Szene: Motorradmuseum Schloss Augustusburg 175 Motorräder aus knapp 125 Jahren

50 Jahre nach seiner Gründung erstrahlt das Motorradmuseum im Schloss Augustusburg erweitert, renoviert und modernisiert. Nun präsentierten 175 Motorräder aus knapp 125 Jahren, von Ardie bis Zündapp, Zweiradgeschichte äußerst ästhetisch und anspruchsvoll.

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Die ersten Exponate haben keinen Motor. Trotzdem sind die Draisine von 1830 und das 50 Jahre jüngere Hochrad wichtig für den ersten Raum des Motorradmuseums in Schloss Augustusburg. Durch sie wird auf eindrucksvolle Art deutlich welch gewaltiger Fortschritt der Daimler‘sche Reitwagen von 1885 gewesen sein muss. „Vom Laufrad zum ersten Serien-Motorrad“ lautet das Motto der ersten Abteilung. Die Hildebrand & Wolfmüller führte den Begriff Motor-Rad 1894 erst ein. Das Museums-Konzept zeigt mehr als nur 175 Motorräder. In der neu gestalteten, um fünf Säle erweiterten Ausstellung geht es auch um Zusammenhänge. „Wir wollen den Menschen ein Gespür dafür vermitteln,“ sagt Uwe Meinig, der Direktor des Museums in Sachsen, „was das Besondere an den jeweiligen Maschinen war. Es geht nicht nur um Technik, sondern auch um das soziale und historische Umfeld.“

Die ersten drei Säle sollen den Besuchern die Entwicklung des Motorrads bis 1920 aufzeigen. In diesem Kontext steht der Einzylinder von Laurin & Klement von 1899. Dagegen zeigt die Wanderer Typ 3 PS mit V2-Motor von 1910 ebenso wie die vierzylindrige FN aus dem gleichen Jahr, welche rasante Entwicklung der Motorradbau im frühen 20. Jahrhundert nahm. „Das Neue ist das seit langem vergessene Alte“, sagt Uwe Meinig. Das didaktische Prinzip des Museums ist die lehrreiche Art der Präsentation: Gut lesbare und informative Texte geben Auskunft, dass im Jahr 1910 bereits 5104 Motorräder in Deutschland entstanden.

Es gab bis dahin keine landesweit verbindlichen Verkehrszeichen und Kennzeichen im Deutschen Reich. Sie wurden ebenfalls erst 1910 eingeführt. Gesprochene Texte auf „Audio-Guides“, wahlweise auf Deutsch, Englisch oder Tschechisch, lassen jeden sein persönliches Rundgangs-Menü zusammenstellen. Vielleicht will man ja mehr darüber wissen, dass vor 100 Jahren der Gesetzgeber erstmals Anforderungen an Bremsen und Beleuchtung, Tacho oder Hupe formulierte.

Ferner veranschaulichen interaktive Bildschirme, sogenannte Touchscreens, Themen auf Fingerdruck. Es gibt Computeranimationen zu allen wichtigen Baugruppen des Motorrads. Sie erläutern, wie eine Pendelgabel funktioniert oder was Kurbeltrieb und Dampflokomotive gemeinsam haben. Das Museum zeigt zwei „Zweiradautos“ von Megola aus den frühen 20er-Jahren, eine Sport und eine Tour. Aber eben auch, multimedial, im Stil des 21. Jahrhunderts, wie deren Fünfzylinder-Sternmotor im Vorderrad die außergewöhnliche Konstruktion angetrieben hat.

Ab dem vierten Raum geht es durch die sächsische Motorradgeschichte. Ausführlich zeigt die Schau den Aufstieg von DKW zum größten Motorradproduzenten der Welt vor dem Zweiten Weltkrieg auf. Auch die Rolle der Firma und ihrer Produkte im Nazi-Reich, samt der anschließenden Demontage durch die Sow- jets, unterschlägt die Ausstellung nicht. Zeigt, wie MZ daran anknüpfte. Niemand sonst in Europa baute in Zeiten des kalten Krieges so viele Motorräder, 2 545 112 Einheiten von 1950 bis 1992. Folgerichtig ist das Kernstück der sächsischen Ausstellung nach wie vor die größte DKW-Sammlung und MZ-Schau der Welt.

