"Moto Guzzi steht nicht für irgendwelches futuristisches Zeug" Chefdesigner Galluzzi im Interview

Miguel Galluzzi, Chefdesigner der Piaggio-Gruppe, arbeitet im kalifornischen Pasadena an neuen Modellen. Bei einer Ausfahrt mit MOTORRAD-Redakteur Ralf Schneider erläuterte Galluzzi, nach welchem Konzept er künftige Modelle von Moto Guzzi gestalten will.

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Herr Galluzzi, warum unterhält die Piaggio-Gruppe ein Designstudio in Kalifornien, genauer in Pasadena?

Für Piaggio ist die Frage eher, warum nicht? Im Moment müssen wir nicht nur an den nächsten Schritt denken, sondern wir müssen weiter und anders denken als bisher. Der Motorradmarkt in Europa ist komplett umgekrempelt, die Verkaufszah­len sind in den vergangenen sechs Jahren gesunken, und sie werden nicht mehr die Höhen von einst erreichen. Der Erfolg wird in Zukunft von anderen Leuten herkommen, anderen Kunden mit anderen Bedürfnissen. Wenn man aber in Italien im Alltagsgeschäft steckt, dann behindert das eher, deshalb dachten wir, warum gehen wir nicht nach Kalifornien? Kalifornien war immer schon eine Gegend, die in vielen Dingen, Kunst oder Technologien, neue Wege gewiesen und Sachen erfunden hat, an die wir noch nicht einmal gedacht haben. Als wir mit Roberto Colaninno darüber geredet haben, was wir für die Zukunft auf den Weg bringen müssen, fragte er: „Warum geht ihr nicht nach Kalifornien? “

Das war seine Idee?

Ja, die Konzernleitung ist sich bewusst, dass wir vorausschauen müssen. Das können wir nur, wenn wir außerhalb gängiger Schemata denken können.

Welche Rolle hat Ihre persönliche kalifor­nische Geschichte dabei gespielt?

Als ich in den 80er-Jahren hierher kam, um am Art Center zu studieren… Ach wissen Sie, die Schule hat mich eigentlich nichts gelehrt, außer einer bestimmten Einstellung zu meinem Job: Die Mög­lichkeiten sind unendlich, die einzige Begrenzung ist man selbst. Wenn man das einmal begriffen hat, ist alles möglich.

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Foto: Schneider

Sie haben gestern den Zehn-Jahres-Plan für die Zukunft von Moto Guzzi erwähnt. Wie steht es damit?

Diesen Plan zum Relaunch von Moto Guzzi hat Roberto Colaninno bei der Feier des 90. Firmenjubiläums angekündigt. Das ist jetzt dreieinhalb Jahre her, und wir sind mittendrin. Sie werden auf der EICMA sehen, was wir bisher geschafft haben, nicht nur für Guzzi, sondern auch für die anderen Marken.

Welcher Philosophie, welcher grundlegenden Idee folgt dieser Plan?

Bezogen auf Moto Guzzi?

Ja.

Für Moto Guzzi ist die Sache klar. Wir müssen wieder dahin kommen, das Motorradfahren zu genießen. Das heißt, dass wir nicht auf 250-PS-Motorrädern herum­fahren, die mit Elektronik vollgestopft sind, damit wir etwas unter Kontrolle halten können, was wir gar nicht brauchen. Wir müssen wieder zu der Art von Motorradfahren zurückkommen, die nicht nur von der Maschine bestimmt wird, sondern auch von der Umgebung. So wie Sie das heute bei Ihrer Fahrt mit der California erlebt haben. Jetzt möchte ich Sie etwas fragen: Wann haben Sie mit dem Motorradfahren begonnen?

Mit 15, 16.

Können Sie sich noch an den Mo­­ment erinnern, als Sie dabei zum ersten Mal etwas empfunden haben, was un­beschreiblich war?

Sehr genau.

Sie genießen das noch immer, das war zu sehen. Doch viele andere Leute haben das hinter sich gelassen, dieses einfache Gefühl. Nicht, dass sie es vergessen hätten, aber sie müssen es wiederfinden. Dabei soll ihnen eine Moto Guzzi helfen. Italienische Motorradmarken können das sehr überzeugend, weil sie nicht darauf angewiesen sind, Millionen von Motorrädern produzieren zu müssen.

"Wir brauchen keine großen Hämmer"

Mit welchen technischen und gestalte­rischen Mitteln wollen Sie solche Motorräder entwickeln?

