Der Motorradbauer Umberto Borile Kleine Fluchten

Mit der sympathischen, kleinen Multiuso macht er gerade regelrecht Furore. Doch der Italiener Umberto Borile hat noch mehr eigenwillige Eigenbauten für das Ausbrechen aus dem Alltag auf Lager.

Die Perserteppiche sind echt. Und rare Einzelstücke, genau wie die Motorräder, die auf ihnen parken. Naked ­Bikes, Café Racer und Enduros sind es, allesamt im Klassik-Look und allesamt von Umberto Borile gebaut, die hier im Verkaufsraum im kleinen Örtchen Vò südlich von Padua stehen, lässig verteilt zwischen antiken Glasvitrinen und wertvollen Kommoden. Das Ganze wirkt überhaupt nicht wie ein Laden, sondern mit den gemütlichen LedersessMOtoreln und den vielen Bücher­regalen eher wie das Wohnzimmer eines Motorradbesessenen. Und genau das ist es im Grunde auch: „Ich bin tagtäglich hier, also will ich mich wohlfühlen. Mit schönen Möbeln, schönen Bildern und schönen Motorrädern. Was macht da schon ein Ölfleck auf dem Perser?“, meint Umberto Borile lachend.

„Bottega“ nennt er seinen Verkaufsraum, was im Italienischen einen Handwerksbetrieb mit angeschlossenem Laden bezeichnet. Das passt perfekt, denn hinter dem Geschäft schließt sich die gut ausgestattete Werkstatt an, wo der 61-jährige gelernte Möbel- und Gemälderestaurator zusammen mit seinem Mechaniker Gianmaria den passenden Rahmen rund um verschiedene Einzylinder schmiedet. Und das ist wörtlich zu verstehen, denn Borile macht Rahmen, Tank, Schutzbleche und zahlreiche weitere Einzelteile von Hand, dengelt, fräst und schweißt. Strikt nach seiner Fasson, versteht sich: „Ich bin nun mal von der alten Schule“, sagt er verschmitzt. „Ein Motorrad muss einfach aufgebaut sein, ohne Firlefanz. Dafür bin ich beim Material sehr anspruchsvoll, denn meine Motorräder sollen möglichst leicht sein.“ Moderne Elektronik sucht man daher vergebens, dafür finden sich reichlich Teile aus Aluminium und Ergal.

Anzeige
Foto: Gori
Umberto Borile mit seinem Lieblingsmotorrad Multiuso, das sich perfekt fürs entspann­te Endurowandern eignet.
Umberto Borile mit seinem Lieblingsmotorrad Multiuso, das sich perfekt fürs entspann­te Endurowandern eignet.

Furore um die Multiuso

In Italien erlebt Umberto Borile gerade eine Art Hype. Lifestyle- und Männermagazine berichten über ihn, Studenten der Universität Venedig drehten kürzlich gar einen Kurzfilm über seine kleine Motorradfirma – als Beispiel dafür, wie man mit Initiative und Tatkraft selbst fetten Wirtschaftskrisen trotzen kann. Ursache für die plötzliche Berühmtheit ist die Multiuso, eine pfiffige Mischung aus Straßen-, Enduro- und Trialmaschine mit 230 cm³ und 15 PS. Ursprünglich hatte Borile sie nur für sich selbst gebaut, für seine Trips auf und abseits der Straßen in den heimatlichen Euganeischen Bergen, einer kleinen Hügelkette mitten in der Po-Ebene. Doch das Konzept traf einen Nerv, und klammheimlich entwickelte sich die Multiuso zu seinem größten Verkaufsschlager. 200 Stück fanden letztes Jahr einen Käufer, in diesem Jahr sollen es 500 werden. Neben der 230er wird nun auch eine 125er angeboten, ein Modell mit 350 cm³ ist in Vorbereitung.