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Foto: BUR Werbeagentur

Was angesichts der Lage und Entstehungsgeschichte logisch klingt: Das ehemals kurfürstliche Jagdschloss Augustusburg steht nur zehn Kilometer von Zschopau entfernt. Ende der 1950er-Jahre wollte der damalige MZ-Kundendienstleiter Rudolf Hiller in Zschopau ein Motorradmuseum gründen. Allein, es fehlte an einem geeigneten Gebäude. Also eröffnete das „Zweitakt-Motorradmuseum“ am 1. Oktober 1961 im bis dahin leer stehenden Küchenflügel von Schloss Augustusburg. Zunächst mit 40 Exponaten auf 400 m².

1985, im 100. Jahr des Motorrads, wurde die Schau grundlegend erweitert. Nun standen 150 Motorräder in 18 Räumen mit zusammen 800 m² Grundfläche parat. Im Jahr 2011 sind es 175 Motorräder auf stattlichen 1200 m² Fläche. Hinzu kommen noch über 300 Motorräder, die in verschiedenen Restaurierungs- und Erhaltungszuständen im Depot parken und der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind. Trotzdem beeindrucken allein die ausgestellten Maschinen von MZ und DKW. Da steht eine DKW ULD 500 mit Ladepumpe neben der zweizylindrigen, wassergekühlten Z 500 W, beide aus der Vorkriegsära.

Komplett spannt sich der Bogen über die MZ-Geschichte: Von der BK 350 - noch unter IFA-Flagge - als erster Eigenentwicklung bis zur 500 R mit Rotax-Viertakt-Single als letztem, im alten Werk gebauten Motorrad, vor der Liquidation 1992. Auch das jüngste Exponat, eine 1000 S von 2004, stammt von MZ. Das Salz in der Suppe sind sonst nie zu sehende Prototypen, wie der vor der Wende gebaute Viertakt-Versuchsmotor, Studien für den devisenbringenden Export oder je ein luft- und wassergekühlter Prototyp mit Wankelmotor: Die durften zu DDR-Zeiten nicht gezeigt werden. Ausführlich würdigt das Museum die ruhmreichen Tage von MZ und DKW im Geländesport und auf der Rennstrecke.

Höhepunkt ist die neu konzipierte Start-aufstellung von 16 berühmten Rennmotorrädern aus sächsischer Produktion, von DKWs singender Säge bis zur zweizylindrigen MZ RZ 250. Das liebevolle Ambiente mit Kameramann, Fan auf Holzleiter und historischer Bandenwerbung lässt die Rennatmosphäre von einst wieder aufleben. Gleiches gilt für die eigens zur Neugestaltung des Museums produzierten Filme, etwa  zum MZ-Straßensport mit historischen Rennszenen und Interviews mit Zeitzeugen. Das geht unter die Haut. „Wir wollten die Macht bewegter Bilder nutzen“, sagt Uwe Meinig. Mit Erfolg. Man spürt, wie nah der Sachsenring ist, mental und geographisch.

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Ein besonderer Clou: Der Soundsimulator imitiert die Klänge völlig unterschiedlicher Maschinen. Der Besucher darf elektronisch eine DKW-Ladepumpe, je einen MZ-Renn- und Geländesportmotor, einen Wanderer-V2 und einen AWO-Viertakter in verschiedenen Drehzahlen aufheulen lassen.

Eine ganze Palette anderer Fabrikate rundet die Ausstellung ab. Schöne, wie die frisch restaurierte Indian Chief, seltene wie die Ariel Leader mit Zweitakt-Twin oder skurrile wie das Welbike, das alliierte Luftlandetruppen 1944 über Frankreich abwarfen. Ehrensache  sind eine weiße Mars und zwei dreisitzige Böhmerland.

