Meine Geschichte Von Axel Müller-Sturm
Vorwärts in die Vergangenheit oder Zeitreise in den Odenwald! Oder: Der Frühling ist endlich da!
Die Sonnenstrahlen bohren sich gnadenlos in den schwarzen Asphalt. Durch den kleinen Spalt in dem Garagentor kann ich den kondensierten Bitumenextrakt riechen. Kurz vor dem elektrischen Rolltor, auf einem durchgebogenen Kupferrohr, hängt die alte, bunte Kombi wie ein kopfloser Dickhäuter, dem im Laufe der Jahre die Luft ausgegangen ist. Trotz intensiver Reinigung, trotz intensiver Pflege, trotz kübelweiser lanolierter Pferdesattel-Creme, lassen sich die Falten der letzten 15 Jahre nicht ganz wegretouchieren. Das ehemalige weiß ist leicht vergilbt und feinsandiger Bremsstaub hat sich bis in die letzte Microfaser der alten Rinderhaut eingefressen, konserviert durch ein wohlriechendes Gemisch aus transparentem Ölfilm, vergastem Benzin und geplatzten Insekteninnereien.
Die himmelblauen Applikationen an Rücken und Beinen glänzen hingegen wie neu im künstlichen Garagenlicht. Pinkfarbene Schulterabsätze verleihen diesem Relikt aus den frühen Neunzigern eine leicht papageienhafte Anmutung bis hin ins grenzwertig schwuchtelige, fast tuntige. Die Hardcorer von der Schwarzlederfraktion werden Ihren Spaß haben.
Für die damalige GSX R 750 in geducktem pinkschwarz war das Outfit perfekt. Heute weniger. Auf Schalterdruck wälzt sich das Sektionaltor träge zur Seite und im Nu ist die komplette Garage von schräg hereinfallenden Lichtkegeln erfüllt. Auf der überraschten Netzhaut brennt lichterloh ein glasiges Feuerwerk von hundert kleinen Seifenblasen die in fast allen Farben erstrahlen. Kurz blinzelnd schiebe ich die Speedy in die Garagenauffahrt. Der weiße Tank reflektiert die gebündelten Sonnenstrahlen. Einige von Ihnen landen direkt auf der Lederkombi. Umschmeichelt vom zartgelben Sonnenlicht beginnt auch das leicht vergilbte Leder in neuem Glanz zu erstrahlen. Es gibt nun kein zurück mehr.
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Ich nehme den ledergewordenen Rindertorso vom Haken und versuche mich Stück für Stück in ihn hineinzuschrauben. Was bei den Beinen noch einigermaßen problemlos ging, fängt ab dem Hüftbereich an mehr als beschwerlich zu werden. 15 Jahre Zeitdifferenz, 8 Kilo mehr an Lebendgewicht und eine in der Zwischenzeit wohl verlorengegangenen Grundgeschmeidigkeit lassen die ersten Schweißtropfen zart den Rücken herunter tröpfeln. Der klebrige Sommersaft tut das übrige um ein elegantes Hineingleiten zu verhindern. In einer etwas menschenunwürdigen Haltung habe ich mich unversehens selbst Gefangen genommen, aber, Gott sei Dank, nicht den Schlüssel zur Freiheit weggeworfen. Unter fluchähnlichem Gemurmel und unansehlichen Pirouetten gelingt es mir den Reißverschluss zwischen Hose und Jacke zu öffnen. Nur noch wenige Zentimeter und die mentale Freiheit ist in Kombination mit der körperlichen Unversehrtheit wieder hergestellt.