Motorräder konstruiert der einfallsreiche Norditaliener schon seit 1988. Zum Einstieg baute sich der Geländefahrer eine Wettbewerbsenduro mit 400er-Husqvarna-Motor, dann folgten Café Racer und Enduros, alle mit luft­gekühlten Einzylinder-Motoren. Doch solange es dem Gros der ­Motorradfahrer bloß auf Spitzenleistung ankam, wirkten Boriles leistungsschwache Singles eher skurril und vorgestrig und fanden nur wenige zahlungskräftige Kunden, denn die Handarbeit hatte und hat ihren Preis. Heute hingegen, da Retro und Entschleunigung salonfähig sind, steigt die Nachfrage. Optisch und technisch orientieren sich sämtliche Modelle an klassischen britischen Motorrädern. „Bei uns im Veneto war der Geländesport in den 60er-Jahren weitverbreitet, vor allem mit englischen Maschinen, die zu Crossern und Enduros umgebaut wurden“, erzählt Borile. Zum Schlüsselerlebnis wurde ihm eine Matchless G80, die er mit 16 erstmals sah und hörte: „Nur Metall und Chrom, eine schlichte, elegante Form und dazu dieser unvergleichliche, knorrige Single-Sound. Das ging mir so richtig unter die Haut.“ Solche Emotionen einzufangen und auszudrücken, ist bis heute sein erklärtes Ziel bei seinen Konstruktionen.

Anzeige
Foto: Gori
B500 Ricki: Boriles Hommage an den verstorbenen Sohn. Auf 20 Stück limitiert.
B500 Ricki: Boriles Hommage an den verstorbenen Sohn. Auf 20 Stück limitiert.

Heraus aus einer tiefen Depression

Von dem Vorhaben, alles selbst zu machen, musste er wegen des Erfolgs der Multiuso inzwischen abrücken. „500 Stück im Jahr kann ich nicht stemmen, wir sind hier schließlich nur zu zweit.“ Deshalb werden die Multiuso-Modelle in einer kleinen Fabrik bei Verona gefertigt und dann nach Vò geliefert, wo Borile sie akribisch prüft und die Seriennummer in den Rahmen stanzt. Mit dem Verkauf selbst hat er kaum etwas zu tun; darum kümmert sich die Unternehmerfamilie Bassi aus Mailand, die ihm 2010 die Zusammenarbeit vorschlug und ihn damit aus einer tiefen Depression holte. Denn im Sommer 2009 war sein Sohn Riccardo bei einem Unfall mit einem Gewehr tödlich verletzt worden. „Ich sah überhaupt keinen Sinn mehr in meinem Leben“, erzählt Borile heute. „Den Tod von Ricki werde ich nie verwinden, aber immerhin habe ich das Interesse für Motorräder wiedergefunden und damit noch Ziele im Leben, wenn auch keine Träume mehr.“

Bald baute er eine Retro-Enduro mit einem Rohrrahmen aus Leichtmetall, die er nach seinem Sohn „Ricki“ nannte. Als Antrieb verwendete er einen modifizierten Speedway-Motor von GM mit 500 cm³, der auch in anderen Motorrädern, etwa dem Café Racer B500 CR, zum Einsatz kommt. Die passenden Motoren zu finden ist allerdings nicht immer leicht – ein Thema, über das sich Borile durchaus ereifern kann: „Ich wollte für die Multiuso ursprünglich einen italienischen Motor. Aber bei Minarelli in Bologna haben sie mir gesagt, ich müsse mindestens 1000 Stück abnehmen und bar im Voraus bezahlen.“ Ein Ding der Unmöglichkeit für einen Kleinunternehmer. Deshalb schloss er einen Vertrag mit Zongshen in China, bekommt die Motoren nun in Partien zu 100 Stück und muss erst bei Lieferung zahlen. „Die sind ein Riesenkonzern, waren sich aber, anders als Minarelli, nicht zu fein für einen kleinen Auftrag.“

Foto: Gori
Sein Verkaufsraum in Vò, so Borile, beherberge nur schöne Dinge.
Sein Verkaufsraum in Vò, so Borile, beherberge nur schöne Dinge.

Probleme unverzagt angehen

Kaum hat Borile dieses Problem zu seiner Zufriedenheit gelöst – „der Motor ist ausgesprochen zuverlässig und sparsam“–, ­erwartet ihn schon das nächste: die Scrambler, eine Replica der gleichnamigen Ducati aus den 60er-Jahren. Deren 450er-Single soll aus Motorteilen der Ducati Monster 1100 aufgebaut werden; mehrere fahrbereite Prototypen stellte Borile bereits fertig. Doch während der Entwicklung wechselten bei Ducati der Chef und mit Audi sogar der Eigner, derzeit stockt die Lieferung der Teile. Borile geht das Problem wie immer unverzagt an. „Wir müssen noch mal reden. Und wenn das nicht hilft, dann lasse ich mir eine andere Lösung einfallen.“ Not macht bekanntlich erfinderisch, und dass Umberto Borile um Ideen nicht verlegen ist, beweisen seine eigenwilligen Eigenbauten zur Genüge.

 

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel