaenicke beeindruckt durch engagierte Film-Dokumentationen zum Naturschutz. Er ist aber auch ein begeisterter Motorradfahrer.

Ein trüber Tag in Utting am Ammersee. MOTORRAD-Redakteur Thomas Schmieder (mit Motorrad) und der Fotograf Johannes Rodach (mit viel Foto-Ausrüstung im Auto) treffen sich am Haus von Hannes Jaenicke. Davor parkt eine BMW K 1300 R. Der kosmopolitische Schauspieler fragt den Fotografen: „Du fährst kein Motorrad? Das ist ein Versäumnis.“ Innen dominieren Hölzer und warme Orangetöne, hängen „Free Tibet“-Gebetsfahnen: „Das ist ein Genozid, den China an diesem Volk verübt, die rotten eine ganze Kultur aus“, beklagt der 52-Jährige. Es gibt Transfair-Bio-Kaffee, Bio-Zigaretten und viele Einsichten: „Die einzigen Filme von mir, die man unbedingt gesehen haben sollte, sind meine Umweltfilme!“ Man duzt sich, wie unter Motorradfahrern üblich. Später, als der Regen weicht, geht’s mit Motorrad zum „ältesten Bio-Laden Deutschlands“. Hannes Jaenicke trägt lässig Jeans, eine coole Jacke, einen Karbon-Jethelm und keine Handschuhe. Er fährt gut, bleibt selbst auf Schotter souverän und gelassen.

Die Leute kennen dich als Schauspieler und Naturschützer. Aber auch als Motorradfahrer?
Jaenicke:
Ich mache keinen Hehl draus, dass ich Biker bin. Der Fotograf Jim Rakete hat mich schon vor 20 Jahren auf Motorrädern abgelichtet. An meinem Hauptwohnsitz in Kalifornien habe ich kein eigenes Auto. Dort fahre ich täglich 30 Meilen, also etwa 50 Kilometer, mit dem Motorrad.

Was bedeutet es dir, Motorrad zu fahren?
Jaenicke: Das ist die aufregendste Art, sich fortzubewegen! Abgedroschen oder nicht, ich genieße dieses Freiheitsgefühl. Es gibt kein anderes Fahrzeug, bei dem man sich so rasch so frei fühlt. Höchstens auf einem wirklich schnellen Segelboot. Beim Motorradfahren ist toll, dass man alles riecht. Den Duft von frisch gemähtem Heu oder von blühenden Pflanzen. Ich liebe das, gerade mit offenem Helm. Motorräder haben mich schon immer fasziniert. Schon als Fünfjähriger habe ich mir im VW Käfer meines Vaters die Nase an der Scheibe platt gedrückt, wenn uns ein Motorrad überholt hat. Und kurze Zeit später wurde „Easy Rider“ gedreht, das ultimative Statement gegen das Spießertum.

Wie kamst du denn zum Motorradfahren?
Jaenicke: Mit 16 hatte ich ein Kreidler-Mofa, das offen nach Tacho 80 ging, völlig illegal. Genauso verboten, dass ich da bereits erste Fahrerfahrungen mit einer 550er-Suzuki sammelte. Mit 18 kam dann eine 125er-Zündapp, später kaufte ich die GSX 550 offiziell. Danach kam noch einiges andere, eine 900er-Ducati Monster zum Beispiel. Aber die war für meine 1,80 Meter schon zu klein. Ich fuhr auch schon Hondas und Yamahas, etwa eine 1100er-Virago. Honda halte ich bis heute für führend bei der Haltbarkeit. Viel Ärger brachte mir meine Springer-Harley ein. Die war viel in der Werkstatt, war eher ein Sonntagnachmittags-Bike für ältere Herren.

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Foto: Rodach

Was denkst du über andere Motorradmarken?
Jaenicke: Heute gibt es unfassbar viele gute Motorräder! Ich freue mich, dass Triumph wieder da ist, die bauen tolle Maschinen. Ich finde eine Speed Triple, Rocket III oder Daytona 675 extrem funky. Bei den Briten ist in den 60er- und 70er-Jahren radikal etwas schiefgelaufen. Denn ursprünglich waren Norton, BSA und all die anderen ja tolle Marken. Mein Lieblingsklassiker ist eine Honda CB 750 Four: Zu Beginn der 70er-Jahre, als alles so hässlich war, kam dieses wunderschöne Motorrad auf den Planeten – und von Anfang an cool und alltagstauglich!

Und dein aktuelles Traum-Motorrad?
Jaenicke: Das parkt vor der Tür, meine BMW K 1300 R. Die Schwarze da draußen ist schon meine dritte, nach einer K 1200 R und einer orangenen 1300er. Dieses Modell ist etwas ganz Spezielles, ich kenne kein anderes sportliches Motorrad, das sich so bewegen lässt. Mit dem langen Radstand liegt sie super auf der Straße und ist trotzdem handlich. Hier treffen Kardan, Kraft und wenig Spritkonsum aufeinander. Und das Design ist für mich ein Kunstwerk. Ein geiler Look!

