Interview mit Harley-Davidson-CEO Matt Levatich "Tattoos interessieren mich nicht"

Als der oberste Harley-Davidson-Boss anlässlich der Hamburg Harley Days zum Interview eintrudelt folgen 90 Minuten wenig Dienstliches und sehr viel Privates.

Foto: Herder
Harley-Davidson-CEO Matt Levatich schätzt den direkten Kontakt: hier im Gespräch mit Harley-Davidson-Händler Matthias Meier aus Hannover.
Harley-Davidson-CEO Matt Levatich schätzt den direkten Kontakt: hier im Gespräch mit Harley-Davidson-Händler Matthias Meier aus Hannover.

Zur Person Matthew S. Levatich: Das S. steht für Stephen. Aber in der Szene nennt ihn jeder nur Matt. Geboren wurde der Harley-Davidson-CEO („Chief Executive Officer“, entspricht „Vorstandsvorsitzender“ oder „Generaldirektor“) am 7. Januar 1965 in Ithaca, einer Kleinstadt im US-Bundesstaat New York. Der studierte Maschinenbau-Ingenieur kam 1994 zu Harley-Davidson und startete dort eine steile Karriere. Ab 1996 kümmerte er sich von England aus u. a. um die Buell-Markteinführung in Europa, kehrte 1999 in die Staaten zurück und arbeitete als Projektleiter an der Entwicklung des Harley-Davidson-Museums. Weitere Stationen: u. a. Vizepräsident Material-Management, Vizepräsident Teile und Zubehör und 2008 Präsident von MV Agusta in Italien. Ab 2009 COO („Chief Operating Officer“) und seit dem 1. Mai 2015 CEO. Matt ist seit über 25 Jahren mit Brenda verheiratet und hat zwei Söhne.

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Matt, Sie sind einer der wenigen US-amerikanischen Harley-Top-Manager, die längere Zeit in Europa gelebt haben. Welche Beziehung haben Sie zu Europa?

Eine etwas tiefere, denn mein Vater stammt aus Bratislava und floh nach Kriegsende mit seiner Familie nach Passau. In Landshut beendete er seine Schulausbildung, um dann für drei oder vier Jahre nach München zu gehen und dort eine Ausbildung zum Goldschmied zu machen. Sein Vater riet ihm aber mangels Zukunftsperspektive in Europa zur Auswanderung in die USA, was er 1950 machte, um dort ein neues Leben zu beginnen und Architektur zu studieren. 15 Jahre später kam ich dazu und habe noch vier Brüder und Schwestern. Der Großvater meiner Frau stammte aus Baden-Baden. Ich machte meinen ersten Europa-Trip als 20-Jähriger mit der Bahn. Ich startete in Köln, dann ging es über die Schweiz nach Rom und via Österreich zurück nach München.

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Foto: Harley-Davidson
"(...) Den Harley-Job hatte ich damals noch nicht auf dem Radar, da war ein Japaner-Kauf noch nicht verwerflich."

Waren Sie zuvor auch schon mal in Hamburg?

Nein, das ist mein erster Besuch hier im Norden. Vorgestern sind wir in München mit Motorrädern gestartet und seitdem exakt 1256 Kilometer bis hierher gefahren. Mit der Road Glide ging es hauptsächlich über Landstraßen, und wir haben auf unserer Tour viele Händler besucht.

Was unterscheidet das Motorradfahren in Europa von dem in den USA?

Ich genieße in Europa das hohe Niveau in Sachen Disziplin. Fahren in Europa – auch und gerade in Großbritannien, wo ich dreieinhalb Jahre für Harley-Davidson und Buell arbeiten durfte – ist angenehm berechenbar. Die meisten Verkehrsteilnehmer halten sich an die Regeln, das schafft Vertrauen. Das sieht in den USA oft anders aus.

Kommen wir zu Ihrer Fahrzeug-Vita. Womit starteten Sie Ihre motorisierte Karriere?

Als Achtjähriger ging es mit einer 125er-Honda-Enduro los. Mein erstes Auto war ein 1966er-VW Käfer, den ich als 16-Jähriger zusammen mit meinem schrauberbegeisterten Vater fahrbereit gemacht und verbessert habe. Von meinem Vater habe ich vermutlich auch die Begeisterung für brandneue, innovative Fahrzeuge geerbt. Er musste alle zwei Jahres etwas Neues kaufen. Ich wünschte, ich hätte noch einige der Schätzchen: einen frühen Käfer, einen der ersten VW Busse. Und am Tage meiner Geburt kaufte er einen 1965er-Ford Mustang, später einen BMW 2002 und einen Mercedes 280 SE. Mein erster Neuwagen war ein Japaner: ein Mitsubishi Montero, mit dem ich mich als junger Ingenieur zum Abschluss des Studiums selbst belohnte. Fahren gelernt habe ich auch auf einem Japaner: dem Honda Civic meiner Mutter. Den Harley-Job hatte ich damals noch nicht auf dem Radar, da war ein Japaner-Kauf noch nicht verwerflich (lacht herzhaft).

Das sieht heute doch wohl anders aus?