Moto Guzzi hat einen einzigartigen Motor. Dieses Konzept werden wir noch lange nicht aufgeben. Deshalb gestalten wir um diesen Motor herum. Das ist auch der Grund, warum die Zylinder bei der California geradezu durch den Tank brechen. Wir werden hier oft von Harley-Fahrern angesprochen, die sich fragen, warum der Motor verkehrt herum im Rahmen sitzt. Und dann sagen wir: „Hey, das ist eine Moto Guzzi, die ist anders.“ Und wir erklären das Konzept. Die meisten verstehen
es, und dann haben sie es in ihren Köpfen.

Moto Guzzi hat viele Motorvarianten im Programm. Werden die alle weiter gebaut?

Nein, wir werden rationalisieren. Drei, vielleicht auch nur zwei Varianten werden übrig bleiben. Ich denke nicht, dass es viele Motorvarianten braucht, um die Wünsche der Guzzi-Kunden zu erfüllen. Das ist nicht der richtige Ansatz. Es gab Zeiten, da haben die Guzzi-Ingenieure einen Motor konstruiert, weil sie ihn haben wollten. Und schließlich hat die Qualität unter der Quantität gelitten. Das sollten wir in Zukunft vermeiden. Wir müssen die Kunden verstehen und die Motoren bauen, die sie wollen.

Für wie wichtig halten Sie die Tradition, das Erbe von Guzzi?

Dieser Aspekt ist ganz wichtig. Moto Guzzi steht nicht für irgendwelches futuristisches Zeug. Wir werden gutes, einfaches italienisches Design machen, das Ihnen gefallen wird.

Viele unserer Leser, Guzzi-Fans, mit denen wir sprechen, meine Kollegen und ich selbst, wir träumen schon seit Längerem von einem Motorrad mit einem traditionellen Tonti-Rahmen und dem 940er-Zweiventiler der Bellagio darin. Dieser Motor hat ausgezeichnete Eigenschaften. Was halten Sie von dieser Idee?

Ich bin einverstanden. Das ist etwas, was wir machen müssen, Teil der Tradition, von der wir gesprochen haben. Es ist gute Guzzi-Tradition, dass die Motoren sehr gut fahrbar sind, davon haben Sie ja heute eine Kostprobe erhalten. Der 1400er wird sehr lange im Programm bleiben. Und dann müssen wir noch etwas neben die V7-Baureihe setzen, etwas Handliches, Zeitge­mä­ßes. Wir brauchen keine großen Hämmer, wir brauchen intelligentere Produkte. In Mailand werden sie einen V7-Motor mit neuem Getriebe sehen. Das erlaubt uns, in der Zukunft eine andere Art von Motor darauf aufzubauen. Ich gebe Ihnen recht, wir brauchen eine solche Art von Motorrad, aber wir sollten dafür nicht in die Vergangenheit zurückgreifen und ausschließlich an die 40- bis 55-Jährigen denken, sondern auch an die 25- bis 30-Jährigen. Ein solches Motorrad wird sich dann auch länger am Markt halten.

Ein neues Getriebe … Heißt das, die V7 wird auch einen neuen Kardanantrieb, eine neue Schwinge, ein neues Aussehen bekommen?

Sie wird auf eine andere Art gleich aussehen (lacht). Die Maschine wird eine typische Guzzi bleiben, nur eben verbessert. Auch die Teile, die momentan optisch ein wenig schwach wirken, werden wir stärken.

"ich muss da die Füße nicht so weit nach vorn strecken"

Können Sie zum Stand des Zehn-Jahres-Projekts noch etwas konkreter werden?

Auf der EICMA in diesem Herbst werden Sie – na ja, sagen wir Entwicklungen­ innerhalb der California-Familie sehen. Und die schon angesprochenen Verbesse­rungen der V7. Auf der übernächsten EICMA kommt dann etwas, was sehr viel Spaß machen wird.

Welche Maschine aus dem derzeitigen Guzzi-Programm ist dem Motorradfahrer Miguel Galluzzi die liebste?

Das ist eine von denen, die wir im November präsentieren werden. Als wir die California Touring entwickelten, haben wir gleichzeitig eine Custom-Version gebaut, die auf einem Treffen in Florida gezeigt wurde. In die Produktion ist die California Custom dann aber nicht so ge­gangen, wie wir uns das gedacht hatten. Jetzt kehren wir zu diesem Ansatz zurück. Das ist eher mein Motorrad, etwas, hmm, ich möchte nicht sagen sportlicher, aber ich muss da die Füße nicht so weit nach vorn strecken.

Sie meinen eine aktivere Sitzposition?

Genau. Die Strecken, die Sie heute gefahren sind (unter anderem den Mullholland Highway, die Red.), werden Sie damit schneller fahren können. Und das entspricht dann auch eher meiner bevorzugten Art von Motorrad.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

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