Und wofür nutzt du deine BMW, für Touren?
Jaenicke: Nein, für mich ist das Motorrad ein Transportmittel. Mit meiner K fahre ich nach München zum Schneideraum: Mit dem Motorrad brauche ich pro Strecke 20 bis 25 Minuten, mit dem Auto 35 bis 40. Das ist jeden Tag eine halbe Stunde Gewinn an Lebenszeit. Sich fortbewegen zu müssen, darf doch auch Spaß machen! Wozu soll ich in Schwabing mit dem Wagen bei der Parkplatzsuche siebenmal um den Block kreisen, um dann doch ein 30-Euro-Ticket zu kassieren? Da nützt es nichts, dass mein Diesel wenig verbraucht, der steht auch im Stau.

Du wünschst dir also eine Renaissance des Motorrads als Alltagsfahrzeug?
Jaenicke: Ja! Ich sähe gern viel mehr Motorradfahrer im täglichen Einsatz. Als reines Hobby ist das Motorrad viel zu schade. Viele Staus in den Städten wären weg, wenn es mehr Zweiräder gäbe. Roller sind in Großstädten eine super Idee. Moderne Zweirad-Mobilität markierte der BMW-Käfigroller C1: ein echter Geniestreich, im Anzug zu fahren, ohne Helm. Nur kam das Konzept zu früh. Heute könnte ein C1 mit Elektromotor der Renner sein. Es wäre toll, wenn wir in zehn Jahren hocheffiziente Elektromotorräder hätten.

Schlängelst du dich durch im Stau?
Jaenicke: Ja, ich fahre vorsichtig mitten durch oder rechts vorbei. In Kalifornien ist das offiziell erlaubt. Dort gibt es spezielle Fahrspuren nur für Autos mit mindestens zwei Insassen – oder eben für Motorräder. In den USA steigen gerade die Motorradverkäufe wieder an – seit der Sprit auch dort teurer geworden ist, bis zu vier Dollar je Gallone (etwa 83 Eurocent je Liter, Red.). Das zeigt doch, dass es ein Potenzial gibt, sich auf zwei Rädern sparsam fortzubewegen.

Mit einer 173 PS starken K 1300 R?
Jaenicke: Ja genau. Weil sie sich auch mit vier, fünf Litern fahren lässt. Ich heize ja nicht wie ein Wahnsinniger, genieße nur, wie kraftvoll der Vierzylinder von unten kommt, mit 1800 Touren in der Stadt. Wenn man ihn aber mal dreht – wie es dann abgeht …

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Tankst du den sogenannten Bio-Kraftstoff E10, der seit rund zwei Jahren angeboten wird?
Jaenicke: Nein! Es ist der falsche Weg, tropische Regenwälder abzuholzen um dann Palmöl für „Bio-Sprit“ anzubauen. Das steigert das Hunger-Problem, ist für das Klima schädlich und ökologisch eine Katastrophe. In Malaysia und Indonesien wird nur noch Palmöl angebaut. Und genau dort verschwinden die letzten Orang-Utans, weil wir seinen Lebensraum unwiederbringlich zerstören.

Was fährst du in den USA?
Jaenicke: Dort bewege ich mich nur mit meinen beiden alten Guzzis. Als ich 1985 in die USA kam, habe ich meine erste California gekauft. Die hieß dort „El Dorado“, ein ehemaliges Polizei-Motorrad, das vom wohl besten Guzzi-Schrauber der Welt stammt, Moto Guzzi Classics in Long Beach. Der Inhaber ist ein Verrückter, seine Maschinen halten prima. Und meine 99er-Guzzi läuft zuverlässig wie ein Traktor. Da war nie was dran. Außer einem Kabelbrand. Kann schon mal vorkommen nach 30 000 Meilen bei 40 Grad im Schatten.Guzzis haben Stil, das ist eine Kult-Marke. Herrlich, wie die V2-Motoren bollern. Nur die Fahrwerke sind noch auf dem Stand der 70er-Jahre, in Kurven nicht besonders toll. Nicolas Cage ist übrigens auch Guzzi-Fan, seine ist giftgrün.

Und deine schönsten Motorraderlebnisse?
Jaenicke: Da gab es viele. Die USA sind für mich das beste Motorradland der Erde. Diese endlose Weite auf gut ausgebauten und trotzdem leeren Traumstraßen. Es gibt so viele unfassbar schöne Bundesstaaten, Kalifornien, Montana, Wyoming, Arizona, New Mexico. Diese Mischung aus Bergen und Wüste, mit den phantastischen Nationalparks. Die Westküste einmal hochzufahren, ist ein Traum. Durch Yukon in Kanada fuhr ich einmal auf der kleinen Jack-London-Route mit einer Harley, wahrscheinlich die schönste Motorradstrecke der Welt.

