Motorradszene: Hamburg Lebendige Szene in der Hansestadt

Nicht nur Udo Lindenberg fühlt sich in Hamburg pudelwohl, auch Zehntausende von Motorradfahrern machen die Szene in der Hansestadt äußerst lebendig. Hinzu kommen bundesweit bekannte Zubehörspezialisten und die größten Motorradtreffen der Republik.

Foto: Schmieder

Wummern und Röhren liegt in der Luft, Stampfen und Beben, Röcheln und Fauchen. Ausnahme-zustand an Alster und Elbe, überall Motor-räder, Motorräder, Motorräder. Hunderte, Tausende, Zehntausende. Wenn gar nichts mehr geht in diesem Lindwurm aus Eisen, Stahl und Aluminium, mahnen hoch ge-haltene Schilder „Motor aus“. An normalen Tagen leiden die Hamburger eher unter den schwefelhaltigen Schweröl-Abgasen des Schiffsverkehrs. Da stecken sie mal eben über 50 000 Motorräder locker weg.

So viele kamen vom 24. bis 26. Juni 2011 zusammen, zu den Hamburg Harley Days und dem Mogo, dem größten Motorrad-Gottesdienst der Welt: Das Selbstdarstellungsspektakel rund um die US-Twins trifft auf Besinnlichkeit. 1983 begann der Mogo mit nur 200 Teilnehmern, heute pilgern 20 000 bis 30 000 Motorradfahrer aus ganz Norddeutschland hierhin. Wer im Michel keinen Platz mehr findet, lauscht draußen der Predigt des evangelischen Motorrad-Pastors Erich Faehling per Lautsprecher. Zeichen für Motorradfahrer setzte auch Faehlings Hamburger Pastorenkollege Holger Janke. Er hob 1997/98 mit Mitstreitern den Verein Bikers Helpline aus der Taufe, als Notruf und Telefonseelsorge von Motorradfahrern für Motorradfahrer.

Heute ist die Hamburger Telefonzentrale unter 01 80/4 43 33 33 oder per www.bikershelpline.de rund um die Uhr erreichbar. In seiner Freizeit fährt Pastor Janke mit seiner 450er-BMW-Enduro ins Gelände oder mit seinem Vmax-Gespann den Hund spazieren. Er gibt Gespanntrainings und träumt davon, mit seinem S 1000-Dreirad (!) „in 20 Jahren zum betreuten Wohnen vorzufahren - als schnellster Pastor Deutschlands“.

Um Tempo geht es jeden September beim Hamburger Stadtparkrennen. Das sind Schau-Rennen für Motorräder und Autos bis Baujahr 1978 mitten in der Millionenmetropole. Klassische Racing-Atmosphäre vis-à-vis vom Großstadtkiez, das ist einzigartig in Deutschland. Das bunte Treiben rings ums Rennen runden Zubehör- und Teilemarkt und unvergessene Stars ab - von Speedway-Weltmeister Egon Müller bis Grand Prix-Legende Jim Redman. Und die normalen Motorradfahrer? Nun, was ist in Hamburg schon normal, wo man(n) mit dem Motorrad über die Reeperbahn flanieren kann? Viele Fahrer, auch die aus dem Umland, zieht’s zum Ausgehen per Bike auf den Kiez. So ist die klassische Honda CB 500 Four, die da vor der Davidwache zwischen XT und Ducati parkt, keineswegs ein ungewöhnlicher Anblick.

Peer ist mit seiner gechoppten Yamaha XS 650 zum Schlendern auf den Flohmarkt im Schanzenviertel gekommen, nennt sie „Edelratte“. Momentaufnahme vor der freien Motorradwerkstatt in der „Roten Flora“, dem Gebäude, das Autonome im Schanzenviertel vor dem Abriss bewahrten: Da parkt der dritte Triumph Scrambler - an einem Tag. Dank aufrechter Sitzposition und cooler, luftgekühlter Aura offenbar in Hamburg besonders beliebt. Hans-Jürgen Lewandowski hat einen, leicht modifiziert, neben einer historischen Triumph und BSA.

Auffällig viele Zwei- und Dreizylinder fegen durch die Straßen. Die blonde Halbspanierin Conchita genießt das Leben vom Sattel ihrer Ducati 750 Supersport aus. Niemand fährt in Hamburg ungern Motorrad. Weil’s per Bike stilvoll und lässig durchs Verkehrsgewühl geht. Hier trifft prollige, stressige Großstadt auf hanseatisches Understatement. Reizvolle Kontraste. Solche, wie sie auch Holger Aue liefert. Er lebt zwar vor den Toren der Millionenstadt, doch seine Comics treffen auf den Punkt. Der Cartoonist ist im richtigen Leben nicht nur bei Klassikrennen verteufelt schnell. Von wegen Nordlichter können keine Kurven … Ebenfalls etwas außerhalb lebt Rainer Traupel. Weil der Alt-Engländer-Fan mit der Zuverlässigkeit betagter Twins unzufrieden war, konstruierte und baute er kurzerhand einen V2-Motor komplett selbst, den er auch in Hamburg ausführt.

