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MOTORRAD-Tester unterwegs in Suzuka Fürchte dich nicht...

Er steuert selbst exklusivste Motorräder souverän im Grenzbereich ums Eck, tritt mit Turbo-Bikes gegen wilde Dragster an und strampelt per MTB in einem Tag über die Alpen. Doch auf der Pitlane von Suzuka rutscht auch MOTORRAD-Top-Tester Karsten Schwers kurz das Herz in die Hose.

"Wenn du hier eine beschissene Rundenzeit fährst, lachen sie nur heute abend über dich. Baust du aber Schrott, dann lachen sie noch in zehn Jahren …!" Zusammen mit meinem Testkollegen Robert Glück stehe ich vor dem Streckenplan von Suzuka. Seine Philosophie gibt mir zu denken. Es scheint also andere Möglichkeiten zu geben, sich in Suzuka irgendwie einen Namen zu machen. Bei der Anreise am Abend zuvor fliegen wir im Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen durch die Landschaft südlich von Tokio.Mit jedem Kilometer in Richtung Nagoya, der Millionenmetropole bei Suzuka, steigt meine Nervosität. Auch wenn es morgen „um nichts“ geht, wir aber immerhin die fantastische Möglichkeit haben, während unseres Japanbesuchs in Suzuka ein paar Runden zu drehen.

Ich blättere wieder und wieder durch die Unterlagen, die ich mir in Deutschland zusammengestellt habe. Suzuka ist nicht irgendein x-beliebiger Rennkurs. Für mich ist Suzuka schon etwas sehr Besonderes. Genauso wie die Nordschleife, Monza oder die Isle of Man. 1962 im Auftrag von Honda als Teststrecke gebaut, konstruiert von einem Niederländer: Hans Hugenholtz, der auch Zolder und den Hockenheimring geplant hat. Vor allem aber ist Suzuka aus europäischer Sicht zunächst einmal ganz weit weg. Etwas, das selbst uns Testfahrern nicht alle Tage unter die Räder kommt. Im Vergleich fühle ich mich sogar auf Strecken wie Portimão oder gar Katar heimischer.

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Auf dem Papier schon ein Wahnsinnskurs

Immer wieder schaue ich auf meinen Ausdrucken das Streckenprofil an. Selbst auf dem Papier schon ein Wahnsinnskurs. Eine irre Vorstellung, in einem heißen August hier eines der legendären Achtstundenrennen absolvieren zu müssen. Mit dem Finger fahre ich die 5,8 Kilometer lange Runde ab, versuche, die schnellen Wechsel einzuprägen. Irgendwann gebe ich auf. Es bringt nichts, denn in der Theorie fehlt eindeutig die Dynamik. Ich kenne Kollegen, die vor solchen Ereignissen wochenlang vor der Playstation trainieren, um sich das Kurvengewirr unbekannter Rennstrecken in die Hirnwindungen zu prügeln. Mein Freund Sergio aus Spanien hat vor seinem TT-Start auf der Isle of Man ein Jahr lang am Computer trainiert. Aber wie wird es sich wirklich anfühlen, in Suzuka vor der blinden Dunlop-Kurve den Bremspunkt zu setzen, wie stark muss der Körper gegenhalten, wenn ich den einzigartigen „130R“-Linksbogen doch zu schnell nehme? Meine Zähne knirschen, als ich versuche, mir das Casio-Triangle vorzustellen. In der Schikane ist 2003 der 250er-Weltmeister Daijiro Kato tödlich verunglückt. Seitdem ist Suzuka aus dem MotoGP-Kalender gestrichen. Vielleicht lag es auch am Fisch zum Abendessen, aber in der Nacht schlafe ich schlecht.

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"Lachen sie nur heute abend über dich…"

Der Morgen ist trübe, als uns das Shuttle nach Suzuka bringt. Das Riesenrad im benachbarten Motopia-Vergnügungspark hebt sich nur schwach vom grau gestrichenen Himmel ab. In der Boxengasse wuseln zig Japaner durcheinander. Zahlreiche Kollegen von japanischen Blättern sind ebenfalls vor Ort, um zum Saisonende die Siegerbikes der japanischen Meisterschaftsläufe auszupressen. Selbst bei dichtem Schneetreiben auf dem Nürburgring würde ich mich jetzt wohler fühlen. Unsere Gastgeber von Bridgestone schieben lächelnd das Motorrad aus der Box. Immerhin „heimisches“ Material, eine BMW S 1000 RR, die in der japanischen Stocksport-Meisterschaft eingesetzt wird. Kollege Rob darf als Erster ran, blinzelt verschwörerisch durch den Visierspalt: „Lachen sie nur heute abend über dich…“

Viel zu früh ist er wieder da: „Ist das geil“, schreit er mir in den Helm, „viel Spaß!“ Ich biege aus der Boxengasse in die „First“, die erste Kurve nach Start/Ziel, und drehe leicht auf. Nach der ersten, vorsichtigen Schnupperrunde wächst mein Vertrauen enorm. Suzuka ist der Hammer. Stimmen die Bremspunkte, lassen sich die ersten Rechtskurven perfekt in einem Bogen nehmen, auch die folgenden Rechts-links-Kombinationen prägen sich schnell ein. Selbst der 180-Grad-„Hairspin“ kann schön eingesehen werden. Aber noch fehlt mir der Rhythmus, die 5807 Meter haben es wirklich gewaltig in sich. Runde für Runde feile ich an den trick­reichen Kombinationen, wie dem langen Linksbogen vor dem „Spoon“, der sich bestimmt mit abartiger Geschwindigkeit nehmen lässt. Viel zu früh kommt die Flagge, winkt mich in die Box zurück.

Heute abend wird definitiv noch keiner lachen

Ich ziehe den Helm ab, die Anspannung ist weg, die Vorfreude steigt, um gleich wieder auf die Strecke zu gehen. Diesmal mit einer GSX-R 1000, die wie gemacht ist für Suzuka: ein echtes Langstrecken-Bike vom Yoshimura-Suzuki-Team. Mit der müsste Rob gleich wieder reinkommen. Ich zurre den Kinnriemen fest, streife die Handschuhe über, bis ich schließlich den fassungs­losen Blicken der Crew folge: Über die Monitore in der Box flimmert das Bild eines einsamen Fußgängers im Kiesbett. Weit und breit kein Motorrad zu sehen. Der Yoshimura-Gixxer muss irgendwo hinter den Reifenstapeln aufgeschlagen sein. Heute abend wird definitiv noch keiner lachen.

"Ecke" gibt Fahrtipps für die Rennstrecke

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