Und außerhalb von Nordamerika?
Jaenicke: Über die Hurtigruten in Norwegen mit einer Honda Magna 750, dem V4-Chopper, das war traumhaft. Immer wieder runter vom Schiff und dann durch die Fjorde bis zu den Lofoten. Nordafrika ist so schön, dass man verrückt werden kann, vor allem Marokko. Herrlich war es, mit einer Miet-GS durch den Niger zu fahren. Allerdings bin ich kein wirklich erfahrener Offroad-Fahrer. Die R 1200 GS ist mir im Stand eigentlich zu hoch – für die hab ich zu kurze Beine. In Australien war ich ziemlich viel unterwegs. Aber es gibt auch Riesenecken, wo ich noch nie war, ganz Südamerika zum Beispiel.

Hattest du schon mal einen Motorradunfall?
Jaenicke: Ja, vor 15 Jahren in den USA. Da lief mir eine Fußgängerin vors Vorderrad. Da ging’s drum, sie oder ich? Ich habe dann die Maschine durch Überbremsen hinten wie beim Speedway seitlich hingelegt und die alte Dame kam heil davon.

Du fährst heute in sehr leichten Klamotten.
Jaenicke: Im Sommer fahre ich doch nicht in dickem Schwitzefummel. Diese Angewohnheit habe ich wohl aus Kalifornien mitgebracht: In den USA fahren viele Jungs auf ihren „Crotch Rockets“ – Schoß-Raketen, so heiße japanische Supersportler dort – in T-Shirts, Shorts und mit Flip Flops. Bei über 30 Grad mache ich das ähnlich.

Foto: Rodach

Glaubst du, Elektromobilität setzt sich durch?
Jaenicke: Ich denke, E-Autos sind schon viel weiter entwickelt, als wir alle glauben. Aber die Öl-Lobby und die deutschen Autohersteller verschleppen das. Es ist wie bei der Energiewende zu saubererem Strom: Die ist an sich gut zu bezahlen, aber der Mittelstand und die kleinen Leute bezahlen die Ausnahmen der stromfressenden Großindustrie.

Du hast viele Tier-Dokus gedreht. Welche Spezies haben dich denn besonders beeindruckt?
Jaenicke: Ich mag alle Tiere. Aber diese unfassbare Eleganz, mit der Haie schwimmen, die fasziniert mich besonders. Seit 500 Millionen Jahren bereichern sie die Ozeane, sind viel länger als der Mensch auf der Welt. Und sie spielen eine so große Rolle als Gesundheitspolizei, indem sie kranke und schwache Tiere angreifen. Aber jede Sekunde werden sechs Haie von uns getötet, 200 Millionen pro Jahr – aus Mordlust an den vermeintlichen „Killern“, als nutzloser Beifang oder für die verdammte Haifischflossensuppe: Man schneidet den Tieren bei lebendigem Leib die Flossen ab und wirft die todgeweihten Körper dann zum qualvollen Sterben zurück ins Meer.

Du engagierst dich für die Umwelt, bist aber gleichzeitig Vielflieger. Wie passt das zusammen?
Jaenicke: Ja, das Filmbusiness ist mit seinen Drehs auf verschiedenen Kontinenten keine umweltfreundliche Branche. Ich versuche, sparsame, effiziente Airlines auszusuchen und bei Dokus sorgen wir für CO2-Kompensation fürs Team. Wir leisten Abbitte bei ‚My Climate‘ oder ‚Atmosfair‘ und unterstützen zwei Wiederaufforstungsprojekte, etwa bei Fans for Nature. In Indonesien werden pro Minute fünf Fußballfelder tropischen Regenwalds gerodet, am Amazonas drei bis vier. Und auf der ökologisch einzigartigen Insel Madagaskar sind bereits 95 Prozent abgeholzt …

Foto: Rodach

Vita: Hannes Jaenicke

Hannes Jaenicke wurde am 26. Februar 1960 in Frankfurt/Main geboren. Seine Kindheit verbrachte er in Pittsburgh/USA, seine Schulzeit bis zum Abitur im ostbayerischen Regensburg, wo sein Vater als Biologie-Professor an der Universität tätig war. Seine Ausbildung in Schauspiel, Gesang und Tanz absolvierte Jaenicke in Wien und London. Es folgten Engagements in Wien, Bonn, Köln, Berlin und Salzburg. 1984 brachte ihm der Fahrstuhl-Thriller „Abwärts“ den Film-Durchbruch. Neben seiner Tätigkeit als TV-Schauspieler ist Jaenicke Sprecher bei Hörbüchern und Drehbuchautor. Seine Titelrolle in der Krimi­reihe „Sardsch“ wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis prämiert.

Hannes Jaenicke ist geschieden, hat keine Kinder. Seine Hobbys sind Segeln, Surfen und Kite-Surfing. Er hat Wohnsitze in Kalifornien und am Ammersee. Jaenicke engagiert sich für den Tier- und Umweltschutz. In Kooperation mit dem ZDF drehte er Dokumentationen über das Leben gefährdeter Tierarten wie Orang-Utans, Eisbären und Haie. Ferner unterstützt er Menschenrechtsorganisationen wie die International Campaign for Tibet (ICT), die Christoffel Blindenmission (CBM) und Amnesty International. Mehr darüber in seinem Fotoblog im Internet unter
www.wut-allein-reicht-nicht.de

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