Ladies-Cup: Der Weg zum Führerschein Teil 2 Liegen lernen

Es wird ernst: Vollbremsungen, Langsamfahren, Bodenkontakte, 781 Fragen zur theoretischen Prüfung. Und die Klamottenfrage bleibt (vorerst) auch unbeantwortet ...

Foto: Bilski

Ernüchterung. Ganz klar. Es ist Mitte August, die Sonne brennt und unsere vier Einsteigerinnen sind seit Stunden auf der Suche nach geeigneter Bekleidung zum Motorradfahren. Zwar bietet jede ihrer Fahrschulen geeignete Schutzkleidung für die Übungsfahrten, doch es gibt ja auch ein Leben nach der Fahrschule. Und für das wollen sie gerüstet sein. Nach Besuchen in sechs Fachgeschäften im Großraum Stuttgart sitzen die vier schlanken Mädels bei einem Drink und resümieren.


Yvonnes lange Beine mögen zwar in der Disco von Vorteil sein, bei der Suche nach Motorradhosen sind sie jedoch hinderlich: "Ich finde keine Hose, die in der Länge passt, ohne dass sie mir wie ein Sack um den Hintern hängt", sagt die 35-Jährige, mit ihren 1,78 Metern die größte des Quartetts, und hofft, dass die naheliegendste Erklärung hierfür nicht zutrifft:

Der zufolge wären die meisten Motorradfahrerinnen nämlich zu dick. Natalie hat mit ihren 1,69 Metern weniger Probleme als mit der Farbe: "Warum werden 80 Prozent der Motorradbekleidung in Schwarz angeboten? Soll das etwa den Absatz von Warnwesten ankurbeln? Kein Wunder, dass man als schwarzer Punkt deshalb auch tagsüber mit Licht fahren muss..." Anna, mit 1,61 Metern die kleinste im Bunde, trägt Konfektionsgröße 34, manchmal auch nur 32. "Die haben mich doch glatt in die Kinderabteilung geschickt", empört sie sich. Muss dann aber auch schmunzeln. Bei Louis wird sie fündig: Die Textilhose der Marke Cycle Spirit sitzt wie angegossen.  "Textilkleidung kommt für mich allerdings nicht infrage.

Leder hat beim Sturz immer noch die beste Schutzfunktion", sagt Anna zusätzlich mit dem Hinweis auf die bessere Optik, und dass sie auch nie ein wassergekühltes Motorrad kaufen würde.

Das ernüchternde Erlebnis, kaum Kleidung zu finden, die sowohl figürlich wie auch farblich passt, hat einen Hintergrund: Während die Händler im Frühjahr ihre Lager mit der neuen Kollektion füllen, sind die Regale ab Spätsommer schon ziemlich geplündert.
Vor allem bei der sehr modischen Bekleidung vieler italienischer Hersteller wie Alpinestars oder Dainese muss die alte Kollektion jährlich raus und ist früh vergriffen. Weniger ein Problem ist das Nachbestellen einzelner Artikel dagegen bei großen Handelsketten wie Louis oder Polo.


Zurück in die Fahrschulen. Hier heißt es für die Mädels erstmal wieder Schulbank drücken, Antworten auf 781 Fragen müssen gewusst werden (fünf kuriose Fragen haben die Damen zusammengestellt - siehe unten). Insgesamt muss jede Kandidatin fünfzehn Stunden theoretischen Unterricht (neun Stunden Grundwissen, sechs Stunden motorradspezifisches Fachwissen) nehmen. Vor allem die beiden Grünpfeil-Regelungen in und an Ampeln sind für einige totales Neuland. Beim Grünpfeil-Schild für Rechtsabbieger müssen Fahrer an roten Ampeln zuerst anhalten, dürfen dann jedoch unter bestimmten Voraussetzungen bei Rot rechts abbiegen. Der grüne Pfeil in der Scheibe des grünen Ampellichtes hingegen besagt: Nur in Richtung des Pfeiles ist der Verkehr freigegeben. Während Melanie die Theoriestunden auf ihrem achttägigen Schnellkurs am Nürburgring gleich morgens nach dem Frühstück absitzt, und anschließend aufs Motorrad darf, leisten die anderen drei ihre nach Feierabend oder am Wochenende ab.