Wem all das nicht reicht, kann das Kutschenmuseum, den historischen Folterkeller, das  Jagdmuseum oder die Greifvogel-Vorführungen der Schlossfalknerei bewundern und den Besuch im historischen Gewölbekeller-Restaurant ausklingen lassen. Der Familienausflug ist auf jeden Fall gerettet. Und mit Winter- und Oldtimertreffen im Herbst mausert sich Schloss Augustusburg mehr und mehr zum Mekka der Motorradfahrer.

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Interview / Infos

Interview mit dem Museumsdirektor der Augustusberg - Uwe Meining.

MOTORRAD CLASSIC:
Was gab den Anstoß zum Umbau Ihres gut besuchten Museums?

Uwe Meinig: Schloss Augustusburg beherbergt eine der bedeutendsten Motorradsammlungen Europas und die umfassendste DKW- und MZ-Exposition der Welt. Wir bieten ein einzigartiges Ambiente, präsentieren Motorräder vor der Architektur der Spät-Renaissance. Dies schafft ein ganz eigenes Raumgefühl, macht die Motorräder zu Skulpturen unter sechs Meter hohen Kreuzgewölben. Wir wollten die besondere Wirkung und Stimmung noch unterstreichen, etwa indem wir mit dem neuen Ausstellungskonzept die Höhe der Räume nutzen und betonen. Zudem wollen wir nicht allein Motorradfreaks etwas bieten, sondern auch begleitenden Frauen und Familien. In diesem Konzept sollen die Besucher die Motorräder vor ihrem geschichtlichen Umfeld begreifen. Dazu haben wir eigens Filme mit einmaligem historischen Material produziert. Außerdem sollen neue, multimediale Techniken die statische Ausstellung auflockern und unterbrechen. Dazu zählen interaktive Bildschirme und elektronische Audio-Führungen.

MOTORRAD CLASSIC: Sind Sie mit dem Umbau zufrieden?

Uwe Meinig: Oh ja, das ist phantastisch. Der Freistaat Sachsen, dem ja auch alle unsere Exponate gehören, hat richtig viel Geld in die Hand genommen. Allein 1,3 Millionen Euro flossen in die neue museale Technik.  Von Beginn der Planungen im Jahr 2003 bis zur Wieder-Eröffnung im Januar 2011 war es ein aufwändiger Weg. Doch die durchgehend positive Resonanz der Besucher seither hat unser Team bestätigt. Die alte Ausstellung war moralisch und technisch verschlissen: Viele sozialistisch geprägte Textpasssagen mussten wir entfernen. Und wenn man 20 Jahre lang das Gleiche zeigt, muss man die Menschen irgendwann wieder neu anlocken. Der Effekt des neuen Konzepts soll sein, dass die Leute auch beim zweiten und dritten Besuch immer wieder etwas Neues entdecken können.

Infos
Die Schlossanlage liegt weithin sichtbar auf dem Schellenberg oberhalb der Stadt Augustusburg und dem Zschopautal, rund 17 Kilometer südöstlich von Chemnitz. Motorradfahrer können direkt bis ans Schloss fahren. Dort zeigen 175 Motorräder auf 1200 m² Ausstellungsfläche eindrucksvoll die technische Entwicklung des Motorrades von 1885 bis heute. Die Adresse lautet: Waldstraße 1, 09573 Augustusburg. Geöffnet ist täglich von 9.30 Uhr bis 18 Uhr; von November bis März von 10 Uhr bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 5 Euro, ermäßigt 3,80 Euro. In alle fünf Museen des Schlosses kommt man für 9,80 bzw. 7,40 Euro. Weitere Infos: Telefon 037291/3800 und www.die-sehenswerten-drei.de. Tipp: Am zünftigsten gleich in der Jugendherberge auf dem Schlossgelände übernachten, in historischen Gebäuden, Telefon 037291/20256, www.jh-augustusburg.de.

 



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