Ich habe eine Vorliebe für Kreativität und Innovation und für Produkte, die Menschen einfach anders als gewohnt machen. Die Honda CB 750 Four, die MV Agusta F4 – wow, das sind zum Beispiel Motorräder, die ich echt bewundere. Was nichts daran ändert, dass ich mittlerweile kein anderes Motorrad als eine Harley besitzen möchte. Ich bin einfach davon überzeugt, dass die große und starke Marke Harley-Davidson eine führende Rolle in unserer Branche spielt. Wie zum Beispiel mit unserem Elektromotorrad-Projekt Live Wire. Ein Produkt, das zur Marke und zur Geschichte passt, das funktioniert und das man haben möchte.

Bitte etwas konkreter: Was steht in der Matt-Levatich-Privatgarage?

Eine Harley XR 1200 X, die ich nie verkaufen werde. Eine Road Glide Ultra, eine Softail Slim und die Street 500 meiner Frau. Und ein fünf Jahre alter „kleiner“ Pick-up: ein Ford F 150 Raptor. Ich habe gestern in Hamburg übrigens auch einen gesehen – der wirkt hier irgendwie größer…

Was machen Sie in Ihrer Freizeit außer Motorrad fahren – womöglich Sport?

Ich liebe Hockey, aber meine Knie lieben es leider nicht mehr.

Und jetzt spielen Sie garantiert Golf, oder?

Nein, Motorrad fahren und Golf passen für mich nicht zusammen. Golf spielt man einen halben oder sogar ganzen Tag, da bleibt keine Zeit zum Motorradfahren. Golf ist nichts für mich, ich habe einfach zu wenig Zeit, um ein guter Golfer zu werden.

Okay, kein Golf. Aber etwas Freizeit hat wohl auch der Harley-CEO. Was machen Sie da?

Ich mag es sehr, rund ums Haus herumzuwerkeln. Auch ganz einfache Dinge wie zum Beispiel Rasen mähen.

Vermutlich mit einem gigantischen Aufsitzmäher. Welche Marke?

Natürlich John Deere! Und für den Winter habe ich eine riesige Schneefräse; denn in Milwaukee gibt’s in den Wintermonaten immer viel zu räumen. Das sind alles sehr befriedigende Arbeiten, man sieht sofort den Erfolg. Ein totaler Gegensatz zu vielem, mit dem ich im Job zu tun habe. Da sieht man manchmal erst nach vier, fünf oder gar erst zehn Jahren, ob’s geklappt hat.

Sport und Gartenarbeit hatten wir schon, wie sieht’s mit Musik aus? Was mögen Sie?

Ich höre die unterschiedlichsten Stilrichtungen, am meisten mag ich aber das Zeug aus den späten 70er- und frühen 80er-Jahren. Also The Police, Dire Straits, R.E.M., U2. Aber auch modernere Sachen von Coldplay oder Mumford & Sons.

Country?

Kein Country! Und auch kein Heavy Metal und keinen Jazz.

Hören Sie auch Musik beim Motorradfahren? Und wenn ja, was wäre ein perfekter Song beim Harley-Fahren?

Ich trage so ein modernes In-Ohr-System unterm Integralhelm, über das ich Musik höre, das mein Gehör aber nicht ruiniert und nicht gegen andere Geräusche anbrüllen muss. Ein perfekter Song? (überlegt lange) „Message in a Bottle“ von The Police wäre einer. Oder etwas von Peter Gabriel. Sting und Peter Gabriel touren gerade gemeinsam in den USA – da gehe ich garantiert hin.

Sie sind Harley-CEO und natürlich Harley-Fahrer – sind Sie eigentlich tätowiert?

Kein Stück. Ich habe aber nichts gegen Tattoos, sie interessieren mich nur nicht. Das gilt übrigens auch für Wunschkennzeichen. Ich wüsste gar nicht, was ich anderen damit mitteilen sollte.

Wie sieht Ihr nächster Karriereschritt aus?

Es gibt Leute, die sagen, dass CEO ein Job für maximal zehn, vielleicht sogar nur für acht Jahre ist. Ich weiß es nicht. Ich versuche, die starke und gute Unternehmenskultur bei Harley-Davidson zu pflegen und weiterzuentwickeln, wie lange auch immer. Und dabei ist es wichtig, dem eigenen Führungsnachwuchs Chancen aufzuzeigen – und das nicht erst, wenn er über 60 ist. Vielleicht ist dann der nächste Schritt, 100 Prozent Ehemann zu sein. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob meine Frau das auch so sieht…

Eine ketzerische Frage zum Schluss: Hillary oder Donald – wer wäre die bessere Wahl?

Beim jüngst erfolgten Brexit-Referendum haben wir gesehen, dass Demokratie manchmal chaotisch sein kann. Die Company hat bislang alle noch so verrückten Zeiten überlebt, und wenn wir uns auf das konzentrieren, was wir können, nämlich hervorragende Motorräder zu bauen, liegen wir immer richtig. Ich glaube nicht, dass die beiden aktuellen Kandidaten repräsentativ für die USA sind, und das ist nicht gut für amerikanische Marken. Harley-Davidson steht für die USA und deren ursprüngliche Ideale: Freiheit und Unabhängigkeit sind auch die Ideale von Harley-Davidson.

Matt, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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