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Da ist es von Vorteil, dass alle drei Fahrschulen sowohl die theoretischen als auch praktischen Stunden recht flexibel anbieten. Melanie dagegen hat am Nürburgring einen anderen, vielleicht nicht zu unterschätzenden Vorteil: das Gruppenerlebnis. Nach dem alten Motto geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freud ist doppelt so schön, halten die fünf Teilnehmer zusammen. Fragen und Erfolge werden abends in geselliger Runde besprochen, während Natalie, Anna und Yvonne nach den absolvierten Stunden mit ihren Eindrücken allein sind.
Wie aber führt man drei Anfängerinnen (Anna bringt von ihrer Simson Schwalbe her etwas Erfahrung mit) ans Zweirad heran? Aufgrund ihrer Größe fährt Anna vorerst nur auf einer Honda CBR 125. "Erst, wenn sie die Grundübungen sicher beherrscht, wird sie auf die Kawasaki ER-6n wechseln", sagt Jörg Holzmann von der Fahrschule "Speed". Das Manko dabei: Die 125er hat kein ABS.

"Bei der ersten Vollbremsung bin ich hinten weggerutscht", berichtet Anna. "Und bei der zweiten hab ich einen Stoppie hingelegt. Aber Jörg hat mir das Lösen der Vorderradbremse beim Blockieren super beigebracht." So viel sei verraten: Die 125er-Honda sowie ihre Pilotin blieben ohne Kratzer. Natalies Fahrlehrer
Gerhard Bayer von Charleys Fahrschule hat eine gute Kuppel-Übung im Repertoire: "Das Vorderrad stand gegen den Bordstein, dann musste ich im ersten Gang hochfahren", sagt Natalie. "Diese Übung mit der Honda CB 500 hat mir ein super Gefühl fürs Kuppeln vermittelt." Melanie kämpft derweil am Nürburgring, wo BMW Motorrad sowohl Bikes als auch Ausrüstung für die Bike Academy stellt mit einem ganz anderen Problem:
Blickführung. Bei Vollbremsungen schaut sie nicht nach vorn, sondern beobachtet das Vorderrad. Das dann ab und zu einfach einklappt. Die Westerwäldlerin fällt im Stand um. "Irgendwo auf dem Dach eines Gebäudes geradeaus war ein dickes Michelin-Männchen montiert", sagt Melanie. "Erst als ich das als Ziel anvisiert und beim Bremsen geradeaus statt aufs Rad geschaut hab, lief alles einwandfrei.

"Dass Yvonne von Natur aus recht heißspornig ist, hat ihr Fahrlehrer Mario Gorgius (Fahrschule Burkhardt) gleich erkannt, und lässt sie auf einem großen Platz Anfahren, Kuppeln, vor allen Dingen aber Langsamfahren üben.
Bei allen vieren hat die Ausbildung eines gemeinsam: Erst nach drei, vier Übungsstunden auf verkehrsarmen oder abgesperrten Plätzen, sobald sich ein gewisses Gespür für Gewicht, Kupplung, Bremse und Balance eingestellt hat, dürfen sie raus ins echte Leben. Da alle Ladies über 25 sind, erhalten sie nach bestandener Prüfung die unbeschränkte Fahrerlaubnis, dürfen also leistungsstarke Bikes fahren. Dass mehr Leistung in manchen Situationen auch einen gewissen Grad persönlicher Zurückhaltung erfordert, lernt Yvonne gleich in der ersten Minute: "Ich hab’ den Gasgriff der Yamaha XJ6 nur mal kurz gedreht - geil. Aber dass die so abgeht, damit hätte ich nicht gerechnet."

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