Ein tolles Motorraderlebnis: den alten Elbtunnel von 1911 passieren, den mit dem historischen Fahrzeugaufzug, in dem der Motorsound von den Wänden hallt. Später den Fahrtag mit einem Astra Pils auf St. Pauli ausklingen lassen, in Hafennähe, während draußen die dicken Pötte vorbeidieseln und der eigene Motor knisternd abkühlt. Wunderbar. Oder lieber in den Biergarten nach Övelgönne, oder ins verwinkelte Blanke-nese? Alles nur ein paar Motorradminuten entfernt. Selbst richtige Touren funktionieren hier, ganz ohne Berge und mit kaum Kurven. Morgens zur Obstbaumblüte raus ins Alte Land, dem malerischen Landstrich gleich südlich der Elbe. Abends dann am Motorradtreff Zollenspieker Fährhaus bei Käpt’n Kuddel einkehren, an der Elbfähre am südöstlichsten Punkt Hamburgs.

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Foto: Schmieder

Noch besser: gleich ans Meer fahren. Über die mittelalterliche Altstadt Lübecks weiter an die Ostsee, ins mondäne Travemünde oder ins beschauliche Mecklenburg. Oder doch an die Westküste? Bitte sehr, das Nordseeheilbad Sankt Peter-Ording ist bloß 150 Kilometer entfernt. Dort locken Pfahlbauten und die gegen Gebühr mit dem Motorrad befahrbaren Sandstrände von Böhl und Ording. Weit in den Süden bringt der Autoreisezug von Hamburg-Altona Mensch und Maschine aus dem hohen Norden. So geht’s stressfrei und oft über Nacht in die sonnigen, kurvenreichen Motorradreviere der Alpen, der Pyrenäen und Kroatiens.

Daheim in der Handelsstadt Hamburg gilt Kaufmannstradition noch etwas. Auch in der Motorradszene. Und ganz besonders für Detlev Louis. Ein Ur-Hamburger Unternehmen, als reiner Motorradhandel unter dem Namen Lohmann & Louis 1938 gegründet. Lohmann stieg aus, der noch blutjunge Detlev übernahm die Firma 1946. In all den Jahren blieb er dem Standort treu. Der Firmenchef und Ur-Hamburger ging mit der Zeit, begann auch Zubehör zu verkaufen und gab erst 1996 den Handel mit kompletten Motorrädern auf. Von der Motorradwerkstatt zum Konzern, eine Erfolgsgeschichte an der Waterkant. Das Hauptgeschäft ist auf der Hamburger Motorradmeile in der Süderstraße.

Georg Suck ist ältester Harley-Händler Deutschlands, er holte bereits 1910 die ersten US-Twins ins Land, vor 100 Jahren. Heutzutage gibt’s auch „Harley-Davidson Hamburg Nord“ mit den Chefs Axel und Roger als echte Urgesteine. Traditionell ist die Harley-Szene in Hamburg höchst lebendig. Sogar die Polizei testete 2003 (unter dem unsäglichen Innensenator Schill) offi-ziell 20 E-Glides, stieg aber bald wieder auf BMW um. Eine Institution für BMW-Fahrer ist Stüdemann, Vertragshändler seit 1971. Für den reinen Motorradhändler ist persönliche und kompetente Beratung Ehrensache. „Bei uns gibt es kein Lifestyle-Gefasel und keinen vierrädrigen Ballast,“ sagt Chef Uwe Rudisch. Die Gebrüder Stüdemann machten seit 1948 in diversen Motorradmarken. In den 60er-Jahren warteten sie die Maico-Maschinen M 250 B der Bundeswehr.

Für klassische Engländer à la Norton und Triumph ist „Single & Twin“ erste Adresse. Hier gibt’s vollen Service auch für Old- und Youngtimer anderer Marken. Bundesweit bekannt sind die Einzylinderspezialisten von Kedo: Sie halten 6500 Artikel für Yamaha SR und XT parat, vom Ölfilter bis zum Komplettumbau.

Egal womit und zu wie vielen: Hamburg ist für seine Motorradfahrer Flucht- und Ausgangspunkt zugleich. Laut „Glücksstudie 2011“ sind die Hamburger die glücklichsten Deutschen. Das könnte selbst für die dortigen Motorradfahrer gelten.

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